Die vermeintlichen Freiräume von Solvency II

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Im Mai sind die Verbraucherpreise etwas weniger schnell gefallen als im Vormonat. Dennoch: Die Inflationsrate bleibt negativ. Volkswirte erwarten aber nicht, dass die Europäische Zentralbank so bald in Zugzwang kommt, was eine weitere geldpolitische Lockerung angeht. So oder so, die Zinsen sind niedrig genug, um institutionelle Investoren ins Schwitzen zu bringen. Wie schaffen Sie es als Versicherer, Herr Buchhart, noch Erträge zu erwirtschaften? 

Anton Buchhart: Ja, wir tun uns mit dem Zinsniveau natürlich ein bisschen schwer, das ist keine Frage. Es ist sicherlich ein Problem, wenn der Basiszins praktisch fast eine Nullverzinsung ist. Um diese extrem niedrigen Zinsen zu kompensieren, sind wir zunehmend in Richtung USA und Emerging Markets mit einem Teil unserer Anlagegelder gegangen.

Ist Ihr Kalkül aufgegangen?

Buchhart: Das funktioniert tatsächlich ganz gut. Was wir auch noch gemacht haben – aber da sind wir in der Branche sicherlich in bester Gesellschaft –, wir haben das Risiko ein Stück ausgeweitet, was Kreditrisiken betrifft. Und teils auch, sofern wir es können, bei Aktienrisiken. Die Größe dieser Handlungsspielräume ist natürlich stark abhängig vom Geschäftsmodell – ob Lebens-, Kranken- oder Sachversicherung. Letztlich sind es zwei Strategien gegen den Niedrigzins: Globalisierung und mehr Risiko bei höherer Diversifikation.

Herr Texter, wie geht Ihr Haus, die Meag, als Asset Manager von Munich Re und Ergo mit dem Umfeld um?

Volker Texter: Schlaflos sind unsere Nächte nicht, weil der Konzern bereits seit mehr als zehn Jahren die Aktiv- und Passivseite seiner Bilanz gemeinsam betrachtet – nicht zuletzt auch zur Vorbereitung auf Solvency II. Die Zinsen wirken ja nicht nur auf der Aktiv-, sondern auch auf der Passivseite. Wenn man mit dieser ökonomischen Brille das Niedrigzinsumfeld betrachtet, dann sieht das aktuelle Umfeld gar nicht so schlimm aus. 2005 haben wir angefangen, die Duration auf der Aktiv- und Passivseite in der Lebensversicherung mit Hilfe von Derivate-Instrumenten anzugleichen. Das war zwar damals relativ teuer, doch ist dieses Schließen der Durationslücke heute Gold wert.

Herr Simonis, wie würden Sie investieren, wenn Sie Leiter Kapitalanlage einer Versicherung wären?

Sven Simonis: Die Investoren sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem sie schon einiges ausgereizt haben: Erst sind sie in Corporate Bonds gegangen, dann haben sie sich auf der Rating-Leiter leiter nach unten bewegt. Zuletzt haben sie die Diversifikation in andere Asset-Klassen vorangetrieben. Es gibt heute keinen Versicherer mehr in Deutschland, der sich nicht zumindest Themen wie Emerging Markets und High Yield und Absolute Return einmal anschaut. Ob er sein Geld dann wirklich in diese Asset-Klassen investiert, ob er über die Risikotragfähigkeit verfügt – das ist eine andere Frage.

Stichwort Durationslücken in der Bilanz – welchen Anlagebedarf leiten Sie daraus ab?

Simonis: Das, was ich eben gerade beschrieben habe, sind relativ liquide Anlageklassen mit kürzerer Duration. Für Versicherer stellt sich aber gerade vor dem Hintergrund möglicher Durationslücken die Frage, welche illiquiden Asset-Klassen es sich auch lohnt anzuschauen, denn Versicherer sind nun einmal illiquide auf ihrer Passivseite. Folglich können sie sich doch – zumindest bis zu einem bestimmten Maße – illiquide Assets leisten, um deren Illiquiditätsprämie zu vereinnahmen. Deswegen geht der Trend dahin, dass sich Versicherer verstärkt Private Debt anschauen, also Assets wie Infrastruktur-, Immobilien-  sowie Unternehmensdarlehen. Um Durationslücken zu schließen, können Versicherer auch derivativ Vorkäufe tätigen. Doch Cash Assets mit langer Duration sind gefragt. Und hier kommt Infrastruktur ins Spiel. Eine Anlage, mit denen Durationen von 15 bis 20 Jahren aufgebaut werden können.

Herr Gans, sehen Sie noch weitere AssetKlassen, die interessant sind?

Stefan Gans: Infrastruktur ist derzeit ein großes Thema. Allerdings ist das ein Feld, das unser Haus nicht aktiv bedient. Unser Fokus liegt auf den liquiden Anlageklassen. Damit will ich die illiquiden Assets keinesfalls verteufeln, doch sollte man auch immer den Grundgedanken der Liquidierbarkeit im Hinterkopf haben, der bis Jahresanfang im Paragraf 54 des Versicherungsaufsichtsgesetzes verankert war. Dem sollte unserer Meinung nach im überwiegenden Teil des Versicherungsportfolios Rechnung getragen werden. Die Portfolios unserer Kunden haben schon immer einen hohen Aktienanteil aufgewiesen. Für uns sind Aktien ein zusätzliches Diversifikationsinstrument neben den Assets, die eben schon in dieser Runde genannt wurden.

Doch die Aktie haben die meisten Versicherer in keiner guten Erinnerung …

Gans: Sicherlich, das Problem der Aktie ist zum einen ihre bilanzielle Volatilität, die viele Versicherer nach 2001 und spätestens nach 2008 nicht mehr aushalten wollen. Dennoch: Wir versuchen hier ein bisschen Überzeugungsarbeit zu leisten und argumentieren, dass ein strategisches Aktien-Investment durchaus ein tragbares Risiko sein kann. Zum anderen sieht Solvency II im Standardmodell der Säule I für Aktien eine Eigenkapitalunterlegung von 39 Prozent vor. Dazu kommen dann noch weitere zehn Prozent über den sogenannten Equity Dampener. Der Investor muss also nicht nur einen Verlust von 39 Prozent, sondern schlimmstenfalls sogar von 49 Prozent aushalten können. Doch wenn er bereit ist, die Aktie etwas länger im Portfolio zu behalten, dann ist sie aus strategischer, ökonomischer und regulatorischer Sicht ein sinnvolles Instrument zur Diversifikation.

Und: Fruchtet die Überzeugungsarbeit?

Gans: Das hängt davon ab, wie hoch der Leidensdruck ist. Vielleicht geben die Investoren der Aktie nach 2001 und 2008 noch eine dritte Chance, wenn sie merken, dass sie mit den neu hinzugekommenen Asset-Klassen eine Illiquidität im Portfolio erreicht haben, die nicht größer werden darf, und dass die übrigen „klassischen“ Instrumente einfach nicht die gewünschte Ertragskraft besitzen.

Auf Infrastruktur hat Ihr Haus, Herr Texter, in den vergangenen Jahren stark gesetzt. Wie umkämpft sind die Deals in diesem Markt?

Texter: Es ist nicht einfach, an attraktive Investitionen heranzukommen. Wir haben bei der Finanzierung von illiquiden AssetKlassen einen besseren Marktzugang, weil wir schon länger als Investor für Munich Re in Eigenkapital investieren. Dieser Zugang lässt sich aber nur bei einer höheren Risiko-tragfähigkeit nutzen. Unser Haus hat Private Equity als Nukleus genutzt und ein spezielles Team für erneuerbare Energien wie Windparks und Solaranlagen aufgebaut. Zu den 25 Spezialisten für Eigenkapitalinvestitionen in erneuerbare Energien, Private Equity und Infrastruktur kamen später dann noch sieben Experten für Fremdkapitalfinanzierungen im Bereich Infrastruktur dazu. Schon als wir lediglich auf der Equity-Seite unterwegs waren, haben wir gemerkt, wie nah man insbesondere im Umfeld staatlicher Kontrahenten trotz der eigentlichen Diversifikationsabsicht in den Korrelationen wieder an andere Asset-Klassen heranrückt. Auch wissen wir einen intakten, verlässlichen Rechtsrahmen zu schätzen.

Wo ist das Angebot knapper – bei Fremdkapital- oder Eigenkapital-Deals?

Buchhart: Auf der Fremdkapitalseite, definitiv. Wenn ein Versicherer diversifiziert anlegen will, dann sucht er beim gegenwärtigen Nullzins einen Spread von etwa zwei Prozent und eine lange Duration. Da bleiben bei langen Staatsanleihen nur Spanien oder Italien in der Euro-Zone. Also ist man ganz schnell bei Infrastruktur. Daher das Riesengerangel unter den Investoren.

Wie ist Ihr Haus mit Infrastrukturanlagen gefahren? Gab es böse Überraschungen?

Texter: Wir verfolgen keine fest vorgegebenen Renditeziele, sondern setzen den Preis entsprechend der Risikoexponierung fest. Bislang hatten wir keine Restrukturierungen. Wir sind aber dennoch vorbereitet und verfügen über die Spezialisten für solche Fälle.

Herr Bormann, Solvency II hat die Branche bereits jahrelang beschäftigt. Nach Jahren des Testens ist das Regelwerk seit knapp einem halben Jahr live. Wie erleben Sie die ersten Praxiserfahrungen mit Solvency II?

Christian Bormann: Wir sind sozusagen mittendrin. Aktuell werden die ersten Quartalsreports nach Start von Solvency II erstellt. Das ist nicht nur für die Versicherer eine Herausforderung, sondern auch für die Asset Manager als Datenlieferanten. An dieser Schnittstelle zeigt sich, dass es da noch einigen Abstimmungs- und Verbesserungsbedarf gibt. Das ist ganz klar nicht nur ein technisches, sondern auch ein fachliches Thema. Arbeitsgruppen europäischer Fondsverbände haben Standards wie das Tripartite Template erarbeitet, um den Datenaustausch zwischen Versicherer und Asset Manager zu vereinfachen. Auf der Basis sollen die Versicherer dann in der Lage sein, ihre Quantitative Reporting Templates auszufüllen und ihre Solvency Capital Requirements zu berechnen. An manchen Stellen knirscht es dort noch etwas, weil derzeit eben noch viel manuell erledigt wird.

Herr Buchhart, Sie hatten eben kurz aufgelacht. Wie sehen Sie den Prozess?

Buchhart: Zunächst einmal ist ja daran zu erinnern, dass wir in den vergangenen zwei bis drei Jahren im Rahmen der Auswirkungsstudien bereits viel üben durften. Dennoch, ich drücke es mal so aus: Wir haben noch Luft nach oben und können an einigen Stellen Prozesse noch besser automatisieren. Aber das Hauptthema sehe ich bei den externen Zulieferungen. Sicherlich auch, weil wir gerade die komplexeren Asset-Klassen ausgelagert haben. Dadurch müssen wir hier mit einer anderen Datenfülle und -komplexität fertig werden. Wir hoffen, dass uns die externen Datenlieferungen in Zukunft den Prozess weiter erleichtern.

Texter: Probleme entstehen beim Outsourcing. Wir machen das alles selbst. Aber wenn wir mit einem Asset Manager über eine Mandatsvergabe sprechen würden, müssten wir exakt definieren, wie einzelne Schnittstellen bedient werden müssen. Entweder man macht die große Lösung über die Master-KVG oder man lagert fallweise aus. Aber das wäre in unserem Fall wirtschaftlich nicht darstellbar angesichts der komplexen Datenanforderungen und der vielen Schnittstellen.

Bormann: Allerdings liegt hier gerade die Möglichkeit für Asset Manager, sich von Wettbewerbern abzuheben. Es ist ein klarer Wettbewerbsvorteil, wenn die Anbieter in der Lage sind, qualitätsgeprüfte Daten nach dem Branchenstandard der Tripartite Templates zu liefern, idealerweise mit den von Solvency II geforderten Klassifizierungen und Kennzahlen.

Gans: Doch wenn man die einzelnen Schritte in der Praxis nachvollzieht, ist der Fehler programmiert – trotz einheitlicher Reporting-Templates. Der Teufel steckt im Detail: Denken Sie beispielsweise an eine Portfoliokonstruktion, die Spezialfonds-Investments, Zielfonds-Investments über Publikumsfonds und zudem noch eine Master-KVG umfasst. In dem Fall muss die Master-KVG versuchen, das Tripartite Template von der Zielfondsgesellschaft zu erhalten. Dann müsste sie das Template integrieren, die Daten und Informationen im eigenen Reporting auflösen und schließlich alles über eine standardisierte Schnittstelle an den Versicherer übermitteln – und das alles fristgerecht. Die Fristen sind derzeit noch sehr großzügig gesetzt. Aktuell hat das Versicherungsunternehmen 22 Wochen dafür Zeit. Allerdings soll diese Frist in mehreren Schritten mittelfristig auf fünf Wochen schrumpfen.

Gibt es andere Punkte, die in der Solvency-II-Praxis noch unklar sind und wo die Aufsicht gefragt ist?

Simonis: Ein noch nicht offiziell geklärter Punkt ist etwa das Hedging. Welche Laufzeiten der Instrumente muss ein Investor dafür nehmen? Einmonats- oder Dreimonatslaufzeiten? Eigentlich sind solche Fragen elementar. Das Thema ist wichtiger geworden, weil eine steigende Anzahl von Versicherern außerhalb der Eurozone investiert und Währungen unter Solvency II relativ teuer sind. Die Frage unter Solvency II ist, was die richtige Dokumentation und die richtigen Instrumente sind, damit dem Investor ein Währungshedge angerechnet wird. Prinzipiell sehe ich da aber kein so großes Problem, weil die Versicherer ihren Weg gefunden haben. Wenn dieser ökonomisch sinnvoll ist, ist es meiner Meinung nach eher unwahrscheinlich, dass die Aufsicht diesen Hedge unter Solvency II nicht anerkennt.

Bormann: Die Hedging Policy zu dokumentieren ist ein wichtiger Punkt. Des Weiteren gibt es noch einige andere Anforderungen an das Hedging. Eine wäre etwa, dass man das Basisrisiko überprüfen muss. Die Unklarheiten sind da. Die große Frage ist, wie die Aufsicht das Ganze handhabt. Was wird anerkannt, was nicht?

Gans: Wir haben diesen Umstand mit der europäischen Versicherungsaufsicht EIOPA diskutiert, da die BaFin an dieser Stelle keine Ex-Ante Aussage trifft. Der Versicherer hat vielleicht noch eher die Chance, dass die Aufsicht ihm eine einzelfallbezogene Frage beantwortet. Der Asset Manager nicht. Doch gerade zu dem Thema, wie das Basisrisiko zu quantifizieren ist, gibt es keine verbindliche Aussage bzw. keine mathematische Formel – weder in den Technical Specifications zu Solvency II noch im Deligated Act. Es heißt dort nur, dass ein systematischer Zusammenhang bestehen und dass dieser Schutzmechanismus effizient sein muss. Die Idee, sich auch hier an den IFRS-Richtlinien für das Hedge Accounting zu orientieren, wurde von der EIOPA wohlwollend kommentiert. Doch das darf nicht als Freifahrtschein missverstanden werden.

Simonis: Ein weiterer offener Punkt ist das Thema Collateral. Ein Thema, das gerade im Bereich Private Debt – also Infrastruktur- und Immobilienfinanzierung – eine relativ große Rolle für die Risikomessung spielt. Von der Aufsicht müsste klargestellt werden, wie unter Solvency II Collateral abzubilden ist, damit es risikomindernd anerkannt wird.

Müssen sich die Praktiker gedulden und für den Moment mit Unklarheiten leben?

Gans: Ja, diese Punkte können erst durch eine gelebte Aufsichtspraxis geklärt werden. Erst kommen die Berichte der Versicherer und dann die Reaktion der Regulierer beispielsweise in Form eines Rundschreibens. Aktuell sehe ich die Umsetzung aktiver -Managementansätze kritisch aufgrund dieser aufsichtsrechtlichen Unklarheiten. Deshalb konzentrieren wir uns auf passive Underlyings. Gibt es erst einmal mehr Klarheit, dürften aktive Ansätze von Asset Managern wieder verstärkt ins Spiel kommen.

Versicherungsaufseher Frank Grund hat gerade angekündigt, dass sich die BaFin spätestens im Juli zu den Solvenzzahlen der Versicherer nach Solvency II äußern wird. Ist das früh genug?

Texter: Seitens der Versicherer besteht kein großer Zeitdruck, was Änderungen angeht. Denn worüber reden wir? Wir reden über eine Optimierung der Kapitalanlagen hinsichtlich der Solvenzquoten. Zunächst stellt sich die Frage: Ist das überhaupt sinnvoll? Natürlich ist Eigenkapital ein knappes Gut. Aber ich gerate bei der Optimierung in Konflikte mit übergeordneten Zielfunktionen, bei deutschen Lebensversicherern vor allem mit den HGB-Zielen. Die Reihenfolge muss aber sein: Erst das HGB-Ergebnis, dann das optimierte Solvenzkapital. Folglich hält sich der Zeitdruck in Grenzen.

Buchhart: Nicht nur die HGB-Bilanz und Solvency II beißen sich, sondern auch ökonomische Überlegungen. Wenn man Portfolios allein nach der Solvenzquote optimiert, kommen keine wirklich guten Portfolios dabei raus. Denn nach dem Kriterium komme ich zu Allokationen, die mich nachdenklich stimmen, da diese mich zum Beispiel massiv südeuropäische Staatsanleihen kaufen ließen.

Ist es überhaupt sinnvoll, eine In-vestmententscheidung allein wegen Solvency II zu treffen?

Simonis: Ich würde niemals einem Investor raten, ein Investment allein wegen Solvency II einzugehen. Aber es gibt sicherlich immer mehr Asset-Klassen, bei denen sich ein Blick aus Solvency-II-Gründen lohnt.

Buchhart: Wir versuchen beides auf einmal: Ökonomisch sinnvoll zu investieren und die neuen Eigenkapitalregeln zu erfüllen. Solvency II ist für uns eine Restriktion – auch wenn uns das neue Regelwerk, das die Anlageverordnung abgelöst hat, erst einmal mehr Freiraum lässt. Es gibt keinerlei Rahmenbedingungen mehr, in welche Asset-Klassen ich als Investor in welchem Umfang gehen darf. Die Beschränkung ist das Risikomodell beziehungsweise die Kapitalausstattung.

Texter: Dieser Freiraum, der auch in dem Begriff „Prudent Person Principle“ – also in dem Begriff des Investors als verantwortungsvoller Verwalter des Sicherungsvermögens – ausgedrückt wird, ist ein neues Konzept. In der Umsetzung ist zunächst zu fragen, was das genau bedeutet, und dann muss man sich vorsichtig daran herantasten. Vorher gab es die starre Anlageverordnung, die Investoren im Handeln bisweilen eingeschränkt hat. Aber die Verordnung war eindeutig. Das ist „Prudent Person Principle“ nicht mehr. Jeder Investor ist jetzt gefordert, sich selbst Gedanken zu machen, was die Ausgestaltung angeht. Investoren setzen anhand konkreter Beispiele Kapitalanlagerichtlinien auf und diskutieren diese gegebenenfalls mit der Aufsicht. Kurzum: Die Investoren haben mehr Möglichkeiten. Diese Freiheiten müssen allerdings erst sondiert und Schritt für Schritt bis zu ihren Grenzen erschlossen werden.

Gans: Den Durchblick über alle Einzel-Investments zu haben, wird unter Solvency II stärker vom Investor eingefordert. Kann ein Investor das nicht, wird er quasi bestraft – mit einer höheren Unterlegungsquote. Es gilt das Prinzip „Substanz vor Form“. Das hatte vor Solvency II nicht diese Bedeutung. Folglich hat das neue Regime bei Spezialfondslösungen zu einem Umdenken geführt. Investoren achten deutlich mehr darauf, welche einzelnen Ergebniskomponenten im Gesamtportfolio durch das Investment in den Spezialfonds hinzukommen. Beispielsweise, ob die Duration in einem Rentenfonds dadurch nach hinten getrieben wird oder ob sich ein Einzel-Investment als Durationsbaustein im Portfolio eignet. Oder ob dadurch Spread-Risiken hinzukommen, die nicht mehr zu managen sind und die das Risikomodul zu weit aufblähen würden.

Texter: Was Herr Gans gerade anspricht, ist die Problematik, dass durch Solvency II die IFRS-Systematik quasi durch die kalte Küche serviert wird. Denn diese „Look-through-Thematik“ ist ja eigentlich ein IFRS-Thema und macht natürlich unter Solvency II auch Sinn. Aber damit kommt gerade auf mittlere oder kleinere Versicherer, die sehr stark in der HGB-Welt verwurzelt sind, eine komplett neue Sichtweise zu. Und diese müssen sie auch erst mal in ihren Systemen verarbeiten können. Für jemanden, der vorher schon IFRS gelebt hat, ist diese Thematik nichts Neues.

Sind die Produktanbieter ungeduldiger, was klare Ansagen seitens der Aufsicht angeht?

Simonis: Ich verfolge Solvency II, seit es Solvency II als Regulierungsvorhaben gibt. Wer sich mit diesen Themen beschäftigt, denkt unweigerlich in anderen Zeitzyklen. Das ist leider so. Keine Versicherung würde erwarten, dass die EIOPA oder die BaFin die offenen Punkte bereits im Sommer final klärt. Die Unsicherheiten halten eher die Anbieter vom Geschäft ab, als dass sie die Versicherer stören.

Buchhart: Hin und wieder kommen Asset Manager zu uns, die uns ein nach Solvency II optimiertes Portfolio anbieten. Ohne zu wissen, wie unser restliches Portfolio aussieht. Ich habe es mittlerweile aufgegeben zu schätzen, wie sich eine zusätzliche -Portfoliobeimischung eines bestimmten Assets auf Risiko und Rendite auswirkt. Man muss es mit Hilfe der Korrelationsmatrizen einfach durchrechnen. Dabei werden im Standardmodell nicht immer alle Risiken adäquat abgebildet wie beispielsweise unsere Immobilien, die nicht die Risiken haben, die durch die 25-prozentige Kapitalunterlegung nach Solvency II impliziert werden.

Texter: Die Korrelationen erhöhen die Komplexität. In den Standardmodellen haben wir feste Grundannahmen für Korrelationen, wobei man diese vor allem mit Blick auf den hohen Gleichlauf von Asset-Klassen in Krisenszenarien kritisch hinterfragen muss. Angenommen man hätte dasselbe Immobilien-Investment in zwei verschiedenen Versicherungsportfolios. Die geforderten Kapitalunterlegungen würden für jedes Portfolio verschieden sein, obwohl für beide Investments allein betrachtet dieselbe Eigenkapitalunterlegung gilt. Das sind Sachverhalte, die sich in Diskussionen mit politischen Vertretern nur schwer vermitteln lassen.

Lassen Sie uns die zwei Stunden Diskussion jetzt einmal auf den Punkt bringen: Was bedeutet das für den einzelnen Versicherer in der Praxis? Zumal die Gesellschaften sich in dem Dilemma befinden, in Zeiten des Niedrigzinses mit komplexeren Investments eine Rendite erzielen zu müssen, ohne dabei den Aufwand in die Höhe zu treiben. Welche Gedanken haben Sie dazu?

Texter: Große Gesellschaften werden mit der Komplexität der aufsichtsrechtlichen Anforderungen zurechtkommen. Schwieriger wird das natürlich bei kleineren oder vielleicht sogar schon mittelgroßen Versicherern, die sich genau überlegen müssen, welchen Grad der Komplexität sie sich in ihren Kapitalanlagen überhaupt erlauben können. Und gegebenenfalls auch auf bestimmte Asset-Klassen verzichten, weil sie zu teuer sind. Ob sich dies dann auszahlt, hängt stark davon ab, was tatsächlich am Kapitalmarkt passiert.

Buchhart: Die Administrationskosten sind, zumindest aus den Erfahrungen, die wir haben, nicht der entscheidende Punkt. Selbst die Verwaltung von alternativen Investments wie Private Equity oder Infrastruktur ist dank einer stärkeren Konkurrenz der Anbieter nicht mehr so teuer. Zweistellige Basispunktbeträge haben wir da nicht mehr.

Bormann: Den zusätzlichen Aufwand kann ein Investor allerdings nicht komplett outsourcen. Nach „Prudent Person Principle“ muss er zumindest verstehen, welches Risiko er im Portfolio hat. Er muss in der Lage sein, Daten oder Risikokennzahlen zu plausibilisieren.

Wagen wir zum Abschluss den Blick in die Zukunft. Was sehen Sie, Herr Texter?

Texter: Erhebliche und kaum kalkulierbare Risiken, politischer, aber auch anderer Herkunft. Will heißen: Wir dürfen kein Risiko ausschließen und müssen auch das Undenkbare berücksichtigen. Trotz kluger Abstimmung unserer Assets auf die Verbindlichkeiten müssen wir uns die Fähigkeit erhalten, flexibel auf sich möglicherweise plötzlich verändernde Rahmenbedingungen reagieren zu können.

Simonis: Die Kapitalanlage kann man nicht vollständig ändern, sie ist, wie sie ist. Die Zinsen stehen da, wo sie sind. Man kann nur an einzelnen Stellschrauben drehen wie Asset-Klassen und Risiko. Deshalb ist es genau-

so wichtig, an der anderen Seite – der Passivseite – zu arbeiten. Teilweise verabschieden sich Versicherer von Produkten oder ganzen Geschäftsbereichen, verkaufen ihre alten Bestände und entwickeln vor allem gleichzeitig neue Produkte, die zeitgemäßer sind.

Bormann: Ich sehe Versicherer, die über Kostensenkungen ihr Eigenkapital schonen wollen. Die Digitalisierung bringt hier wichtige Effizienzgewinne. Das Potenzial ist längst noch nicht ausgereizt.

Gans: Neue Versicherungsprodukte und Tarife sind gefragt. Nicht zuletzt, um das Kapitalanlagerisiko vom Versicherer auf den Kunden zu verlagern oder zu begrenzen. Hier ist aber nicht nur der Versicherer in der Verantwortung, sondern auch die Politik, indem sie für die Branche bestimmte Anreize schafft.

Das Schlusswort geht an Sie, Herr Buchhart!

Buchhart: Deutsche Versicherer mit nur deutschen Liabilities sollten darüber nachdenken, ihre Kapitalanlage dorthin zu verlagern, wo ein anderes Demografieprofil zu finden ist. Länder oder Regionen, deren Wirtschaft stärker wächst, bieten für die kapitalgedeckte Vorsorge Möglichkeiten, demografische Probleme der umlagefinanzierten Vorsorge zu vermeiden. Und sie sollten bei der Produktentwicklung auch die Absicherung der Langlebigkeit als zentrales Risiko und nicht nur den Kapitalertrag in den Vordergrund stellen. λ

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