Es sind allerdings gewisse Präferenzverschiebungen bei den Nutzungsarten feststellbar. Das geht aus der Studie „Präferenzen institutioneller Anleger bei Immobilien und Alternative Investments in 2022“ von artis Institutional Capital Management und Telos hervor. Alexander Scholz und Sebastian Thürmer berichten.

Um die aktuelle Situation in derzeit unruhigen Zeiten besser zu verstehen, haben artis und Telos die ein Jahr zuvor erfolgreich abgeschlossene Umfrage unter institutionellen Investoren wiederholt. Daran teilgenommen haben dieses Mal 64 Großanleger mit über 1.170 Milliarden Euro Assets under Management (AuM). Das gegenüber dem Vorjahr leicht vergrößerte Teilnehmerfeld mit Altersvorsorgeeinrichtungen (26 Prozent), Versicherungen (21 Prozent), Kreditinstituten (23 Prozent), Kirchen und Stiftungen (16 Prozent), Family Offices (11 Prozent) und Sonstigen (3 Prozent) bot einen guten Querschnitt und erlaubte relevante Einblicke in alle Investorengruppen. Den Fokus legte die Studie auf die Altersvorsorgeunternehmer und Versicherungen.

Alternative Investments gewinnen an Akzeptanz

Unter den professionellen Anlegern sind Anfang 2022 bereits 85 Prozent in Alternatives investiert – bei den Versiche- rungen und Altersvorsorgeunternehmen sind es gar 92 Prozent. Damit liegen die Investitionen in Alternatives 10 Prozent über dem Vorjahreswert. Eine beeindruckende Steigerung, auch wenn die meisten Engagements, knapp 70 Prozent, nur zehn oder weniger Prozent des Gesamtportfolios ausmachen. Immerhin 2 Prozent der Anleger sind mit 25 oder mehr Prozent ihrer Gesamtinvestitionssumme in Alternatives engagiert.

Am populärsten unter den klassisch alternativen Kategorien sind Infrastruktur Equity (83 Prozent), erneuerbare Energien (70 Prozent), Private Equity (66 Prozent) und Private Debt (57 Prozent). Bei den Altersvorsorgeeinrichtungen und Versicherungen finden sich zu Private Equity und Private Debt (jeweils 78 Prozent) sogar noch deutlich höhere Werte, während Infrastruktur Equity und erneuerbare Energien ähnlich nachgefragt sind wie bei den anderen Großanlegern.

AI-Favoriten bei Aufstockungsplänen

Aufstockungen werden bei Infrastruktur Equity, erneuerbaren Energien und Private Equity von jeweils etwa 70 Prozent aller Großinvestoren geplant. Private Debt liegt mit 54 Prozent etwas dahinter. Altersvorsorgeeinrichtungen und Assekuranz gehen etwas dezidierter vor und favorisieren be- sonders Infrastruktur Equity (79 Prozent) und Private Equity (72 Prozent).

Geht es um Aufstockungen in der Infrastruktur-Equity-Klasse, so geht es bei allen Institutionellen stets um Energiein- frastruktur (100 Prozent). 62 beziehungsweise 54 Prozent interessieren sich auch für Verkehrs- und soziale Infrastruktur. Bei erneuerbaren Energien dominieren die Energiearten Solar und Wind mit jeweils 92 Prozent; bei Private Equity sind es Buyout (67 Prozent) und Direktinvestitionen (43 Prozent). Private-Debt- Aufstockungen richten ihr Interesse besonders auf Infrastruktur (79 Prozent) und Immobilien (54 Prozent). Dieses Big Picture harmoniert übrigens auch mit der Aussage von Dr. Michael Leinwand, Vorstand Kapitalanlage bei der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL), der vor zwei Monaten im dpn-Interview ankündigte, dass „Private Assets sowohl auf der Equity- als auch auf der Debt-Seite in den kommenden Jahren für uns deutlich an Gewicht gewinnen. Der Ausbau alternativer Assets ist eines unserer Hauptthemen.“

Versicherungen bevorzugen Private Debt

Bei den Erstinvestment-Zahlen bezüglich Alternatives wird en passant deutlich, dass mittlerweile doch so mancher insti- tutionelle Anleger seine ersten Erfahrun- gen mit dieser Anlagekategorie gemacht hat. Planen aktuell nur noch 30 Prozent ein solches Erstinvestment, so waren es vor Jahresfrist noch etwa 57 Prozent.

Die von den Planern dabei ins Auge ge- fassten Segmente sind auf der Beliebtheits- skala nicht weit auseinander und reichen von Private Debt (37 Prozent) bis Private Equity (21 Prozent). Bei Versicherungen und Altersvorsorgeeinrichtungen zeigt sich ein klareres konturiertes Bild. Hier favorisiert eine Mehrheit mit deutlichem Vorsprung Private-Debt-Anlagen (60 Prozent). Im Rahmen der privaten Fremdfinanzierung logiert die Immobilienfinanzierung mit 67 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Infrastruktur mit 53 und Corporate mit 40 Prozent.

Nachhaltigkeit wird zur conditio sine qua non

Eng verknüpft mit den alternativen An- lagen ist auch das Thema Nachhaltigkeit. Gerade das Jahr 2021 stand stark im Zeichen von Klima- und Wertediskussionen, die auch den Kapitalmarkt mitbestimmten. Die fortschreitende Anerkennung der international etablierten „Leitplanken“ ESG (Environment Social Governance) und SDGs (Sustainable Development Goals) und die Einführung verbindlicher Regularien auf nationaler und internationaler Ebene laden das Attribut „nachhaltig“ stark auf. Die Frage, ob die Nachhaltigkeit an Bedeutung gewonnen habe, wurde mit Blick auf die öffentliche Diskussion von 85 Prozent und bezüglich hausinterner Erörterungen von 79 Prozent bejaht. Diese hohen Werte bestätigen auch die Sichtweise von Thomas Kusterer, CFO der EnBW, der in seinem dpn-Interview vom 12. Januar betonte, dass Nachhaltigkeit längst ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor ist.

Besonders bemerkenswert sind allerdings die 62 Prozent, die den von Aufsichtsbehörden aufgestellten Nachhaltigkeitskriterien eine wichtige Bedeutung beimessen. Vor Jahresfrist waren es ledig- lich 31,7 Prozent, doch neue Verordnungen auf EU-Ebene wie die Offenlegungs- (seit 03/2021) und die Taxonomie-Verordnung (seit 01/2022), laufende Berichte an die BaFin beziehungsweise EZB und natürlich auch der für viele Großanleger obligate CSR-Bericht haben den Wert rapide nach oben schnellen lassen. Mittlerweile verfügen viele Institutionelle über Nachhaltigkeitsbeauftragte oder sogar ganze Teams.

Impact-Investing-Strategien gewinnen an Bedeutung

Laufende Berichte und Auflagen sind das eine, Orientierung bietende Richtlinien das andere. Hier greifen die Institutionellen vorzugsweise auf SDGs (74 Prozent) und CO2- Fußabdrücke (60 Prozent) zurück. Ebenfalls auf dem Vormarsch sind Impact-Investing- Strategien (24 Prozent). Welche SDGs den Kapitalanlegern besonders wichtig sind, er- fasst die Umfrage nicht. Doch nach Recher- chen der Bundesinitiative Impact Investing e.V. (BIII) dominieren die Ziele Gesundheit und Wohlergehen (SDG 3), bezahlbare und saubere Energie (SDG 7), nachhaltige Städte und Gemeinden (SDG 11).

57 Prozent der Umfrageteilnehmer besitzen inzwischen einen hausinternen Leitfaden zum Thema Nachhaltigkeit;
32 Prozent wollen sich im kommenden Jahr einen zulegen. Bei Assekuranz und Altersvorsorgeeinrichtungen sind es gar 70 und 25 Prozent. All diese Werte liegen deutlich über denen des Vorjahres (45 und 37 Prozent).

Nachhaltigkeitsaspekte, so die Institutionellen weiter, finden besondere Berücksichtigung bei Immobilien (80 Prozent), Infrastruktur (67 Prozent) und erneuerbaren Energien (59 Prozent). Bei Private- Equity- (50 Prozent) und Private-Debt-Anlagen (35 Prozent) werden nicht so strenge Maßstäbe angelegt. Beim Impact Investing, also den Investitionen, die einen messbaren sozialen ebenfalls die Asset-Klassen Immobilien (78 Prozent), erneuerbare Energien und Infra- struktur (beide jeweils 65 Prozent) vorn.

Immobilienanlagen in Transformation

Bliebe noch das Immobiliensegment. 96 Prozent der Großanleger haben Immobili- en in ihrem Portfolio (Vorjahr 95 Prozent). Bei 32 Prozent macht diese Anlagekategorie mehr als 20 Prozent des gesamten Portfolios aus. Im Vorjahr galt dies lediglich für 20 Prozent der Befragten. Bei den Nutzungsarten dominieren, wenig überraschend, Wohnen (80 Prozent), Büro (74 Prozent), Handel (63 Prozent) und Logistik (60 Prozent). Wenig Resonanz finden in Coronazeiten Hotels (34 Prozent) und erstaunlicherweise auch Gesundheitsimmobilien (31 Prozent).

Bleibt die Frage, ob auch in Zukunft mit einer ähnlichen Verteilung gerechnet werden kann. 62 Prozent wollen in den nächsten 12 Monaten ihre Immobilien- position weiter aufstocken (Vorjahr 68 Prozent). Wohnen (48 Prozent), Logistik (33 Prozent) und Büro (31 Prozent) bleiben die favorisierten Nutzungsarten. Das Augenmerk richtet sich geographisch auf Deutschland (81 Prozent) und das übrige Europa (78 Prozent). Die Aufstockungspläne von Versicherungen und Altersvorsorgeeinrichtungen sehen ähnlich aus wie die der anderen Investorengruppen. Allerdings fällt das starke Votum für Logistik (52 Prozent) auf und aus dem Rahmen.

Investitionen in neue Nutzungsarten werden natürlich auch ins Auge gefasst. Wohnen und Gesundheit zählen zu den bevorzugten Kandidaten. Die in den letzten Jahrzehnten einst so dominanten Nutzungsarten Büro und Handel werden aktuell zurückhaltender betrachtet. Einerseits wurde schon längere Zeit bewusst die starke Ausrichtung dieser Nutzungsarten reduziert und andererseits sind Beobachtungen bezüglich Auswirkungen zu Homeoffice-Tätigkeiten und Onlineeinkäufen im Netz immer noch in der Beobachtung.

Die wichtigsten Erkenntnisse

Die Studienergebnisse zeigen, dass Alter- natives weiter an Attraktivität gewinnen. Im Mittelpunkt stehen die Anlagekate- gorien Infrastruktur Equity, erneuerbare Energien, Private Equity und Private Debt. Nachhaltigkeitsaspekte werden bei den beiden erstgenannten besonders sorgfältig und kritisch betrachtet. Vorgaben liefert die Regulatorik auf nationaler und internationaler Ebene. Orientierung bieten SDGs, ESG oder auch eigene Richtlinien.

Generell lässt sich eine tendenzielle Verschiebung der Kapitalanlagen in Richtung nachhaltiger Asset-Klassen konstatieren, die in den nächsten Jahren weiter fort- schreiten wird. Dabei bilden Neuinvestitionen die Vorhut. Aber auch bestehende Investments dürften in den kommenden Jahren auf den Prüfstand kommen und gegebenenfalls ausgetauscht werden.

Bei den Immobilienanlagen gibt es keine dramatischen Veränderungen. Portfolioumschichtungen auf Basis von Nutzungsarten – weniger Hotel und Büro, mehr Wohnen und Logistik – prägen derzeit das Bild. Ausschlaggebend waren und sind in den meisten Fällen Pandemiefol- gen und gesellschaftliche Veränderungen. Die Nutzungsart Wohnen dürfte in den nächsten Jahren ihren Fokus verstärkt auf Niedrigenergie-Neubauten und sanierte Liegenschaften legen, da hier klimapolitisch motivierte Regularien zu erwarten sind.

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