Die Industriestaaten haben sich während der Covid-19 Pandemie hochgradig verschuldet. Die Beurteilung von Länderbonitäten ist für Anleiheinvestoren deshalb von grosser Bedeutung. Die Schweiz liefert nach wie vor gute Kreditkennzahlen.

Zur Eindämmung der sozialen und wirtschaftlichen Schäden als Folge der Corona-Krise haben Notenbanken ein ‘Inflationsexperiment’ und die Industriestaaten Stimulierungsprogramme von beispiellosem Ausmass lanciert. Dadurch konnte die Erholung beschleunigt und eine Ausweitung der Krise in soziale und wirtschaftliche Sphären bisher erfolgreich eingedämmt werden. «Als Folge sind aber auch die globalen Verschuldungszahlen weiter in die Höhe geschossen. Nur wenige Staaten erfüllen die Voraussetzungen, diese Schuldenlast bei normalisiertem Zinsniveau tragen beziehungsweise über die Zeit reduzieren zu können. Die Schuldenpolitik ist demnach vielerorts in der Sackgasse», sagt René Hermann, Lead-Autor der Länderstudie von I-CV. Das unabhängige Schweizer Kreditresearch-Unternehmen Independent Credit View nahm in der Länderstudie 2021 die fundamentale Kreditqualität von 51 Staaten unter die Lupe.

‘Zombifizierung’ der Wirtschaft geht weiter

Die rasante wirtschaftliche Erholung aufgrund der Verfügbarkeit von Impfstoffen und der Entladung von Aufholeffekten dürfte dieses Jahr und 2022 noch anhalten, wie Hermann meint, wird allerdings durch Angebotsschocks gebremst. Während die Massnahmen notwendig waren, bleibt deren Zurückschrauben politisch heikel. «Mit staatlicher Investitionslenkung soll die Wirtschaft nachhaltiger werden, doch ist oft auch dünn verschleierter Protektionismus anzutreffen. Die ‘Zombifizierung’ der Wirtschaft geht entsprechend weiter», folgert Hermann. Die hohe Verschuldung von Staaten, Haushalten und Unternehmen sieht er als die Achillesferse der Länderbonität. «Erneute Schocks, wie durch China, Inflation oder Häusermärkte, könnten die positive Dynamik ausbremsen», sagt er. Und er ergänzt: «Länder, welche mit robusten Bilanzen in die Krise gegangen sind, zeigen eine schnelle Erholung, während sich die Situation bei Staaten mit hoher Verschuldung weiter verschlimmert hat.»

Stabiles Nordeuropa – gebeuteltes Südeuropa

Die I-CV Länderstudie 2021 weist erneut Nordeuropa als stabilste Region aus. Deutschland, Norwegen und Schweden können ihre Bestnote behaupten, weil man bereits mit einer moderaten Verschuldung in die Krise gegangen ist, und dadurch die Massnahmen im Vergleich zu zahlreichen anderen Ländern gut schultern konnte. Ein anderes Bild ist in Südeuropa anzutreffen, wo die Staatsbilanzen bereits vor Ausbruch der Pandemie unter hohen Schulden geächzt haben, und entsprechend über wenig Flexibilität verfügen. Auch bei den Schwellenländern ist eine heterogene Bonitätsentwicklung auszumachen. Während osteuropäische Staaten den Rückschlag bislang relativ gut verdauen, haben diverse Staaten in Südamerika einen beschwerlichen Weg vor sich. «Unsere Einschätzungen vom letzten Jahr haben sich trotz beschränkter Visibilität als treffend erwiesen. So wurden Bonitätsveränderung frühzeitig antizipiert, was zu wenig Anpassungen in der aktuellen Studie geführt hat», erklärt Hermann.

Bonität der Schweiz ist gut

Die Schweiz ist verglichen zu den benachbarten Ländern im Euroraum gut durch die Corona-Krise gekommen. Sie dürfte 2021 bereits wieder ein Wachstum von mehr als 3 Prozent erreichen, nachdem 2020 durch die Einschränkungen und Lockdowns ein Einbruch von 2,5 Prozent zu verzeichnen war. Die negativen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie wurden durch die lockere Notenbankpolitik und Unterstützung der Regierung für Unternehmen und Haushalte abgefedert. I-CV rechnet für 2021 mit einem bescheidenen Defizit, bevor dann analog der Historie wieder Überschüsse zu verzeichnen sein dürften. Hermann ergänzt: «Wir rechnen mit einer stabilen Entwicklung der Kreditkennzahlen und bestätigen unsere Einstufung mit AAA.»

Ratingagenturen und Kapitalmarkt sind vielerorts zu euphorisch

Die Ratingeinstufungen der hoch verschuldeten Länder befinden sich aktuell an einem historischen Scheitelpunkt, führt Hermann weiter aus: «Wo es nicht gelingt, den Staatshaushalt zu konsolidieren, bleibt die Bonität abhängig von einem wohlwollenden Finanzierungsumfeld, mit tiefen Zinsen und hohen Wachstumsraten. Verändert sich einer der Parameter, drohen der Fall in die Schuldenspirale und Downgrades.» Und er warnt: «In Anbetracht des bescheidenen Leistungsausweises der Regierungen Sondermassnahmen zeitnah zurückzufahren, erachten wir die Vorschusslorbeeren seitens Ratingagenturen und des Kapitalmarkts vielerorts als zu euphorisch. Das Tiefzinsumfeld auf Dauer fortzuschreiben, ist mit Blick auf Inflation und sich abzeichnenden Zinsschritten ‘unabhängiger’ Zentralbanken verfehlt. Dasselbe gilt für die Wachstumseffekte aus staatlichen Investitionsprogrammen, zum Beispiel Next Generation EU-Fonds.»

Über das I-CV Rating

I-CV wendet zur Beurteilung und Überwachung der Kreditqualität von Staaten seit 2009 ein 4-Phasen Sovereign-Modell an. Zuerst wird die fundamentale Stärke der Staaten anhand von mehr als 50 Bewertungsfaktoren evaluiert. Dabei misst das quantitative Modell die Bonitätsstärke respektive -schwäche aufgrund aktueller Daten und Prognosen (IWF, OECD, usw.). Im Anschluss werden die individuellen Staatsbilanzen einem Deleveraging Szenario unterzogen. Die Ergebnisse werden dann zu einem I-CV Rating konsolidiert. Abschliessend werden wichtige Trends und Entwicklungen, welche die Ratings zukünftig beeinflussen können, untersucht (beispielsweise ESG Faktoren) und abhängig von der Materialität mitberücksichtigt.

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