Über ESG im institutionellen Portfolio diskutierten Stephan Bannier, Bernhard Gilgenberg, Charlotte Klinnert, Anja Nieberding, Dr. Oliver Pfeil, Thorben Pollitaras, Claudia Röring und Marc Schwetlik. Teil 2 des Roundtables.

Den ersten Teil des Roundtables finden Sie hier. Über ESG im institutionellen Portfolio diskutierten Stephan Bannier, CFA, Head of Business Development – DACH bei Generali IP, Bernhard Gilgenberg, Vorstandsvorsitzender der PKDW, Charlotte Klinnert, Vorstand der Verka VK Kirchliche Vorsorge, Anja Nieberding, Country Head Deutschland von NN Investment Partners, Dr. Oliver Pfeil, Geschäftsführer der EB – Sustainable Investment Management, Thorben Pollitaras, Geschäftsführer von Comgest Deutschland, Claudia Röring, Head of Product Management bei Quoniam AM, und Marc Schwetlik, CIO der Bayerischen. Die Runde moderierte Dr. Guido Birkner.

Herr Schwetlik, wie schaffen Sie ESG-Transparenz im Portfolio?

Marc Schwetlik: Die Besonderheit der Bayerischen in der Kapitalanlage ist, dass wir kaum Wertpapiere im Portfolio haben, also nur wenige Aktien und Renten. Wir sind stattdessen stark in Alternatives allokiert. Transparenz wird schwierig bei einem Private-Equity-Fonds mit rund 1.500 durchgerechneten Unternehmen, aber auch das gehen wir an. Bislang haben wir unseren 20-prozentigen Immobilienbestand auf Nachhaltigkeit geprüft. Auch bei unseren zwei Impact-Alternative-Fonds haben wir Transparenz. Laut Offenlegungsverordnung brauchen wir bis 1. Juli 2022 für unsere Private-Equity-Fonds die PAIs. Das sind 18 verpflichtende Indikatoren, zu denen wir Aussagen treffen müssen. Mal schauen, wo wir und die Branche mit der Green Investment Ratio in einem Jahr stehen werden.

Anja Nieberding: Die Herausforderung sehen wir auch bei unseren Publikumsfonds und Fondslösungen für unsere Mandanten. Laut EU-Kommission gab es 2020 über 80 verschiedene Reporting-Initiativen und -Methoden für die Messung von CO2-Emissionen. Hier herrscht längst keine Einheitlichkeit. Transparenz ist für uns und unsere institutionellen Kunden extrem wichtig. Wir lassen die Kunden in unseren Maschinenraum blicken und liefern ihnen ein detailliertes Reporting. Wir als Asset Manager, aber auch die institutionellen Investoren sollten alle Möglichkeiten in Gremien und auf europäischer Ebene nutzen, um einheitliche Standards für das Reporting zu erwirken. Wir sehen derzeit, dass sich KVGen bei Klassifizierungen sehr zurückhalten, während ESG-Labels großes Gewicht bekommen. Die Branche agiert im Reporting sehr uneinheitlich.

Claudia Röring: Ich kann nur bestätigen, dass das Reporting nach wie vor sehr individuell ist und stark von den Master-KVGen getrieben wird. Einheitliche Standards fehlen noch. Alle reporten zu ESG-Scores und zum ökologischen Fußabdruck des Portfolios, soweit die Daten verfügbar sind. Manche KVGen bieten SDG-Reportings an. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit unseren Kunden die für sie relevanten Daten zu identifizieren. Das können beispielsweise ESG-Scores oder Subscores sein, ebenso kann ein Fokus auf den SDGs liegen. Am Ende geht es darum, Transparenz über die Auswirkungen der berücksichtigten ESG-Kriterien in einem Portfolio zu erhalten und ESG-Kennzahlen messbar und vergleichbar zu machen.

Anja Nieberding: Wir sehen oft, dass verschiedene KVGen gleiche Strategien unterschiedlich klassifizieren. Das zeigt, wie verschieden Bewertungen ausfallen können. Hier helfen wir den KVGen und den Investoren, Klarheit zu schaffen.

Thorben Pollitaras: Die Herausforderung besteht an dieser Stelle genau darin, individuelle Standards mit den Kunden zu entwickeln. Kaum etwas in der institutionellen Welt ist so vielschichtig und unterschiedlich wie die Interpretation von ESG. Natürlich gibt es schnell einen gemeinsamen Nenner beim Ausschluss bestimmter Waffen und von Korruption, doch schon bei der Bewertung von Kinderarbeit gehen die Diskussionen los. Wir stellen fest, dass das qualitative Reporting immer wichtiger wird. Die Herausforderung ist, Kriterien, die sich schwer normieren lassen, in einen Normenrahmen zu pressen.

Stephan Bannier: Bevor wir zu einem einheitlichen Standard im Reporting kommen, brauchen wir erst einmal einheitliche Definitionen. Die fehlen noch oft. Teilweise wird eine Regulierung bereits in Kraft gesetzt, ohne dass feststeht, wie sie sich umsetzen lässt. Uns und unseren Kunden fehlt damit die benötigte einheitliche Datenbasis, um beispielsweise einen Bond oder eine Aktie zu bewerten. Oft müssen wir dann in das Unternehmen sehr tief einsteigen, um die Daten quasi händisch zusammenzutragen, da nichts standardisiert ist – das ist extrem aufwendig.

Stephan Bannier

Thorben Pollitaras: Viele ESG-Daten zu Unternehmen werden durch Rating-Anbieter schlicht geschätzt. Wir haben da den großen Vorteil, dass wir durch unsere konzentrierten Aktienportfolios nur eine relativ kleine Anzahl von Unternehmen analysieren müssen und diese gut kennen. Wir beziehen Daten von diversen Anbietern, aber entscheidend sind letztlich unsere eigenen Analysen. Dazu haben wir unser Team von ESG-Analysten ausgebaut.

Claudia Röring: Datenanbieter versuchen, qualitative Kriterien in quantitative Werte umzusetzen. Das ist aus meiner Sicht fair. Allerdings sollte man genau analysieren, wie und mit welcher Methode sie ihre Daten ableiten. Dann stellt sich schnell die Erkenntnis ein, dass ein ESG-Score nicht das Maß aller Dinge ist, um zu entscheiden, ob ein Investment nachhaltig ist oder nicht. Wir als Asset Manager müssen uns Gedanken über die Rohdaten und deren Qualität machen und die Daten-Provider fragen, wie sie vorgehen und wie sie zu welcher Einschätzung kommen.

Oliver Pfeil: Wir bei der Evangelischen-Bank-Gruppe kaufen auch Daten zu, um Transparenz herzustellen. Wichtig ist dabei ein Verständnis davon, was die Daten können und was sie nicht können. Das erfordert eine eingehende Analyse der Datenanbieter und von deren Vertrauenswürdigkeit sowie des Einsatzzwecks für die Daten. Beide Aspekte koordinieren wir immer miteinander, damit sich die Daten für unsere Zwecke bestmöglich eignen. Auch wenn die angebotenen Daten heute noch nicht perfekt sind, darf das nicht dazu führen, dass wir nicht auf sie zurückgreifen. Wir müssen schließlich irgendwo anfangen.

Charlotte Klinnert: Dem stimme ich zu. Allein durch unser ständiges Nachfragen und unser verantwortungsvolles Investieren haben wir beim Einsatz von Daten viel erreicht. Wir engagieren uns nicht allein, sondern im Arbeitskreis der kirchlichen Investoren. Dadurch treten wir gemeinsam mit einer stark gebündelten finanziellen Autorität auf. Auch wenn wir bei den Daten noch nicht bei 100 Prozent sind und noch nicht wissen, ob das alles in alle SDG-Ziele einzahlt, haben wir schon viel erreicht und viel über die Nachhaltigkeit unserer Investment-Objekte erfahren. Das ermöglicht uns, ein transparentes Nachhaltigkeitsreporting zu erstellen, ohne das es heute meiner Meinung nach nicht mehr geht. Die Macht der Masse in einer Peer, der gesellschaftliche Druck machen viel aus, auch wenn noch nicht jeder Investor vollständig nachhaltig unterwegs ist. Niemand sollte mehr sagen, das interessiert mich nicht und ist mir zu teuer.

Marc Schwetlik: Für ein direktes, durchschlagskräftiges Engagement sind wir als die Bayerische allein zu klein, als dass die Deutsche Bank oder Volkswagen mit uns sprechen würden. Wir haben uns mittels des negativen Ratings von MSCI Research an die beiden genannten Unternehmen gewandt mit Fragen zur Nachhaltigkeit – und niemals eine Antwort von ihnen erhalten. Deshalb haben wir die Aktien der beiden Unternehmen verkauft.

Charlotte Klinnert: Wir spüren deutlich, dass Engagement Dinge verändert, auch dadurch, dass wir unsere Gelder abziehen werden, wenn wir keine Veränderung bemerken.

Thorben Pollitaras: Es wirkt auch, wenn sich mehrere Asset Manager zusammenschließen. Wir haben solche Engagements schon mit anderen Managern gemacht und konnten so einen deutlich größeren Einfluss auf Unternehmen ausüben.

Kann Engagement Ausschlusskriterien weitestgehend ersetzen?

Oliver Pfeil: Auf keinen Fall, weil die Ausschlusskriterien ja unsere Wertepositionen widerspiegeln. Mit Hilfe der Ausschlüsse kann ich meine eigene christliche Wertebasis ins Portfolio reinbekommen. Das Engagement hilft dabei, eine zusätzliche Wirkung zu entfalten, um zum Beispiel die Transformation der Wirtschaft zu befördern.

Anja Nieberding: Wir sehen das ähnlich: Negativlisten und Ausschlusskriterien definieren das Universum und setzen den Startpunkt für die Nachhaltigkeit. Ab diesem Punkt versuchen wir, über Engagement Unternehmen bei Veränderungsprozessen zu unterstützen und den Wandel so voranzutreiben, dass Umwelt, Gesellschaft und unsere Anleger davon profitieren.

Schauen wir uns die Asset-Klassen unter ESG-Aspekten an. Wie sieht es bei liquiden Anlagen aus?

Thorben Pollitaras: Aktien lassen sich am einfachsten einschätzen und bewerten, und zwar jeden einzelnen Buchstaben E, S und G betreffend. Hier hat die Coronapandemie Unternehmen übrigens Gelegenheiten geboten, Mitarbeiter, Kunden und Dienstleister zu unterstützen – oder auch im Stich zu lassen. Wir haben dadurch wertvolle zusätzliche Erkenntnisse gewonnen.

Claudia Röring: Dem stimme ich zu. Die Datenabdeckung ist bei Aktien am besten, auch in Bezug auf ESG. Natürlich muss man regional gewisse Abstriche bei der Coverage und der Datenqualität machen. Unterschiede zeigen sich hier auch zwischen Large Caps und Small Caps. Hier herrscht im Markt noch ein gewisser Bias zugunsten der Large Caps, die oftmals mehr Ressourcen zur Verfügung haben, besser reporten und dadurch regelmäßig die besseren Scores und ESG-Ratings erzielen. Im Bond-Bereich wird es schon schwieriger, und noch herausfordernder werden diese Prozesse bei illiquiden Anlagen. Gerade für die illiquiden Klassen muss aufgrund der Datenlage noch stärker qualitatives Research herangezogen werden.

Stephan Bannier: Die Schwierigkeiten mit der Datenqualität für den illiquiden Bereich sind unbestritten vorhanden. Gute Daten dort sind die Königsdisziplin. Das gilt für eine Immobilie ebenso wie für ein Infrastrukturprojekt. Also brauchen wir, egal ob illiquid oder liquid, auch die entsprechenden Daten und müssen sie unseren Kunden zur Verfügung stellen. Ich sehe also nicht den Konflikt zwischen „geht“ und „geht nicht“, sondern eher die Frage, wo und wie ich an die erforderlichen Informationen komme. Externe Datenquellen sind wichtig, aber immer auch zu hinterfragen. Hinzu kommt eigenes Research. Daraus lässt sich eine Aggregierung entwickeln. Auch wenn einheitliche Standards noch fehlen, lässt sich das Ganze mit Hilfe des gesunden Menschenverstands gut aufsetzen. Ich wage die These: Jedes Unternehmen, das die Kriterien E und S umsetzt, muss dies über eine gute Compliance und Governance tun, um langfristig als Gesellschaft weiter zu existieren. Ein Unternehmer muss sich heute mehr anschauen als nur seine Bilanz. Er muss schauen, wie seine Firma das E und das S in allen internen Prozessen – also im G – umsetzt.

Anja Nieberding: Wir setzen in allen Anlageklassen Nachhaltigkeit um. Bei Anleihen ist dies ein wichtiger Faktor hinsichtlich des Risikomanagements, und das gilt auch für die illiquiden Anlagen gerade im Private-Debt-Bereich. Die Verträge dort sind langlaufend, und wir wollen sicherstellen, keine negative Überraschung zu erleben. Deshalb berücksichtigen wir Nachhaltigkeit im Screening-Prozess sowie bei der Auswahl der Partner.

Bernhard Gilgenberg: Bei den liquiden Anlagen stehen die verfügbaren Informationen wie zum Beispiel ein ESG-Rating oder bei Fonds die nachhaltige Klassifizierung im Vordergrund. Auf der illiquiden Seite für Private Debt und Private Equity führen wir bei der PKDW eine ausführliche Due Diligence durch. Dafür nutzen wir einen umfassenden Fragenkatalog, der weit über die Finanzkennzahlen hinausgeht und das Investment-Objekt genau durchleuchtet. Wir lassen uns vom zuständigen Asset Manager auch die Belege für die Beachtung der Nachhaltigkeit zeigen. Wichtig ist für uns in diesem Zusammenhang der Asset Manager selbst. Was ist das für ein Typ? Wie ist sein Track Record? Welche Erkenntnisse gewinnen wir aus den Gesprächen mit ihm? Ist er glaubwürdig? Steht er tatsächlich für Nachhaltigkeit oder ist er lediglich ein Verkäufer? Natürlich sind auch schwarze Schafe am Markt unterwegs, doch nach unserer Erfahrung sind diejenigen die besten, die im Stande sind, alle Fragen glaubwürdig zu beantworten.

Thorben Pollitaras: Ein wichtiger Aspekt sowohl für Asset Owner als auch für Asset Manager sind Ressourcen. Heute allokiert fast jeder Ressourcen im Zusammenhang mit ESG. Da macht es einen Unterschied, ob sich ein Mitarbeiter nebenbei kümmert oder ein ganzes Team zur Verfügung steht.

Frau Klinnert, wie bildet Verka die ESG-Kriterien im Risikomanagement ab?

Charlotte Klinnert: Wir haben ein ausgezeichnetes Risikomanagement, in dem über die Risikoanalyse der ESG-Kriterien hinaus ein Nachhaltigkeitskomitee verortet ist. Neben den drei eingangs erwähnten Risikomechanismen prüfen wir im Nachhaltigkeitskomitee viermal im Jahr, was wir wo noch besser machen können. Auch hierfür sind die Daten wichtig, die wir von Providern hinzukaufen. Im Arbeitskreis der kirchlichen Investoren tauschen wir uns darüber aus, wie Dinge zu bewerten sind. Dort ergeben sich immer wieder neue Sichtweisen auf die Dinge, die ja komplex sind. Wir diskutieren Grenzfragen und Zielkonflikte, um festzulegen, was wir noch tolerieren können und was nicht. Das größte Risiko bei unseren langlaufenden Investments ist für uns, Themen in der Transformation zu verpassen und auf abgehängten Assets sitzen zu bleiben. Deshalb ist eine Nachhaltigkeitsprüfung durch die Kapitalanleger wie auch durch das Risikomanagement bei jeder Investment-Entscheidung, aber auch während der Laufzeit integraler Bestandteil.

Marc Schwetlik: Wir bei der Bayerischen sind im Risikomanagement noch etwas formeller unterwegs. Es ist noch nicht so richtig in die ESG-Prozesse des Asset Managements oder der Produktentwicklung integriert. So ist der Klimawandel – siehe das Hochwasser im Juli – noch nicht so richtig in unser Risikomanagement, zum Beispiel für die Wohngebäudeversicherung, eingebaut. Da müssen wir nachlegen. Auf der Seite der Kapitalanlagen geht es für uns darum, in Zukunft nur noch nachhaltige Kapitalanlagen zu kaufen, also nur noch Impact-Investments. Deshalb wägen wir dort im Risikomanagement auch nicht mehr genau ab, denn der Prüfschritt ist ja vorgelagert. Dachfonds würden wir heute eher nicht mehr kaufen aufgrund der schwierigen Visibilität als Impact- Investment. Stattdessen wollen wir im Private-Equity-Bereich Impact-Mandate auflegen. Künftig wollen wir sagen: Nachhaltige und ESG-konforme Investments sind bei uns immer Impacts. Den Zwischenschritt der Risiko-Rendite-Abwägung würden wir somit einfach überspringen.

Oliver Pfeil: In der Evangelischen-Bank-Gruppe nutzen wir im Risikomanagement harte quantitative Faktoren in der Risikoauswertung, aber auch qualitative Auswertungen im Bereich der Credit-Engagements. Auf der Kapitalanlageseite wirken wir über die ESG-Integration risikominimierend, indem Ratings von ESG-Analysten einfließen, um dann aus finanziellen und aus Risikoaspekten eine ESG-Bewertung in ein Modell zu gießen, was auch die ESG-Risikokomponente beinhaltet.

Wie lässt sich das Risiko Greenwashing minimieren?

Anja Nieberding: Für uns ist aktives Management eine Grundvoraussetzung, um Greenwashing zu vermeiden. Außerdem haben wir die Analyse von ESG-Kriterien in den Investment-Prozess integriert und eigene Analyse-Tools entwickelt. Wir filtern, prüfen und bewerten die externen Daten und integrieren sie in den Investmentprozess. Abschließend klassifizieren wir die potenziellen Investments. Aktuell haben wir 63 Prozent als nachhaltige Investments gemäß Artikel 8 eingestuft sowie 13 Prozent als Impact-Fonds in Einklang mit Artikel 9.

Stephan Bannier: Ausschlusskriterien als erste Stufe sorgen dafür, einer gewissen Nachhaltigkeit zu folgen. Dann kommt die Regulierung mit der EU-Offenlegungsverordnung nach gewissen Klassen, ohne dass das tatsächlich eine qualitative Aussage über ein nachhaltiges Investment ist. Daraus eine Klassifizierung abzuleiten ist nicht einfach und wird von den Anbietern aktuell in Eigenregie betrieben. Ich erwarte, dass wir künftig noch einiges an Umklassifizierungen in der Branche sehen werden, ohne dass dies vorheriges Greenwashing bedeuten muss. Die Incentivierung für Greenwashing ist gewissermaßen vorhanden, weil die Regulatorik das Thema so stark vorantreibt und eine große Nachfrage in jedem Kundensegment vorhanden ist. Das kann den einen oder anderen Anbieter dazu verleiten, großzügiger zu sein. Aber das bedeutet nicht, dass unsere Branche ein massives Problem hat und dass jede Umstrukturierung gleich Greenwashing sein muss.

Thorben Pollitaras: Performance ist sowohl für unsere Kunden als auch für unsere Portfoliomanager von zentraler Bedeutung. Langfristig lässt sie sich nicht mit Unternehmen erzielen, die Green Washing betreiben. Wir incentivieren unsere Portfoliomanager auch dadurch, dass sich schlechtere ESG-Bewertungen auf unsere DCF-Modelle auswirken. Gute Unternehmen werden belohnt, und schlechte werden bestraft. Bei der Ermittlung der Bewertungen ist und bleibt der enge Kontakt zu den Unternehmen Key.

Claudia Röring: Greenwashing resultiert insbesondere aus mangelnden Standards. Die Offenlegungsverordnung sagt nichts über die Nachhaltigkeitsstandards in den Portfolios aus. Künftig wird noch mancher über das Ziel hinausschießen, hier muss die Regulierung nachjustieren. Es wird auch um die Klassifizierung von Fonds gehen. Wir haben unsere Nachhaltigkeitsfonds ausschließlich nach Artikel 8, nicht nach Artikel 9 klassifiziert – in der Annahme, dass sie ebenfalls die darüber hinausgehenden Kriterien nach dem neuen Zielmarktkonzept erfüllen werden. Wir beziehen alle uns vorliegenden Daten in die Analyse und die Portfoliokonstruktion für alle Assets ein. Aktuell klassifizieren wir 45 Prozent unserer gesamten Assets under Management und 98 Prozent unserer Publikumsfonds als nachhaltig.

Wie sieht das ESG-konforme Portfolio der Zukunft aus?

Oliver Pfeil: Wir haben heute schon den Anspruch, 100 prozentig nachhaltig zu investieren. Es ist nicht alles Impact, was wir machen, aber sicher alles nachhaltig. Über unsere SAA-Beratung kommen wir wieder automatisch in das Thema Impact rein, gerade bei den alternativen Asset-Klassen, insbesondere bei erneuerbaren Energien.

Bernhard Gilgenberg: In der Neuanlage prüfen wir vollständig die Nachhaltigkeitskriterien. Ich habe ein bisschen Sorge, dass sich alle aufgrund der Nachhaltigkeit auf dieselben Unternehmen und Investments konzentrieren. Diese sind dann überkauft, und die Rendite ist am Ende überschaubar. Wir schauen uns daher auch die Unternehmen in der Transformation an. Im gesamten Portfolio wollen wir die CO2-Bilanz verbessern. Wir stellen daher auch den Unternehmen Kapital zur Verfügung, die ihre umweltschädlichen Emissionen wirksam vermindern. Wir sollten in der Lage bleiben, uns selbst strategisch aufzustellen. Zu viel Regulatorik schließt auch viele Investitionsmöglichkeiten aus. Die Prüfkriterien und der Aufwand dahinter werden immens hoch. Die Risikoklassen für Pensionskassen sind gegenwärtig immer noch begrenzt. Wir können also nur begrenzt in illiquide nachhaltige Anlagen investieren. Die Risikoquoten könnte man dort anders interpretieren, etwa mit Erleichterungen für nachhaltige Investments. Die Kapitalanlage darf dadurch aber insgesamt nicht weniger sicher und rentierlich werden.

Marc Schwetlik: Nachhaltigkeit an sich ist für uns keine Anlagestrategie mehr, sondern eine Voraussetzung für ein Investment. Wir werden nur noch Impact-Investments machen, soweit das möglich ist. Mit der Taxonomie wird das Anlageuniversum ein bisschen kleiner, aber für uns ist es noch groß genug. Eine Herausforderung wird das aufsichtsrechtliche Reporting nach der Taxonomie- und Offenlegungsverordnung.

Stephan Bannier: Nachhaltigkeit ist gesellschaftlich und politisch gewollt, und sie wird umgesetzt. Sie wird zum großen Teil regulatorisch getrieben, um beispielsweise die Ziele aus dem Pariser Klimaabkommen zu erreichen. Der Hebel dafür liegt für die Politik am Kapitalmarkt. Die Frage ist daher nicht mehr, ob, sondern wie wir es innerhalb der Rahmenbedingungen machen. In diesem Zusammenhang ist eine klare Regulatorik besser, nicht mehr. Die Regulatorik sollte wirken wie ein Filter und nicht wie eine Hürde, die immer höher gesetzt wird. Lieber die Dinge rausnehmen, die wir nicht wollen, als Hindernisse schaffen, die nur noch für die großen Anbieter zu bewältigen sind.

Anja Nieberding: Nachhaltigkeit ist die Zukunft. Sie hilft im Risikomanagement und in der Anlage bei der Generierung entsprechender Renditen, denn nachhaltige Geschäftsmodelle sind resilienter bei Krisen sowie zukunftsfähiger. Kunden möchten mehr Transparenz und einen echten Impact auf der Investment-Seite sehen.

Thorben Pollitaras: Wir berücksichtigen Nachhaltigkeitskriterien aufgrund der tiefen Überzeugung, dass nur so eine langfristig überdurchschnittliche risikoadjustierte Performance zu erzielen ist. Nachhaltigkeit ist Risikomanagement – das stimmt heute mehr denn je. Bereits jetzt sind mehr als 90 Prozent unserer Publikumsfonds-Assets als Artikel 8 klassifiziert. Künftig wird die Bedeutung von ESG-Kriterien für Investoren noch steigen. Die Frage ist, wie weit.

Claudia Röring: Wir werden künftig als Standard nur noch Strategien mit Nachhaltigkeitskriterien anbieten. Eine volle Integration der ESG-Kriterien in den Investmentprozess ist das Ziel. Net-Zero wird die Asset-Management-Industrie künftig stark beschäftigen. Der Dekarbonisierung werden sich auch die Asset Manager und Asset Owner nicht entziehen können.

Charlotte Klinnert: Nachhaltigkeit gleichberechtigt neben Rendite und Liquidität im Investment-Prozess integriert zu haben hat sich während der Marktverwerfungen 2020 ausgezahlt. In Zukunft werden für institutionelle Investoren viele neue Themen investierbar sein. Wir überlegen, wie und ob wir ESG-Daten bereits in die ALM-Analyse als Ursprung der SAA einbeziehen können.

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