Über ein Simulationstool zur Risikomessung von ESG-Kriterien und Blockchain im Vermögensverwaltungsgeschäft spricht Maren Schmitz, Leiterin des Asset Management Beratungsgeschäfts für KPMG Deutschland, im Interview mit Marcel Thiel.

Wie funktioniert Ihr Simulationstool, das zur Ermittlung von ESG-Risiken in Fonds dient?

Maren Schmitz: Jedes Portfolio verfügt über ein gewisses Exposure zu ESG-Risiken. Bei klassischen ESG-Datenanbietern erhält man zumeist einen ESG-Score, der eine Einstufung eines Unternehmens anhand einer Skala erlaubt, oder sie erhalten Rohdaten und verarbeiten diese gemäß Ihrer eigenen ESG Scoring Methodik.

Wichtig ist hier jedoch, dass diese Daten retrospektiv sind. Das heißt, es werden schon bekannte Informationen verarbeitet. Wir wollen einen vorausschauenden Ansatz wählen, um mögliche ESG Risiken, die eintreten können, zu antizipieren. Was bedeutet es für ein Portfolio, wenn ein wesentliches Ereignis eintritt? Daher haben wir uns 17 Nachhaltigkeitskriterien (zum Beispiel Reduktion der globalen Erderwärmung oder Zugang zu sauberem Trinkwasser) angesehen, die auf den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen basieren.

Aus diesen Kriterien haben wir Szenarien abgeleitet. Was würde passieren, wenn morgen ein CO2-Preis eingeführt werden würde? Welche Auswirkungen hätte das auf welche Branchen oder welche Länder wären betroffen? Naturkatastrophen oder Zunahme von Flüchtlingsströmen kommen ebenfalls als Risikoszenarien in Frage, mit der Risiken auf Investments ermittelt werden können. Einen Fonds kann man in unser Tool einspielen und schauen, welches Ereignis welche Auswirkungen auf das Portfolio haben könnte. Bei der Simulation gehen wir auf die Ebene der Einzeltitel runter.

Wie stark ist die Nachfrage institutioneller Anleger?

Schmitz: Die Nachfrage am Markt für das Thema ist groß. Aktuell befinden wir uns hinsichtlich dem ESG-Thema jedoch noch in einer  Screening-Phase, die nach dem Ausschlussprinzip funktioniert: wenn ich einen bestimmten Titel nicht kaufe oder nur wenig, bin ich nachhaltig.

Jedoch wird das Thema Nachhaltigkeit zur Erreichung der EU-Ziele weiter gehen müssen und zukünftig ein wesentlicher Teil der Unternehmensstrategie sein.  Da ist noch ein großer Weg zu gehen, um das zu erreichen, was die Nachhaltigkeits-Agenda tatsächlich beabsichtigt.

Welches Alleinstellungsmerkmal hat das Tool?

Schmitz: Das System gibt es nur einmal. Es greift auf eine einmalige Datenbank für Finanzinstrumente zurück, in der jedes Finanzprodukt mit detaillierten Informationen enthalten ist. Wenn es doch nicht enthalten ist, haben wir die Möglichkeit es einzupflegen.

Welche Schwächen hat das Simulationstool?

Schmitz: Wie groß der Effekt genau auf Ebene der Einzeltitel ist, ist nicht einschätzbar. So ergeben sich Fragen wie etwa: Wird die Firma A schwerer getroffen als Firma B, wenn diese im selben Land und in derselben Branche tätig sind? Oder wird der Wertverlust bei 20 oder 25 Prozent liegen? Hier erwarten wir jedoch in Zukunft, dass die Weiterentwicklung auch dies ermöglicht.

Neben dem Thema ESG ist auch das Thema Blockchain derzeit in aller Munde. Welche Asset Management Bereiche könnten von einer Disruption mit Blockchain-Technologie betroffen sein?

Schmitz: Der komplette Trading-Bereich, alles rund um Trade-Execution, Settlement und der Matching-Bereich. Dann der nachgelagerte Teil, die Fondbuchhaltung. Die komplette Verbuchung von Trades,  Gebühren, Einnahmen, Dividenden und so weiter. Beim Thema Reporting und Kommunikation kann diese Technologie sicher ebenfalls zum Einsatz kommen. Und wenn wir entlang der Wertschöpfungskette immer weiter nach vorne schauen sehen wir, dass auch der Vertrieb betroffen sein wird. In Zukunft ist es wohl möglich, einen Fonds per Messaging-Dienst oder über andere Intermediäre zu kaufen.

Welche Auswirkungen hätte die Disruption?

Schmitz: Ich glaube, die Auswirkungen werden massiv sein, weil sich dadurch die Geschwindigkeit unfassbar erhöhen wird. Die Ausführung und Verbuchung und das Matching einer Transaktion dauert aktuell ein bis vier Tage.

Mit der neuen Technologie werden in Zukunft mit einem Fingerschnips Trades ausgeführt und abgewickelt. Es wird schneller, effizienter und kostengünstiger sein. Das erhöht die Produktivität und Profitabilität.

Durch den einfacheren Zugang zu Fonds werden aktuell auch höhere Assets under Management erwartet, weil das Produkt Fonds zu einem Convenience-Produkt wird.

„Convenience“ klingt nach Privatanleger. Inwiefern kann die Blockchain Fondsinvestments auch für institutionelle Kunden revolutionieren?

Schmitz: Der Vertrieb und besonders die Auflage wird wesentlich schneller gehen.  Aktuell dauert es circa sechs Wochen oder länger bis ein Fonds aufgelegt wird. Wenn man das alles auf ein Minimum reduzieren kann, kommt dies auch einem institutionellen Investor zu Gute. Erstens steigt die Kundenzufriedenheit und es reduziert die Kosten: Da hat auch der Kunde etwas davon.

Welche Rolle spielen derzeit Bitcoins im Asset Management?

Schmitz: Derzeit sehen wir Bitcoins sehr sporadisch als Investment-Beimischung im Fonds, aber dies auch eher außerhalb von Deutschland. Uns ist bisher in Deutschland kein Fonds  in Europa bekannt, in denen jemand maßgeblich mit Bitcoins investiert, weil es derzeit als zu risikoreich und volatil angesehen wird.

Woran liegt es, dass Kryptowährungen bislang nur eine untergeordnete Rolle spielen?

Schmitz: Die Investoren sind Kryptowährungen gegenüber skeptischer, wie Umfragen gezeigt haben. Sie gelten als eher unsicher und nicht reguliert. Aber, wenn diese in den regulierten Markt überführt werden sollen, ist es klar, dass ein regulatorisches Framework geschaffen werden muss.

Glauben Sie, dass Asset Manager die Blockchain-Technologie mit ihren spezifischen Details im erforderlichen Maße verstehen?

Schmitz: Nicht ganzheitlich. Es gibt bei jedem Asset Manager einzelne Personen oder kleine Teams, die sich mit dem Thema tiefer beschäftigen. Diese holen sich Unterstützung bei Think-Tanks und Universitäten, die diese Technologie verstehen und gemeinsam an used-cases arbeiten.

Die Technologie ist aber noch nicht in der Breite bei den Asset Managern in der Organisation verankert. Das wird, wie auch bei anderen technologischen Änderungen, auch seine Zeit brauchen.

Besten Dank für das Gespräch!

 

Maren Schmitz von KPMG spricht über ein neues Simulationstool

Bildquelle: KPMG

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