Die Verpflichtungen von Versicherern reichen oft Jahrzehnte in die Zukunft. Der Anlageerfolg hängt daher nicht nur von einzelnen Unternehmen oder Branchen ab, sondern auch von stabilen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Rahmenbedingungen. Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Ressourcenknappheit oder gesellschaftlicher Wandel können erhebliche Auswirkungen auf Unternehmen, Märkte und langfristig orientierte Anlageportfolios haben.
Vor diesem Hintergrund gewinnt Stewardship zunehmend an Bedeutung. Stewardship bezeichnet die aktive Wahrnehmung der Eigentümerrolle von Investoren. Dazu gehören der Dialog mit Unternehmen – oft als Engagement bezeichnet –, die Ausübung von Stimmrechten und weitere Formen aktiver Einflussnahme. Führende Organisationen wie die Principles for Responsible Investment (PRI), die Net-Zero Asset Owner Alliance (NZAOA) sowie die Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) betrachten Stewardship als wesentlichen Bestandteil verantwortungsvoller Kapitalanlage.
Langfristig orientierte Investoren sollten ihre Verantwortung nicht auf die reine Kapitalbereitstellung beschränken. Sie können durch aktives Handeln dazu beitragen, Risiken zu verringern und positive Entwicklungen zu fördern. Für die Versicherungskammer ist Stewardship daher kein separates Nachhaltigkeitsinstrument, sondern ein integraler Bestandteil einer verantwortungsvollen Kapitalanlagestrategie.
Wissenschaftliche Grundlage für Stewardship-Aktivitäten
Bisher war wenig darüber bekannt, wie institutionelle Investoren ihre Stewardship-Aktivitäten strukturieren und welche Treiber sie beeinflussen. Eine wissenschaftliche Studie von Autoren der Universität Augsburg, der Universität St. Gallen und der Versicherungskammer Tecta Invest setzt genau hier an und untersucht, welche Faktoren hinter der Stimmrechtsausübung bei nachhaltigen Aktionärsanträgen auf Hauptversammlungen stehen.
Grundlage der Analyse der Studie von Nerlinger et al. (2026) ist ein umfangreicher kombinierter Datensatz aus Morningstar und PRI-Berichten. Er umfasst US-domizilierte Aktienfonds und verknüpft deren tatsächliches Abstimmungsverhalten mit detaillierten und auf Selbstauskünften basierenden Angaben zu Stewardship-Prozessen von PRI-
Unterzeichnern.
Betrachtet werden unter anderem direkte Dialogformen wie Gespräche mit dem Management, Unternehmensbesuche, schriftliche Kommunikation und Roadshows sowie die Art und Intensität der Stimmrechtsausübung bei nachhaltigkeitsbezogenen Aktionärsanträgen. Insgesamt werden 80 institutionelle Investoren und über 1.300 Fonds untersucht.
Info
Maximilian Faussner ist ESG and Sustainability Specialist Investment Management beim Konzern Versicherungskammer.
Rainer Link ist Geschäftsführer bei der Versicherungskammer Tecta Invest GmbH.
Dr. Jonas Zink ist Quantitative Portfolio Manager for Equities and Multi-Asset bei der Versicherungskammer Tecta Invest GmbH.
Die Ergebnisse zeigen: Gerade für institutionelle Investoren ist bedeutsam, dass Stewardship nicht eindimensional wirkt. Persönliches Engagement und Stimmrechtsausübung stehen demnach in einem engen, teilweise substitutiven Verhältnis. Des Weiteren wird gezeigt, dass die Größe von Fondsgesellschaften das Abstimmungsverhalten beeinflusst und externe Dienstleister, Transparenz und die Dauer der PRI-Mitgliedschaft dabei eine wichtige Rolle spielen. Damit liefert die Studie nicht nur eine Beschreibung von Verhalten, sondern auch eine belastbare Grundlage dafür, wie Stewardship organisatorisch und strategisch ausgestaltet werden kann.
Rolle von Stewardship in der Nachhaltigkeitsstrategie
Die Stewardship-Aktivitäten der Versicherungskammer sind Teil einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie für die Kapitalanlage. Diese basiert auf mehreren ineinandergreifenden Bausteinen, darunter Ausschlusskriterien, Dekarbonisierung des Kapitalanlagebestands, die Berücksichtigung der wichtigsten nachteiligen Auswirkungen von Investitionsentscheidungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren (Principal Adverse Impacts, PAI), die Integration von Nachhaltigkeitsrisiken, Stewardship sowie nachhaltigkeitsbezogene Investitionen in alternative Asset-Klassen.
Stewardship nimmt innerhalb dieser Strategie eine besondere Rolle ein. Während Ausschlusskriterien, Risikobetrachtungen und Dekarbonisierungsziele den Rahmen setzen, sorgt Stewardship dafür, dass die Versicherungskammer auch aktiv auf Unternehmen einwirken kann. Sie übersetzt die strategischen Rahmenbedingungen in konkrete Wirkung bei Portfoliounternehmen.
Stewardship unterteilt sich in drei Elemente:
- Corporate Engagement – die Interaktion mit Portfoliounternehmen,
- Stimmrechtsausübung bei Hauptversammlungen und
- Asset-Manager-Engagement, der Dialog mit externen Vermögensverwaltern.
Von der Strategie zur Umsetzung: Stewardship in der Praxis
Stewardship wird über verschiedene Instrumente umgesetzt. Im Rahmen des Corporate Engagements werden gezielt Unternehmen angesprochen, bei denen wesentliche Nachhaltigkeitsrisiken oder Verbesserungspotentiale erkannt wurden. Ziel ist es, Fortschritte bei Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen zu erwirken. Dabei sollen reale Veränderungen in den Unternehmen und letztlich in der Realwirtschaft erreicht werden.
Ergänzt wird dieser Austausch durch die Stimmrechtsausübung auf Hauptversammlungen. Corporate Engagement und Stimmrechtsausübung werden dabei nicht als voneinander getrennte Maßnahmen verstanden, sondern als aufeinander abgestimmte Bestandteile eines aktiven Eigentümeransatzes.
Die wissenschaftliche Studie von Nerlinger et al. (2026) unterstreicht diese Logik. Die Studie zeigt, dass aktives Stewardship häufig an die Stelle von Stimmrechtsausübung tritt: Institutionelle Investoren, die intensiver den Dialog mit Unternehmen suchen, stimmen auf Hauptversammlungen seltener gegen das Management.
Die Versicherungskammer verfolgt einen analogen Ansatz: Im Vordergrund steht stets der konstruktive Dialog mit den Unternehmen. Eine Stimmabgabe gegen das Management wird daher selten als bloßer Protest, sondern vielmehr als gezieltes Eskalationsinstrument eingesetzt.
Insgesamt strebt die Versicherungskammer einen Voice-over-Exit-Ansatz an. Der partnerschaftliche Dialog (Voice) besitzt somit Priorität vor einem Desinvestment (Exit), was im Einklang mit anderen institutionellen Investoren steht (vgl. Zink (2024)). Der Verkauf von Anteilen kann zwar einen positiven Einfluss auf die Realwirtschaft haben (vgl. Rohleder/Wilkens/Zink (2022)). Jedoch gibt es ebenso Belege dafür, dass auch Voice-Aktivitäten auf Unternehmen wirken können (vgl. Wilkens et al. (2025)).
Darüber hinaus führt die Versicherungskammer seit 2024 einen strukturierten Dialog mit extern mandatierten Asset Managern. Dieses Asset-Manager-Engagement umfasst einen systematischen Ansatz zur Auswahl, Ernennung und Überwachung externer Fonds- und Asset Manager. Ziel ist es, sicherzustellen, dass Nachhaltigkeitsaspekte und langfristige Wertschöpfung auch in externen Mandaten angemessen berücksichtigt werden. Regelmäßige Abstimmungen mit aktuellen Managern und konkrete Anforderungen an neue Manager ermöglichen es, relevante Nachhaltigkeitsaspekte und Entwicklungen zu adressieren.
Die Weiterentwicklung des Stewardship-Ansatzes in der Versicherungskammer
Angesichts steigender regulatorischer Anforderungen und der zunehmenden Komplexität von Nachhaltigkeitsthemen entwickelt die Versicherungskammer ihren Stewardship-Ansatz 2026 weiter. Zentral ist dafür die Zusammenarbeit mit einem international erfahrenen Stewardship-Dienstleister über die Kapitalverwaltungsgesellschaft. Viele kleine und mittelgroße Versicherer stehen dabei vor der gleichen Herausforderung: Wirksames Stewardship erfordert erhebliche personelle Ressourcen, internationale Marktabdeckung und spezialisiertes Fachwissen. Die Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Partner ermöglicht es, dieses Know-how zu nutzen und zugleich die strategische Steuerung im Haus zu behalten.
Die wissenschaftlichen Ergebnisse von Nerlinger et al. (2026) stützen die Entscheidung, einen externen Dienstleister einzubinden. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass externe Dienstleister nicht nur Ressourcen schonen, sondern die Wirksamkeit erhöhen, da ihr Einsatz mit einer stärkeren Unterstützung nachhaltiger Anträge einhergeht. Externe Dienstleister bündeln die Interessen mehrerer Investoren, erhöhen so Reichweite und Koordinationsfähigkeit und können gegenüber Unternehmen mit größerem Gewicht auftreten. Gerade für kleinere und mittelgroße Asset Owner eröffnet dies die Möglichkeit, Einfluss nicht nur über das eigene Portfolio, sondern auch gemeinsam mit anderen Investoren wirksamer auszuüben.
Darüber hinaus zeigt die Studie, dass kollaboratives Engagement mit einer stärkeren Unterstützung nachhaltigkeitsbezogener Aktionärsanträge einhergehen kann. Besonders dort, wo Zusammenarbeit auf ein besseres Verständnis von Nachhaltigkeitsstrategien oder auf konkrete Veränderungen in der Unternehmenspraxis abzielt, entfaltet aktives Stewardship zusätzliche Wirkung.
Im Rahmen des Corporate Engagements benennt die Versicherungskammer zukünftig gezielt Unternehmen aus dem eigenen Anlagebestand für ein individuelles Engagement-Programm. Die Auswahl und Priorisierung erfolgen anhand verschiedener Nachhaltigkeitsindikatoren wie des Net Zero Investment Framework, des UN Global Compact sowie spezifischer Kontroversenanalysen. Gemeinsam mit der Kapitalverwaltungsgesellschaft und dem externen Dienstleister werden konkrete Ziele und Meilensteine definiert und über mehrere Jahre hinweg nachverfolgt.
Auch der Prozess der Stimmrechtsausübung wird ausgebaut und professionalisiert. Während sich dieser bislang überwiegend auf europäische Unternehmen konzentrierte, ermöglicht die neue Struktur künftig eine breitere internationale Abdeckung.
Ziel der Weiterentwicklung des Stewardship-Ansatzes ist nicht allein die Reduktion von Risiken, sondern auch die aktive Begleitung von Unternehmen auf ihrem Transformationspfad hin zu resilienteren und nachhaltigeren Geschäftsmodellen. Bleiben Fortschritte über einen längeren Zeitraum aus, kann die Stimmrechtsausübung gegen das Management genutzt werden, um Erwartungen zusätzlich Nachdruck zu verleihen.
Stewardship endet nicht an den Börsen
Stewardship beschränkt sich nicht auf börsennotierte Unternehmen. Auch bei Infrastrukturinvestitionen, Private Equity, Immobilien oder strategischen Beteiligungen können Investoren ihre Eigentümerrolle aktiv wahrnehmen.
Als bedeutende (Mit-)Gesellschafter besitzen Investoren in diesen Asset-Klassen oft direkte Mitwirkungsrechte, um Nachhaltigkeitsaspekte direkt in die Steuerung einzubringen. Hierzu können Investoren ihren Einfluss ohne externe Unterstützung unmittelbar über bestehende Gesellschafterrechte ausüben. Stewardship sollte daher nicht ausschließlich als Instrument für liquide Kapitalanlagen verstanden werden, sondern als Ausdruck verantwortungsvoller Eigentümerschaft über sämtliche Asset-Klassen hinweg.
Die Nachhaltigkeitsstrategie der Versicherungskammer wird kontinuierlich weiterentwickelt. Neben den bestehenden Elementen der Nachhaltigkeitsstrategie sollen künftig insbesondere Biodiversität und Impact Investing stärker integriert werden. Hierfür werden derzeit erste Frameworks, Maßnahmen und Zielsetzungen entwickelt. Stewardship wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Als Instrument aktiver Einflussnahme verbindet sie zahlreiche Elemente der Nachhaltigkeitsstrategie und ermöglicht es, neue Themen nicht nur in der Kapitalanlage zu berücksichtigen, sondern auch aktiv bei Unternehmen und Investitionen zu adressieren.
Fazit
Für Versicherungsunternehmen ist die kontinuierliche Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie weit mehr als ein Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung. Langfristige Herausforderungen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Ressourcenknappheit oder soziale Instabilität beeinflussen die Entwicklung von Volkswirtschaften, Unternehmen und Kapitalmärkten unmittelbar. Wer diese Entwicklungen nicht berücksichtigt, gefährdet langfristig nicht nur ökologische und gesellschaftliche Grundlagen, sondern auch die Versicherbarkeit von Risiken, die Stabilität der Kapitalanlagen und damit die Zukunftsfähigkeit des eigenen Geschäftsmodells.
In diesem Kontext versteht sich Stewardship nicht als ein separates Nachhaltigkeitsinstrument, sondern als Ausdruck verantwortungsvoller Eigentümerschaft und als wirksamer Hebel, um langfristige ökologische, soziale und finanzielle Wertschöpfung zu fördern. Die Versicherungskammer entwickelt ihren Ansatz deshalb wissenschaftlich fundiert weiter und setzt dabei auch auf externe Expertise und kollaborative Formate.
Info
Literaturverzeichnis
1. Nerlinger, M., Rohleder, M., Wilkens, M. & Zink, J. (2026). What Drives Sustainable Institutional Engagement and Voting Behavior? The Financial Review, 61(2), 471–491. https://doi.org/10.1111/fire.70027
2. Rohleder, M., Wilkens, M. & Zink, J. (2022). The effects of mutual fund decarbonization on stock prices and carbon emissions. Journal of Banking & Finance, 134, 106352. https://doi.org/10.1016/j.jbankfin.2021.106352
3. United Nations Environment Programme (2026): UN-convened Net-Zero Asset Owner Alliance. Target Setting Protocol – Fifth Edition, 19-28. https://www.unepfi.org/industries/nzaoa-target-setting-protocol-fifth-edition/
4. OECD (2025). Institutional Investor Engagement and Stewardship. OECD Publishing. Paris, https://doi.org/10.1787/a4902cee-en.
5. Wilkens, M., Jacob, S., Rohleder, M., & Zink, J. (2025). The Impact of Sustainable Investment Funds: Impact Channels, Status Quo of Literature, and Practical Applications (White Paper). SSRN. https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=4205546
6. Zink, J. (2024). Which investors support the transition toward a low-carbon economy? Exit and Voice in mutual funds. Journal of Asset Management, 25, 147–161. https://doi.org/10.1057/s41260-023-00345-w
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Redaktioneller Hinweis:
Dieser Artikel erschien erstmals in der dpn-Print-Ausgabe 5/2026. Redaktionsschluss war der 10. August 2026.
