Kalenderwoche 13: So schätzen Wirtschaftsexperten die aktuellen Entwicklungen ein.

27. März: Im Gegensatz zur Finanzkrise von 2008/09 sind die Auswirkungen der Coronakrise viel unmittelbarer spürbar. So sind laut Swisscanto Invest.beispielsweise die Restaurantreservierungen in den USA innerhalb von wenigen Tagen praktisch komplett weggebrochen. Ähnlich präsentiert sich das Bild in zahlreichen anderen Sektoren.

„Um die Krise zu meistern, versuchen viele Unternehmen ihre liquiden Mittel über die Beanspruchung von noch vorhandenen Kreditlinien aufzustocken oder den Bargeldabfluss zu minimieren. Dividenden und zuvor vorhandene Kapitalrückkäufe werden ausgesetzt und Investitionen verschoben. Besonders hart betroffen sind Unternehmen im Bereich Freizeit und Touristik wie Hotels/Restaurants, Kreuzfahrtveranstalter, Vergnügungsparks, sowie Detailhändler (mit Ausnahme von Lebensmitteln), bei denen Konkurse nicht auszuschließen sind.”
Philipp Mettler, Senior Analyst im globalen Aktienresearch bei Swisscanto Invest.

 

26. März: Die Aktien haben in der Regel dann ihren Tiefpunkt erreicht, wenn sich das wirtschaftliche Umfeld nicht weiter verschlechtert, und nicht, wenn sich die Wirtschafts- oder Gewinndaten besser entwickeln, sagt David Eiswert, Portfolio Manager der Global Focused Growth Equity Strategy bei T. Rowe Price.  Angesichts dessen sollten Investoren sich auf folgende Anzeichen konzentrieren, die anzeigen, wann es “aufhört, schlechter zu werden”: fiskalpolitischer Stimulus, medizinischer Fortschritt und Erreichung des Höhepunktes der Infektionen.

„Wir glauben, dass die Welt in den nächsten ein bis zwei Quartalen in eine Rezession eintreten wird. Aber ich glaube, es wird eine andere Art von Rezession sein. Sie wird eine grundlegende Trennung zwischen dem längerfristigen wirtschaftlichen Wert (dem Barwert des freien Cash-Flows) und den akuten Auswirkungen kurzfristiger finanzieller Verpflichtungen (Miete, Zins- und Tilgungszahlungen, Gehaltszahlungen usw.) mit sich bringen.“

David Eiswert, Portfolio Manager der Global Global Focused Growth Equity Strategy bei T. Rowe Price

 

26. März: Im Bereich Real Estate könnte das Investitionsvolumen abnehmen, insbesondere bei grenzüberschreitenden Investoren, da die Besichtigung von Vermögenswerten derzeit eine zusätzliche Herausforderung darstellt, so das Fidelity Research-Team in seinem aktuellen Monatsausblick. Zwar gewinne die asiatische und vor allem die chinesische Wirtschaft unerwartet schnell wieder an Fahrt – die asiatischen und vor allem chinesischen Lieferketten kommen wieder in Schwung und operieren in einigen Segmenten sogar wieder auf Vorkrisenniveau. Die Analyse deute aber darauf hin, dass die europäischen Unternehmen anfälliger für die durch das Virus verursachten Störungen seien, so die Fidelity-Experten. Die volle Auswirkung des Virus werde sich erst im zweiten Quartal in den Wirtschafts- und Unternehmensbilanzdaten bemerkbar machen und sich auch im dritten Quartal noch auswirken.

“Wir werden im Jahr 2020 wahrscheinlich eine technische Rezession erleben. Prognosen gehen dann von einem starken Aufschwung im Jahr 2021 aus. Sollte sich die Periode der Covid-19-bezogenen Störungen jedoch weit über das Frühjahr hinaus erstrecken, besteht die Gefahr von Unternehmenspleiten und einer tieferen Rezession, von der man sich erst später erholt.”

Kim Politzer, Director of Research, European Real Estate und Adrian Benedict, Head of Real Estate Solutions, European Real Estate

 

25. März: Die Arbeitswelt dürfte sich nach Covid-19 deutlich ändern. Laut La Française werden die bedeutendsten langfristigen Auswirkungen im Technologiesektor zu spüren sein, da Digitalisierung in der Welt nach Covid-19 eine wichtige Rolle spielen wird. Aufgrund der derzeitigen Beschränkungen sind die Unternehmen gezwungen, mit einer nahezu 100-prozentigen Heimarbeit zu agieren. Bis vor kurzem wurden in vielen Ländern von den Arbeitgebern noch immer nicht in großem Umfang Homeoffice-Modelle angeboten. Da der Zeitraum der Einschränkung immer länger wird, muss die Kommunikations- und Kollaborations-Software-Infrastruktur umfassender und spezifischer/individueller werden.

“Wir glauben, dass Hyperscaler, Anbieter von Rechenzentren sowie von Software für Kommunikationsinfrastrukturen, Cybersicherheit, digitale Spiele und andere Streaming-Unternehmen, Online-Unterricht und Spieleanbieter, die sich von draußen nach drinnen in die digitale oder virtuelle Welt verlagern, die Hauptprofiteure der gegenwärtigen Beschränkungen sind.”
Nina Lagron, Head of Large Cap Equities bei La Française

 

25. März: Die weltweite Rezession hat bereits begonnen, nachdem Europa und große Teile der USA zum Stillstand gekommen sind, so die Einschätzung von Neuberger Berman. Die Erfahrungen aus anderen Ländern sprechen dafür, dass der Höhepunkt in weiten Teilen der USA in 45 rund bis 60 Tagen kommen wird. Erst dann dürfte klar sein, ob genug getan wurde, um Unternehmen und Konsum am Laufen zu halten. Bis dahin könnten Aktien wie Credits durchaus noch einmal einbrechen. Das US-BIP könnte im zweiten Quartal annualisiert um 10 Prozent oder mehr einbrechen. Das wäre nur geringfügig weniger als 1932, bei dem bisher schlimmsten Einbruch um damals 13 Prozent. Danach sei aber eine kräftige Erholung für denkbar. In China werde die Kapazitätsauslastung schon jetzt wieder auf etwa 80 Prozent geschätzt.

“Sollte man also risikobehaftete Wertpapiere kaufen, wenn sich die Märkte etwas stabilisieren? Nach einem Kursrutsch dieser Größenordnung halten wir das für verfrüht. Wir glauben nicht, dass man so bald etwas verpasst. Zunächst einmal könnte man schrittweise in krisenfestere Marktsegmente umschichten, etwa in amerikanische Large Caps und Investmentgrade-Credits.”
Joseph V. Amato, Chief Investment Officer Equities bei Neuberger Berman

 

24. März: Der Leiter des Global Policy Research bei State Street Global Advisors, Amlan Roy, beobachtet “eine ganze Palette von schlechten Prognosen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP)” in den Vereinigten Staaten: Die US-Regierung könne den Rückgang der Verbraucherausgaben und der Investitionen nicht ausgleichen und der Kongress und der Senat müssten sich darauf einigen, wie die zwei Billionen US-Dollar ausgegeben werden, um diejenigen zu erreichen, die sie benötigen – Einzelpersonen wie Unternehmen.

“Sorgen bereitet jedoch nach wie vor die Liquidität. Die Regulierung muss für die Market-Maker gelockert werden und die Fed sollte die Liquidität und das Vertrauen durch erweiterte Befugnisse des Kongresses stärken. Die Volatilität scheint aufgrund der nach wie vor bestehenden Unsicherheit stetig hoch zu sein, da die totalen Lockdowns eine Ausnahmesituation darstellen. Die Kapitalabflüsse aus den Schwellenländern deuten darauf hin, dass die aktuelle Krise für die Entwicklungsländer schlimmer ist als die Asienkrise und die globale Finanzkrise. Das Ausmaß und der Umfang dürfte aufgrund der Auswirkungen auf Gesundheit, Sozialfürsorge und Beschäftigung noch viel schlimmer sein. Auch wenn dies besorgniserregend sein kann, sollten wir alles tun, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, und versuchen, nicht in Panik zu geraten”.

Amlan Roy, Leiter des Global Policy Research bei State Street Global Advisors

 

23. März: Die Fondsboutique Gané vergleicht das Ausmaß des weltweiten Börsenzusammenbruch mit den Jahren 1929 und 2008. Anders als in den letzten hundert Jahren, wo schwere Baisse-Phasen nur dann auftragen, wenn die Zentralbanken die Zinsen erhöhten oder die Liquidität einschränkten, stehe derzeit die Geldpolitik weltweit auf dem Gaspedal, sagt Dr. Uwe Rathausky.

“Mit unkonventionellen fiskalischen und geldpolitischen Maßnahmen werden Notenbanken und Staaten alles unternehmen, um dauerhafte wirtschaftlichen Folgen der Krise abzufedern. Irgendwann wird der Kapitalmarkt feststellen, dass wir weiterhin keine Zinsalternativen haben und es Sinn macht, auf Aktien robuster Unternehmen mit hervorragenden Geschäftsmodellen zu setzen – auch wenn das Jahr 2020 ein schweres Rezessionsjahr wird. Für langfristige Investoren ist der Börsencrash ein guter Einstiegszeitpunkt. Wer den aktuellen Sturm an der Börse aushält, wird zu Gewinnern zählen. Ich wünsche mir, dass wir diese Kraftanstrengung nicht nur mit unseren Investoren, sondern auch als Gesellschaft gemeinsam und gut durchstehen werden.”

Dr. Uwe Rathausky, Vorstandsmitglied, Gané AG

 

23. März: Laut dem ifo-Institut werden die Kosten aus der Coronakrise voraussichtlich alles übersteigen, was aus Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte in Deutschland bekannt ist. Je nach Szenario schrumpfe die Wirtschaft um 7,2 bis 20,6 Prozentpunkte. Das entspricht Kosten von 255 bis 729 Milliarden Euro. Wenn die Wirtschaft zwei Monate lang teilweise stillsteht, entstehen je nach Szenario Kosten zwischen 255 und 495 Milliarden Euro. Die Wirtschaftsleistung schrumpfe dann im Jahr um 7,2 bis 11,2 Prozentpunkte. Unterstellt ist dabei im besten Szenario, dass die Wirtschaftsleistung für zwei Monate auf 59,6  Prozent zurückgeht, sich im dritten Monat wieder auf 79,8 Prozent erholt und schließlich im vierten Monat wieder 100 Prozent erreicht. Bei drei Monaten Teilschließung erreichen die Kosten bereits 354 bis 729 Milliarden Euro, das sind 10,0 bis 20,6 Prozentpunkte Wachstumsverlust.

„Es lohnt sich daher, quasi jeden denkbaren Betrag für gesundheitspolitische Maßnahmen einzusetzen. Ziel muss es sein, die Teilschließung der Wirtschaft zu verkürzen, ohne die Bekämpfung der Epidemie zu beeinträchtigen.“
ifo-Präsident Clemens Fuest

 

23. März: Drei Gründe, optimistisch auf die mittel- bis langfristige Entwicklung der US-Aktienmärkte zu blicken, macht die Franklin Equity Group aus. Das Beispiel Chinas zeige, dass Menschen wieder an die Arbeitsplätze zurückkehren und ihre angestammten Ausgabemuster wieder aufnehmen, was auch in Europa und den USA bei einer Abflachung der Neuinfektionen folgen dürfte; in den kommenden Wochen sind zusätzliche monetäre und fiskalische Impulse in den Vereinigten Staaten und weltweit zu erwarten; die Turbulenzen auf den globalen Ölmärkten werden letztlich auch zu niedrigeren Rohstoffkosten für Unternehmen und Verbraucher führen.

“Die Situation ändert sich schnell  und wird in den nächsten Quartalen sicher das globale Wirtschaftswachstum und die Verbraucherausgaben negativ beeinträchtigen, aber wir glauben, dass die Auswirkungen letztlich aber nur von relativ kurzer Dauer sein werden. (…) Unsere größte Sorge, die wir genau beobachten, ist die Frage, wie sich die COVID-19-Unterbrechungen auf das Verhalten der US-Konsumenten auswirken werden.”
Grant Bowers, Franklin Equity Group

 

23. März: In den vergangenen Wochen standen alle Märkte unter erheblichem Verkaufsdruck. Auch als sicher geltende Vermögenswerte (AAA-Anleihen, Gold) wurden liquidiert, um Verluste in anderen Bereichen auszugleichen, schreibt FERI Investment Research. Ob und wie stark der Ausverkauf noch weitergeht, hänge entscheidend vom Verlauf der CoViD19-Epidemie in den USA ab. Sollten die Infektionszahlen dort weiter stark steigen, wovon derzeit auszugehen sei, drohe eine zweite Verkaufswelle. Auch systemische Risiken – von Kreditausfällen bis zu einer neuen Finanzkrise – würden deutlich zunehmen.

“US-Assets, traditionell geschätzt als Hort der Stabilität, könnten dann erheblich unter Druck geraten. Solange dieses Szenario droht, sollten Anleger ihre Risiko-Exponierung strikt begrenzen. Gleichzeitig ist hohe Flexibilität gefragt. Denn: Sobald sich der Anstieg der weltweiten CoViD19-Infektionen erstmals deutlich verlangsamt, wären deutliche Markterholungen zu erwarten.”
Dr. Eduard Baitinger ist seit 2015 Head of Asset Allocation

 

23. März: Nach Einschätzung von J.P. Morgan sind Maßnahmen, die einen Stellenabbau in den Unternehmen verhindern, weltweit erforderlich, um einen längeren Abschwung zu vermeiden. In Deutschland hat die Bundesregierung den Zugang zum Kurzarbeitergeld erleichtert. Dies ist ein staatlich subventioniertes Programm für Unternehmen, die ihre Arbeitszeit verkürzen können, ohne Personal entlassen zu müssen. Während der Finanzkrise erhielten rund 1,5 Millionen deutsche Arbeitnehmer Kurzarbeitergeld.

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