Wenngleich der übergeordnete Trend zum Stellenabbau in der Finanzbranche fortbesteht, hat sich am grundlegenden Problem des Fachkräftemangels nichts geändert. Welche Skills sind gesucht im Asset Management und wie halten Unternehmen Talente?

Auch im Asset Management sind Fachkräfte händeringend gesucht. Welche Skills sind besonders gefragt? Laut Florian Frank, Senior Director, Head of Talent & Rewards bei Willis Towers Watson (WTW) macht sich am Markt Knappheit gut ausgebildeter, erfahrener Researcher bemerkbar. Dies gilt nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Wirtschaftswissenschaftler mit guten quantitativen Fähigkeiten sind auf Fachspezialisten-Ebene besonders rar, so die Beobachtung. Und auch Dr. Karin Schambach, Geschäftsführerin von Indigo Headhunters, sagt: Die Anfragen nach Analysten waren in den vergangenen Monaten ungewohnt hoch.

Gesucht: Researcher, Vertriebler, Alternatives-Spezialisten

Mit dem Trend zu alternativen Anlagen sind zudem auch Experten in diesen Bereichen gefragt. Dies ist ein wachsender, boomender Markt. Ob Private Equity, Sachwerte oder Private Debt – Bedarf an qualifiziertem Personal besteht laut Schambach sowohl bei den institutionellen Investoren als auch auf der Anbieterseite.

Infolge der zunehmenden regulatorischen Anforderungen müssen Unternehmen zudem im Bereich Compliance und Legal nachlegen. Hier sind geeignete Kandidaten rar. Auch im Vertriebsbereich gibt es noch keine Entspannung. Schon seit Jahren sind Sales-Spezialisten schwer zu finden, und daran hat sich nichts geändert, so die einhellige Einschätzung der Experten. In Zeiten der Krise sind die alten Hasen mit Netzwerk besonders gefragt, denn Neukundenakquise gestaltet sich per Videocall schwierig. Dies konterkariert ein wenig den Trend zur Verjüngung im Sales, denn eigentlich stellen die Unternehmen gerne Nachwuchs ein – zum einen, um den Übergang bei anstehenden Pensionierungen vorzubereiten, zum anderen aus Kostengründen.

„Die Corona-Zeit hat gezeigt, wie wertvoll bestehende Kontakte und Netzwerke sind und wie wertvoll es ist, diese bespielen zu können, ohne den Kunden zu treffen. Das Vertrauensverhältnis ist gerade bei der Betreuung institutioneller Kunden wichtig.“
Dr. Karin Schambach, Geschäftsführerin von Indigo Headhunters

Der Trend zur digitalen Kommunikation schaffe zudem Bedarf an Spezialisten im Marketing, etwa mit Erfahrung in Social Media und neuen Medien. Und auch das Thema ESG macht vor dem Recruiting nicht halt. Die Entwicklung Richtung Nachhaltigkeit ging so schnell, dass viele Asset Manager sich erst mal zu dem Thema positionieren müssen. Fachkräfte, die dabei mit anpacken können, sind nicht so zahlreich verfügbar wie benötigt. Ganz besonders gefragt sind Frauen für dieses Positionen, so der einhellige Tenor.

Fachkräftemangel: Flexibilität als Pluspunkt

Aber was können Arbeitgeber tun, um Talente für sich zu gewinnen? Flexible Arbeitszeiten und -orte sind sicher ein Thema. Die Entscheidung, ob das Arbeiten von zu Hause genehmigt wird oder nicht, hat die Pandemie den Unternehmen praktisch aus der Hand genommen. Home-Office ist gekommen, um zu bleiben. Vielleicht nicht als 100-Prozent-Lösung, aber Wechselmodelle mit zwei bis drei Tagen Arbeit von zu Hause könnten sich etablieren.

„Home-Office hat in der Finanzbranche gut funktioniert. Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer waren im Lockdown mit der Situation glücklich.”
Manuel Rehwald, Geschäftsführer von Rehwald Associates.

Im deutschen Asset Management dürften rund 30 Prozent der Angestellten während der Lockdowns von zu Hause gearbeitet haben, im Vergleich zu 7 Prozent im Jahr zuvor, als sich noch niemand um fiese Viren sorgte.

„Auf das alte Modell werden die meisten nicht mehr zurückgehen. Viele überlegen: Wie wird das Arbeitsmodell der Zukunft aussehen? In den Unternehmen wird diskutiert: Was hat gut funktioniert, was behalten wir bei, und was hat nicht funktioniert im Lockdown? Gesucht wird nach neuen Wegen, um Mitarbeiter virtuell einzubeziehen und die Unternehmenskultur weiter aufrecht zu erhalten.”
Florian Frank, Senior Director, Head of Talent & Rewards bei Willis Towers Watson (WTW)

Ähnliches beobachtet Dr. Martin von Hören, Director und Partner bei Kienbaum. Den Zusammenhalt innerhalb des Unternehmens zu stärken, wird stark diskutiert. „In einem kompetitiven Arbeitsmarkt, in dem wir in eine Knappheit kommen werden und der ,War for Talents‘ wieder zunehmen wird, ist natürlich die Bindung ans Unternehmen wichtig“, konstatiert von Hören.

Das neue Remote Working hat zwei Seiten. Denn wenn der Mitarbeiter von zu Hause arbeitet, sich dort einen schönen Arbeitsplatz eingerichtet hat, dann braucht er letztlich nur die Zugangsdaten zu wechseln und zieht schon zum nächsten Arbeitgeber weiter. Was bindet den Arbeitnehmer also noch ans Unternehmen?

Arbeitsmodell der Zukunft im Asset Management

„Da müssen die Unternehmen mehr tun. Es reicht nicht zu sagen, man verpflichtet jetzt alle Leute zu zwei oder drei Präsenztagen in der Woche. Das ist nicht mehr zeitgemäß.”
Dr. Martin von Hören, Director und Partner bei Kienbaum

Es muss etwas entstehen am Firmenstandort, für das sich die Präsenz lohnt. Interessante Meetings oder Austauschformate, Weiterbildungen und Brown-Bag-Sessions, vielleicht auch Events mit Freizeitcharakter sind Möglichkeiten. Dies schafft auch eine Verbindung der Mitarbeiter untereinander. Es muss wertschaffende und wertschätzende Ideen geben, möglichst ohne Zwang, rät der Experte. Der Kicker auf dem Flur reicht nicht mehr, der steht vielerorts schon längst in der Abstellkammer.

Weiterer Knackpunkt der virtuellen Welt: digitale Rekrutierungsprozesse, vom Vorstellungsgespräch bis zum Assessment Center. Denn der persönliche Austausch erlaubt einfach ein besseres Kennenlernen als über Teams, Skype und Co. „Es gibt natürlich eine affektive Komponente, die in virtuellen Gesprächen nicht so stark zum Tragen kommt“, sagt von Hören. Letztlich hat man im Einstellungsprozess weniger Informationen, um Entscheidungen zu treffen, Aussagen sind weniger belastbar.

Wenig hilfreich bei der Suche nach Talenten: Das Image der Finanzbrache ist nach wie vor angekratzt. Banken und Versicherungen gelten als angestaubt und sehr hierarchisch, wenngleich oft zu Unrecht. Schließlich hat die Branche hat einiges getan, um modernere Strukturen zu schaffen.

Eine Frage des Images: Fintech-Branche mit großer Sogkraft

Und dann gibt es ja auch noch den kleinen, coolen Bruder, die Fintech-Branche. Gerade die ohnehin gefragten quantitativen, techaffinen Spezialisten sind auch in dieser Szene heiß begehrt. Und es sind nicht nur IT-Spezialisten, sondern auch die zahlenaffinen Marktkenner, die in Berlin gefragt sind. Jedem guten Robo-Advisor geht schließlich eine gründliche Marktanalyse voraus.

Berlin und seine Start-up-Szene hat eine starke Sogkraft für die junge Generation, beobachtet Schambach. Hochschulabsolventen kehren ab vom beruflichen Werdegang der Elterngeneration, die Ausbildung beim etablierten Player verliert an Attraktivität. Lebensläufe werden bunter, die ersten beruflichen Stationen sind immer häufiger auch mal Start-ups aus der Fintech-Branche, teilt Schambach ihre Erfahrung. Berlin gewinnt im Wettbewerb um junge Talente gegenüber der etablierten Finanzszene an Bedeutung.

Finanzmetropole Frankfurt gewinnt an Bedeutung

Aber trotzdem gewinnt die Frankfurter Finanzszene. Berlin mag seine Strahlkraft haben, aber der Standort Frankfurt hat durch den Austritt der Briten aus der Europäischen Union eher an Bedeutung gewonnen. In Deutschland als Europas größtem Markt wurden Kundenbetreuung oder auch Marketing gestärkt, in Einzelfällen sogar Portfoliomanagement angesiedelt. Klar, der große Run von der Themse an den Main ist ausgeblieben und wird auch nicht kommen. Doch Verschiebungen hat es gegeben – ob nach Frankfurt, Amsterdam, Paris oder Madrid. Neubesetzungen erfolgen statt am Londoner Hauptsitz in Kontinentaleuropa, regionale Standorte vor Ort werden tendenziell gestärkt.

Laut der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hatten bis Ende 2020 circa 60 Finanzinstitute eine Lizenz in Deutschland beantragt, wovon ein großer Teil eine Europazentrale in Frankfurt einrichten wird.

„Die geplante und zum Großteil schon vollzogene Verlagerung von Assets aus London nach Frankfurt verdoppelt das Geschäft der Auslandsbanken in Deutschland“, sagt Andreas Prechtel, Geschäftsführer des Verbandes der Auslandsbanken (VAB). Die Auslandsbanken würden den Standort künftig noch stärker prägen und ihn „innerhalb Kontinentaleuropas zum führenden und international geprägten Finanzplatz machen mit ‚Hub‘-Funktion zum Aufbau der europäischen Kapitalmarkt- und Bankenunion“, so Prechtel.

Wall Street wird leerer

Anders sieht es auf der anderen Seite des Atlantiks aus. Zahlreiche Finanzinstitute kehren New York den Rücken. Wenn die Mitarbeiter ohnehin von zu Hause arbeiten, müssen auch keine hohen Mieten in Manhattan gezahlt werden. Außerdem sind Steuern nicht in jedem Staat so hoch wie in New York, so die Überlegungen.

„Ich war immer ein Typ, der gegen Home-Office war, der daran glaubte, dass Leute im Büro, im Trading Room sein müssen. Aber ich glaube nicht, dass das in der modernen Welt noch praktikabel ist. Menschen sollten ihr Leben so leben, wie sie wollen und da, wo sie am glücklichsten sind“, meint etwa Doug Cifu, CEO des US-amerikanischen Market Makers Virtu Financial. Das Unternehmen eröffnet einen Standort in Florida. 30 Mitarbeiter werden statt aus New York künftig in Palm Beach angesiedelt. Teile der teuren Büroflächen in Manhattan werden untervermietet, das Unternehmen ist nun auf der Suche nach kleineren Büros, die nur noch ein Viertel der ursprünglichen Fläche haben sollen.

Mit dem Schritt raus aus dem Herz der US-amerikanischen Finanzindustrie ist Virtu nicht alleine. Deutsche Bank und Goldman Sachs gehören zu den Branchenriesen, die ebenfalls in vermeintlich unternehmerfreundliche Gefilde abseits von New York City abwandern wollen.

Weitere Informationen zu Gehältern im Asset Management im Jahr 2021 finden Sie hier und in der dpn-Ausgabe Februar/März 2021.

 

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