Herr Gaschik, was ist Ihre Aufgabe bei Baillie Gifford?
Ich bin 2019 mit der Zielsetzung gestartet, Baillie Gifford bei deutschen Investoren bekanntzumachen. Dazu gehörte, ein Büro zu finden, einen Wirtschaftsprüfer, eine Vertriebsvereinbarung aufzusetzen, Mitarbeiter für den Standort zu rekrutieren und natürlich die passenden Kunden für Baillie Gifford zu identifizieren. Es ging weniger darum, dass Baillie Gifford in Summe wächst und neue Märkte erschließt. Aber wir konnten uns ausrechnen, wie viele Assets über Defined Benefit-Pensionspläne – vor allem in den USA – in den nächsten Jahren abfließen müssen. Und die Frage war, an welcher Stelle wir das auffangen können. Entsprechend stellen wir uns breiter auf, diversifizieren das Geschäftsportfolio und expandieren stärker in Europa.
Was haben Sie vor 2019 gemacht?
Ich war bei First State, ebenfalls einem schottischen Asset Manager, der jetzt Stewart Investors heißt. Da habe ich das Gleiche gemacht wie jetzt: Ein Büro in Frankfurt eröffnet. Das ist etwas, was mir unheimlich Spaß macht: leicht unternehmerisch, nur ohne das volle Risiko, aber mit hohen Freiheitsgraden und einer Aufbaufunktion. Davor war ich bei der UBS und der Deutschen Bank.
Wird es nach fast fünf Jahren bei Baillie Gifford nicht Zeit, das nächste Unternehmen in Deutschland aufzubauen?
Ich bin hier mit meiner Aufgabe noch längst nicht fertig. Davon abgesehen, ist Baillie Gifford wirklich ein sehr gutes Haus. Ich hatte fast fünf Jahre lang Zeit, um nach dem Haar in der Suppe zu suchen, habe aber nichts Gravierendes gefunden. Durch das Partnerschaftsmodell, das 1908 gegründet wurde, ergibt sich ein wirklich langfristiger Investment-Ansatz. Inzwischen kommt doch permanent ein schwarzer Schwan daher. Man braucht also einen gewissen Zeithorizont. Und den gibt es bei Baillie Gifford. Hier wird auf 15 Jahre geplant. Das wirkt sich auch auf die Art des Investierens aus. Daher stelle ich es mir sehr schwierig vor, noch einmal zu wechseln und jemanden zu finden, der mir glaubhaft machen kann, das ebenfalls so umzusetzen. In den knapp fünf Jahren, die ich jetzt bei Baillie Gifford bin, sind die Assets under Management von 190 Milliarden Euro auf 420 Milliarden Euro gestiegen, dann auf 220 Milliarden Euro gefallen und schließlich wieder auf 270 Milliarden Euro geklettert. Aber die Partner sind immer ruhig durchgesegelt. Das ist für mich ein ganz entscheidender Punkt. Sie sind echte Unternehmer, die nicht nach 18 Monaten unruhig werden. Darüber hinaus sind die Partner nicht von extern gekommen, sondern im Schnitt seit 20 Jahren dabei und haben als Eigentümer keinerlei Ambitionen, woanders hinzugehen. Sie haben also einen anderen Planungshorizont. Und da die Partnerschaft nur den richtig guten Leuten angeboten wird, bleiben diese dem Unternehmen auch erhalten.
Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?
Inzwischen kann man unsere Publikumsfonds auf den Plattformen erwerben. Außerdem haben wir erreicht, dass Baillie Gifford in Deutschland als Asset Manager für Growth-Themen wahrgenommen wird, und wir konnten die ersten größeren institutionellen Investoren gewinnen. Als wir 2019 gestartet sind, hatten wir natürlich enormen Rückenwind. Unser Kernprodukt Wachstumsunternehmen lief sensationell. Jetzt spüren wir Gegenwind. Denn unsere Suche nach den wenigen starken Wachstumsunternehmen, die den Unterschied ausmachen, interessiert momentan kaum jemanden. Derzeit will bloß niemand etwas falsch machen. Sicherheit – vermeintliche Sicherheit – ist gefragt. Daher versuchen wir aktuell, die Investoren davon zu überzeugen, dass Baillie Gifford ein Haus ist, das hält, was es verspricht: in Dekaden denken, nicht in Quartalen. Natürlich sind Fixed-Income-Themen derzeit viel gefragter. Aber gerade jetzt ist es bedeutsam, die gleiche Message immer wieder zu wiederholen. In fünf Jahren überzeugen wir damit, wie wir uns heute verhalten haben.
Wie sieht Ihre Kundenstruktur in Deutschland aus?
Wir verwalten in Deutschland 1,7 Milliarden Euro von institutionellen Investoren. Das sind vor allem Versorgungswerke und Pensionskassen, aber auch große Single-Family-Offices. Unsere Kunden denken also ähnlich langfristig wie wir. Im Schnitt halten wir ein Unternehmen siebeneinhalb Jahre. Diesen Zeithorizont sollte idealerweise auch der Kunde mitbringen. Wir wissen, dass das schwierig ist. Aber wir sind überzeugt, dass sich die operative Entwicklung des Unternehmens erst in diesen Zeiträumen auch im Aktienkurs widerspiegeln wird.
Wie sieht der Investment-Ansatz bei Baillie Gifford aus?
Wir schauen auf die Entwicklung der Unternehmen. Die Unternehmen, die langfristig am stärksten wachsen, deren Aktien werden auch am besten performen. Daher versuchen wir, möglichst viele der Unternehmen zu finden, die überproportional wachsen. Unser Mindset ähnelt einem Private-Equity-Investor, nur eben für liquide Assets. Es geht nicht in erster Linie um das Vermeiden von Fehlern, sondern darum, die wenigen positiven Ausreißer zu finden und sie über einen sehr langen Zeitraum zu halten. Das ist die Grundidee. Mit unserem langfristigen Ansatz und der Partnerschaftsstruktur sind wir sehr gut dafür aufgestellt, ein paar dieser Ausreißer zu finden. Denn diese haben alle eines gemeinsam: Sie sind hoch volatil. Die Performance ergibt sich erst über die sehr lange Zeit. Wir haben Namen im Portfolio, die heute alle kennen: Amazon, Tesla, Nvidia oder Moderna. Amazon haben wir schon 20 Jahre mit drin, Tesla seit 2014.
Tesla war 2014 noch weit weg von der Gewinnschwelle. Ist Profitabilität kein Kriterium für die Aktienauswahl?
Sie haben recht: 2014 hat Tesla vielleicht 10.000 Autos produziert und war nicht profitabel. Für uns ist aber viel interessanter, was in den nächsten fünf oder zehn Jahren möglich ist und mit welcher Wahrscheinlichkeit. Nur ist der Weg bis zu einer Produktion von zwei Millionen Autos alles andere als geradlinig. Ich glaube, Tesla hat sich dreimal während der Haltedauer halbiert; das Gleiche gilt übrigens auch für Titel wie Nvidia oder Hermès. Und dennoch sind das die Ausreißer, die wir suchen: Tesla 82x, Nvidia 28x, Hermès 39x. Sowohl bei einer Halbierung als auch einer Verdopplung des Aktienkurses kann es schwer werden, Kurs zu halten. Das umzusetzen und daran festzuhalten, bedarf der richtigen Struktur. Da hilft es natürlich, dass die Portfoliomanager gleichzeitig Inhaber der Firma sind.
Welchen Einfluss hat das aktuell schwierige Marktumfeld auf Ihre Anlageentscheidungen?
Für die großen strukturellen Veränderungen, die stattfinden, und bei den Zeithorizonten, über die wir sprechen, sind Faktoren wie Zinsniveau, Inflation oder BIP-Wachstum aus unserer Sicht nicht so relevant. Die Energiewende wird stattfinden. Und der Krieg in der Ukraine hat keinerlei Auswirkung auf die Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz. Der Markt ist oft nicht bereit, das größere Thema hinter dem Aktuellen zu sehen. So haben wir schon 2018 in Moderna investiert, weil wir davon überzeugt waren, dass Daten, Processing Power und KI neue Technologien wie mRNA hervorbringen können. Vakzine sind dabei nur ein Anwendungsgebiet. Nur wussten wir zum Zeitpunkt der Investition noch nicht, ob mRNA funktioniert. Seit Corona wissen wir es, entsprechend konnten wir Moderna in unseren Szenarien massiv de-risken. Wir freuen uns über die Pipeline von über 40 Patenten. Der Markt fragt aber nur, wie viele Corona-Vakzine verkauft werden können. Das ist auch wichtig, aber dabei geht es nur um den Gewinn des nächsten Jahres. Uns ist wichtig, was auf lange Sicht möglich ist. Diese Einstellung ist aktuell am Markt aber wenig gefragt. Niemand möchte derzeit „Was ist möglich?“, sondern nur „Was kann ich morgen bekommen?“.
Sie haben in Ihrem Portfolio einige bekannte Namen wie Tesla, Nvidia oder Alibaba. Brauchen Investoren für die Auswahl solch bekannter Aktien wirklich einen Fondsmanager?
Klar, heute sind das bekannte Nahmen. 2008 war Alibaba aber eher ein Start-up und Nvidia 2015 eher etwas für Gamer. Aber es geht nicht nur darum, die Perlen zu finden, sondern darum, diese auch zu halten. Wir haben die Geduld. Wir investieren wie ein Unternehmer, setzen uns einen Plan, stecken Meilensteine für das jeweilige Unternehmen ab und schauen es uns an. Dank unserer Größe haben wir auch einen sehr guten Zugang zu den Unternehmen. Zudem investieren wir sehr frühzeitig, häufig schon vor dem IPO. 2008 war Alibaba-Gründer Jack Ma in Edinburgh und hatte die Führung von Ant Financial mit dabei, das es damals noch gar nicht gab. Dem Management von Baidu sind wir zu ByteDance gefolgt und konnten so den Erfolg von TikTok miterleben. In Großbritannien managen wir den größten Investment Trust, aber auch geschlossene Fonds, um private Unternehmen vor dem IPO zu halten. Denn die neuen Unternehmen, die an der Seitenlinie stehen und aufs Spielfeld rücken, sind die eigentlich interessanten. Von denen können wir etwas lernen für unser liquides Portfolio, bevor sie an die Börse gehen. Wir sind also sehr früh dabei und kennen die Unternehmen. Dadurch haben wir dann beim IPO auch Vorteile.
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Patrick Daum ist Chef vom Dienst bei dpn-online. Er berichtet über alle Themen rund um das institutionelle Asset Management.

