Seit neun Jahren steht Dr. Wolfram Gerdes den kirchlichen Versorgungskassen KZVK und VKPB in Sachen Finanzen und Kapitalanlage vor. Hier äußert er sich zu Nachhaltigkeit, den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und den USA.

Nachhaltigkeit wird für das Asset-Management immer wichtiger. Wie setzen Sie heute in der Kapitalanlage der beiden Versorgungskassen KZVK und VKPB die ESG-Kriterien um?

Wolfram Gerdes: Tatsächlich beschäftigen sich die Kirchen seit mindestens 15 Jahren systematisch mit diesen Themen. Natürlich haben wir alle ein unterschiedliches Verständnis von Nachhaltigkeit, aber die Mitberücksichtigung ethischer Aspekte ist für Kirchen in der Vermögensanlage seit jeher wichtig. Aktuell erfährt diese Bewegung durch den Klimaschutz und die EU-Regulatorik einen Schub und rückt auf die Agenda jedes Investors. Wir verlangen von unseren investierten Unternehmen, einen glaubhaften Weg in Sachen Klimaschutz und andere Nachhaltigkeitsaspekte aufzuzeigen.

Doch angesichts der Informationsfülle zu Nachhaltigkeit und ESG sind wir wie alle institutionellen Anleger bei diesem Thema auf Informations- und Datendienste angewiesen. Wir können nicht selber jede einzelne Position auf ESG-Konformität hin prüfen, sondern wir benötigen Tools, die uns diese Auskünfte kompakt und transparent zurückspiegeln. Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass wir schon bald so etwas wie den CO2-Footprint jedes Titels in den großen Indizes ablesen können.

Wie schätzen Sie die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Kapitalanlage von Versorgungseinrichtungen wie der KZVK und VKPB ein?

Wolfram Gerdes: Das größte Problem ist und bleibt der Niedrigzins. Die niedrigen Zinsen gehen ursprünglich auf demographische Verschiebungen zurück, die sich schon seit Jahrzehnten vollziehen. Zudem sehen die westlichen Staaten seit der Lehman-Krise wie auch in der jetzigen Pandemie eine ihrer Aufgaben darin, die Wirtschaft großflächig zu rekapitalisieren. Der weltweit mit Abstand mächtigste Käufer von Anleihen sind die Notenbanken. Für Anleger hat das unter anderem die Folge, dass sie selbst kaum noch Rentenpapiere kaufen können und dazu horrende Preise zahlen müssen.

Ich rechne mit Blick auf die Pandemie damit, dass der Staat noch länger seine Hand über die Wirtschaft und die Kapitalmärkte halten wird. Entsprechend werden Investoren wie wir auch in Zukunft noch auf Zinserträge verzichten und für echte Erträge stärker in Substanzwerte gehen müssen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir noch sehr lange mit null Zinsen oder mit negativen Zinsen leben müssen.

Wie bewerten Sie das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl aus der Sicht eines institutionellen Investors?

Wolfram Gerdes: Die USA bleiben ein gespaltenes Land, jeweils 50 Prozent der Bevölkerung wollen die andere Welt. Eine solche Spaltung kann auch Auswirkungen auf unser Land haben, hoffentlich aber nicht in gleichem Umfang. Die Unternehmen haben die Steuersenkungen unter dem ehemaligen Präsident Donald Trump und die höheren Gewinne gern mitgenommen, das hat den Aktienmarkt zusätzlich zu dem längst vor Trump beginnenden Aufschwung beflügelt.

Jetzt in der COVID-19-Pandemie ist für die Unternehmen Liquidität entscheidend. Ich schätze, dass die amerikanische Notenbank weiterhin den Geldhahn öffnen und die neue Administration nicht um massive Subventionen herumkommen wird. Kurzfristig hat der Wahlausgang wohl viel weniger Einfluss, als viele vermuten. Auf längere Sicht spricht vieles weiter für die USA, die zusammen mit China der übrigen Welt in Schlüsseltechnologien weit enteilt sind und sich gerade die besonders lukrativen Märkte ohne große Gegenwehr seitens Europas aufteilen.

Wenn ich mir Private-Equity-Fonds anschaue, wo vor allem ganz neue Ideen finanziert werden, dann finden sich unter vier angebotenen Unternehmen beinahe immer drei amerikanische und ein chinesisches. Die beiden wichtigsten deutschen Impfstoffentwickler in der Pandemie, Biontech und Curevac, sind in diesem Jahr an die amerikanische Börse gegangen und sind dort im Nasdaq gelistet, nicht an einer deutschen oder europäischen Börse. Die Europäer haben im Vergleich zu diesen Regionen entweder stark an Innovationskraft eingebüßt oder sind vielleicht einfach nicht in gleichem Maße bereit, die wirtschaftlichen Risiken solcher Innovationswagnisse zu tragen.

Lesen Sie hier mehr zur Kapitalanlage der KZVK und der VKPB.

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