Susanne Ballauff, Co-President Wellington Management Funds Global und Leiterin von Wellington Management Europe, und Amanda Pullinger, Chief Executive Officer von „100 Women in Finance“, sprachen mit Vivien Steinhübl über die Gründung der Organisation, Zukunftsvisionen und welche Fehler man als Frau in der Branche nicht machen sollte.

Was war die Motivation hinter der Gründung von 100 Women in Finance (100WF)?

Amanda Pullinger: Vor 20 Jahren gab es in New York drei Frauen, die alle im Hedgefonds-Bereich gearbeitet haben. Damals waren sie tatsächlich die einzigen Frauen in ihrem Unternehmen – das war in einer Zeit, in der Hedgefonds noch ein recht neues Gebiet waren. Obwohl die fünf Organisationen, in denen die Personen arbeiteten, eigentlich Konkurrenten waren, fiel schnell auf, dass eine gegenseitige Hilfestellung und Unterstützung auf lange Sicht die Performance jeder individuellen Organisation verbesserte.

Auch fiel auf, dass die meisten Branchenveranstaltungen von keinen oder nur sehr wenigen Frauen besucht wurden. Ende 2001 wurde auf der Grundlage dieser Idee die erste Veranstaltung von 100WF organisiert, um zu sehen, wie viele Frauen zusammengebracht werden könnten. Buchstäblich waren es genau 100 Frauen, die zu der ersten Veranstaltung kamen – das war also der Beginn dessen, was früher „100 Frauen in Hedgefonds“ hieß und seit 2016 nun „100 Women in Finance“ heißt.

Ziel von 100WF war es, Ideen zu teilen, zusammenzuarbeiten und sich weiterzubilden. Daneben existiert für jede Karrierestufe, in der sich eine Frau gerade befindet, ein Peer-Netzwerk von Personen, die sich in der gleichen Karrierephase oder in der gleichen Rolle in der jeweiligen Branche befinden.

Ich kam Anfang 2002 dazu. Zu dieser Zeit war ich Direktorin eines Hedgefonds, also bin ich aus genau den gleichen Gründen beigetreten wie die anderen Frauen. Ich war die einzige Frau in meiner Firma und wollte mich mit Frauen aus der Branche austauschen und vernetzen.

Was sind die Hauptziele und Projekte von 100WF?

Pullinger: 100WF ist eine globale Vereinigung von Frauen und Männern an mittlerweile 27 Standorten, aktuell besteht das Team aus 16 hauptamtlichen Mitarbeitern und ungefähr 500 Freiwilligen. Ein Hauptteil der Arbeit wird sicher von den hauptamtlichen Mitarbeitern erledigt, aber ein sehr großer Teil wird von den Freiwilligen geleistet.

Genau dadurch sind wir immer am Puls der Zeit, wissen, was gerade in der Branche wichtig ist, welche Probleme oder Phänomene aktuell auftreten.

Unsere Vision heißt „30 by 40“. Was das bedeutet? Dass wir bis zum Jahr 2040 30 Prozent der leitenden Investment-Positionen und Führungsrollen mit Frauen besetzt sehen wollen.

Wir wollen zudem dahin gelangen, dass junge Frauen nicht mehr die einzigen Frauen im Unternehmen sein müssen. Erreichen werden wir das dadurch, dass wir Frauen in der Branche in jeder Phase ihrer Karriere stärken. Wir wollen junge Frauen miteinander verbinden, um sie beruflich voranzubringen.

Susanne Ballauff: Wir sind stolz darauf, dass bei Wellington bereits 28 Prozent der Investment Professionals weiblich sind. Somit bin ich guter Dinge, dass wir die 30 Prozent vielleicht auch bereits vor 2040 erreichen können. Zusätzlich sind auch 21 Prozent unserer Partner und 28 Prozent unserer Managing Directors weiblich.

Viele Organisationen sind bereits auf diesem Weg und bemühen sich auch, diese Ziele zu erreichen. Wir bei Wellington freuen uns sehr über den Erfolg von Jean Hynes, die den weltweit größten Health-Care-Fonds managt und die Anfang Juli diesen Jahres die Position als CEO übernehmen wird. Damit können wir zeigen, was möglich ist, und junge Frauen inspirieren, dass auch sie es bis ganz an die Spitze schaffen können.

Pullinger: Meiner Meinung nach setzt Wellington den Standard, den 100WF in der Welt sehen möchte. Studien zeigen, dass eine Frau an der Spitze einer Organisation einen Multiplikatoreffekt auslösen kann: weitere Frauen werden sehen, dass es möglich ist, an die Spitze zu kommen, und auf diese Weise werden mehr Frauen motiviert, ähnliche Karrierepfade einzuschlagen.

Die Branche hat sich im letzten Jahr deutlich gewandelt in Bezug auf Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion. Viele Unternehmen wollen mit uns zusammenarbeiten. Manche möchten offensichtlich nur „das Kästchen abhaken“, weil ihre institutionellen Investoren es von ihnen verlangen, andere sind wirklich an einer Veränderung interessiert.

Ein wichtiger Punkt ist sicher auch, dass Gender und Gleichstellung immer bedeutender werden und respektiert werden wollen, sonst haben es die Unternehmen schwer, neue Talente zu gewinnen. Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, intern als „All-White-Old-Boys-Network“ angesehen zu werden. Auch finde ich es toll, dass der Druck von der Seite der institutionellen Anleger kommt und nicht nur aus einer politisch korrekten Perspektive.

Wie kann man an den Veranstaltungen teilnehmen und Mitglied werden? Was kostet eine Mitgliedschaft?

Pullinger: Wir sind ja eine globale Organisation. Das bedeutet, dass jede Frau auf der ganzen Welt, die im Finance-Bereich arbeitet, willkommen ist. Von Hedgefonds bis FinTechs ist bereits alles vertreten. Die Diversität der Bereiche hat sich hier nochmal erhöht, seit wir uns von „100 Women in Hedgefonds“ zu „100 Women in Finance“ umbenannt haben.

Somit haben wir auch verschiedene Arten der Mitgliedschaften. Für 100 Dollar pro Jahr kann man die Aufnahmen aller Live-Events und Online-Events nachverfolgen.

Unsere „Angel“-Mitgliedschaft kostet 1000 Dollar pro Jahr. Diese Mitgliedschaft haben typischerweise Frauen, die bereits mehr verdienen und viel Erfahrung haben. Auch haben wir Corporate-Mitgliedschaften. Diese übernehmen gerne mal für ein Jahr eine studentische Mitgliedschaft oder Ähnliches. Eine weitere Facette der Organisation ist das Peer-Engagement, dieses Muster haben wir auch in der deutschen Niederlassung von 100WF.

Die Frauen werden in drei Gruppen unterteilt: die Next Generation (0-10 Jahre Erfahrung), die Mid Career Group (11-18 Jahre Erfahrung) und die Senior Practitioner (20+ Jahre Erfahrung). Diese Gruppen sind wichtig, um sich mit Kollegen zu verbinden die nicht im eigenen Unternehmen sind, aber im selben Stadium der Karriere. Unser Hauptziel ist es, einfach ein Safe Space außerhalb des eigenen Unternehmens zu bieten.

Das alte Sinnbild der Karriereleiter fällt mir dazu ein. Unsere Karrieren sind keine Leiter, die man erklimmen muss, wie man es aus alten Erzählungen kennt. Die Branchen, die Aufgaben und die Erfordernisse sind in einem dauerhaften Wandel, weshalb ich das Sinnbild einer Reise viel passender finde. Für diese Karriere-Reise möchten wir, 100WF, so was wie ein Kompass sein. Damit jede Frau schauen kann, in welche Richtung sie wann und wie navigieren möchte.

Ballauff: Ich habe tatsächlich an der ersten Veranstaltung von 100WF in Boston teilgenommen, wo wir unseren Hauptsitz haben. Es hat mir so gut gefallen, dass ich begonnen habe, mich mit der Organisation zu beschäftigen und über die Hintergründe von 100WF zu informieren. Ursprünglich gab es einzelne Mitglieder aus unserem Haus, bevor Wellington Management sich entschieden hat, eine Firmenmitgliedschaft einzugehen und im Jahr 2018 dem „Senior Leadership Council“ beigetreten ist.

Meine Kollegin Margot Mittler, Leiterin institutionelles Geschäft Deutschland, Österreich, und ich haben festgestellt, dass wir an jedem unserer Firmenstandorte mit 100WF zusammenarbeiten und uns vor Ort engagieren. Zu der Zeit war Deutschland noch eines der wenigen Länder, in denen 100WF noch nicht aktiv war, und immerhin haben wir unser lokales Büro jetzt auch schon seit 10 Jahren vor Ort.

Das war unser Antrieb, Deutschland als zusätzlichen Standort für 100WF zu etablieren. Dies hat auch gut mit einer Veränderung in meiner Karriere zusammengepasst, da ich jetzt an einem Punkt angelangt bin, an dem ich gerne mein Wissen mehr teilen will, als Mentorin sehr aktiv bin und einfach der neuen Generation unter die Arme greifen möchte.

Letztes Jahr hatten wir leider wegen der Pandemie nur zwei physische Events und ein weiteres virtuelles. Im Allgemeinen kommunizieren wir als globale Organisation auf Englisch, aber auch lokale Aspekte in deutscher Sprache werden wir weiter vorantreiben.

Beispielsweise hatten wir bei unserer Auftaktveranstaltung eine Hauptrednerin, die speziell deutsche Probleme und Phänomene thematisiert hat, zwei davon würde ich hier gerne noch erwähnen: Das wäre einmal die mangelnde Unterstützung bei der ganztägigen Kinderbetreuung für berufstätige Mütter, welche ein großes Thema in Deutschland ist, und der Steuernachteil, der Frauen aufgrund des Ehegattensplittings entsteht.

Denken Sie, dass das Gehaltsgefälle im Finanzbereich zwischen Männern und Frauen (bei gleicher Tätigkeit) groß ist?

Pullinger: Das Lohngefälle ist ein schwieriges Thema. Denke ich, dass dies eine Branche ist, in der technisch gesehen ein Mann und eine Frau, die den gleichen Job machen, unterschiedlich bezahlt werden? Nein, denke ich nicht. Ich glaube nicht, dass sie unterschiedliche Gehälter bekommen, weil dies eine wirklich stark regulierte Branche ist. Dennoch sage ich nicht, dass es keine Probleme in diesem Zusammenhang gibt.

Ich möchte über eine meiner eigenen Erfahrungen sprechen: Nach der Universität nahm ich meinen ersten Job in London an. Als sie mir mein erstes Gehalt anboten, habe ich nicht mehr verlangt, ich habe dankend angenommen. Parallel dazu kam ein Mann mit der gleichen Erfahrung zum gleichen Unternehmen, für die gleiche Stelle. Er verlangte mehr Geld und bekam auch das höhere Gehalt. Somit verdiente damals ein Mann für den gleichen Job 20 Prozent mehr als ich.

Ist das die Schuld des Unternehmens oder war das eigentlich mein Fehler, weil ich nicht mehr verlangt habe? Ich hatte damals nicht das Verständnis dafür, dass ich mehr hätte verlangen können, und genau in solchen Punkten möchte 100WF etwas ändern. Frauen zu ermutigen, nach mehr zu fragen, damit sie wissen, dass auch sie mehr verlangen dürfen. Wir möchten Frauen einfach befähigen, ihren Wert zu erkennen, und den Frauen auch Wissen und Tipps zu ihrer Arbeit vermitteln.

Ballauff: Amanda hat es gut auf den Punkt gebracht. Ich möchte noch hinzufügen, dass es einen Unterschied zwischen dem geschlechtsspezifischen Lohngefälle und Equal Pay für alle Frauen und Männer im gesamten Unternehmen gibt, unabhängig von ihrem Dienstgrad oder der spezifischen Rolle, die sie übernehmen.

Das Lohngefälle ist nicht gleichbedeutend mit Equal Pay, also für gleichwertige Arbeit auch gleich bezahlt zu werden. Ich würde sagen, wir sind auf einem guten Weg dahin, auch wenn wir noch nicht ganz da sind, wo wir hinmöchten.

Sie beide sind weit gekommen in Ihrer Karriere. Welche Ratschläge können Sie geben?

Ballauff: Ich fühle mich jetzt wohler, eine Vorbildfunktion einzunehmen und anderen Unterstützung anzubieten. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass ich innerhalb Wellingtons die erste weibliche Person auf der Business-Seite war, die es vom Assistant Vice President bis zur Partnerin in Europa geschafft hat, ist das schon eine Leistung, auf die ich stolz sein kann. Daher denke ich, dass es wichtig ist, mein Wissen zu teilen, sich nicht nur hinter Zahlen zu verstecken und auch über die Herausforderungen auf dem Weg zu sprechen.

Pullinger: Wenn ich an meine Karriere denke, habe ich insgesamt in sieben verschiedenen Branchen gearbeitet. Auf der einen Seite stört mich das manchmal, andererseits verlaufen unsere Karrieren heute aber einfach nicht mehr linear. Es funktioniert nicht mehr, 30 Jahre lang ein und dieselbe Position zu füllen. Im Arbeitsleben sollte man verschiedene Rollen einnehmen, Erfahrungen sammeln, je mehr, desto besser. Mit einem breiteren Verstand und breiterer Erfahrung kommen einem auch bessere Lösungen für den Arbeitsalltag in den Sinn.

Ein wichtiger Ratschlag, den ich jeder Frau mitgeben möchte: Wenn möglich, macht einige Erfahrungen außerhalb des Landes, in dem ihr geboren wurdet. Das wird den Blick unglaublich erweitern, beruflich und privat. Man sollte die Gelegenheit nutzen, außerhalb der eigenen Komfortzone zu sein. Wenn man dann zurückkommt, hat man nicht nur den Horizont erweitert, sondern wird dadurch auch auf beruflicher Ebene als Person mit internationaler Erfahrung wahrgenommen.

Welchen Rat würden Sie jungen Frauen geben, die im Bereich Finance Fuß fassen möchten (quasi der Next Generation)?

Pullinger: Der größte Fehler, den man als Frau machen kann, ist, Dinge nicht zu tun. Nicht nach einer Gehaltserhöhung zu fragen, nicht den neuen Job anzunehmen, nicht das Risiko einzugehen, aus der Komfortzone in ein unbekanntes Terrain zu treten. Ich denke, nicht in Bewegung zu bleiben und sich kleinzuhalten, das ist eine der größten Gefahren.

Ballauff: Da stimme ich Amanda zu. Man darf nie vergessen, dass man letztlich selbst für die eigene Karriere verantwortlich ist.

Susanne Ballauff, Quelle: Wellington

Amanda Pullinger, Quelle: 100 WF

Frau Ballauff, Frau Pullinger, vielen Dank für das Gespräch!

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