Die Rohstoff- und Energiepreise explodieren. Die Realwirtschaft ächzt unter den hohen Kosten und Lieferengpässen. Inflationsraten in den USA und Deutschland klettern von Hoch zu Hoch, gleichzeitig trübt sich der Konjunkturausblick ein. Eine anhaltende Stagflation befürchten Analysten aber nicht.

Die steigenden Rohstoff- und Energiepreise heizen die Inflation an. In Deutschland schnellte die Inflationsrate im September 2021 auf 4,1 Prozent. Dies ist der höchste Wert seit Dezember 1993 (+4,3 Prozent). Wie das Statistische Bundesamt (Destatis)  mitteilt, lagen vor allem die Preise für Energie mit +14,3 Prozent deutlich über der Gesamtteuerung.

Es ist der dritte Monat in Folge, in dem die Energiepreise steigen. „Wesentlich dafür waren die Basiseffekte, da wir die aktuellen Preise mit den sehr niedrigen Preisen des Vorjahres vergleichen. Auch die zu Jahresbeginn eingeführte CO2-Abgabe wirkt insbesondere erhöhend auf die Teuerungsrate der Energieprodukte“, sagt Christoph-Martin Mai vom Statistischen Bundesamt. Spürbar teurer wurden Heizöl (+76,5 Prozent) und Kraftstoffe (+28,4 Prozent). Entsprechend sah auch die Kernrate ohne die volatilen Nahrungsmittel- und Energiepreise deutlich moderater aus. Hier lag das Plus bei 2,9 Prozent.

Heftiger als in Deutschland schnellt die Inflationsrate in den USA nach oben. Dort kletterten die Verbraucherpreise im September 5,4 Prozent höher. Auch hier sind vor allem die volatilen Energie- und Nahrungsmittelpreise treibende Kraft. Aber auch die Kernrate lag auf Jahressicht 4 Prozent im Plus.

Hohe Energiepreise

Die Notierungen für die Nordsee-Rohölsorte Brent haben sich seit Ende August um rund ein Drittel verteuert, die Erdgas-Benchmark am kontinentaleuropäischen Hub TTF im gleichen Zeitraum um knapp drei Viertel und der Börsenstrompreis für Deutschland um mehr als 40 Prozent. Werkstoffe, egal ob Stahl oder Kunststoffe, ziehen ebenfalls an. Knappheit bestimmt den Markt. Vom Chipmangel gar nicht zu reden.

Zudem holpert es in den globalen Lieferketten. Frachtraten explodieren, Containerschiffe stecken vor den Häfen rund um den Globus fest und können nicht gelöscht werden. In China, Europa und den USA sind mehr und mehr produzierende Betriebe dazu verdammt, trotz voller Auftragsbücher die Produktion herunterzufahren.

“Stagflation nur kurzfristiges Risiko”

Die Gemengelage aus hoher Inflation, verlangsamtem Wirtschaftswachstum und steigender Arbeitslosigkeit dürfte nach Einschätzung von Ariel Bezalel, Head of Strategy, Fixed Income bei Jupiter Asset Management, aber nicht lange andauern. „Ich halte die Stagflation für ein kurzfristiges Risiko, aber nicht für einen langfristigen Sorgenfaktor für Anleger. Ich gehe weiterhin davon aus, dass die Inflation nur vorübergehend erhöht ist und wieder sinken wird, wenn die Lieferkettenunterbrechungen weitgehend behoben sind und das Angebot wieder mit der Nachfrage gleichziehen kann“, lautet seine Einschätzung.

Auch Olivier de Berranger, CIO bei LFDE, verweist darauf, dass wir zurzeit lediglich in einer Phase des langsameren Wirtschaftswachstums befinden, jedoch nicht einer Stagnation. Anders als während Stagflation in den 1970ern sei zurzeit die weltweite Nachfrage sehr stark – insbesondere in den Industrieländern. „Eben dieser positive Nachfrageschock bei einem vorübergehend eingeschränkten Angebot, aufgrund der Folgen der Corona-Krise, ist die Ursache für die Inflation: Überdies lässt sich bei einem weltweiten Wachstum, das für 2022 auf 4,5 Prozent geschätzt wird und in diesem Jahr knapp 6 Prozent erreichen wird, wohl kaum von „Stagnation“ sprechen“, so de Berranger.

Notenbanken dürften vorübergehende Inflation tolerieren

Zwar ist vor Jahresende keine wirkliche Entspannung bei der Inflation zu erwarten, sagt Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz. Investoren brauchen also weiterhin starke Nerven. Panik sei aber fehl am Platz, denn die US-Notenbank Fed werde höhere Inflationsraten tolerieren, solange Zweitrundeneffekte über einen Anstieg der Preis- und Lohnerwartungen moderat ausfallen.

Nach Einschätzung der Commerzbank nehmen in den USA allerdings die mittelfristigen Inflationsrisiken zu. So wurde die Inflation durch deutliche Preisrückgänge bei Mietwagen, Gebrauchtwagen, Hotels und Flugtickets gebremst. „Hier normalisieren sich offensichtlich die Märkte langsam und die Preise korrigieren wieder, nachdem sie zuvor deutlich gestiegen waren“, so Dr. Christoph Balz, Senior Economist bei der Bank. Doch für die mittelfristigen Inflationsrisiken seien andere Preise wie Mieten wichtiger. Diese machen etwa ein Drittel des gesamten US-Warenkorbs aus und verändern sich eher langsam. Der Anstieg von August auf September war nun der höchste seit 2001 beziehungsweise 2006.

Unternehmen senken Prognosen

Geraldine Sundstrom, Managing Director und Portfoliomanagerin bei PIMCO, warnt vor Dominoeffekten. „Für einige europäische Haushalte werden die Stromrechnungen stark ansteigen, wodurch die verfügbaren Einkommen deutlich sinken werden und die Konsumentenstimmung ins Wanken geraten könnte“, sagt sie. In Europa führen die Energiepreise zu vereinzelten Werksschließungen, während Düngemittel- und Aluminiumhersteller sowie Gewächshäuser in den Niederlanden bereits den Strom abstellen. Auch in China kommt es wohl zu Preiserhöhungen sowie bis Ende 2021 auch zu teilweisen Stromabschaltungen.

„Ein Dominoeffekt wird wahrscheinlich auch in anderen Branchen zu spüren sein. Insgesamt könnte es in den kommenden Monaten erneut zu Engpässen kommen, die aber wahrscheinlich andere Ausprägungen aufweisen als die bisherigen”, sagt sie.

„Für die kommende Berichtssaison stehen Preisgestaltungsmöglichkeiten, Margenentwicklung, Lohndruck und Hinweise auf die Knappheitssituation mit Sicherheit im Rampenlicht. Eine Reihe großer multinationaler Unternehmen hat bereits vor Produktionskürzungen gewarnt und ihre Prognosen für das dritte Quartal aufgrund von Problemen mit ihren Lieferketten und Arbeitskräftemangel nach unten korrigiert. Auf der makroökonomischen Seite werden die Inflationsdaten sicherlich erneut auf Interesse stoßen und die Zentralbanker in Atem halten.”

Höhere Volatilität bei Aktien

Patrick Linden, Partner und Geschäftsführer Deutschland bei Clartan Associés, sieht angesichts der Gemengelage einen Wendepunkt an den Börsen. An den Aktienmärkten haben verschiedene Unsicherheitsfaktoren für eine Rückkehr der Volatilität gesorgt. „Für Anleger rückt damit wieder ein Faktor in den Vordergrund, der längere Zeit eine weniger große Rolle zu spielen schien: Rationalität“, meint er.

Das im Zuge der wirtschaftlichen Erholung von einigen Aktien erreichte Niveau mahnte spätestens im Juli zur Vorsicht. „Und nun, zwei bis drei Monate später, zeichnet sich der Wendepunkt deutlich ab. Der allmähliche Ausstieg aus der „vierten Welle“ des Virus setzt nämlich viele Bewegungen frei und beschleunigt die Erholung der Wirtschaftstätigkeit.“

Ein Beispiel sei Frankreich: Das Arbeitslosenniveau ist wieder auf dem Stand vor der Pandemie und der Auftragsbestand der Unternehmen ist so hoch wie im Rekordjahr 2000. Diese Beschleunigung macht es umso schwieriger, die Volkswirtschaften wieder in Gang zu bringen. Die Folgen sind Engpässe bei der Reaktivierung der Versorgungsketten und Spannungen im weltweiten Warentransport, die sehr viele Sektoren betreffen. Dies sei etwa deutlich sichtbar am Halbleitermangel.

Zeit für Value-Aktien?

In dieser neuen Phase bietet insbesondere das Value-Segment Chancen und erhebliche Wertsteigerungspotenziale – qualitativ hochwertige Unternehmen mit langfristiger Rentabilität, die auch in Zeiten der Unsicherheit gut aufgestellt sind, lautet seine Argumentation. Value-Titel haben vielleicht nicht in vollem Maße an der Erholungsrallye partizipiert, doch die wirtschaftliche Lage und die sich abzeichnende Rotation der Aktienmärkte böten Chancen für rational agierende institutionelle Investoren.

 

Aktuelle Beiträge

Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »
Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »