Anja Mikus steuert als Vorsitzende des Vorstands des KENFO – Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung dessen Kapitalanlage. Mit Guido Birkner spricht sie in hektischen Krisenzeiten über langfristige Anlagehorizonte, Konsequenz in der Asset Allocation und Vorsicht vor hochspekulativen Schnellschüssen.

Das Wort „Staatsfonds“ erinnert an Einrichtungen wie den norwegischen Staatsfonds oder Investmentfonds der arabischen Länder. Tatsächlich nimmt der „Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung“, kurz KENFO, mit Sitz in Berlin eine Sonderrolle unter den Staatsfonds ein. Die 2017 gegründete Stiftung des öffentlichen Rechts ist der erste deutsche Staatsfonds überhaupt und hat die Aufgabe, die langfristige Finanzierung der Endlagerung des deutschen Atommülls sicherzustellen. Seit Juni 2017 ist Anja Mikus dort Vorstandsvorsitzende und Chief Investment Officer.

Die Diplom-Kauffrau verantwortet die Anlage des Stiftungskapitals in Höhe von 24,1 Milliarden Euro. Nach dem Ausstieg der Bundesrepublik aus der Kernenergie verpflichtete der Gesetzgeber die fünf deutschen Kernkraftwerksbetreiber E.ON, EnBW, RWE, Vattenfall und die Stadtwerke München dazu, im Juli 2017 einen Grundbeitrag von rund 17 Milliarden Euro zuzüglich eines circa 35-prozentigen Risikoaufschlags – insgesamt etwa 24,1 Milliarden Euro – an den Staat zu überweisen.

Mit den Mitteln aus ihrem Kapitalstock und deren Erträgen finanziert die Stiftung öffentlichen Rechts die Kosten für die Zwischenlagerung und die Suche nach Endlagern für Atommüll. „Von 2017 bis Ende 2019 haben wir insgesamt 822 Millionen Euro ausgezahlt“, sagt Anja Mikus. „Wir mussten uns von Anfang an auf Auszahlungen einstellen und hatten keinen Vorlauf beim Aufbau der Kapitalanlage.“ Das unterscheidet den KENFO von Staatsfonds anderer Länder. „Wir haben eine besondere Aufgabe und bekommen keine regelmäßigen Zuflüsse, wie sie etwa Pensionsfonds erhalten.“

Ein Kuratorium aus drei Bundesministerien

Anja Mikus führt zusammen mit drei Vorständen rund 20 Mitarbeiter, unterstützt von hochspezialisierten Drittmanagern für die Kapitalanlage. „Unser Team ist schlank aufgestellt und wird noch wachsen“, so die Managerin. „Deshalb suchen wir neue Kolleginnen und Kollegen, vor allem Experten für den Bereich der illiquiden Anlagen.“ Die Anlagen aus dem Kapitalstock sind beim KENFO klar von der betrieblichen Altersversorgung der Beschäftigten getrennt. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind als Angestellte im öffentlichen Dienst bei der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder, der VBL, versichert und erwarten von dort eine Betriebsrente.“

Der KENFO untersteht der federführenden Rechtsaufsicht des Bundeswirtschaftsministeriums, die im Einvernehmen mit dem Bundesfinanzministerium und dem Bundesumweltministerium ausgeübt wird. Dem Kuratorium, das den Fonds beaufsichtigt, gehören die drei Bundesministerien ebenfalls an. Auch sitzen alle im Parlament vertretenen Parteien im Kuratorium. In die operative Kapitalanlage mischt sich das Kuratorium nicht ein, der Vorstand des Staatsfonds berichtet aber regelmäßig über die Entwicklung der Kapitalanlage. Allein ein Anlageausschuss berät das Kuratorium des Staatsfonds in Investmentfragen. Bei der Gründung des KENFO gab das Bundesfinanzministerium die Anlagerichtlinien vor.

Der Anlagerahmen orientiert sich unter anderem am Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) und gibt explizit vor, dass der KENFO bei der Kapitalanlage Nachhaltigkeitskriterien zu berücksichtigen hat. „Ansonsten genießen wir etwas größere Freiheiten bei der Kapitalanlage als regulierte Investoren wie Versicherer und Pensionskassen“, so Mikus. „Wir bauen das Portfolio mit Blick auf den langfristigen Anlagehorizont auf, um höhere Risikoprämien zu vereinnahmen.“

“Anlagen zeitlich gestreckt und breit gestreut”

Die Anlage eines Großvermögens braucht Zeit. Für Anja Mikus macht es keinen Sinn, den gesamten Kapitalstock kurzfristig zu investieren und sich dabei auf einen einzigen Zeitpunkt zu konzentrieren. „Wir haben die Anlagen zeitlich gestreckt und breit gestreut, um im Durchschnitt attraktive Einstiegsniveaus zu erzielen und Risiken zu diversifizieren“, so die Vorständin. „Wir haben mit liquiden Anlagen begonnen, also vor allem in börsennotierte Aktien, Unternehmensanleihen, Hochzins- und Emerging-Markets-Anleihen angelegt.“ Die ersten Schritte in ­Investments der nicht börsennotierten Anlagen sind erfolgt. „Als wir 2017 gestartet sind, haben wir mit 30 Prozent illiquiden Anlagen im künftigen Portfolio geplant.“

Doch voll investiert wird der KENFO in diesem Segment erst in fünf bis sieben Jahren sein, schließlich braucht der Aufbau großer illiquider Portfolios seine Zeit. Die ersten Zeichnungen in Private Equity sind gemacht, Investments in Infrastruktur, Immobilien und Private Debt sollen folgen. „Zusätzlich müssen wir für diese Asset-Klassen die notwendige Investitionsinfrastruktur weiter aufbauen, um ordnungsgemäße, stabile Prozesse sicher- zustellen“, betont Anja Mikus.

Update der Asset-Liability-Studie

Ein langfristiger Anlagehorizont und eine breit diversifizierte Struktur für die strategische Asset Allocation sorgen über Marktzyklen mit Aufschwüngen und Rezessionen hinweg für die notwendige Robustheit des Portfolios. „Wir haben zur Entwicklung der strategischen Asset Allocation frühzeitig eine Asset-Liability-Management-Studie durchgeführt, um die Anlagestrategie auf die Auszahlungsverpflichtungen auszurichten“, erläutert die Vorständin. Jetzt habe das Team die Studie weiterentwickelt, um sicherzustellen, dass trotz einer anhaltenden Niedrigzinsphase und möglicher Finanzmarktkrisen über einen langen Zeitraum die notwendige Rendite generiert werden kann. „Dafür sehen wir einen ordentlichen Anteil Aktien und Beteiligungen an nicht börsennotierten Unternehmen vor.“

In den ersten Jahren des Staatsfonds haben die volkswirtschaftlichen Prognosen der großen Forschungsinstitute und Banken fast durchgehend fortlaufendes Wachstum angezeigt. Davon ließ sich das KENFO-Team in seiner Strategie nicht beirren, ebenso wenig von dem negativen aktuellen Szenario. Bietet die Krise für den KENFO also auch Chancen für die Kapitalanlage? „Selbstverständlich“, sagt Anja Mikus. „Wir können die günstigeren Kurse nutzen, um unser Portfolio wie geplant weiter aufzubauen.“ Auch wenn die Managerin mit Blick auf die Corona-Krise noch nicht von einer Normalisierung an den Märkten sprechen will. „Was wir nicht machen, ist, die Strategie kurzfristig in einer Krise zu ändern.“ Der Staatsfonds verfolge eine Anlagestrategie mit einem sehr langen Zeithorizont, und deshalb sähen die Annahmen auch zwischenzeitliche Krisen am Markt vor.

„Wenn die Krise bereits da ist, kommen bei den Beteiligten Emotionen ins Spiel“, mahnt Anja Mikus. „In der aktuellen Phase das Portfolio neu zu strukturieren, ist hochspekulativ, denn niemand weiß, wie sich die Krise entwickelt – sie kann sich verschärfen, sie kann sich aber auch abschwächen.“ Viele andere institutionelle Investoren müssten oft an Stellen im Markt eingreifen, an denen ihr Risikobudget nicht mehr ausreiche. Dagegen ist der KENFO dank seines langfristigen Anlagehorizonts und in der Kombination mit seinem Kapitalstock in der Lage, die zyklischen Ups und Downs der Kapitalmärkte durchzustehen. „Diese Aufstellung bewährt sich jetzt.“

Jahre bei Allianz und Union Investment

Anja Mikus bringt als Vermögensverwalterin über 30 Jahre Erfahrung in der Anlage großer Fondsvermögen mit. In den achtziger Jahren studierte sie Betriebswirtschaftslehre in Göttingen und schloss das Studium als Diplom-Kauffrau ab. Es folgten zwei Jahre bei Wandel & Goltermann im Bereich Finanzplanung und Bilanzierung, ehe sie 1989 zur Allianz nach Stuttgart ging. Für den Finanzkonzern arbeitete sie bis 2000, zunächst als Wertpapieranalystin, ab 1995 als Leiterin Portfoliomanagement und ab 1998 als Geschäftsführerin in München. 2000 ging sie als Mitglied der Geschäftsführung und als Managing Director zur Allianz Pimco Asset Management. Im folgenden Jahr wechselte sie zur Union Investment in den Bereich Portfoliomanagement. Dort verwaltete sie als Geschäftsführerin und Segmentleiterin ein Gesamtkapital von rund 160 Milliarden Euro. Nach zwölf Jahren beendete die Anlageexpertin 2013 ihre Tätigkeit für Union Investment.
2014 stieg Anja Mikus als Geschäftsführerin bei Arabesque ein, einem Start-up im Bereich Asset Management für nachhaltige Fonds. Im Mai 2017 endete ihr Engagement bei Arabesque, und schon im Folgemonat wechselte sie zum KENFO, zunächst für sechs Monate, dann für drei Jahre. Parallel war sie seit 2015 Aufsichtsrätin bei der Commerzbank im Prüfungs- und Sozialausschuss. Im Mai dieses Jahres gab sie dieses Mandat ab.

Für Anja Mikus ist der KENFO eine „gesellschaftlich einmalige Aufgabe, die kapitalgedeckte Verpflichtung zur Finanzierung eines Teils der Energiewende für den Staat durchzuführen“. Die drei Bundesministerien im Kuratorium schrieben dem Staatsfonds ins Stammbuch, die Auswahl der Anlageinstrumente gemäß nachhaltigen Kriterien zu treffen, das heißt, sich an den Environment-Social-Governance-Kriterien, kurz ESG, zu orientieren. Entsprechend darf der Staatsfonds nur in Unternehmen investieren, die hohe Standards in den Bereichen Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung erfüllen. Und damit hier kein Stillstand eintritt, nehmen die Asset Manager regelmäßig die schlechtesten 25 Prozent, gemessen an den ESG-Kriterien, aus dem Portfolio heraus.

Nachhaltigkeit als Anlagestrategie

„Wir haben hier von Anfang an eine nachhaltige und performanceorientierte Strategie implementiert“, sagt Anja Mikus. „Auch achten wir auf die passende Größe der Investments, also darauf, dass wir keine Klumpenrisiken im Portfolio haben und nicht zu kleine Projekte finanzieren.“ Zudem schließt die eigene Anlageordnung bestimmte Assets aus. So investiert der KENFO nicht in die eigenen Geldgeber, die Betreiber von Kernkraftwerken. Auch hohe CO2-Emissionen hat der KENFO im Blick. „Wir bekennen uns zum Pariser Klimaabkommen und zu den Klimazielen der Bundesregierung“, sagt Anja Mikus. Deshalb ist auch das Thema Kohle für den Staatsfonds ausgeschlossen.
Für die Vorständin ist Nachhaltigkeit ein Qualitätsmerkmal der Kapitalanlage. „Wir investieren in gute, langfristige Geschäftsmodelle und haben damit ein auf die Zukunft ausgerichtetes Portfolio“, erklärt sie. „Mit nachhaltigen Anlagen gelingt es uns, die Volatilität im Portfolio niedrig zu halten.“ Deshalb kombinieren die Verantwortlichen beim KENFO die ESG-Kriterien mit dem Global-Compact-Ansatz der Vereinten Nationen. „Auch eine gute Corporate Governance ist ein wichtiger Faktor bei der Kapitalanlage, denn das Fehlverhalten eines Managements kann sehr viel Geld kosten“, so Anja Mikus.

Um Fracking-Unternehmen macht der KENFO einen großen Bogen. Dadurch bewahrt sich der Staatsfonds aktuell selbst vor Schaden, denn nach dem Verfall des Ölpreises haben mit Whiting Petroleum und Fracker Diamond Offshore erste amerikanische Unternehmen Insolvenz-anträge gestellt. „Solche Emittenten im Hochzinsbereich, die extrem nicht nachhaltig sind, können zwar kurzfristig Rendite erbringen, doch langfristig stehen die Zeichen auf Verlust“, sagt Anja Mikus.

Den Weg der Nachhaltigkeit zusammen mit der Realwirtschaft gehen

Der KENFO macht den externen Asset Managern Vorgaben für die Prüfung und Bewertung der Nachhaltigkeit von Anlagen. Eine interne Validierung soll die Qualität weiter anheben. „Wir verlassen uns nicht nur auf ein einziges Rating, sondern nutzen die ganze Bandbreite der sich entwickelnden Nachhaltigkeits-Ratingagenturen“, sagt Anja Mikus. „Wir profitieren von der Dynamik im Markt und können dies für einem gründlichen Qualitätscheck nutzen.“ Zugleich soll der KENFO nicht nur ausschließen. „Wir wollen den Weg der Nachhaltigkeit zusammen mit der Realwirtschaft gehen.“ Gemeinsam soll der Transformationsprozess gemeistert werden, um weniger CO2 auszustoßen oder gar Klimaneutralität zu erreichen. „Deshalb ist der KENFO auch der UN-convened Asset Owner Alliance beigetreten, die sich dazu bekennt, die Portfolios klimaneutral auszurichten.“

Bis zur vollständigen Klimaneutralität ist noch ein weiter Weg. Anja Mikus schaut lieber in die nahe Zukunft. „Wir wollen den derzeitigen Gegenwind am Markt positiv für uns nutzen und weiter investieren“, verrät sie. „Ich erwarte auch im Private-Equity-Markt Preiskorrekturen, die uns zugutekommen werden, denn die Reduktion der Einstiegspreise ist für uns ein wichtiger Weg.“ Lieber jetzt bei niedrigen Kursen Risiken eingehen als bei hohen Kursen wie zu Beginn des Jahres. „Wir haben uns von Anfang an auf die Fahne geschrieben, antizyklisch zu investieren.“ Zwar sei der Druck von außen groß gewesen, zyklisch zu investieren, als die Märkte stiegen. Doch: „Die Qualität der Anlage zählt, nicht die ­Schnelligkeit.“

Lesen Sie mehr über die Asset Allocation institutioneller Anleger in der dpn.

 

 

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