01.10.2018 | Von NIKOLAUS BORA

Der Baukasten für den Zickzack-Lebenslauf

Werden die Lebens- und Berufswege der Menschen variabler und vielfältiger, dann müssen es die Altersvorsorgesysteme auch werden. Nikolaus Bora über Johannes Vogel.

“Meinen ersten kleinen Vertrag zur privaten Altersvorsorge habe ich bereits als Student abgeschlossen“, sagt Johannes Vogel. Er habe sich schon früh mit dem Drei-Säulen-Modell der Altersversorgung beschäftigt und erkannt, dass die umlagefinanzierte gesetzliche Rente weiterhin – auch quantitativ – Hauptbestandteil der Altersversorgung sein werde, „aber wegen der demografischen Entwicklung an ihre Grenzen stoßen wird“. Ihm sei klar geworden: „Wer seinen Lebensstandard im Alter halten und nicht in die Armut abrutschen will, braucht zusätzlich die betriebliche oder private Altersversorgung – oder sogar beides.“

Der Druck der Digitalisierung
Johannes Vogel, Jahrgang 1982, ist seit 2017 erneut Bundestagsabgeordneter und renten- und arbeitsmarktpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Eines seiner Ziele: Er möchte das Drei-Säulen-Modell weiterentwickeln. „Denn die beruflichen Werdegänge wandeln sich, verstärkt durch die Digitalisierung. Es wird mehr Zickzack-Lebensläufe geben zwischen Anstellung, Selbständigkeit und wieder zurück.“ Für diese Entwicklung müsse das Rentensystem fit gemacht werden. Zum Beispiel dürfe es nicht sein, dass ein versicherungspflichtiger Arbeitnehmer bei einem Wechsel in die Selbständigkeit die Riester-Förderung verliert. „Ideal wäre ein Baukastensystem, in dem nicht jeder drei Säulen hat, sondern der eine vielleicht zwei, drei große, der andere fünf kleinere Elemente – je nach beruflichem Werdegang.“

Mit Lindner sehr früh zur Politik …
Vogel stammt aus Wermelskirchen im Rheinisch-Bergischen Kreis. Schon als Gymnasiast interessierte er sich für die Politik. Und er engagierte sich. „Als ich mit 16 bei den Jungen Liberalen anfing, holte mich zur ersten Veranstaltung der damalige Kreisvorsitzende der JuLis ab. Das war Christian Lindner. Er war im Gymnasium einige Jahrgänge über mir.“ Lindner habe sich dann stärker auf die Partei fokussiert, er auf die Jungen Liberalen, deren Bundesvorsitzender er von 2005 bis 2010 wurde.

Nach dem Abitur 2001 machte Vogel im Rahmen des Zivildienstes eine Ausbildung zum staatlich geprüften Rettungssanitäter. Gleichwohl habe er zur Bundeswehr eine sehr positive Einstellung. „Menschen, die in der Bundeswehr Dienst tun, leisten Dienst für uns alle, für unser Staatswesen, für unsere Demokratie. Davor habe ich großen Respekt.“

Von 2002 bis 2009 studierte er Politikwissenschaft, Geschichte und Völkerrecht in Bonn. In seiner Magisterarbeit befasste er sich mit dem Vorwahlsystem in den USA und Überlegungen, dieses System – möglicherweise begrenzt – auf europäische Länder zu übertragen. „Im Kern geht es darum, Wähler der Parteien stärker daran zu beteiligen, welche Kandidaten für Wahlen aufgestellt werden.“

… und sehr früh in den Bundestag
Vogel hat mehrere Ämter. Im Bundestag ist er Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales und stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Er gehört seit 2007 dem Bundesvorstand der Freien Demokraten an, ist auch dort zuständig für Rente und Arbeitsmarkt, verantwortlich für das Rentenkonzept, und er hat am Einwanderungskonzept der FDP mitgearbeitet. Außerdem ist er seit 2014 Generalsekretär seiner Partei in Nordrhein-Westfalen und war Wahlkampfleiter der Kampagne zur Landtagswahl 2017. „Da haben wir das beste FDP-Ergebnis in der Geschichte des größten Bundeslandes erreicht.“

Im Wahlkreis Olpe-Märkischer Kreis I, dessen südlicher Zipfel an Rheinland-Pfalz grenzt, hat er bei den drei vergangenen Bundestagswahlen kandidiert, das Direktmandat jedoch nicht gewonnen. Sowohl 2009 als auch 2017 kam er über die nordrhein-westfälische Landesliste in den Bundestag; 2013 scheiterte die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde.

Seit 2014 war Vogel bei der Bundesagentur für Arbeit tätig, unter anderem als Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Solingen-Wuppertal. Er war verantwortlich für Konzeption und Koordination der Reorganisation der rund tausend Mitarbeiter starken internationalen Abteilung. Vor dieser neuen beruflichen Aufgabe verbrachte er einen mehrmonatigen Sprachaufenthalt in Peking. „Ich habe jetzt gerade wieder angefangen, Einzelunterricht zu nehmen, um meine Chinesisch-Kenntnisse zu reaktivieren. Man kann unser Jahrhundert nicht verstehen, wenn man nicht auch China versteht und sich für dieses Land interessiert.“

Atlantik-Brücke und Arbeiterkinder
Ständig pendelt Vogel zwischen Berlin, Düsseldorf und dem Wahlkreis. Es ärgert ihn, dass in den vergangenen Monaten so viele Flüge gestrichen wurden. Unterstützt wird er bei seiner Arbeit durch vier feste Mitarbeiter und zwei studentische Hilfskräfte in Berlin, einen im Wahlkreis und mehrere in der Düsseldorfer Parteizentrale. Vogel hat zahlreiche Ehrenämter: von der Atlantik-Brücke bis zum WWF. „Darunter sind einige, die ich aus Zeitgründen nur als Beitragszahler fördere.“ Besondere Bedeutung hat für ihn neben der Atlantik-Brücke und dem Johanniterorden der Freundeskreis Arbeiterkind. „Weil mich die Vorstellung überzeugt, dass jeder seinen Weg im Leben gehen können soll, unabhängig von seiner Herkunft.“

Richtige Schritte
Nicht nur im Parlament übt Vogel heftige Kritik an der Politik der Großen Koalition, aber er hält ein Schwarz-Weiß-Malen für unangemessen. Das Betriebsrentenstärkungsgesetz ist seiner Ansicht nach ein Schritt in die richtige Richtung. Das gilt auch für das von der Koalition geplante digitale Vorsorgekonto und für verbesserte Erwerbsminderungsrenten. „Doch die Antwort auf die Frage, wie sorgen wir dafür, dass Menschen, die schon länger gearbeitet haben, mehr haben als die Grundsicherung, ist auf das Ende der Legislaturperiode vertagt.“ Er fordert auch ein neues Arbeitszeitgesetz: „Mit mehr Flexibilität, ohne veraltete Regeln.“

Trotz der vielen Ämter nimmt sich Johannes Vogel Zeit für sein Privatleben. Mit seiner Partnerin teilt er das Interesse für Reisen und Filme und spannende Diskussionen im engen Freundeskreis. „Und jeden Morgen laufe ich. Da kann ich abschalten.“

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