Dr. Wolfram Gerdes steht seit neun Jahren den kirchlichen Versorgungskassen KZVK und VKPB in Sachen Kapitalanlagen und Finanzen vor. Davor hat er bereits mehrere Berufswelten kennengelernt, wie Guido Birkner im Interview erfuhr.

Herr Dr. Gerdes, Sie verantworten als Vorstand die Kapitalanlage zweier evangelischer Versorgungskassen, der KZVK und der VKPB mit Sitz in Dortmund. Welche Beschäftigtengruppen betreuen Sie in der Altersversorgung?

Wolfram Gerdes: Die Kirchliche Zusatzversorgungskasse Rheinland Westfalen, kurz KZVK, und die Versorgungskasse für Pfarrer und Kirchenbeamte, kurz VKPB, haben unterschiedliche Aufgabengebiete. Die KZVK versichert ungefähr die Hälfte der Mitarbeiter der diakonischen Unternehmen innerhalb der evangelischen Kirche. Die Zahl der Versicherten beläuft sich auf rund 500.000. Hingegen versichert die VKPB etwa 9.000 Pfarrer und Kirchenbeamte der drei evangelischen Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen. Diese Versicherten sind vollversichert. Beiden Kassen, der KZVK und der VKPB, ist das Prinzip der Kapitaldeckung gemein. Wir verwalten zusammen ein Vermögen von knapp 14 Milliarden Euro.

Heute sind die Pensionsansprüche in der KZVK zu rund 90 Prozent, in der VKPB zu etwa 70 Prozent kapitalgedeckt. Unser Ziel ist die volle Kapitaldeckung. Das Umlageverfahren funktioniert nur bei solchen Versorgungskassen, die eine stetig wachsende Zahl von jüngeren Beitragszahlern aufweisen können. Das ist in den Kirchen aufgrund der demographischen Entwicklung und der Säkularisierung der Gesellschaft leider nicht gegeben.

Welche Aufgaben haben Sie bei der KZVK und der VKPB inne?

Wolfram Gerdes: Wir sind im Vorstand zu zweit, und ich bin für Kapitalanlage und Finanzen und damit für die linke Seite der Bilanz, also vor allem für das Vermögen, zuständig. Ich bin von Haus aus Mathematiker und war in einem früheren Leben Mathematikprofessor an einer amerikanischen Universität. Davor habe ich nach meinem Diplom in Deutschland in den USA promoviert und gearbeitet. Als ich die Wissenschaft verlassen habe, bin ich zur Allianz ins Rechnungswesen gegangen. Ich war dann Assistent des Vorstands und bin schließlich in die Kapitalanlage gewechselt. Seitdem beschäftige ich mich beruflich mit diesem Bereich.

Ich gehörte 1999 zu den Gründungsgeschäftsführern des Vorläufers der heutigen Allianz Global Investors. Meine nächste Station war die Commerzbank als Chief Investment Officer der Cominvest. Anschließend bin ich als Vorstandsmitglied zur Württembergischen Versicherung gewechselt. Seit 2011 stehe ich nun den beiden kirchlichen Versorgungskassen vor.

Welche Kompetenzen können Sie heute aus Ihrer Zeit als Mathematikprofessor für die Kapitalanlage nutzen?

Wolfram Gerdes: Natürlich hat es mir in meinem ganzen Leben viel gebracht, die vier Grundrechenarten zu beherrschen. Doch Spaß beiseite! Ich habe sehr von einem Thema profitiert, bei dem in der Schule fast niemand aufgepasst hat – von der Zinseszinsrechnung. Daraus ergibt sich im übertragenen Sinn viel mehr, wenn Sie ein Gefühl für Wertentwicklungsvorgänge über lange Zeiträume bekommen, wenn Sie quantitative Vorgänge wie die Berechnung der Deckungsrückstellung bei einer Versicherung verstehen, wenn Sie demographische Entwicklungen in Rückstellungen umrechnen. Nicht jeder Mensch ist in der Lage, das wahre Wesen von Rückstellungen, die Geschehnisse über fünf Jahrzehnte hinweg widerzuspiegeln, philosophisch zu erfassen.

In den 1980er und 1990er Jahren sind an den Finanzmärkten stark derivative Finanzinstrumente entstanden. Diejenigen, die diese Instrumente entwickelt haben, hatten immer einen stark quantitativen Hintergrund – also Mathematiker, Physiker, Chemiker und ähnliche Professionen. Als ich in den 1980er Jahren mein Promotionsstudium in den USA abgeschlossen habe, habe ich erlebt, dass wir Absolventen schon auf dem Campus von der Finanzwelt abgeworben wurden, so groß war die Nachfrage nach unseren Qualifikationen. Auch bei der Allianz bin ich schnell vorangekommen und durfte bereits nach kurzer Zeit meinen ersten Fonds mit Aktien und Renten im Wert von 2 Milliarden D-Mark steuern. Das ist heute schwer denkbar.

Hinzu kam, dass die globale Finanzwelt englischsprachig ist. Meine vielen Jahre in den USA halfen natürlich auch meinem Englisch. Das war beruflich in späteren Geschäftsverhandlungen mit US-Amerikanern nicht von Nachteil.

Welche weiteren Skills sind heute in der Kapitalanlage stärker gefordert als vor 30 Jahren?

Wolfram Gerdes: Jeder Akteur im Finanzmarkt muss in der Lage sein, sich auch auf der Basis von unvollständigen Informationen eine Meinung zu Sachverhalten zu bilden und diese Meinung durchzuhalten. Oft werden Entscheidungen am Kapitalmarkt von Entwicklungen getrieben, die die meisten noch gar nicht erkennen. Ich glaube, dass Mathematiker während ihres Studiums die Fähigkeit erlernen, durch Nachdenken auch zunächst widersprüchlich erscheinende Wahrheiten zu erkennen, die hinter einer Frage stehen. Das geht deutlich über Intuition hinaus. Die Fähigkeit von Mathematikern, sich eine Meinung zu bilden, die sich rational begründen lässt, hilft, diese Meinung auch gegen Mehrheiten zu verteidigen.

Ist es angesichts des Niedrigzinses und volatiler Kapitalmärkte nicht notwendig, flexibler in seinen Positionen zu sein?

Wolfram Gerdes: Die Mehrheit in unserem Land vertritt nach wie vor die Ansicht, mit Zinspapieren trotz Niedrigzins am sichersten dazustehen. In Deutschland treffen wir von Generation zu Generation suboptimale Sparentscheidungen für das Geld, das wir zurücklegen. Pensionseinrichtungen legen hierzulande sehr zinslastig an, auch unter dem Druck der Regulatorik. Wir haben bei unseren Versorgungskassen eine Aktienquote von rund 30 Prozent. Hinzu kommen Anlagen in Private Equity und Immobilien. Festverzinsliche Titel dienen heute nur noch dem Ziel, überschüssige Liquidität in die Zukunft zu transferieren.

Einen Investmentlohn in Form einer Rendite, der in der Vergangenheit entscheidend war, gibt es aber nicht mehr. Das läuft bei bAV und anderer Altersvorsorge diametral dem eigenen Auftrag entgegen, das Vermögen zu mehren. Strikte Anlageverordnungen und die Aufsichtsbehörden stehen oft zwischen einer Pensionseinrichtung und höheren Renditen.

Wie sind Ihre beiden Kassen diesbezüglich aufgestellt?

Wolfram Gerdes: Unsere juristische Aufsichtsbehörde ist im Finanzministerium des Landes Nordrhein-Westfalen angesiedelt. Die Fachaufsicht liegt bei den Landeskirchen. In der Selbstverpflichtung orientieren wir uns streng am VAG und an dessen Anlageverordnung. Doch wir sind weder gesetzlich noch regulatorisch daran gebunden. Wir können also in Abstimmung mit unserem Verwaltungsrat Anpassungen in der Regulatorik der Kapitalanlage vornehmen und Schwellenwerte ändern, ohne die Systematik zu verändern.

Das VAG ist aus meiner Sicht kein so großer Hemmschuh für die Kapitalanlage. So können Versicherungsgesellschaften beispielsweise den Aktienanteil von 30 Prozent gar nicht ausschöpfen, weil sie es sich wegen vieler Garantieprodukte nicht leisten können. Die Ausrichtung der Risikosteuerung auf Jahresperioden bremst diese Investoren in ihren Investments in risikobehaftete Anlageklassen wie Aktien. Hier kann manches berufsständische Versorgungswerk und manche kirchliche Versorgungskasse mit einem anderen Zeithorizont anlegen, weil ihre Versicherten ein Berufsleben lang Beiträge einzahlen und – anders als bei vielen Versicherungsverträgen – während der Vertragslaufzeit keine Mittel abziehen können. Es werden ausschließlich Renten gezahlt, was die Auszahlungsströme gut vorhersehbar macht.

Wir können also etwas risikofreudiger und in weniger liquide Anlagen investieren. Ich erwarte, dass unsere Branche auch in Zukunft stärker in risikobehaftete Assets investieren wird.

Können Ihre beiden Kassen das Research für eine diversifiziertere Asset Allocation aus eigener Kraft leisten?

Wolfram Gerdes: Ja. Wir investieren in die eigene Belegschaft und in deren Know-how. Der Punkt, ab dem sich ein solches Investment in die eigene Mannschaft lohnt, liegt oft deutlich unter den Ausgaben für ein externes Management unseres Anlagevolumens. Allerdings tauchen die Kosten für externe Vermögensverwalter nicht in meiner Gewinn-und-Verlust-Rechnung auf, sie reduzieren lediglich die Performance. Das kann bei mancher Versorgungseinrichtung zu dem Fehlverhalten führen, dass man sich unter dem Druck, Kosten zu reduzieren, fälschlicherweise für die teurere externe Lösung entscheidet.

Ich beobachte, dass neben Family Offices auch mehr Pensionseinrichtungen unter der Disposition der Regulatorik zu der Erkenntnis kommen, dass die Kapitalanlage inhouse in manchen Fällen kostengünstiger sein kann als die Beauftragung externer Asset-Manager mit deren höheren Margen, und entsprechend in ihr Personal investieren.

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