Teil 1 des Interviews mit Dr. Michael Leinwand, Vorstand für die Kapitalanlage Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL)

Die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) leistet den Beschäftigten des Bundes und der Bundesländer – außer Hamburg und Saarland – eine betriebliche Altersversorgung. Als größte Zusatzversorgungskasse betreut sie rund 4,9 Millionen Versicherte, 1,4 Millionen Rentner und 5.300 Arbeitgeber. Mit Dr. Michael Leinwand, dem Vorstand für die Kapitalanlage, spricht Guido Birkner in Karlsruhe (Teil 1).

Herr Dr. Leinwand, Sie gehören seit Anfang 2021 dem Vorstand der VBL an. Wie ist das erste Jahr für Sie verlaufen?

Michael Leinwand: Ich bilde zusammen mit Richard Peters und Angelika Stein-Homberg den geschäftsführenden Vorstand der VBL. Innerhalb des Gremiums verantworte ich die Kapitalanlage sowie das Immobilienmanagement und die Informationstechnologie. Vordringliche Aufgaben in den ersten Monaten waren die personelle und organisatorische Neuausrichtung des Kapitalanlagebereichs. Dabei sind wir bislang gut vorangekommen, haben aber noch einiges vor. Vor meinem Wechsel zur VBL war ich in der Kapitalanlage innerhalb der Versicherungsbranche in verschiedenen Rollen tätig. So habe ich leitende Positionen bei der Gothaer Asset Management AG sowie der GenRe Capital bekleidet. Zuletzt habe ich elf Jahre als Chief Investment Officer die Kapitalanlagen aller Versicherungs- und Pensionsgesellschaften der Zurich Gruppe in Deutschland gemanagt.

Was für eine betriebliche Altersversorgung bietet die VBL den Angestellten des öffentli­chen Dienstes des Bundes und der Länder an?

Michael Leinwand: Grundsätzlich bieten wir eine Pflichtversicherung und eine freiwillige Versicherung für die zusätzliche betriebliche Altersversorgung an. Dabei war es ursprünglich das Ziel, die Altersversorgung der Angestellten dem Niveau der Beamtenpensionen anzugleichen. Mit der Reform im Jahr 2002 hat man sich hiervon gelöst und auf ein Versorgungspunktemodell umgestellt. In der Pflichtversicherung, unserem Kerngeschäft, tut die VBL dies auf der Basis des Tarifver­trags über die betriebliche Altersversorgung, des ATV von 2002. In den alten Bundesländern Westdeutschlands werden die Leistungen im Rahmen eines Umlagesystems finanziert, das sich im Abschnittsdeckungsverfahren aus Umlagen und Sanierungsgeldern speist. In den neuen Ländern in Ostdeutschland existiert ein kapitalgedecktes System mit einer umlagefinanzierten Zusatzkomponente. Die VBL bietet in der Pflichtversicherung gemäß dem ATV eine beitragsorientierte Leistungszusage in Form eines Versorgungspunktemodells an. Dahinter steht ein enormer Kapitalstock.

Ist ein Abrücken von Defined Benefits angesichts des Niedrigzinses in Sicht?

Michael Leinwand: Nein, das planen wir derzeit nicht. Diese Entscheidung kann die VBL oder ein einzelner Arbeitgeber auch nicht einfach beschließen, weil die Ausgestaltung der betrieblichen Altersversorgung auf einer tarifvertraglichen Grundsatzentscheidung beruht, bei der mit dem Bund, den Ländern, den kommunalen Arbeitgeberverbänden sowie den Gewerkschaften viele Seiten in den Tarifverhandlungen mitsprechen. Zudem ist die Leistungszusage in der Pflichtversicherung an die individuelle Entgeltentwicklung gekoppelt. Dank der umlagefinanzierten Komponenten in der Pflichtversicherung sind die Folgen des Niedrigzinses nicht so stark zu spüren.

Wie sieht es bei der freiwilligen Versicherung aus?

Michael Leinwand: Die freiwillige Versicherung kommt aufgrund der Kapitalgarantie der Riester-Rente nahe. 2002 führte die VBL das heutige System aus Pflichtversicherung und freiwilliger Versicherung ein. Dabei wurde die steuerliche Förderung für das freiwillige Angebot als Rentenbaustein eingefügt. Darüber hinaus können die Beschäftigten Entgelt umwandeln. Angesichts des Niedrigzinses haben wir die freiwillige Versicherung vorausschauend schon im Jahr 2016 auf einen Zins von 0,25 Prozent umgestellt, während dieser Garantiezins für Lebensversicherungen generell erst ab 2022 gilt.

Neben dem Niedrigzins gilt die demographische Entwicklung als Risikofaktor für die Renten im öffentlichen Dienst.

Michael Leinwand: Bei den Angestellten wird sich der Kippeffekt zwischen den einzahlenden Beschäftigten und den Pensionären nicht so schnell realisieren. Wir sehen derzeit, dass der öffentliche Dienst wieder Personal einstellt. Das kommt dem Umlagesystem auf der Cashflow-Seite entgegen. Aber selbst wenn wir die Dynamik aus der demographischen Entwicklung zu Ende denken, ist ein rückläufiges Verhältnis von Einzahlenden zu Rentnern ein sehr lange dauernder Prozess. Wir nehmen in Zukunft immer noch genug Geld über die Umlage auf der Beitragsseite ein und erzielen Rendite auf der Anlageseite. Dank der gemischten Finanzierung und der Rücklagen, die wir bilden, stehen wir langfristig solide da.

Der Geschäftsbericht von 2019 gibt das Anlagevermögen der VBL mit knapp 25,8 Milliarden Euro an. Wie hat sich das Vermögen bis heute entwickelt?

Michael Leinwand: Unser Anlagekapital beläuft sich derzeit auf rund 30 Milliarden Euro nach Bilanzwert. Tatsächlich haben wir aber Assets under Management mit einem Marktwert von über 55 Milliarden Euro. Unsere Fonds werden zum Buchwert bilanziert, dank der positiven Entwicklung an den Kapitalmärkten konnten umfängliche stille Reserven aufgebaut werden, was die Differenz maßgeblich erklärt. Aus dem Umlagesystem ergeben sich zwei weitere Effekte: zum einen der positive Cashflow aus der Umlageseite, zum anderen die Erträge aus dem aufgebauten Vermögen. Beides können wir kapitalisieren. Dadurch ist das Anlagevermögen der VBL über die Zeit erheblich angewachsen.

Wie setzt sich das Portfolio zusammen?

Michael Leinwand: Analog zur Diskrepanz zwischen Buch- und Marktwerten ist auch die Struktur der Kapitalanlagen erklärungswürdig: Da wir den überwiegenden Bestand der Anlagen in Mischfonds halten, wird die Struktur aus bilanzieller Sicht undifferenziert als Aktien und Investment-Posten ausgewiesen. Hinzu kommt ein größerer Bestand an direkt gehaltenen Immobilien, die die VBL von den fünfziger bis zu den neunziger Jahren in deutschen Ballungszentren erworben hat. Aus ökonomischer Sicht bestehen unsere Anlagen allerdings zu rund 25 Prozent aus Aktien, hinzu kommt ein Immobilienanteil von rund 15 Prozent. Der Anteil an Fixed Income mit Staats- und Kreditanleihen beläuft sich auf 42 Prozent. Daneben halten wir weitere Anlagen, die wir unter Alternatives subsumieren, im Umfang von insgesamt 10 Prozent. Private Equity ist in unserem Portfolio noch untergewichtet, Gleiches gilt für das breite Feld der Private-Debt-Segmente. Ein Ziel der zukünftigen anlagestrategischen Ausrichtung ist daher, verstärkt von liquiden in illiquide Assets umzuschichten.

Wie sieht die neuaufgestellte Kapitalanlage aus?

Michael Leinwand: Wir richten unsere neue Anlagestrategie an einigen Kernaspekten und Prinzipien aus. Der erste Aspekt ist, dass wir gegenüber den Liabilities managen, ohne einen strikten LDI-Ansatz zu fahren, da wir in den nächsten Jahrzehnten den Kapitalstock weiter aufbauen. Angesichts des Reservepolsters sind wir insofern in der Lage, in Risikoanlagen zu investieren, so dass wir durch die Ausformung der Anlagestruktur die notwendigen Zielrenditen erreichen, um unsere Verpflichtungen bedienen zu können. Ein zweiter Aspekt ist unsere Liquiditätsstruktur. Dabei mussten wir die Frage beantworten, wie unsere Liabilities im Hinblick auf unsere Fähigkeit aussehen, stärker in illiquide Anlageklassen zu investieren. Tatsächlich verfügt die VBL über eine enorme Kapazität, künftig in illiquide Anlagen zu gehen. Im Gegensatz zu Versicherern stecken in unserem Portfolio nur wenige Konvexitätsrisiken, und auch das Fluktuationsrisiko ist gering, denn Beschäftigte im öffentlichen Dienst bleiben in der Regel sehr lange bei ihrem Arbeitgeber. Der dritte Aspekt zielt auf die Frage ab, wie und speziell in welchen Anlagesektoren sich strategische Verschiebungen zwischen Banken und langfristig agierenden Anlegern wie Versicherungen und Pensionseinrichtungen ergeben im Hinblick auf die Fähigkeit, in illiquide Anlagen zu investieren. Insbesondere in den entsprechenden Anlagen, in denen sich strategische und langfristige Anlagepotenziale ergeben, werden wir systematisch in illiquide Anlageformen investieren. Gleichzeitig wird die VBL auch die Fähigkeit besitzen, bei aufkom­menden, eher taktischen Gelegenheiten kurzfristig zu agieren. Dafür hat die VBL das Investment-Team auf 16 Personen kräftig aufgestockt.

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