Nun ist es also weg, das kryptische “unter, aber nahe zwei Prozent”. Vielmehr gilt nun die Devise: das mittelfristige Inflationsziel der EZB soll 2 Prozent sein. Dieses Ziel sei symmetrisch, also sind sowohl negative wie auch positive Abweichungen von diesem Ziel nicht wünschenswert.

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) richtet die geldpolitische Strategie neu aus. Preisstabilität könne am besten gewährleistet werden, wenn mittelfristig ein Inflationsziel von 2 Prozent angestrebt wird, heißt es aus Frankfurt. “Dieses Ziel ist symmetrisch, das heißt negative Abweichungen von diesem Zielwert sind ebenso unerwünscht wie positive”, stellt das Gremium klar.

Gleichzeitig stimmt die Notenbank Anleger auf eine zeitweise möglicherweise hohe Inflation ein. “Wenn die nominalen Zinssätze in einer Volkswirtschaft in der Nähe ihrer effektiven Untergrenze liegen, sind besonders kraftvolle oder lang anhaltende geldpolitische Maßnahmen nötig, um zu verhindern, dass sich negative Abweichungen vom Inflationsziel verfestigen”, so die EZB. Dies gehe unter Umständen damit einher, dass die Inflation vorübergehend leicht über dem Zielwert liege.

EZB erarbeitet sich Flexibilität bei Inflationsziel

„Die EZB hat mit der neuen Strategie die Realität anerkannt und sich so viel Flexibilität wie möglich erarbeitet“, kommentiert Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der Union Investment. So könne die Zentralbank ihr Ziel einfacher kommunizieren. Gleichzeitig behalten die Geldpolitiker die Option, ruhig zu bleiben, wenn die Inflation mal über das Ziel von zwei Prozent hinausschießen sollte – oder aber darunter bleiben würde. „Zudem werden uns die bisher als unkonventionell bezeichneten Maßnahmen wie QE und TLTRO wohl auch in Zukunft begleiten, denn die EZB hat diese nun offiziell ihrem Instrumentenkasten hinzugefügt“, kommentiert der Volkswirt.

Nicht zu überlesen ist der kleine Zusatz, dass eine hohe Teuerungsrate eher zu tolerieren ist, wenn die Leitzinsen bereits sehr niedrig sind. „ Nichts anderes sehen wir derzeit: Die Zinsen sind niedrig, die Inflationsrate über zwei Prozent, die EZB verhält sich ruhig“, kommentiert Zeuner. „Entsprechend handeln auch die Kapitalmärkte zunächst auf die neue, alte Strategie: Sie reagieren kaum.“

„Die EZB hat ihre Strategieüberprüfung ohne größere Überraschungen abgeschlossen, zumindest auf den ersten Blick”, sagt Dr. Andreas Billmeier, Economist bei Western Asset Management, einem Asset Manager von Franklin Templeton.

Mehr Beachtung für Immobilienpreise

Wie erwartet werde die EZB den Kosten für selbst genutztes Wohneigentum mehr Aufmerksamkeit schenken. Dies dürfte die Gesamtinflation zum jetzigen Zeitpunkt moderat anheben. “Dies ist ein längerfristiges Projekt für Eurostat, und die EZB wird in der Zwischenzeit interne Maßnahmen in Betracht ziehen”, so Billmeier.

Diese Schlussfolgerungen entsprachen im Großen und Gazen den Erwartungen der Märkte, so dass nach Einschätzung von Billmeier in nächster Zeit keine nennenswerte Reaktion zu erwarten sei. Das symmetrische Inflationsziel werde die Geldpolitik effizienter machen, da die Ergebnisverteilung ausgewogener sein wird. “Allerdings dürfte der anhaltende Inflationsanstieg kein guter Test für die neue Strategie sein, da die Basiseffekte im nächsten Jahr erheblich ausfallen und die durchschnittliche Inflation im Jahr 2022 wieder unter die Zielmarke drücken werden”, lautet seine Einschätzung. Die Renditen festverzinslicher Wertpapiere dürften allmählich nach oben driften.

Die DWS nimmt indes zwei wichtige Botschaften von der EZB-Neuausrichtung mit:

  • Das neue, symmetrische Inflationsziel – zusammen mit der Toleranz für ein Über- oder Unterschießen der Inflationsrate – erlaube es der EZB, geldpolitisch weiterhin sehr expansiv zu agieren. Damit könne sie innerhalb ihres Mandats die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone stärker unterstützen.
  • Außerdem belässt es die EZB nicht bei der reinen Ankündigung, eine aktivere Rolle beim Klimaschutz zu spielen, sondern legt einen konkreten Aktionsplan vor. „Dies ist mehr als wir erwartet haben und zeigt den Nachdruck, mit dem die EZB sich diesem Thema annehmen will“, so die DWS.

EZB betont Klimaziele

Denn die EZB hat außerdem zudem angekündigt, Klimaschutzaspekte stärker in die geldpolitischen Handlungsrahmen einfließen zu lassen. So sollen Aspekte der ökologischen Nachhaltigkeit systematischer in die Geldpolitik einfließen. “Die Bewältigung des Klimawandels ist eine globale Herausforderung und eine politische Priorität für die Europäische Union”, heißt es auf Frankfurt. Zwar liege es in erster Linie in der Verantwortung der Regierungen und Parlamente, Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen. Die EZB erkenne aber die Notwendigkeit an, innerhalb ihres Mandats Klimaschutzaspekte in ihren geldpolitischen Handlungsrahmen einzubeziehen.

Billmeier erwartet von der grünen Strategie in den nächsten Jahren einen großen Einfluss. “Einige der kniffligeren Fragen – einschließlich der Emittentenlimits – wurden bei dieser Überprüfung nicht in Angriff genommen. Dies ist vermutlich Ausdruck eines Votums zugunsten der Schnelligkeit gegenüber der Weitsicht, da die Arbeit an der Überprüfung während des Höhepunkts der Pandemie ausgesetzt wurde”, so der Ökonom.

Die Commerzbank begrüßt indes, dass die Notenbank die CO2-Verzerrung etwa bei ihren Käufen von Unternehmensanleihen abbauen wolle. Gegenwärtig kauft die Bank überproportional viele Anleihen von Unternehmen, die überdurchschnittlich viel CO2 ausstoßen, bemängelt die Commerzbank. Allerdings: Viel einfacher und vor allem vollständig ließe sich das Problem vermeiden, wenn die EZB einfach keine Unternehmensanleihen mehr kaufen würde.

“Dadurch würde sie auch weitere Verzerrungen vermeiden, wie die Benachteiligung kleiner und mittlerer Unternehmen, die anders als große Unternehmen in der Regel keine Mittel am Anleihemarkt aufnehmen”, schreiben die Commerzbank-Analysten.

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