Es ist ungewöhnlich, wenn ein Junge nach dem ersten Schultag nach Hause kommt und sagt: „Mutter, ich will später was mit Rechnen machen.“ Hartmut Thiel, Jahrgang 1960, hat diesen Wunsch nicht nur geäußert, sondern auch verwirklicht. Heute ist er
Aktuar und einziger hauptamtlicher Vorstand der Baden-Badener Pensionskasse VVaG. Vielleicht hat dabei eine Rolle gespielt, dass er aus Lüdenscheid stammt; heißt es doch von Sauerländern, dass sie ihre Ziele zäh verfolgen. Also studierte Thiel nach dem Abitur Mathematik in Köln. „Reine Mathematik“, wie er betont, die angewandte Mathematik habe zunächst nur am Rande eine Rolle gespielt. Doch seit dem Diplom bestimmt eben diese sein Berufsleben. Zunächst rechnete er bei der Nordstern Versicherung. Als die im AXA-Konzern aufging, baute er nach 1991 die Kölner Spezial Beratungs-GmbH für betriebliche Altersversorgung im AXA-Konzern auf und wurde 2000 ihr Geschäftsführer. Seit 1. April 2007 ist er Chef in Baden-Baden.
In diesem Jahr soll wieder eine Vier vor dem Komma stehen.
Dass es dort einen Arbeitsplatz für ihn gibt, verdankt er der Neigung der Politiker, fremdes Geld schnell auszugeben, auch dann, wenn es aus gutem Grund auf der hohen Kante liegt. Diese Erfahrungen machten die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Anfang der 90er Jahre. Da hätte die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) gern die Hand auf einen Teil der versicherungsmathematisch kalkulierten Rückstellungen für die bAV gelegt. Den Verantwortlichen der Sender war klar, dass die Rücklagen künftig ausgegliedert werden mussten, um sie vor derartigen Versuchen oder sogar tatsächlichen Zugriffen zu schützen. Umgehend wurden alle – zum Teil sehr unterschiedlichen – Versorgungstarifverträge gekündigt. Für Mitarbeiter mit einer bestehenden Versorgungszusage änderte sich nichts, für neue gab es die Zusage auf eine Zusage, und mit dem Deutschen Journalistenverband (DJV) und Verdi wurde von 1993 bis 1997 verhandelt, denn auf Arbeitgeberseite differierten die Wünsche der einzelnen Sender. Der DJV forderte ein leistungsbezogenes Modell, Verdi war für eine beitragsbezogene Lösung. Durchsetzen konnte sich der DJV, und Mitte 1997 wurde der Vergütungstarifvertrag unterzeichnet, der seither die betriebliche Altersversorgung einheitlich für alle ARD-Anstalten, einige ihrer Tochtergesellschaften sowie für Deutschlandradio und Deutsche Welle regelt. Gleichzeitig wurde die Baden-Badener Pensionskasse gegründet, die 1998 ihren Geschäftsbetrieb aufnahm. Sie ist die Pensionskasse für die rund 15.500 unbefristet angestellten Mitarbeiter der 27 Mitglieder, außerdem der Rückversicherer ihrer Mitglieder für deren Leistungen aus arbeitgeberfinanzierten Pensionszusagen und der Rückversicherer von arbeitnehmerfinanzierten Versorgungsleistungen im Rahmen der durch einen besonderen Tarifvertrag geregelten Höherversorgung. Davon machen bis jetzt gut 4.000 Versicherte Gebrauch. Das Anlagevermögen der Kasse beträgt 800 Millionen Euro, die jährlichen Beitragseinnahmen liegen derzeit bei 70 Millionen. Obwohl die Verwaltungskosten mit knapp einem Prozent niedrig sind, erhielten die Versicherten zwei Jahre lang nur die Garantieverzinsung von 3,5 Prozent. Jedoch: „In diesem Jahr soll wieder eine Vier vor dem Komma stehen“, so Thiel. ■

In diesem Jahr soll wieder eine Vier vor dem Komma stehen.