Deutschland verliert Rating-Bestnote

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Deutschland ist sein AAA-Rating los. Nicht das von Standard & Poors, Moody’s oder einer anderen der großen Rating-Agenturen. Die Bundesrepublik wurde von Independent Credit View, einem unabhängigen Schweizer Bonitäts- und Research-Unternehmen für professionelle Investoren, in einer aktuellen Studie zur Länderbonität abgestuft. „Deutschland wird momentan von den Medien gerne als ‚kranker Mann Europas‘ bezeichnet“, begründet René Hermann, Lead-Autor der Studie, den Schritt. „Auch wir erwarten eine anhaltende Schwächephase und einen zähen Reformverlauf, was in einer graduellen Abschwächung der Kreditkennzahlen resultiert.“ Folgerichtig gehöre Deutschland nicht mehr zum elitären AAA-Kreis. Zu diesem zählen neben den skandinavischen Staaten Dänemark, Norwegen und Schweden noch die Schweiz, Singapur sowie die Niederlande.

Düstere Aussichten für große Volkswirtschaften

Neben Deutschland wurde mit Großbritannien eine weitere große Volkswirtschaft abgestuft. Ihnen attestiert Hermann eine „Verdüsterung der Bonitätsaussichten“. Die hohe Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Haushalten stelle weiterhin die Achillesferse der Länderbonität dar. „Es zeigt sich auch, dass das höhere Zinsniveau nur langsam den Weg ins System findet, aber zunehmend Mittel absorbiert und zu weniger Konsum, Investitionen, sinkenden Margen sowie steigenden Ausfällen führen wird“, führt Hermann aus. „Wir erwarten in der Folge weitere Rating-Downgrades und ein Wiederaufflammen der Diskussion um die Nachhaltigkeit der vielerorts überhöhten Staatsverschuldung.“

Eine positive Rating-Dynamik hingegen sei in der europäischen Peripherie erkennbar – mit Ausnahme Italiens. „Dies zeigt, dass Fiskaldisziplin langfristig zum Erfolg führt.“ So gab es Upgrades für Griechenland, Irland, Island und Portugal. „Das zeigt, dass Fiskalpolit6ik langfristig zum Erfolg führt.“ Außerhalb Europas böten ausgewählte Schwellenländer in Südamerika und Asien dank proaktiver Notenbankpolitik interessante Alternativen für Investoren. Die Schwergesichte USA und China gingen indes mit einem schlechten Beispiel voran und trieben die Schulden weiter in die Höhe.

Allgemein kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass sich die Schuldenquoten der 49 untersuchten Staaten unter dem Einfluss des „Inflationszaubers“ etwas entspannt hätten. Da die Kosten jedoch verzögert steigen würden und den vermeintlichen Spielraum im Haushalt als Illusion entpuppten, sei die Verschnaufpause von kurzer Dauer. Die Wirtschaft mit fiskalischer Großzügigkeit zu beflügeln habe nur wenig Aussicht auf Erfolg, gehe aber auf Kosten der Sparer, Steuerzahler und künftiger Generationen.

Chancen bei Staatsanleihen

Herausfordernd bleibe das wirtschaftliche und geldpolitische Umfeld für Anleiheinvestoren. „Sie sollten sich bewusst sein, dass der Kampf gegen die Inflation noch nicht vorbei ist („higher for longer“) und die Notenbanken verlorenes Vertrauen zurückerobern müssen“, rät Hermann. Lose Fiskalpolitik sowie Deglobalisierung verstärkten den Inflationstrend. Doch der starke Zinsanstieg habe dazu geführt, dass die lang verschmähten Staatsanleihen gegenüber Aktien an Attraktivität gewonnen hätten. „Beispielsweise erreichten die Renditen von US-Treasuries und niederländischen Staatspapieren aktuell ein 15- bzw. 11-Jahreshoch“, resümiert der Lead-Autor. In den USA bewege sich die Rendite des zehnjährigen Treasury über der Gewinnrendite des breiten Aktienindex S&P 500, was in den vergangenen 20 Jahren lediglich während der Finanzkrise vorgekommen sei. „Wir empfehlen Anleihen von Staaten mit Fiskaldisziplin und positivem Schuldentrend (zum Beispiel Niederlande, Irland oder Dänemark) und in der EU-Peripherie bevorzugen wir Spanien. Schwellenländer zeigen sich proaktiver und abgeklärter bei der Bekämpfung der Inflation als Industrienationen, hier favorisieren wir Staaten aus Südamerika (Peru und Chile) und Asien (Indonesien und die Philippinen) – raten jedoch zur Vorsicht bei Staaten mit hohem China Exportanteil.“

Patrick Daum ist Chef vom Dienst bei dpn-online. Er berichtet über alle Themen rund um das institutionelle Asset Management.

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