Warum es sinnvoll sein kann, wieder über Rohstoff-Investments nachzudenken, erklärt Ralf Bräuer, Executive bei Spängler IQAM Invest.

Herr Bräuer, warum ist jetzt ein guter Zeitpunkt, in Rohstoffe zu investieren?

Ralf Bräuer: Es gibt im Moment gleich mehrere gute Gründe, über Rohstoff-Investments nachzudenken. Einer davon liegt in der aktuellen Geldpolitik der Notenbanken. Das Argument „Rohstoffe bringen keine Verzinsung“ gilt nicht mehr in einer Nullzins-Welt. Ganz im Gegenteil: Die expansive Geldpolitik schürt die Angst vor Geldentwertung und Inflation, was für ein Engagement in Edelmetallen spricht. Sollten die im Rahmen der Corona-Krise vorgenommenen geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen die erwünschten konjunkturellen Wirkungen entfalten, ist das gut für Industriemetalle und die Nachfrage nach Öl. Viele Rohstoffe liegen zudem auf oder nahe ihren mehrjährigen Tiefs, was langfristig orientierten Anlegern auch strategische Perspektiven eröffnet.

Welche Rohstoffe meinen Sie genau und ist Gold als Beispiel nicht schon zu gut gelaufen?

Bräuer: Gold ist in der Tat schon gut gelaufen. Das Gleiche gilt für Palladium. Palladium wird für Benzinkatalysatoren verwendet. Hier hat die Abkehr von Dieselmotoren dazu geführt, dass verstärkt dieses Edelmetall nachgefragt wurde. Aber nehmen Sie zum Beispiel Platin oder Silber. Hier sind wir von den Höchstkursen noch weit entfernt. Von einer breiten Edelmetall-Hausse kann man bislang mit Sicherheit noch nicht sprechen.

Gibt es weitere Gründe für ein Engagement in Rohstoffe?

Bräuer: Schlussendlich spricht auch die längste Baisse in der Nachkriegsgeschichte für Rohstoffe. Seit dem Hoch in 2008 haben die Indizes für die klassischen Rohstoffe bis zu 85 Prozent an Wert verloren. Selbst im Tief der Finanzmarktkrise 2008 lagen die Indizes ungefähr beim Doppelten der heutigen Stände. Gerade diese Situation sowie die Tatsache, dass viele Rohstoffunternehmen in den letzten Jahren nur wenig bis gar nichts in die Erschließung neuer Vorkommen investiert haben, sind gute Bedingungen für einen sogenannten „Schweinezyklus“, bei dem das Angebot nicht so schnell ausgeweitet werden kann, wie die Nachfrage steigt.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation am Ölmarkt?

Bräuer: Auf dem Ölsektor haben wir eine ganz besondere Situation erlebt. Zum einen hat der Shutdown dazu geführt, dass der Energieverbrauch weltweit sprunghaft zurückgegangen ist. Zum anderen hat die OPEC, die sich zunächst nicht einigen konnte, das Angebot gleichzeitig ausgeweitet. Dies hat im Endeffekt dazu geführt, dass wir sogar kurzzeitig negative Ölpreise erleben durften. Zumindest wenn man US-amerikanische WTI-Kontrakte besaß und vergessen hatte, sich für die Lieferung in Cushing rechtzeitig Lagerkapazitäten zu sichern. Solche Super-Contangos, bei denen die kurzfristigen Kontrakte wesentlich günstiger sind als die langfristigen, kommen sehr selten vor und sind wirklich eine absolute Ausnahmesituation.

Also ein guter Moment zum Investieren?

Bräuer: Auf jeden Fall. Wir sind der Ansicht, dass diese ganz tiefen Ölpreise auf Dauer keinen Bestand haben werden und sich die Ölpreise mittelfristig wieder an die Grenzkosten der Förderung annähern müssen. Natürlich sind die Förderkosten unterschiedlich hoch. Saudi-Arabien und Russland fördern wesentlich günstiger Öl als zum Beispiel Norwegen in der Nordsee. Um die aktuelle Angebotsmenge in Summe dauerhaft aufrechterhalten zu können, müsste sich der Ölpreis ungefähr bei 50 Dollar einpendeln. Darunter ist für viele Produzenten die Förderung nicht profitabel.

Sind für Spängler IQAM Invest auch Soft Commodities ein Thema?

Bräuer: Nahrungsmittel sind aus ethischer Sicht sowie unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ein eher schwer aufgeladenes Thema. Deswegen gibt es auch kaum noch Investoren – zumindest in Deutschland – die in Soft Commodities investieren. Steigen die Preise, sind sie schuld am Hunger dieser Welt, fallen die Preise, treiben sie die Bauern in den Ruin. Da können sie nur verlieren. Zudem sind einzelne Soft Commodities volatiler und schwieriger zu prognostizieren, da sie sehr stark von regionalen sowie klimatischen Verhältnissen abhängen und weniger von volkswirtschaftlichen Trends.

Sie schließen Soft Commodities somit aus dem Anlageuniversum aus?

Bräuer: Wir schließen Investments in Nahrungsmittel tatsächlich aus und berechnen hierzu seit Jahren bereits einen eigenen Non-Food Commodity Index. Unser Strategic Commodity Fund investiert in diesen Index – er ist der erste Rohstoff-Fonds unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeit.

Wie beurteilen Sie generell das Thema Rohstoffe und institutionelle Investoren?

Bräuer: Das Thema Rohstoffe ist bei institutionellen Anlegern völlig in Vergessenheit geraten. Eine Tatsache, die auch verständlich ist, wenn man sich die Kursentwicklung der letzten zehn Jahre insgesamt anschaut. Gleichwohl gibt es mehrere Anleger, die derzeit verstärkt Quoten in Gold aufbauen.

In der Tat. Auch wir hatten beim letzten Roundtable einen institutionellen Investor am Tisch, der seine Gold-Quote im Portfolio erhöht, da er mittelfristig Inflation fürchtet.

Bräuer: Gold ist ein knappes Gut. Jedenfalls kann es nicht in beliebigen Mengen gefördert werden. Zudem steigen die Förderkosten und zahlreiche Gold-Vorkommen sind erschöpft. Das heißt, die Goldproduktion wird in den nächsten Jahren spürbar zurückgehen, wenn nicht ständig neu geologisch erschlossen wird. Aus den bestehenden Vorkommen wird das Gold-Angebot in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich um circa ein Drittel sinken. Das heißt, die Förderkosten für Gold steigen tendenziell weiter an. Auch hier bestimmen die Grenzkosten die langfristige Preisuntergrenze für Gold. Deshalb ist ein Engagement in Gold auf lange Sicht immer noch sehr interessant.

Auf welche Art empfehlen Sie in Rohstoffe zu investieren?

Bräuer: Wir empfehlen ein Engagement über offene, aktiv gemanagte UCITS-Fondslösungen, die direkt in Rohstoffe investieren. Wir verfolgen hierbei einen rein quantitativen Ansatz.

Können Sie Ihren Investment-Ansatz noch etwas detaillierter beschreiben?

Bräuer: Gerne. Wir analysieren das handelbare Rohstoffuniversum fortwährend und investieren über Futures in die zehn Rohstoffe mit dem höchsten laufenden Ertrag (Value) sowie der besten Preisentwicklung (Momentum) aus den Bereichen Edelmetalle, Energie und Industriemetalle. Nahrungsmittel hingegen schließen wir wie bereits angesprochen bei unserem Investment-Ansatz aus.

Jeder Rohstoff verfügt zudem über einen eigenen Nachhaltigkeitsscore, der wiederum die maximale Gewichtung des Rohstoffs im Strategic Commodity Fund bestimmt. Der Rohstoff mit dem schlechtesten Nachhaltigkeitsranking bekommt ein Fondsgewicht von lediglich 5,50 Prozent und der Rohstoff mit dem besten Rating das Maximalgewicht von 14,50 Prozent. So kommt man in Summe bei 10 Rohstoffen auf 100 Prozent.

Wie hoch sollte der Rohstoffanteil in einem institutionellen Portfolio sein?

Bräuer: Wir empfehlen einen strategischen Anteil zwischen 3 und 5 Prozent sowie eine taktische Bandbreite bis 10 Prozent. Alles, was über 10 Prozent Portfolioanteil liegt, hat unserer Ansicht nach keine diversifizierende Wirkung mehr auf das Gesamtportfolio, da der Rohstoffanteil insgesamt einfach zu stark wird. Interessanterweise sind auch Rohstoffe untereinander kaum korreliert, was dafür spricht, nicht nur auf einen Rohstoff, zum Beispiel Gold, zu setzen.

Rohstoffe und Nachhaltigkeit, schließt sich das nicht aus?

Bräuer: Nein. Ganz im Gegenteil. Wir haben alle Rohstoffe, in die wir investieren, einem externen Nachhaltigkeitsrating unterzogen. Hier arbeiten wir mit der rfu in Wien zusammen.

Welche Kriterien untersucht dabei das Nachhaltigkeitsrating?

Bräuer: Die von uns verwendeten Rohstoffe werden nach ethischen, sozialen und ökologischen Aspekten analysiert. Dabei werden beispielsweise die Länder bewertet, in denen die Rohstoffe gefördert werden. Werden die Menschenrechte eingehalten? Unter welchen Arbeits- und Umweltbedingungen werden die Rohstoffe abgebaut? Außerdem ­interessiert uns die Verarbeitung und spätere Verwendung. Können die Rohstoffe recycelt werden? Kupfer und Silber schneiden hier gut ab. Es gibt aber auch Rohstoffe, bei denen das nicht der Fall ist, wie zum Beispiel Rohöl. Öl wird einfach nur verbraucht. Deswegen bekommt Öl auch einen schlechteren Score beim Thema Wiederverwendung. Gold hat den schlechtesten Rohstoff-Score.

Worauf führen Sie das zurück?

Bräuer: Einerseits hängt das damit zusammen, dass Gold in Ländern gefördert wird, in denen niedrige Umweltstandards und mangelhafte Arbeits­bedingungen vorherrschen, und andererseits dient Gold überwiegend als Luxusgut und Wertauf­bewahrungsmittel und findet nur in untergeordnetem Maß industrielle Anwendung. Das spiegelt sich unter anderem in einem schlechten Nutzen-Score wider.

Welche Rohstoffe haben gute Nachhaltigkeits-Scores?

Bräuer: Die besten Nachhaltigkeits-Scores haben tatsächlich die Industriemetalle Nickel und Kupfer, gefolgt von den Edelmetallen Silber und Palladium.

Rohstoffverbrauch und Nachhaltigkeit, besteht hier nicht ein Zielkonflikt? Im Prinzip müsste das Ziel der Nachhaltigkeit sein, den Rohstoffverbrauch zu minimieren.

Bräuer: Das ist richtig. Das tut die Wirtschaft ja auch. Rohstoffe werden wiederverwendet oder wiedergewonnen, eben auch aus Abfall. Aber in Fällen wie Erdgas oder Erdöl ist das nicht möglich wenn das verbrannt ist, ist es einfach weg. Mit den schädlichen Folgen kämpfen wir. Wie wir das CO2 wieder aus der Atmosphäre bekommen, dafür haben wir zwar Ideen, aber im Moment noch keine großen Lösungen. Wenn wir wirklich Nachhaltigkeit einfließen lassen wollen, müssen wir die „Öl-Geschichte“ perspektivisch lösen. Vielleicht wird es in Zukunft handelbare Kontrakte auf Solarstrom, Windstrom oder Ähnliches geben. Das wäre auf jeden Fall wünschenswert.

Sehen Sie neue Meta-Trends am Rohstoffmarkt?

Bräuer: Nein. Neue Meta-Trends erkennen wir derzeit nicht. Grundsätzlich sehen wir uns mit einer weltweit steigenden Bevölkerung konfrontiert. Gerade in Emerging-Markets-Ländern wie Indien und China ist der Rohstoffhunger groß. China steht beispielsweise für über 50 Prozent der Nachfrage bei Industriemetallen – auch als Werkbank für die Welt. Steigende Förderkosten auf der Angebotsseite und schwierige politische Situationen in vielen Förderländern sprechen für eher steigende Preise. Schlussendlich sind viele Rohstoffe endlich, auch wenn sie jetzt noch viele Jahre reichen. Aber zum Beispiel Engpässe bei Lithium oder bei Kobalt für die Autobatterien spüren wir jetzt schon. Es gibt zudem sehr viele seltene Erden, die uns einfach nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen.

Wie lautet Ihr Fazit?

Bräuer: Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, an dem die Rohstoffpreise nicht mehr fallen sollten. Man kann aktuell noch nicht von einer nachhaltigen Trendwende sprechen, aber die Konstellation ist insgesamt vorteilhaft. Taktisch gesehen vor allem wenn man die Argumente berücksichtigt, die ich bei der ersten Frage benannt habe.

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