Die Blockchain-Technologie und Kryptowährungen werden Bestand haben, sagt Professor Dr. Philipp Sandner im Gespräch mit Erika Neufeld. Unternehmen müssten sich entsprechend positionieren, um den Zug nicht zu verpassen.

Herr Professor Dr. Sandner, ist die Blockchain-Technologie reif für den institutionellen Markt?

Auf jeden Fall. Es sollte aber zwischen dem gesamten Bereich der Kryptowährungen und der Enterprise-DLT, also dem Bereich der unternehmensinternen Prozesse, unterschieden werden. Im institutionellen Investorenbereich können zwei verschiedene Strategien verfolgt werden: Der institutionelle Anleger kann einerseits in Kryptowährungen oder auch in andere Assets auf Blockchain-Basis, bis hin zu den sogenannten Security-Tokens, investieren. Andererseits könnte er seine internen Prozesse mit den richtigen Dienstleistern auf eine neue technische Basis stellen.

Professionelle Anleger können schon jetzt in Kryptowährungen oder in blockchain-basierte Assets, wie Security Tokens, investieren. Ich habe mich unter institutionellen Investoren umgehört und bin auf Zurückhaltung und Zweifel gestoßen. 

Die Skepsis ist zumindest für den Bereich der Security-Tokens berechtigt. Für den Bereich der Kryptowährungen, insbesondere der Top-2 Kryptowährungen, Bitcoin und Ethereum, hingegen nicht. Das zeigt auch unser jahrelanger Track-Record. Um die Potentiale von Bitcoin und Ethereum verstehen zu können, ist eine tiefe Kenntnis der zugrunde liegenden Technologie und Umweltfaktoren notwendig.

Es ist daher wichtig, sich eingehend mit Bitcoin und Ethereum zu beschäftigen, ohne der damit einhergehende Komplexität den Rücken zu kehren. Denn häufig wurzelt die Skepsis in einer unzureichender Informationslage. Wer sich in das Thema eingearbeitet und intensiv damit beschäftigt hat, sieht die Welt durch eine andere Brille. Der findet das Thema spannend und investiert meist früher oder später.

Sehen Sie Bewegung im institutionellen Markt: Steht das Thema schon weiter oben auf der Agenda oder wird es eher stiefmütterlich behandelt?

Der deutsche Gesetzgeber hat als führendes Land in der Europäischen Union das Thema Kryptoverwahrung in ein Gesetz gegossen. Das Thema wird konstruktiv angepackt. Damit haben wir nun in den meisten Fällen regulatorische Klarheit, die technische Infrastruktur, die gerade entsteht, und eine interessante Assetklasse. Die Voraussetzungen sind da.

Ein positiver Aspekt kommt hinzu: Es entsteht plötzlich ein positives Sentiment, weil der Staat einen Stempel drauf gemacht hat: „Wir finden Blockchain interessant, wir machen sogar ein Gesetz und bieten an, dass sich jede Bank und jede Finanzorganisation mit dem Thema beschäftigen kann.“ Aus diesem Grund taucht dieses Thema plötzlich ganz oben auf der Agenda in verschiedenen Banken auf, weil der Staat nun für Legitimität gesorgt hat.

Manager in einem Family Office oder bei anderen institutionellen Investoren, die der Thematik mit hinreichender Offenheit und dem Willen sich einzuarbeiten gegenübertreten, werden mit großer Wahrscheinlichkeit auch investieren.  Es lässt sich allerdings noch häufig beobachten, dass diese Offenheit, aber auch das Technikinteresse oder die Zeit vielerorts fehlt, um dem Thema gerecht zu werden. Die logische Konsequenz: Viele existierende, oft unbegründete Vorurteile bleiben bestehen. Auf Weitsicht wird das Thema so tendenziell verpasst.

Wer jetzt beginnt, sich mit Kryptowährungen zu beschäftigen, ist der noch gut in der Zeit?

Die entscheidende Frage ist: Wo auf der Welle surfen Sie, wenn die neue Technologie durchbricht? Sind Sie ganz vorne ist auf der Welle, surfen sie sportlich vor der Welle oder sind sie hinter der Welle ins Wasser gefallen? Die Wahrscheinlichkeit, dass die Blockchain-Technologie und die Kryptowährungen keinen Bestand haben werden, geht meines Erachtens gegen null.

Die Zahlen sprechen für sich: Bei den Kryptowährungen haben wir momentan eine Eigenkapitalisierung von etwa 175 Milliarden Euro, was mehreren DAX-Konzernen zusammengerechnet entspricht. Alleine der Bitcoin hat eine Bewertung von über 100 Milliarden Euro, das ist rund 30 Mal die Commerzbank. Die Liquidität liegt bei 30 bis 40 Billiarden Euro pro Tag. Die Märkte sind also hinreichend liquide, sodass man investieren kann. Deshalb beschäftigen sich auch die Deutsche Börse und die Börse Stuttgart mit Kryptowährungen, primär mit dem Bitcoin und Ethereum. Wenn Sie heute anfangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, sind Sie ganz vorne dabei.

Im Bereich der Krypto-Verwahrung hat der Gesetzgeber nun rechtliche Klarheit geschaffen. Was ist der nächste Schritt?

Die Entwicklung läuft in verschiedenen Schichten ab: Ganz oben in der Pyramide befinden sich die zukünftigen Blockchain-Geschäftsmodelle. In der Mitte der Pyramide finden Sie die Tokenisierung, den digitalen Blockchain-Euro sowie Identitäten auf Blockchain-Basis. Ganz unten in der Pyramide, quasi im Fundament, finden Sie die Verwahrung. Dieses Thema hat der Gesetzgeber nun angepackt, um das Fundament richtig zu legen.

Der nächste Schritt steht kurz bevor. Eigentlich hätte der Gesetzentwurf zur Entmaterialisierung von Schuldverschreibungen bereits veröffentlicht werden sollen. Es wäre der erste Schritt, die Urkundenpflicht zu beseitigen. Aufgrund der jetzigen Corona-Krise ist es wahrscheinlich, dass der Entwurf erst in zwei bis drei Monaten kommt.

Stichwort Corona: Wie wirkt sich die Krise auf Kryptowährungen und die Blockchain aus?

Die Blockchain ist derzeit noch in einem sehr frühen Stadium. Bislang wurden wenig produktive Ergebnisse hervorgebracht. Es kann also sein, dass die Blockchain-Industrie durch die Krise einen Schaden annimmt. Denn wenn Unternehmen nun ihre Prioritäten ändern, werden Budgets gerade in den Bereichen Marketing und Forschung eingestampft. Es werden also Rückschläge zu verkraften sein. Auch viele Start-ups werden mit existentiellen Problem kämpfen müssen. Je nach weiterer Entwicklung ist eine Pleitewelle auch im Blockchain-Sektor nicht auszuschließen.

Aber Bitcoin und Ethereum sind nicht Blockchain. Die werden sich auch weiterhin halten und müssten sich dieses Jahr positiv entwickeln. Während des katastrophalen Absturzes an den Börsen, wo innerhalb weniger Stunden Billiarden verloren gingen, hat die Bitcoin-Blockchain alle zehn Minuten, zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk, Block für Block produziert. Die Bitcoin-Technik zeigte sich resilient gegenüber dem „Meltdown“. Die Blockchain hat selbst im Krisenmodus funktioniert, das beginnen die Experten ein paar Tage nach dem Absturz zu erkennen.

Was ist Ihre Prognose: Wo werden wir in zehn Jahren stehen?

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird in zehn Jahren der Großteil aller Vermögensgegenstände auf Blockchain-Basis laufen – das werden Wertpapiere sein, aber auch der Euro, der Dollar und andere Währungen. Überall dort, wo heute Wert gebunden ist, liegt künftig die Blockchain darunter. Ich glaube auch, dass in zehn Jahren der Bitcoin seinen Preis signifikant erhöht haben wird.

Abgesehen von der Blockchain-Technologie werden wir in einem noch unbekannten Ausmaß erleben, was digitale Transformation heißt. Die digitale Transformation hat bereits begonnen. Unternehmen und jeder einzelne Mitarbeiter müssen sich entsprechend positionieren, damit sie später nicht unter die Räder kommen. Unternehmen, die hier nicht schnell aktiv werden, werden um ihre Existenz und Daseinsberechtigung bangen müssen.

Herr Professor Sander, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Prof. Dr. Philipp Sandner

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