07.10.2019 | Von Marcel Thiel

“Wir zünden die nächste Stufe!”

Dr. Holger Sepp, im Vorstand des Privatbankhauses Hauck & Aufhäuser, sprach mit Marcel Thiel über die Herausforderungen des Asset Servicing-Geschäfts.

Bildquelle: Hauck & Aufhäuser

Die Administrations- und Custody-Dienstleistungen in Deutschland stehen vor neuen Herausforderungen. Welche ist aus Ihrer Sicht derzeit die größte?

Holger Sepp: Derzeit treiben uns alle Themen rund um Digitalisierung und Automatisierung um. In den letzten Jahren sind wir in den Bereichen Real Assets, etwa Immobilien, Private Equity und Infrastruktur, stark gewachsen. Da spielen diese Themen eine besonders große Rolle.

Historisch betrachtet ist das Custody-Geschäft manuell und papierlastig. Künftig sollen Dokumente stärker über Datenräume ausgetauscht werden. Wir fragen uns: Wie können wir die Real-Asset-Welt weiter automatisieren und digitalisieren? Noch in diesem Jahr zünden wir die nächste Stufe und starten ein Pilotprojekt zum Thema Künstliche Intelligenz. Im Gegensatz zum Roboter, der lediglich auf immer wiederkehrende und automatisierte Prozesse fokussiert ist, lernt die Künstliche Intelligenz tatsächlich dazu.

Wie hoch ist der Margendruck?

Sepp: Der Margendruck ist extrem hoch – für alle Häuser. Die Spirale geht seit Jahren nach unten. Wir stehen im Asset Servicing am hinteren Ende der Wertschöpfungskette, wo der Margendruck gefühlt immer am höchsten ist. Das Wertpapiergeschäft ist davon im Vergleich sicher noch stärker betroffen als die Real Asset-Seite. Aber auch im letztgenannten Bereich haben sich die Margen seit Einführung der AIFMD reduziert. Wichtig ist für uns in der Nische, in der wir uns bewegen, unseren Kunden in beiden Bereichen durch entscheidende Zusatzservices oder ein gewisses Maß an Individualität einen Mehrwert zu liefern. Dies ist unser Ansatz, um dem Margendruck zu begegnen.

Glauben Sie, dass es zu einer weiteren Konsolidierung des Verwahrstellenmarktes kommt?

Sepp: Aus meiner Sicht gibt es zwei Arten von Playern: Einmal die Global Custodians und andererseits Nischenplayer wie wir. Vor zehn Jahren waren auf dem deutschen Verwahrstellenmarkt noch fünfzig Häuser aktiv, heute sind es vierzig. Bei der Konzentration der Assets hat sich dagegen mehr getan. Ende 2018 hatte der deutsche Verwahrstellenmarkt 2100 Milliarden Euro. Angesichts dieser Konzentration liegen die Top-6-Player bei einem Marktanteil von 75 Prozent. Bei den verbleibenden Häusern sind welche dabei, bei denen der Markt schon weiß, dass sie verschwinden werden. Wir sehen immer wieder, dass sich Häuser aus strategischen Gründen zurückziehen oder die Mindestvolumina nicht aufbringen und das Geschäft dadurch nicht profitabel betreiben können.

Was ist Ihr Alleinstellungsmerkmal? Was bedeutet dies im Kontext mit dem Standort Luxemburg?

Sepp: Die Global Custodians bieten Services für die großen multinationalen Häuser an. Hier wird der Kunde über Europa und Asien bis in die Amerikas begleitet und es werden standardisierte und einheitliche Prozesse angeboten. Wir, als ein kleines mittelständisches Haus, sind individueller und können maßgeschneiderte Lösungen anbieten.  Dies passt sehr gut zu unseren Kunden, die in der Regel auch kleinere und mittelgroße Häuser mit einer vergleichbaren DNA und einer eher lokalen Aufstellung sind.

Luxemburg ist mittlerweile unser größter Standort. Rund 350 Mitarbeitern sind vor Ort tätig, die meisten im Bereich Asset Servicing. Gerade auf institutioneller Seite gibt es verschiedene Fondsformen, wofür Luxemburg prädestiniert ist. Wir haben kreative Ideen zur Weiterentwicklung dieser Services. Da sind wir „state of  the art“ als einer der Provider vor Ort, der einen durchgängig „deutschen“ Service anbietet. Kleinere und mittelgroße Asset Manager, Pensionskassen oder Stiftungen freuen sich über deutschsprachige Kommunikation, Reporting und Vertragswerke. Das ist unser Markenzeichen und passt zu unserer mittelständischen Klientel.

 Welche Zusatzdienstleistungen bieten Sie an? Bieten Sie Insourcing von Verwahrstellenprozessen oder andere Administrationsdienstleistungen an?

Sepp: Wir bieten dem Kunden in Luxemburg vor Ort ein modulares Serviceangebot, welches von Einzeldienstleistungen bis hin zu einem One-Stop-Shop reicht. Der Kunde kann bei uns neben den klassischen Dienstleistungen – ManCo, Administration, Verwahrstellen und Custody – einen bunten Blumenstrauß an Zusatzservices mitbuchen. Das fängt bei FX an, geht über Wertpapierleihe bis hin zu Collateral Management.

Wir haben ein modulares Angebot, wo der Kunde entscheidet, welche Teile er an uns delegieren möchte. Möglich ist jede Konstellation: Der Kunde kann selbst ManCo sein, wir machen die Administration und ein Dritter ist Verwahrstelle. Oder der Kunde kann eine externe ManCo beauftragen und wir machen den Rest.

In den deutschen Markt für Fondsadministration kommt Bewegung im Bereich der Immobilien und Sachwerte hinein: Vor 10 bis 15 Jahren gab es einen Trend zur Auslagerung der Fondsadministration auf der Wertpapierseite. Diesen Trend sehen wir seit 3 bis 5 Jahren auch bei den offenen Immobilienfonds in Deutschland. Aber auch geschlossenen Fondshäuser, die vor einigen Jahren im Zuge der  AIFMD die KVG-Lizenz beantragt haben, überlegen sich jetzt: Müssen wir das alles selber machen?

Ist das Cross-Selling-Geschäft Compliance-konform?

Sepp: Die einzelnen Teams und Einheiten sind organisatorisch klar getrennt. In Luxemburg, wo wir den One-Stop-Shop im Asset Servicing anbieten, sind die ManCo/Administration und Verwahrstelle (beziehungsweise Custody) organisatorisch voneinander getrennt. Darüber hinaus haben wir unterschiedliche Vorstände in den Tochtergesellschaften bzw. in der Niederlassung unserer Bank.

Welche Bedeutung haben regulatorische Themen derzeit  für das Verwahrstellengeschäft?

Sepp: Die Regulatorik hat uns die letzten Jahre stark beschäftigt. Wir sind in den Ausläufern von MiFID II quasi bei den letzten Restarbeiten. Schon bald rechnen wir mit einem neuen Verwahrstellen-Rundschreiben. Es ist eine Herausforderung diese Vielzahl an Themen zu bewältigen.

Auch in Luxemburg besteht ein regulatorischer Druck im Sinne von KYC, AML oder der sogenannten UBO-Thematik. Viele dokumentarische Aufgaben kommen auf die Häuser zu. So hat Luxemburg beispielsweise die Anforderungen an die Substanz der einzelnen Häuser erhöht. So soll sichergestellt werden, dass genügend Mitarbeiter vor Ort  sind und die Häuser nicht „ferngesteuert“ werden.

Ist das Verwahrstellen- und Custody-Geschäft ein Wachstumsmarkt? Wenn ja, warum?

Sepp: Zunächst kommt es darauf an, wie man Custody definiert. Ich unterscheide zwischen Depositary und Custody. Depositary ist die Verwahrstelle bzw. die frühere  Depotbankkontrollfunktion, Custody dagegen die globale Wertpapierverwahrung. Der Bereich Depositary wächst weiter, da sich die investierten Gelder in Wertpapieren und Sachwerten weiter erhöhen. Dabei sind in den vergangenen Jahren relativ gesehen insbesondere institutionelle Gelder in Deutschland in Sachwerten stark angestiegen. So hat sich das Volumen in deutschen Immobilienspezialfonds seit 2009 von 29 Milliarden auf Ende 2018 90 Milliarden nahezu verdreifacht. Deutsche Versicherer haben derzeit durchschnittlich etwa zehn Prozent Sachwerte-Anteile in den Portfolios. Vor 5 bis 6 Jahren waren sie noch bei sechs Prozent. Große Staats- oder Universitätsfonds gehen hierbei schon an die 50-Prozent Real-Asset-Quote heran. In Deutschland verbinden wir Real Assets heute noch stark mit Immobilien. Bei den großen Staats- und Universitätsfonds ist es  viel breiter gestreut. Da spielen auch Private Equity, Hedgefonds oder Infrastruktur eine sehr große Rolle.

Wie beeinflusst Ihr neuer chinesischer Eigentümer Fosun das Geschäft? Und wie sieht es mir Ihrer Übernahme in Irland aus?

Sepp: Fosun ist unser Shareholder und hat uns viel Stabilität und Dynamik ins Haus gebracht. Das Unternehmen ist langfristig orientiert und gibt uns unternehmerischen Spielraum. In Irland haben wir in diesem Jahr mit Crossroads Capital eine ManCo akquiriert, also den ersten Teil der Wertschöpfungskette im Asset Servicing. Unser Zielbild für Irland ist es, wie auch in Luxemburg, die komplette Wertschöpfungskette anbieten zu können, bezogen sowohl auf Wertpapiere als auch auf Real Assets.

Mit dem Schritt nach Irland wollten wir an den zweitgrößten Administration-Markt gehen, zumal wir davon überzeugt sind , dass Post-Brexit hier noch viel passieren wird. Des Weiteren haben wir diese Akquisition im Rahmen unserer Internationalisierungsstrategie durchgeführt. Dabei wollen wir uns im Hinblick auf unsere Produktions- bzw. Domizilierungsstandorte auf Deutschland, Luxemburg und Irland konzentrieren. Unabhängig davon bieten wir unsere Services an den drei Standorten natürlich auch zunehmend einer internationalen Klientel an. Aber auch da bleiben wir in der Nische mit dem Fokus auf kleinere und mittelgroße Kunden.

Besten Dank für das Gespräch.

 

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