Das Schweizer Drei-Säulen-Modell gilt als eines der besten Altersvorsorgemodelle der Welt. Guido Birkner zeichnet den historischen Weg der zweiten, beruflichen Säule nach.

So groß die internationale Wertschätzung für das dreisäulige Altersvorsorgemodell der Schweiz auch ist, so wenig ist dieses Modell auf der Basis eines einzigen Konzeptes oder einer Reform der Alterssicherung entstanden. Vielmehr haben sich die drei Säulen über Jahrzehnte hinweg und in unterschiedlichem Tempo herausgebildet. Die ersten Umrisse des Modells zeigten sich in der Zwischenkriegszeit.

In den 1960er Jahren etablierte sich der Begriff des Drei-Säulen-Konzepts, seit 1972 ist er verfassungsrechtlich verankert. Die erste der drei Säulen ist die staatliche Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) von 1948. Über diese obligatorische Volksversicherung erhalten Frauen und Männer in der Schweiz ab dem Renteneintrittsalter eine bescheidene Rente. Die zweite Säule bildet die berufliche Vorsorge. Seit der Zwischenkriegszeit nimmt sie in der Schweiz eine relevante Position innerhalb der Altersvorsorge ein, und seit 1985 ist sie für alle Arbeitnehmer obligatorisch. Dabei stützt sich ihre Finanzierung auf Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge im Rahmen eines Kapitaldeckungssystems.

Dritte Säule dient individuellem Wohlstand

Die private Vorsorge als dritte Säule ist eine freiwillige Absicherung, die der Versicherungsnehmer selbst finanziert und die seit 1985 steuerlich begünstigt ist. Während die Mittel aus der staatlichen Versicherung die Existenz der Bezieher sichern sollen, stellt die berufliche Vorsorge eine Ergänzung der AHV dar, um die Lebenshaltung der Berufstätigen zu sichern. Zusammen sollen die Renten aus staatlichen Beiträgen und beruflicher Vorsorge
Alterseinkünfte in Höhe von mindestens 60 Prozent des letzten Berufseinkommens garantieren. Allerdings sind bis heute noch nicht alle Arbeitnehmer in der Schweiz in einer Pensionskasse versichert. Die private Vorsorge über die dritte Säule dient dem Erhalt des individuellen Wohlstands.

Die berufliche Säule stellt in der Schweiz den ältesten Baustein der finanziellen Altersvorsorge dar. Heute gelten die bernischen Landjäger als die erste Berufsgruppe, die bereits 1803 in den Genuss einer Pensionskasse kamen. Es folgten ab 1811 die Lehrkräfte im Kanton Waadt und ab 1831 die Lehrer und Polizisten von Basel-Stadt. Die
ersten größeren Pensionskassen entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Umfeld von Eisenbahnunternehmen. Sie waren privatrechtlich begründet, aber staatlich konzessioniert. Seit 1874 waren die
Hilfskassen der Bahnunternehmen gesetzlich gegen Konkurse geschützt. Nach 1887 mussten neue Eisenbahngesellschaften eine Hilfskasse einrichten, um eine staatliche Konzession zu erhalten. In der Folge wiesen die privaten Berufskassen, zu denen die Eisenbahnkassen zählten, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit 52.000 Personen mehr als fünfmal so viele Versicherte auf wie die öffentlichen Berufskassen. Zu
letzteren zählten Kassen für Berufsstände wie Beamte, Pfarrer, Lehrer und Polizisten.

Gründung von Pensionskassen zur Mitarbeiterbindung

Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) gründeten ihre Pensionskasse 1906 als Pensions- und Hilfskasse.
Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 forcierte die Entwicklung der Altersvorsorge. Die Kriegswirtschaft bescherte den Betrieben der Schweizer Maschinenbau-, Chemie und Textilindustrie so hohe Gewinne, dass auch sie Hilfskassen für ihre Arbeiter einrichten konnten. In diesen Jahren entstanden Hunderte neue Pensionskassen. Eine Motivation für die Arbeitgeber war, dass sie ab 1916 im Rahmen der Kriegsgewinnsteuer Gewinne steuerbefreit in ihren Pensionskassen anlegen konnten. Diese Maßnahme blieb auch nach dem Kriegsende 1918 in Kraft. So sammelten die Unternehmen vor allem zwischen 1917 und 1920 größere Pensionsvermögen an, die sich schon 1921 in der Summe auf ein Gesamtvolumen von einer Viertelmilliarde Franken (rund 234 Millionen Euro) beliefen. Unternehmen gründeten auch deshalb Pensionskassen, um ihre Mitarbeiter langfristig an sich zu
binden und um sozialen Spannungen am Kriegsende 1918 entgegenzuwirken.

Nach dem Ersten Weltkrieg belebte die berufliche Vorsorge ebenfalls den Markt für das Lebensversicherungsgeschäft. Arbeitgeber kauften Gruppenversicherungsverträge bei Lebensversicherungsgesellschaften. Dabei handelte es sich vor allem um Einrichtungen mit einer kleineren Anzahl Versicherter oder um Hilfskassen in der Aufbauphase. Schätzungen zufolge waren 1925 rund 10 Prozent aller Versicherten in Unternehmen der Privatwirtschaft in Gruppenversicherungen abgesichert. In der Zwischenkriegszeit wurden die öffentlichen Institutionen innerhalb der beruflichen Vorsorge im Vergleich zu den Privatunternehmen immer wichtiger. Ähnlich den privaten Versicherungen gingen auch öffentliche Altersversicherungen aus den Hilfskassen und Gegenseitigkeitsversicherungen des 19. Jahrhunderts hervor.

Altersvorsorge: Öffentlicher Dienst in der Vorreiterrolle

Zu den ersten Einrichtungen gehörten die Kassen für Beschäftigte im öffentlichen Dienst und die Kassen für verstaatlichte, ehemals private Eisenbahngesellschaften. 1925 stellten die beiden Bundeskassen für die Bundesbahnen und die Bundesverwaltung mit 61.000 Personen mehr als die Hälfte aller 112.000 öffentlich Versicherten. Im selben Jahr wiesen fast zwei Drittel der Beamten im öffentlichen Dienst eine Versicherung
für die Altersvorsorge auf, während es im privaten Sektor lediglich 20 Prozent der unselbständigen Erwerbstätigen waren. Dabei waren die Versicherungsgrade in der Privatwirtschaft je nach Branche unterschiedlich. Relativ hoch waren Beteiligungsquoten in der Industrie. In der Textilindustrie betrug die Beteiligung 37 Prozent der Beschäftigten, in der chemischen Industrie 36 Prozent und in der Elektroindustrie 35 Prozent. Die Dienstleistungsbranchen, zu denen vor allem Handel, Banken und Versicherungen zählen, wiesen im Durchschnitt eine Quote von 20 Prozent auf. Hingegen hatte die Bauwirtschaft mit einer Quote von 2 Prozent eine sehr hohe Unterversicherung.

Eine berufliche Altersvorsorge für landwirtschaftliche Angestellte existierte in dieser Zeit praktisch noch nicht.
Bei den Rentenleistungen hinkten die privaten Kassen Mitte der 1920er Jahre den öffentlichen Kassen deutlich hinterher. Gemessen am früheren Einkommensniveau, zahlten die öffentlichen Kassen Renten, die im Schnitt mehr als doppelt so hoch waren wie die der privaten Kassen. Der Unterschied erklärt sich damit, dass die öffentlichen Kassen überwiegend nach dem Leistungsprinzip, die privatwirtschaftlichen nach dem Beitragsprinzip kalkulierten. Um 1920 konnten drei von vier Kassen nur ungenügend leisten, wenn die minimale Existenzsicherung als bescheidenes Ziel vorgegeben war. Bis zum heutigen Tag prägen die Unterschiede im
Leistungsniveau den Vergleich zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor in der beruflichen Altersvorsorge der Schweiz.

Kritik an staatlicher Altersversicherung

1931 scheiterte in der Schweiz eine Gesetzesvorlage für die Einführung einer staatlichen Altersversicherung bei der Abstimmung. Die Gegner einer solchen Einrichtung und die Befürworter der betrieblichen Vorsorge setzten sich durch. Auch in den 1930er Jahren bewahrten die beruflichen Pensionskassen ihre Hegemoniestellung gegenüber einer staatlichen Vorsorge. Zwar lag die Zahl der neugegründeten Kassen zwischen 1931 und 1934 nur bei weniger als 50 pro Jahr, doch die wirtschaftliche Erholung in den folgenden Jahren und eine
Steuerbefreiung für die berufliche Vorsorge ab 1940 ließen die Zahl der Neugründungen betrieblicher Pensionskassen wieder kräftig steigen. So entstanden in den Jahren 1942 und 1943 jeweils bis zu 850 neue berufliche Kassen. Entsprechend erhöhte sich der Anteil der Versicherten unter den unselbständigen Beschäftigten schon 1941 auf 25 Prozent, nachdem er 1920 erst 20 Prozent betragen hatte.

Bereits früher firmierten die Pensionskassen der größeren Unternehmen als selbständige Stiftungen. Mit der Revision des Gesellschaftsrechts von 1936 in der Schweiz mussten berufliche Vorsorgekassen von Aktiengesellschaften in der Rechtsform einer Stiftung oder einer Genossenschaft firmieren, wollten sie in den Genuss von Steuervorteilen kommen. Mit dieser Vorschrift verfolgte der Gesetzgeber das Ziel, dass die
Arbeitgeber die Vorsorgevermögen von den Unternehmensvermögen trennten. So sollte im Fall einer Unternehmensinsolvenz ein Rückgriff auf das Vorsorgevermögen der Kasse verhindert werden. Tatsächlich funktionierte die Regelung gut, abgesehen von wenigen Ausnahmen während der Weltwirtschaftskrise in den frühen 1930er Jahren.

Berufliche Pensionskassen als tragende Grundpfeiler

Die beruflichen Pensionskassen entwickelten sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem tragenden Grundpfeiler des Schweizer Altersvorsorgesystems, der auch durch die spätere Einführung einer staatlichen Altersversicherung 1948 nicht in Frage gestellt wurde. Die Zahl der Pensionskassen vervielfachte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Existierten 1941 bereits mehr als 4.000 Kassen, waren es 1978 schon über 17.000. Die Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg trug dazu bei, dass sich das Schwergewicht innerhalb der beruflichen Vorsorgekassen immer mehr von öffentlichen hin zu privatwirtschaftlichen Kassen verschob. Der Versicherungsgrad lag im öffentlichen Sektor zwar immer noch deutlich über dem des privaten Bereichs,
aber die Zahl der Versicherten stieg in der Privatwirtschaft absolut erheblich schneller als im öffentlichen Sektor.

Im Zeitraum von 1941 bis 1966 verdoppelte sich die Zahl der Versicherten im öffentlichen Dienst auf 241.000, während sie im privaten Bereich um den Faktor sieben auf 1.131.000 wuchs. Damit bewegte sich die Quote der Versicherten im privaten Bereich in Richtung 50 Prozent aller Beschäftigten. Zugleich lag das Rentenniveau im öffentlichen Bereich weiterhin deutlich über dem der privatwirtschaftlichen Kassen.

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