Am heutigen 10. März tritt die Offenlegungsverordnung in Kraft. Die Finanzbranche muss nun ausführlich über Nachhaltigkeit berichten. Das Echo ist gespalten.

Die Offenlegungsverordnung oder Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) ist der erste große Meilenstein der Europäischen Union in Sachen ESG-Regulierung. Sie verpflichtet den Finanzsektor zu mehr Transparenz bei Nachhaltigkeitsthemen. So müssen diese Aspekte nun in regelmäßigen Reportings wie zum Beispiel den Jahresberichten, auf der Internetseite und in vorvertraglichen Schriften wie etwa Fondsprospekten dargelegt werden. Die Veröffentlichungspflichten betreffen sowohl das Unternehmen als Ganzes sowie einzelne Produkte. Auch die Vergütungspolitik der Unternehmen wird adressiert.

Für Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVGs) bedeutet dies ein bedeutenden Zusatzaufwand, bemängelt Michael Schneider, Geschäftsführer von INTREAL. Hauptkritikpunkt: Am heutigen Stichtag tritt nur der erste Teil der Verordnung in Kraft. Die Ausführungsbestimmungen (Level 2) hätten eigentlich bis Ende 2020 festgezurrt werden sollen. Dies ist aber nicht geschehen. Erwartet wird das nun für Anfang 2022.

Offenlegungsverordnung bedeutet Doppelarbeit

„Alles, was die Marktteilnehmer bis dahin nach aktuellem Regulierungsstand erstellen, muss noch einmal angepasst werden“, bemängelt Hannah Dellemann, ESG-Beauftragte der INTREAL. „Voraussichtlich zum 1. Januar 2022 müssen alle offengelegten Informationen gemäß den Vorgaben der finalen Level 2 Ausführungen ganz oder in Teilen erneut überarbeitet werden.“

Auf Produktebene bedeute dies, dass insbesondere für Artikel 8 – die Strategie – und Artikel 9 – Impact – aktuell nicht final geklärt ist, welche Voraussetzungen sie zukünftig zu erfüllen haben. Auch die Prospektierung und die Anlegerinformationen müssen hinsichtlich der ESG-Aussagen dann wohl nochmals überarbeitet werden.

„Für die Marktteilnehmer bedeutet dieses versetzte Inkrafttreten vor allem Doppelarbeit, die ein vernünftiges Timing der regulatorischen Vorgabenabläufe hätte vermeiden können. Diesen Kollateralschaden müssen die betroffenen Markteilnehmer tragen“, so Dellemann.

Auch Warburg-HIH Invest kritisiert den zeitlichen Verzug. „Formal müssen die KVGs ab 10. März 2021 die Vorgaben der bereits vorliegenden Offenlegungsverordnung verpflichtend erfüllen. Das Problem besteht darin, dass sich beim späteren Hinzukommen der Level-2-Anforderungen Anpassungen ergeben können. Dies ist zumindest für Fonds mit ESG-Merkmalen und Impact-Investment-Fonds sehr wahrscheinlich“, lautet die Einschätzung von Alexander Eggert, Geschäftsführer der Warburg-HIH Invest. Sie sei aber “ein guter Anfang zur Schaffung von mehr Transparenz”.

„Der ganze Regulierungsprozess birgt noch viele Herausforderungen. Die Offenlegungsverordnung und die Taxonomieverordnung stehen nebeneinander und greifen ineinander, sind aber noch nicht vollständig aufeinander abgestimmt. Dies gilt insbesondere für eventuelle erweiterte Transparenzpflichten, die sich aus der Taxonomieverordnung ergeben und sich auf Artikel-8 und Artikel-9-Fonds nach Offenlegungsverordnung auswirken”, sagt Iris Hagdorn, Head of Sustainability bei Warburg-HIH Invest.

Fehlgeleitete Gelder

„Es besteht die Gefahr, dass Gelder nicht dort ankommen, wo sie etwas bewegen können”, bemängelt zudem Maren Schmitz, Partnerin und Leiterin des Asset Management Beratungsgeschäfts von KPMG in Deutschland.

„Es braucht vor allem pragmatische Ansätze für Impact-Investitionen,” betont Schmitz. Zwar lenken die Offenlegungsverordnung und die darauf aufsetzende Taxonomie den Markt in eine nachhaltige Richtung. Aber zugleich verringern sie auch das Universum der für Asset Manager verfügbaren Titel. „Insbesondere wirkungsbezogene Investments in kleine und spezialisierte Unternehmen mit klar nachhaltigem Ansatz stehen aufgrund ungenügender Datenlage vor der Hürde, „investierbar“ zu bleiben”, erläutert die Expertin.

Mehr Klarheit durch SFDR-Regeln

Laut dem ETF-Anbieter Tabula Investment Management werden die regulatorischen Anforderungen dabei helfen, Greenwashing zu begrenzen. Eine Umfrage unter institutionellen Kunden und Vermögensverwaltern im Hinblick auf deren Kriterien bei der Auswahl von Anlageprodukten ergab, dass 77 Prozent hierbei auf ESG-Ratings zurückgreifen. 63 Prozent berücksichtigen explizit die SFDR-Kategorie. Etwa 25 Prozent der Befragten gab an, dass bei ihren Entscheidungen eine Rolle spielt, ob ein Anbieter Initiativen wie UN PRI oder Climate Action 100+ angehört.

„Die Vielzahl an unterschiedlichen Herangehensweisen der ESG-Ratingagenturen führt zu einer gewissen Verwirrung bei vielen Investoren, was die Einstufungen von als ESG-konform eingestufter Fonds angeht“, sagt Michael John Lytle, Vorsitzender von Tabula. Die Umfrage hebe hervor, welch große Bedeutung die Kategorisierung von Fonds als ESG-konform einnehme. „Die Einführung der SFDR-Regeln sollte zu Markt-Standards und somit für deutlich mehr Klarheit sorgen“, sagt Lytle.

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