Schweizer Banken sind bisher gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Künftige Entwicklungen auf den Finanzmärkten und der eigene Geschäftsgang werden deutlich positiver eingeschätzt als noch vor einem Jahr.

Fast 90 Prozent der Schweizer Banken, die in einer Umfrage von EY befragt wurden, erwarten für das laufende Geschäftsjahr ein höheres operatives Ergebnis. Zwei Drittel der befragten Institute rechnen zudem mit einer begrenzten Inflation für die Schweiz und weiterhin tiefen Zinsen. Auch ist Nachhaltigkeit nach wie vor ein bestimmendes Thema für die Mehrzahl der Banken; dabei sehen sie in Nachhaltigen Anlagen und Krediten den grössten Hebel zum Schutze des Klimas. Zugleich plant über die Hälfte neue Anlageprodukte zu Kryptowährungen, wie aus dem EY Bankenbarometer und der Befragung von 90 Führungskräften von verschiedenen Banken in der ganzen Schweiz hervorgeht.

Banken erwarten für 2021 gute operative Ergebnisse

Die Banken haben in der seit beinahe zwei Jahren anhaltenden Pandemie eine beachtliche Resilienz gezeigt und solide Ergebnisse erzielt. Im Schweizer Kreditgeschäft waren bislang keine wesentlichen Ausfälle zu verzeichnen, und die Banken konnten in den vergangenen Monaten sowohl im Kommissions- als auch im Handelsgeschäft von der positiven Stimmung an den Finanzmärkten profitieren. Dennoch warnt Patrick Schwaller, Managing Partner Audit Financial Services, vor einer Euphorie: «Die strukturellen Herausforderungen mit Margenerosion im Anlage- und Zinsgeschäft haben sich nicht in Luft ausgelöst.»

Die Banken selbst beurteilen ihren aktuellen operativen Geschäftsgang positiv; so erwarten 87 Prozent der befragten Institute für das Geschäftsjahr 2021 einen Anstieg der operativen Ergebnisse, was einer deutlichen Zunahme von 34 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr entspricht. Auch mit Blick auf die Zukunft zeigen sich die Banken optimistisch: Ebenfalls 87 Prozent der befragten Institute erwarten sowohl kurzfristig als auch langfristig eine positive Entwicklung des operativen Geschäfts. Timo D’Ambrosio, Audit Financial Services bei EY, zeigt sich leicht skeptisch: «Die Banken wollen das positive Momentum nutzen und den Fokus im kommenden Jahr auf weiteres Wachstum legen. Ob das gelingt, wird sich noch zeigen müssen.»

Banken rechnen mit begrenzter Inflation und tiefen Zinsen

Der plötzliche Anstieg der Inflation, vor allem in den USA und in der EU, beschäftigt die Finanzmärkte bereits seit einigen Monaten. Die Schweiz blieb bisher von dieser Entwicklung verschont. Geht es nach den Schweizer Banken, wird sich daran auch in Zukunft nichts ändern. Zwei Drittel (66 Prozent) der befragten Banken gehen davon aus, dass in der Schweiz mittel- bis langfristig nicht mit einer Teuerung von über 2 Prozent zu rechnen ist.

Ausgehend von dieser langfristigen Inflationserwartung überrascht es wenig, dass die Banken auch nicht mit einer geldpolitischen Kehrtwende beziehungsweise mit dem Ende der Tiefzinspolitik in der Schweiz rechnen. So bleibt die Weitergabe von Negativzinsen an die Kunden auch im Jahr 2022 ein aktuelles Thema. Denn bei nahezu einem Viertel der befragten Banken (23 Prozent) müssen Kunden mit einem Vermögen ab 100.000 Franken mit zusätzlichen Belastungen von Negativzinsen rechnen.

Zinsen im Ausland könnten ansteigen

Den Banken ist dennoch bewusst, dass steigende Zinsen nicht nur eine theoretische Gefahr sind, sondern Realität werden könnten. Der erhebliche Anstieg der Inflationsraten in vielen Ländern in den letzten Monaten hat den Banken bewusst gemacht, dass rasch und stark steigende Zinsen eine reelle Gefahr sind. Mehr als ein Viertel der Banken (26 Prozent), und damit deutlich mehr als im Vorjahr (13 Prozent), erkennt in einem solchen Szenario die grösste Herausforderung für das Zinsrisikomanagement der Banken.

Klimaschutz bleibt ein wichtiges Thema

Fast die Hälfte der Banken (45 Prozent) gibt an, dass für sie nachhaltige Anlagen die grösste Chance bieten, einen effektiven Klimaschutz zu betreiben. An zweiter Stelle bewerten 43 Prozent der Banken das Kreditgeschäft als grössten Hebel für nachhaltigen Schutz des Klimas. Corina Grünenfelder, Expertin für Risiko Management Nachhaltigkeit, bestätigt: «Die Erwartung an die Schweizer Banken, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, steigt kontinuierlich. Deswegen berücksichtigen Banken vermehrt Nachhaltigkeitskriterien in der Kreditvergabe als Hebel für eine nachhaltigere Realwirtschaft.»

Im Kreditgeschäft gibt knapp die Hälfte der befragten Banken an, Nachhaltigkeitsfaktoren bei der Kreditvergabe an kommerzielle Kunden zu berücksichtigen. Während in den vergangenen Jahren eine rasante Veränderung hin zu einem nachhaltigeren Kreditgeschäft zu beobachten war, scheint sich nun ein Status quo etabliert zu haben. Denn wie im Vorjahr schliesst weiterhin lediglich ein Viertel der Banken die Berücksichtigung von ESG-Faktoren bei der Kreditvergabe kategorisch aus.

Konkretisierung bereits bestehender Regularien wird gewünscht

Mit klaren Positionierungen verschiedener Länder und Aufsichtsbehörden zeigt sich ein deutlicher Trend im Bereich der Regulierung. Die EY-Umfrage zeigt, dass 44 Prozent der diesjährig befragten Banken sich eine weitere Konkretisierung bereits bestehender Regularien wünschen, um den wachsenden Ansprüchen gerecht zu werden, Potenziale ausschöpfen zu können, und Greenwashing zu vermeiden.

Mehrheit plant Anlageprodukte für Kryptowährungen

Während sich die Schweizer Banken beim Angebot von Anlagemöglichkeiten in Kryptowährungen bisher weitgehend zurückhielten, plant nun mehr als die Hälfte der befragten Banken, innerhalb der nächsten drei Jahre ein Angebot zur Investition in Krypto-Anlagen zu lancieren (55 Prozent).

Dabei zeigen insbesondere die Privatbanken (68 Prozent) ein grosses Interesse an dieser neuen Anlageklasse. Mehr als die Hälfte der befragten Banken (55 Prozent) rechnet damit, dass sich Kryptowährungen langfristig als klassische Anlageprodukte wie Aktien und Obligationen etablieren werden. Auch die Nachhaltigkeitsziele scheinen die Banken nicht am Aufbau eines entsprechenden Krypto Angebots zu hindern. Mehr als die Hälfte aller Banken (54 Prozent) vertritt die Auffassung, dass das Anbieten von Anlagemöglichkeiten in Kryptowährungen den Nachhaltigkeitszielen ihrer Bank nicht widerspricht.

Ausblick für die Zukunft ist optimistisch

Nachdem Schweizer Banken die Krisen der vergangenen Jahre gut überstanden haben, befinden sie sich in einer Position der Stärke, und zeigen sich trotz eines anspruchsvollen Umfelds optimistisch. Um künftig mit der Dynamik der Branchenentwicklung mitzuhalten, sind weitere Veränderungen jedoch unumgänglich. «Im Anschluss an eine Phase der Resilienz ist die entscheidende Frage für Banken, wie sie Rigidität überwinden und daraus agile Marktchancen für profitables Wachstum nutzen können», sagt Olaf Toepfer, Partner und Leiter Banking & Capital Markets. Seiner Ansicht nach könnte der Schlüssel in der Weiterentwicklung zu kundenzentrierten Geschäftsmodellen liegen.

Systematisierung der Prozesse soll profitables Wachstum steigern

Diese Einschätzung teilen auch die befragten Institute: Um künftig verstärktes profitables Wachstum erreichen zu können, stellen die Banken auch in diesem Jahr die Kundinnen und den Kunden in den Mittelpunkt. Sie wollen eine Systematisierung der Kundenakquisition, -entwicklung und -retention erreichen (42 Prozent), ein besseres Kundenverständnis aufbauen (38 Prozent) und das Kundenerlebnis verbessern (37 Prozent). Diesen Entwicklungen und Zielen gilt es Rechnung zu tragen, um die Wertschöpfungskraft der Banken nachhaltig zu erhalten.

Informationen zur Studie

Der EY Bankenbarometer basiert auf der Befragung von verschiedenen Banken in der ganzen Schweiz. Auch die Schweizer Einheiten der zwei Grossbanken wurden befragt. Ihre Einschätzungen sind in die generellen Auswertungen eingeflossen, wurden aber in den Auswertungen nach Bankentyp nicht berücksichtigt. Bei 29 Prozent der befragten Institute handelt es sich um Privatbanken, bei 25 Prozent um Auslandsbanken, bei 27 Prozent um Regionalbanken und bei 19 Prozent um Kantonalbanken. 70 Prozent der Institute stammen aus der Deutschschweiz, 20 Prozent aus der Westschweiz und 10 Prozent aus dem Tessin. Die Befragung wurde im November 2021 durchgeführt. Die Erhebung und Auswertung der Daten erfolgte durch EY in der Schweiz.

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