Kalenderwoche 12: So schätzen Wirtschaftsexperten die aktuellen Entwicklungen ein.

20. März: Nicht einmal eine Woche nach den eher zaghafte Entscheidungen scheint sich die EZB vom regulatorischen Korsett und den intellektuellen Orthodoxien, in denen sie in den vergangenen zehn Jahren gefangen war, teilweise befreit zu haben, schreibt Invesco. Ihre Ankündigung vom 18. März begann mit der Erklärung, die EZB werde „alles Notwendige innerhalb unseres Mandats unternehmen, um alle Bürger der Eurozone in dieser extrem herausfordernden Zeit zu unterstützen.“ Das temporäre Pandemic Emergency Purchase Programme mit einem Volumen von 750 Milliarden Euro hat bereits zu einer deutlichen Spreadverengung bei italienischen Staatsanleihen geführt, so John Greenwood, Chefökonom Invesco.

 

20. März: Spätestens wenn sich die aktuelle Unruhe legt – etwa weil ein Impfstoff oder ein Gegenmittel gegen das Virus gefunden wird oder sich zumindest die Ausbreitungsrate verringert – dürfte eine rationale Sichtweise an die Aktienmärkte sowie in die Gesellschaft zurückkehren, sagt Dr. Holger Schmitz von Schmitz & Partner. Auch viele jetzt aufgeschobene Investitionen und Konsumausgaben werden dann voraussichtlich nachgeholt, was die Unternehmen wieder beflügelt – und damit auch ihre Aktienkurse.

Ich bin davon überzeugt, dass das Ausmaß der jüngsten Kursturbulenzen zu großen Teilen das Resultat übertriebener und ungerechtfertigter Hysterie rund um das Coronavirus ist. Wieder einmal wird an den Börsen die kurzfristige Situation deutlich überbewertet, die langfristige Perspektive dagegen unterbewertet. Daher dürfte letztendlich die Angst vor dem Virus sogar mehr wirtschaftlichen Schaden anrichten als die Krankheit selber.
Dr. Holger Schmitz, Vorstand der Schmitz & Partner AG

 

19. März: Schwellenländeranleihen sind nicht nur wegen des Coronavirus, sondern vor allem auch wegen des Ölpreisschocks unter Druck. Hinzu kamen die technische Situation im Einzelhandel und der Verkauf von ETFs.  Aber auch der am Montag angekündigte Staatsbankrott von Libanon hat sowohl das Vertrauen als auch die Wertentwicklung weiter geschwächt, schreibt Franklin Templeton. Die Erfahrungen aus dem Ölpreis-Crash 2014/2015 habe aber gezeigt, dass Ölproduzenten in Schwellenländern in der Regel mit den niedrigsten Kosten produzieren, sagt Nicholas Hardingham, Manager bei Franklin Templeton. Im Gegensatz zu den US-amerikanischen Hochzinsanleihen, die massiv durch den niedrigen Ölpreis getroffen werden dürften, sind niedrige Preise für sechs bis zwölf Monate daher im Segment Schwellenländer kein gravierendes Problem, abgesehen von der fiskalischen Dynamik. Dennoch bleibe natürlich ein Risiko, dass die Auswirkungen des Virus sich weiter verschlimmern oder die Ölpreise noch weiter sinken.

 

19. März: Der Zeitpunkt für den Wiedereinstieg an den Märkten ist laut Merck Finck noch nicht gekommen. Entsprechend von Szenarioanalysen werde das globale Wachstum und das in den G-10 Staaten in diesem Jahr zumindest stagnieren oder sogar fallen. Die Sowohl das Kurs/Gewinn-Verhältnis als auch die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen seien gegenwärtig auf einem Niveau, das historisch betrachtet günstig erscheint. Das Risiko bei Investitionen in Aktien und Anleihen werde damit zunehmend asymmetrisch: Die erfolgten Rückgänge erhöhen die Chancen auf eine Erholung. Allerdings liegen die Bewertungen noch deutlich über dem Niveau, das an den Märkten während der globalen Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 zu finden war.

Den Einbruch betrachten wir immer noch als vorübergehend, mit einer signifikanten Erholung im dritten und vierten Quartal. (…) In einigen von uns bevorzugten Marktsegmenten und Branchen sehen wir zunehmend Chancen, da der Ausverkauf bisher undifferenziert erfolgte. Insbesondere Aktien aus den Bereichen IT und Gesundheit bieten ein attraktives Risiko/Rendite-Profil, während an den europäischen Anleihemärkten die Risikoprämien allmählich attraktiv werden.
Daniel Kerbach, Chief Investment Officer bei Merck Finck.

 

18. März: Der EZB-Rat ist in seiner Analyse einhellig zu dem Schluss gelangt, dass die EZB neben den am 12. März 2020 beschlossenen Maßnahmen weiterhin die wirtschaftlichen Auswirkungen der Ausbreitung des Coronavirus genau beobachten wird. Des Weiteren ist die EZB bereit, alle ihre Maßnahmen gegebenenfalls anzupassen, sollte dies zur Sicherstellung angemessener Liquiditätsbedingungen im Bankensystem und zur Gewährleistung einer reibungslosen Transmission der Geldpolitik in allen Ländern erforderlich sein.

 

18. März: In der Finanzkrise von 2008 waren die Märkte mit systemischen Risiken (Subprime-Hypotheken, Instabilität der Banken) konfrontiert. Doch auch heute herrscht starke Unsicherheit, sodass die Aktienmärkte jeden Tag weiter einbrechen, so Benjamin Melman, CIO bei Edmond de Rothschild Asset Management. Damit steht die Weltwirtschaft praktisch auf unbestimmte Zeit still, und die Zahl der Fälle von Coronavirus-Infektionen dürfte in den nächsten zwei Wochen rasch ansteigen.

“Die Situation an den internationalen Finanzmärkten ist beispiellos: Noch nie haben sich Investoren in einer solchen Lage graduell abnehmender Liquidität befunden. (…) Wenn die aktuellen Spreads für High-Yield-Anleihen fortbestehen, erwartet uns in den kommenden Monaten eine äußerst komplizierte Situation.”

Benjamin Melman Global CIO Asset Management bei EdRAM

 

18. März: Die Invesco-Strategen Kristina Hooper, Paul Jackson und Arnab Das glauben, dass eine dreigleisige politische Reaktion notwendig ist, um die Verbreitung des Coronavirus und seine wirtschaftlichen Auswirkungen zu begrenzen: Die öffentliche Gesundheitspolitik kann helfen, das Virus einzudämmen, die Geldpolitik kann die finanzielle Liquidität und Funktionalität fördern, und die Finanzpolitik kann helfen, den wirtschaftlichen Schaden einzudämmen.

“Kurz gesagt, die Märkte wollen sehen, dass die Politik bereit ist, dort einzugreifen, wo die Märkte versagen. Sie wollen funktionierende Regierungen, unabhängige Zentralbanken und eine globale Koordination zwischen den politischen Entscheidungsträgern. Wir glauben, dass dies notwendig ist, um eine Vertrauenskrise zu verhindern und den Volkswirtschaften und Kapitalmärkten zu helfen, die Pandemie zu überwinden.”

 

18. März: Zwar hat die Ankündigung von geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen haben die Stimmung an den US-Aktienmärkten gestern zwar verbessert. Doch der Gegenwind hat schon wieder zugenommen, so die Commerzbank.

Die USA stehen erst am Anfang der Virus-Eindämmungskaskade und die fundamentalen Probleme sollten noch rapide zunehmen. Wir glauben, dass Abwärtsrisiken nach wie vor überwiegen.

Christoph Rieger, Head of Rates & Credit Research und Cem Keltek, CFA, Credit Strategist

 

17. März: China lässt laut Fidelity-Analysten-Umfrage die Coronavirus-Krise schneller und mit geringeren Schäden als andere Regionen hinter sich.

„Da China das erste vom Virus befallene Land war, scheint es logisch, dass es sich am schnellsten erholen wird. Allerdings hängt die in einzelnen Ländern benötigte Zeitspanne zur Wiederbelebung der Wirtschaf weitgehend von den Maßnahmen der jeweiligen Regierungen ab.“

Fiona O’Neill, stellvertretende Leiterin des Aktien-Researchs von Fidelity International

 

17. März: Die globalen Aktienmärkte haben auf den „Corona-Schock“, der schon jetzt zu massiven Einschränkungen wirtschaftlicher Aktivität führt, mit starken Kursverlusten reagiert. Die Erwartung einer globalen Rezession wurde blitzartig in nur wenigen Handelstagen eingepreist. Aktuell zeigen nun fast alle Aktienmärkte klare „Überverkauft“-Signale. Dies schafft üblicherweise eine gute Basis für schnelle technische Erholungen und potentiell günstige Kaufgelegenheiten.

„Da jedoch Ausmaß und Dauer dieser globalen Rezession kaum abschätzbar sind, ist derzeit höchste Vorsicht geboten.“

Dr. Heinz-Werner Rapp, Vorstand und CIO von FERI

 

17. März: Die Schweizer Privatbank Bergos Berenberg geht in ihrem Basisszenario erst in der zweiten Jahreshälfte von einer möglichen wirtschaftlichen Erholung aus, Das Coronavirus hat gleich doppelt zugeschlagen, sowohl Angebot als auch Nachfrage sind hochgradig betroffen. Produktionsstätten werden heruntergefahren, gleichzeitig bricht der Konsum ein. Erschwerend hinzugekommen ist der Ölpreisschock nach den gescheiterten Verhandlungen der OPEC und Russland. Gegenüber dem Anleihemarkt erscheinen Aktien nach dem Crash attraktiv bewertet – auch wenn man einen Rückgang der Unternehmensgewinne wie im letzten extremen Krisenjahr 2008 annimmt. Gold könnte bei der Absicherung des Portfolios helfen.

„Auch wenn günstiges Öl Verbrauchern und Transportunternehmen zugutekommt, werten wir den starken Preisverfall in der aktuellen Schwächesituation per Saldo als weiteren negativen Effekt auf das Wirtschaftswachstum.”

Till Christian Budelmann, Kapitalmarktstratege von Bergos Berenberg

 

17. März: Die Zahl der Neuinfizierten steigt exponentiell. Die Börsenverluste sind massiv. Regierungen ergreifen teils drastische Maßnahmen, um die Gesundheitskrise durch die Verbreitung des Coronavirus sowie die finanziellen und wirtschaftlichen Folgen im Zaum zu halten. Ein Blick in eine bessere Zukunft scheint eher unbeholfen, während die Zahl der Todesfälle in vielen Ländern noch immer steigt. Laut AXA Investment Managers gibt es zwei Voraussetzungen für eine Trendwende. Erstens müsste sich eine verlangsamte Infektionsrate in den Statistiken zeigen. Zweitens müssten Investoren ihre Aufmerksamkeit auf die akkumulierte globale politische Reaktion lenken statt auf die negativen wirtschaftlichen Folgen. Die makroökonomischen Auswirkungen dürften über die ersten beiden Quartale hinaus spürbar bleiben.

„Anhaltende Skepsis kann ich nicht verdenken – aber in China gibt es kaum neue Fälle, und der chinesische Aktienmarkt konnte vergangene Woche eine überdurchschnittliche Performance erzielen. … Auf Marktebene dürften Kredite in einer Erholungsphase besser abschneiden als Staatsanleihen. Trotz der schwierigen Situation ist es wahrscheinlich das Richtige, jetzt die Portfolio-Allokation über einen sinnvollen Zeithorizont anzupassen, um für die Erholung positioniert zu sein.”

Chris Iggo, Chief Investment Officer, Core Investments bei AXA Investment Managers

 

16. März: Mit der Entscheidung, die langfristige Kreditvergabe an Banken auszuweiten, erhöht die Europäische Zentralbank (EZB) den Nachfrage- und Preisdruck auf den deutschen Immobilienmärkten. Zudem bedeuten mehr langfristige Kredite auch eine Ausweitung der Geldmenge, was wiederum den Kreis möglicher Kaufinteressenten bei konstant hoher Objektverfügbarkeit vergrößert.

„Das zusätzliche Geld wird nicht nur, wie von der EZB beabsichtigt, zur Überwindung von Liquiditätsengpässen bei kleineren und mittleren Unternehmen eingesetzt, sondern auch zur Finanzierung von Immobilien-Investitionen verwandt. Angesichts der mit den gestiegenen Preisen einhergehenden Rendite-Kompression nutzen Investoren günstige Kredite, um für das von ihnen eingesetzte Kapital eine attraktive Rendite zu erreichen. Dieser Leverage-Effekt führt letztlich dazu, dass Investoren auch Mietrenditen von deutlich unter drei Prozent akzeptieren.“

Rainer Schorr, Geschäftsführer der PRS Family Trust

 

16. März: Chinas Wirtschaft ächzt unter Corona. Eine Rezession in den USA ist durch Zinssenkung nicht zu verhindern.

“Die Industrieproduktion in China ist im Zeitraum Januar und Februar gegenüber dem Vorjahr um 13,5 Prozent eingebrochen, der Einzelhandelsumsatz um 20,5 Prozent. Die chinesischen Konjunkturdaten zeigen somit erstmals, welche Auswirkungen eine drastische Eindämmungspolitik gegen das Corona-Virus hat.

Für Europa und die USA sind vergleichbare Maßnahmen zur Eindämmung des Virus immer wahrscheinlicher. Daher überrascht es nicht, dass die amerikanische Notenbank in Erwartung eines starken wirtschaftlichen Einbruches die Leitzinsen massiv gesenkt und darüber hinaus erneute Käufe von Staatsanleihen beschlossen hat. Dies kann allerdings nur die schlimmsten Folgen lindern, eine Rezsession ist aber nicht zu verhindern.”

Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt Union Investment

 

Das dpn-Team wünscht Ihnen viel Kraft und vor allem Zuversicht in dieser herausfordernden Zeit. Bleiben Sie gesund!

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