Längst dreht sich nicht mehr alles nur um CO2: Wasserknappheit, Entwaldung, Biodervisität und Plastikmüll rücken ins Visier der Investoren. Über die Trends bei ESG-Anlagen sprach Mark Lewis, Leiter Nachhaltigkeitsforschung bei BNP Paribas Asset Management, mit dpn-Redakteurin Antje Schiffler.

Bildquelle: Konoplytska/iStock/GettyImagesPlus

Herr Lewis, Sie sagen, Sie sind heute sehr viel optimistischer als noch vor 5 oder 10 Jahren, dass wir die Klimaziele erreichen können. Was hat sich in dieser Zeit getan?

Lewis: Zwei Dinge haben sich grundsätzlich verändert. Zum einen ist da China. Das Land hatte in den vergangenen Jahren viel zu große Probleme mit Smog und anderen Umweltverschmutzungen, als das sie noch ignoriert werden könnten. Für Indien gilt das Gleiche.

Außerdem hat sich die Technologie im Bereich der Erneuerbaren Energien rasant weiter entwickelt. Die Kosten für Strom aus Erneuerbaren sind deutlich zurückgegangen. Wenn man bedenkt: Anfang der 2000er hieß es noch, es sei undenkbar, dass Solarstrom sich jemals ohne Subventionen rechnen könnte.

Wegen des technischen Fortschritts bin ich sehr viel zuversichtlicher als noch vor 5 oder 10 Jahren, dass wir die CO2-Einsparungsziele erreichen können. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sich in den kommenden Jahren viel im Bereich der Energiespeicher tun wird. Hier wird zurzeit viel investiert.

Und wer treibt diese Entwicklung an, die Politik oder die private Wirtschaft?

Lewis: Es gibt einen starken Rückkopplungseffekt zwischen Politik und Investoren. Das Beispiel der deutschen Einspeisevergütung ist hierfür ein gutes Beispiel. Die finanziellen Anreize waren ein wichtiger Magnet für Kapital. Wegen der Skaleneffekte fielen dann die Kosten, und die Technologien wurden immer besser. Das erleichtert es der Politik dann wiederum, noch ehrgeizigere Ziele zu setzen.

Die Entwicklung wird noch durch zwei Faktoren befeuert. Zum einen achten Investoren inzwischen  sehr viel mehr auf Klimawandel und Umweltaspekte, als sie es noch vor zehn Jahren getan haben. Sie bauen viel mehr Druck auf Unternehmen auf, verantwortungsvoll zu handeln. Auf der Seite der Politik nimmt dagegen der Druck aus der Bevölkerung zu. Die Menschen sind wegen des Klimawandels besorgt, und wegen Plastik und ganz generell wegen der Umweltprobleme.

Ist Kunststoffmüll das neue CO2?

Lewis: In den letzten zwei Jahren ist das ein großes Problem für den Öl- und Chemiesektor geworden. Die Finanzindustrie hat das auf dem Radar. Wir schauen sehr viel genauer hin bei Energieunternehmen. Aber auch für den Einzelhandel und die Konsumgüterindustrie, zum Beispiel Coca Cola, ist das Plastikthema ein Riesenproblem. Der Unterschied zu CO2 ist, dass es sichtbar ist. Menschen reagieren emotional auf Bilder von Walen oder Vögeln, die wegen Plastik verendet sind.

Und als Mikroplastik gelangt es in die Meere. Überhaupt: Wasserknappheit gilt als eines der dringendsten Probleme für die Menschheit. Was tun die Unternehmen dagegen, und welche Branchen sind besonders in der Verantwortung?

Lewis: Da muss man zuerst an die Lebensmittelindustrie und vor allem auch an die Bekleidungsindustrie denken, beispielsweise an das Phänomen von „Fast Fashion“. Die Zahl der Kleidungskäufe pro Kopf ist in den letzten 10 bis 20 Jahren überall in den Industrieländern rasant gestiegen. Für die Umwelt ist das eine extrem destruktive Praxis, denn die Branche hat eine sehr schlechte Umweltbilanz:

Sie ist für 20 Prozent der weltweiten industriellen Wasserverschmutzung verantwortlich. 60 Prozent der Baumwolle, die sie verarbeitet, stammt aus Gebieten, in denen Wasserknappheit vorherrscht. Außerdem ist der Sektor für 4 Prozent der weltweiten Frischwasserverbrauchs verantwortlich. Ich kann mir vorstellen, dass der Industrie sehr unruhige Zeiten bevorstehen und sie bald im Rampenlicht stehen könnte.

Lange Zeit haben wir nur über die Sektoren Strom, Öl und Gas geredet, aber das wird sich ändern. Der Lebensmittelsektor wird im Zusammenhang mit Entwaldung weiter in den Mittelpunkt rücken. Und das Thema Biodiversität wird auch wichtiger werden.

Aber kommen das S und das G in dieser ESG-Betrachtung nicht zu kurz?

Lewis: Für mich ist der „Environment“-Aspekt tatsächlich der wichtigste, vielleicht auch, weil ich so lange in diesem Bereich gearbeitet habe. Nahezu alle Branchen stehen unter Druck, ihre CO2-Emissionen und natürlich auch andere Schadstoffemissionen zu drosseln. Generell glaube ich, dass der Klimawandel heute weltweit zu einem so weitumspannenden Thema geworden ist, dass Unternehmen aller Branchen sich dem Thema viel stärker annehmen müssen.

Gerichtsverfahren gegen Unternehmen wegen des Klimawandels werden meiner Meinung nach ein Riesenthema werden. Es gibt in den USA eine Menge Verfahren gegen Energiekonzerne, und ein peruanischer Farmer verklagt RWE. Wenn Unternehmen für den Schaden, den sie verursacht haben, in gleicher Weise zur Verantwortung gezogen werden wie es beispielsweise bei der Tabakindustrie der Fall war, dann wird das natürlich große Auswirkungen auf deren finanzielle Performance haben.

Mark Lewis, Leiter der Nachhaltigkeitsforschung bei BNP Paribas Asset Management Foto: BNP Paribas

Aber bei manchen Sektoren kann es natürlich sein, dass Social oder Governance wichtiger sind als die Umweltfaktoren. Im Pharmasektor kann ein Unternehmen beispielsweise danach bewertet werden, ob es lebenswichtige Medikamente ausreichend und zu einem fairen Preis verfügbar macht. Ein ganz anderes Beispiel ist die Opiodkrise in den USA.

In Sachen Governance achten wir bei der BNP Paribas zum Beispiel auf den Frauenanteil in Führungsgremien. Wir würden gegen einen Vorstand stimmen, der nicht eine Frauenquote von 30 Prozent hat. Generell würde ich sagen, variieren die S- und G-Faktoren stärker von Sektor zu Sektor als die Umweltaspekte, und sie sind auch schwieriger zu quantifizieren. Für den CO2-Ausstoß gibt es ja einen Preis.

Das ist ein gutes Stichwort. Wie messen Sie den ESG-Erfolg?

Lewis: Wir sind zurzeit dabei, dies neu auszurichten. Bei der BNP Paribas bieten wir schon seit 2002 SRI-Fonds an. Bis vor kurzem haben wir die Begriffe SRI und ESG wechselweise benutzt. Ich betrachte das so, dass SRI-Investoren auf mehr achten als die rein finanzielle Rendite, die bei ESG-Investoren wiederum stärker im Vordergrund steht.

Mit dem Aufkommen der SRI-Investments wurden eine Menge Indikatoren eingeführt, von denen aber längst nicht alle relevant sind für die finanzielle Performance eines Unternehmens. Und natürlich variieren die Faktoren auch stark von Branche zu Branche.

Unser Job ist nun, jeden einzelnen Sektor, in dem wir aktiv sind, genau zu betrachten. Wir haben hierfür ein Team von Analysten, von denen sich jeder auf zwei oder drei Sektoren spezialisiert. Sie durchleuchten die Faktoren, die die finanzielle Performance von Unternehmen beeinflussen werden.

Lässt sich mit ESG denn auch Geld verdienen?

ESG ist mehr als Risikominimierung. Langfristig kann es die Performance eines Portfolios sicherlich verbessern.

Herr Lewis, vielen Dank für das Gespräch.

 

Aktuelle Beiträge

Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »
Alles Wichtige für institutionelle Investoren - Kompetent und unabhängig - Jede Woche neu
NEWSLETTER KOSTENLOS ABONNIEREN »