Herr Kutschker, welche Lehren ziehen Sie bezogen auf das institutionelle Asset Management bis jetzt aus der Coronavirus-Pandemie?
Die Coronavirus-Pandemie hat allen Investoren erneut ins Gewissen gerufen, dass extreme Marktbewegungen aus dem Nichts entstehen können. Unseren Fokus auf Absicherungsmöglichkeiten von solchen Geschehnissen werden wir weiter ausbauen. Hier ist Kreativität gefragt, denn aufgrund des Zinsniveaus dienen Staatsanleihen immer weniger als Absicherung.
Eine weitere Lehre aus der Coronavirus-Pandemie ist, dass Liquidität in Krisenzeiten ein rares Gut darstellt. Zwar ist es möglich, mit illiquideren Wertpapieren langfristig eine Überrendite zu erzielen, dennoch sollten die Hauptbestandteile des Portfolios in jeder Phase manövrierfähig bleiben. Alternativ muss das individuelle Portfolio so strukturiert sein, dass man auch stärkere temporäre Rückgänge aushält, ohne dabei in Liquidierungszwänge zu kommen. Geringe Überrenditen einzelner Sub-Assetklassen vergüten ihr inhärentes Liquiditätsrisiko nicht ausreichend. Dies werden wir in Zukunft weiter schärfen und uns noch mehr auf wirklich liquide Anlagen fokussieren.
Was raten Sie einem institutionellen Investor bezüglich seiner strategischen Asset Allocation?
Es ist richtig, dass das gesunkene Zinsniveau sichere Staatsanleihen auf den ersten Blick unattraktiver macht. Auch wenn diese sicherlich an Renditechancen eingebüßt haben und ihrer Funktion als Portfolio-Diversifikator nicht mehr in dem Umfang gerecht werden können, wie es in der Vergangenheit der Fall war, so sollten diese dennoch ein fester Bestandteil der strategischen Asset Allocation sein.
Generell gilt, dass die breiten Streuungsgrundsätze weiterhin Bestand haben. Zwar ist eine fundamentale Analyse aller Einzelpositionen unabdingbar, dem Grundsatz der Portfolio-Diversifikation steht dies jedoch nicht im Wege. Eine Assetklasse, für die dies im Besonderen gilt, sind Unternehmensanleihen. Gute Geschäftsmodelle dürften – mit zusätzlicher Zentralbankunterstützung im Rücken – weiterhin in der Lage sein, ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen. Breit gestreut können Unternehmensanleihen einen wertvollen Beitrag zur Performance liefern. Je nach Risikoneigung des institutionellen Investors kann hier der Portfolioanteil und die Ratingstruktur adjustiert werden und mit individuellen Risiko- und Renditevorstellungen in Einklang gebracht werden.
Neben den in der Regel diversifizierenden Staatsanleihen gehören Aktien je nach Risikoneigung in die strategische Asset Allocation. Neben der Partizipation am unternehmerischem Erfolg haben Aktien als Teil der „realen Vermögensgegenstände“ auch eine weitere Funktion: Die der Wertaufbewahrung. Zwar sind die Ängste bezüglich stark ansteigender Inflationsraten durch die sehr expansive Geldpolitik in den meisten Fällen übertrieben, jedoch besteht durchaus die Gefahr, dass in den nächsten Jahren die Preise für Güter ansteigen werden. Nach Jahren niedriger Inflationsraten sprechen die expansiven Fiskalprogramme – oft notenbankfinanziert – für mittelfristig steigende Preise, wenngleich nicht in apokalyptischem Umfang. Anlagen, die ihren materiellen Wert unabhängig vom Preisniveau behalten, können hiervon profitieren. Gold zählt ebenso zu diesen „realen Vermögensgegenständen“. Und vor allem sind diese beiden Assetklassen – neben den Staatsanleihen – auch wirklich liquide.
Gibt es nach der Coronavirus-Pandemie eine neue Normalität, und wenn ja, wie wird diese aussehen?
Es ist unwahrscheinlich, dass die vorherigen Produktions- und Wohlstandsniveaus wieder in kürzester Zeit erreicht werden. Selbst wenn ein Impfstoff gefunden wird oder eine medizinische Behandlung mit hohen Erfolgsaussichten möglich ist, steht die Weltwirtschaft vor enormen Herausforderungen. Lieferketten müssen neu aufgebaut, Notkredite zurückgezahlt und Lagerbestände abgebaut werden. Zudem gilt es, die wichtigste Komponente des wirtschaftlichen Lebens zu reanimieren: Das Vertrauen. Menschen, die unsicheren Zeiten entgegenblicken, werden sich nicht nur mit Restaurantbesuchen und Urlaubsreisen zurückhalten, sondern auch im beruflichen Umfeld weniger Investitionsentscheidungen treffen. Dies betrifft insbesondere Unternehmen und Volkswirtschaften, die von langlebigen Gütern und der Produktion von Ausrüstungsgegenständen leben. Deutschland zählt hier sicherlich dazu.
Die neue Normalität wird daher unseres Erachtens so aussehen, dass wir uns auf niedrigeren Konsum- und Produktionsniveaus einpendeln – mit allen Konsequenzen. Ein Erreichen des Vor-Corona-Niveaus dürfte sich über mehrere Jahre hinziehen. Die Notprogramme von Regierungen und Zentralbanken können lediglich die Erholung beschleunigen. Dies gilt jedoch nicht für alle Akteure. Es wird Bereiche der Wirtschaft geben, die von den Verwerfungen profitieren. Auch etablierte Unternehmen und Staaten können gestärkt aus der Krise hervorgehen, indem die richtigen Schlüsse gezogen und die richtigen Maßnahmen getroffen werden. Es ist unsere Aufgabe, die Profiteure zu identifizieren und diese in unseren Investitionsentscheidungen einzubeziehen.
