Wie sind Sie beim Risikomanagement aufgestellt?
Jens Gottsmann: Ich leite die Abteilung, die Multi-Asset-Mandate für institutionelle Kunden betreut. Unser Fokus liegt auf der Ausrichtung der strategischen Asset Allocation und der Umsetzung von Management-aufträgen. Kern ist das Risikomanagement, um die Portfolios an den Bedürfnissen der Kunden auszurichten und definierte Risikobudgets einzuhalten. Strategien sind meist langfristig, werden aber regelmäßig überprüft, damit wir die Kundengelder sicher und zielgerichtet steuern.
Jens Güldner: Ich bringe über 20 Jahre Erfahrung im Risikomanagement mit. Für gemeinnützige Organisationen ist es essentiell, Vermögen langfristig real zu erhalten. Wir verwalten Gelder von über 20 Stiftungen, gemeinnützigen Organisationen und Trägern verantwortungsvoll nach einheitlichen, stets für Dritte nachvollziehbaren, ethisch-nachhaltigen Anlagekriterien, hinterlegt in der Anlagerichtlinie.

Risikomanagement ist bei uns ein sehr wichtiges, zentrales Instrument, um die Substanzstärke und Leistungsfähigkeit des anvertrauten gemeinnützigen Vermögens über Generationen hinweg mit hoher Wahrscheinlichkeit zu sichern, aber auch Chancenmanagement, um sich ergebende Opportunitäten positiv nutzen zu können.
Loki Zanini: Als Leiter Kapitalanlage der Deutschen Familienversicherung unterscheide ich strategisches und taktisches Risikomanagement. Als junges Unternehmen müssen wir Risiken besonders bewusst steuern. Wir arbeiten mit klaren Regeln und berücksichtigen die gesetzlichen Vorgaben wie Solvency II.
Strategisch liegt der Schwerpunkt auf Asset-Liability-Management, taktisch auf der Steuerung von Markt- und Zinsrisiken sowie dem Overlay Management, um ein stabiles Risiko-Ertrags-Verhältnis sicherzustellen.
René Wrenger: Als Segmentleiter Financial Institutions berate ich Family Offices, Banken und Stiftungen in kapitalanlagerelevanten Fragen. Bei Mercer verstehen wir Risikomanagement als Teil der ganzheitlichen Steuerung von Kapitalanlagen. Wir gehen in der Beratungspraxis individuell vor, da Stiftungen andere Risikoprofile haben als Versicherungen. Wir empfehlen, weniger taktische Marktchancen zu suchen, sondern eine strategische Vermögensallokation zu wählen, die bestmöglich zu dem eigenen Renditeziel passt.
Thomas Bäuml: Für mich als Leiter der HEAG Pensionszuschusskasse ist Risikomanagement die Basis aller Entscheidungen. Es betrifft nicht nur die Kapitalanlage und Rentenverpflichtungen, sondern auch operationelle und digitale Risiken. Wichtig ist, alle Risiken umfassend zu betrachten und Modelle regelmäßig zu überprüfen, um auch neue und ungewohnte Szenarien abzubilden und das Risiko effektiv zu steuern.
Wie wirken sich die geopolitischen Verschiebungen auf die Kapitalanlage aus?
Jens Gottsmann: Auf der strategischen Ebene müssen wir die kurzfristigen politischen Schlagzeilen ausblenden und die großen Trends betrachten. Deglobalisierung bedeutet zwar weniger Effizienz und damit potentiell Wohlstandsverluste, gleichzeitig aber entstehen Investitionschancen: Neue Lieferketten, nationale Infrastrukturprogramme und auch Rüstungsinvestitionen treiben Innovation und Wachstum. Zudem verändert die Digitalisierung mit Themen wie künstlicher Intelligenz die Geschäftsmodelle nachhaltig. So entsteht trotz aller Risiken auch eine Chance für Anleger.
René Wrenger: Diese Investitionen wirken allerdings inflationstreibend. Wir werden uns künftig dauerhaft oberhalb von 2 Prozent Inflation bewegen. Das hat Folgen für die strategische Asset Allocation. Die klassische Aufteilung zwischen Aktien und Anleihen reicht eventuell nicht mehr, da der Diversifikationseffekt dieser beiden Anlageklassen in einem Umfeld höherer Inflation abnimmt. Anleger sollten ihr Spektrum stärker auf alternative Anlagen aufgrund ihres Inflations-Betas erweitern. Zwar nutzen Family Offices oder Stiftungen dies bereits teilweise, doch insgesamt ist das Potential noch nicht ausgeschöpft.
Jens Gottsmann: Auch institutionelle Anleger haben in den Null- und Negativzinsjahren begonnen, verstärkt in alternative Investments zu gehen, was durch die aktuelle Lage weiter an Bedeutung gewinnt.
Loki Zanini: Wir erleben den Übergang von einer unipolaren zu einer multipolaren Welt. Für uns als Versicherung bedeutet das, genau abzuwägen, wo wir investieren wollen und wo nicht. Staatliche Wachstumsprogramme eröffnen Chancen in Aktien und Risiko-Assets, gleichzeitig wächst aber auch das Risiko plötzlicher Krisen.

Geopolitische Ereignisse eskalieren oft sehr schnell – wie 2014 bei der Krim oder seit 2022 durch den Ukrainekrieg. Dann bleibt manchmal nur ein Zeitfenster von wenigen Tagen, um zu reagieren. Deshalb setzen wir auf hohe Liquidität, um flexibel handeln zu können. Die Abkehr Europas vom US-Schutz zwingt uns zudem, eigenständiger zu werden. Auch darin sehe ich Chancen, solange wir sie mit einem klaren Risikomanagement begleiten.
Herr Güldner, ist Ihre Asset Allocation nach Ihrer Ansicht breit genug aufgestellt?
Jens Güldner: Wir sind nie perfekt aufgestellt im Sinne einer Grenzwertbetrachtung, sondern passen unsere Strategie systematisch in einem laufenden Prozess an die Marktgegebenheiten an, um unsere Anlagestrategie zielgenau umsetzen zu können. Unsere dynamisch gesteuerte SAA bewegt sich in einem Korridor im Bereich der Asset-Klassen Aktien und Renten. Risikomanagement bedeutet für uns nicht nur Risikovermeidung, sondern auch Chancenmanagement. Direkte Rüstungsinvestments meiden wir und konzentrieren uns auf andere, zukunftsfähige Industrien und Branchen, wobei wir deren staatliche Unterstützung kritisch prüfen, um diese Risiken einordnen und managen zu können.
Loki Zanini: Mit Trump 2.0 hat sich die US-Politik stärker in Richtung Binnenwirtschaft und Protektionismus entwickelt. Das verändert Waren- und Produktionsströme, was wir in unseren strategischen Portfolioentscheidungen berücksichtigen müssen. Geopolitische Veränderungen führen bei uns mindestens zu taktischen Anpassungen der Asset Allocation auf Sektorebene.
Jens Gottsmann: Entscheidend ist, dass hinter dieser Politik ein langfristiger Plan steckt, der über Trump hinaus wirkt. Auch nach seiner Amtszeit werden die beschriebenen Trends Bestand haben, solange die Republikaner dominieren.

Thomas Bäuml: An die kurzfristige Volatilität hat man sich gewöhnt. Die aktuelle US-Regierung steuert jedoch immer stärker in die Wirtschaft hinein, was Unternehmen politischem Risiko aussetzt. Investoren müssen künftig abwägen, ob die USA noch das erwartet freie Land sind oder ob politische Risiken Investitionen begrenzen sollten. Das betrifft auch Staatsanleihen. Sollte der Streit um die Schuldenobergrenze eskalieren, wären die USA als sicherer Schuldner infrage gestellt.
René Wrenger: Das Problem ist, dass die US-Schuldenobergrenze verfassungsrechtlich fixiert ist. Wäre das in Europa ebenso, hätten wir hier die gleiche Diskussion.
Wir sehen derzeit aber auch einen schwachen US-Dollar.
Loki Zanini: Ein schwacher Dollar birgt Chancen und Risiken. Wir sichern Währungsrisiken auf der Aktienseite ab, da die US-Politik den Dollar gezielt schwächt und Zinssenkungen ihn weiter belasten dürften. Strategisch rechnen wir mit einem Kurs von etwa 1,25 zum Euro. US-Unternehmen bleiben operativ zwar stark, aber nach dem Hedge könnte eine Anlage in europäische Industrieinvestments attraktiver sein.
Jens Gottsmann: Viele institutionelle Anleger haben ihre Aktien globalisiert, während sie Anleihen meist währungsgehedgt halten. Früher stabilisierte der Dollar in Krisenphasen die Portfolios. Dieser Effekt ist derzeit verschwunden. Anleger müssen deshalb ihre Währungsstrategie überdenken. Trotz Dollarschwäche bleiben die USA wegen robuster Geschäftsmodelle und höheren Wachstums interessant.
Treibt die kritische Haltung der Trump-Regierung zu ESG Kapital nach Europa?
Jens Gottsmann: Nein, dafür sind die USA zu dominant. Wir haben taktische Kapitalrückflüsse nach Europa gesehen, aber keinen dauerhaften Trend. Nachhaltigkeit bleibt dennoch zentral: Der Klimawandel wirkt realwirtschaftlich, allein Versicherer sehen massive Kosten. Auch die Renditeperspektive rückt stärker in den Fokus. Gleichzeitig wächst die Bereitschaft, in Rüstung zu investieren. Das bleibt ein kon-trovers diskutiertes Thema.
René Wrenger: Positiv an der Debatte ist, dass Anleger bewusster fragen, welche Wirkung Nachhaltigkeit auf Risiko und Ertrag hat. Die Einstellung zu Investitionen in Rüstungsunternehmen muss jeder Anleger für sich selbst definieren. Wir empfehlen keine themenspezifischen Fonds, sondern breit diversifizierte Ansätze. Die Diskussion über Rüstung verläuft auf einer höheren Ebene: Welche Wirkung hat Nachhaltigkeit für das Risiko-Rendite-Verhältnis im Portfolio? Wir arbeiten mit Klimaszenarien in der strategischen Asset Allocation, geben aber keine konkreten Ausschlussvorgaben.

Thomas Bäuml: Der Blick der HEAG PZK auf Nachhaltigkeit hat sich nicht verändert, wir betrachten sie weiterhin vor allem ökologisch. Rüstung zählen wir nicht zur nachhaltigen Kapitalanlage, ausgeschlossen haben wir aber nur völkerrechtswidrige Waffen. Wir setzen unseren Fokus bei Nachhaltigkeit auf erneuerbare Energien, vor allem Greenfield-Projekte, um neue Kapazitäten aufzubauen. Bei Rüstung bleiben wir neutral.
Jens Gottsmann: Das Thema polarisiert. Für unsere nachhaltigen Publikumsfonds wird Rüstung außen vor bleiben. Konventionelle Fonds können diesen Sektor aber aktiv allokieren.
Loki Zanini: Für uns ist Rüstung ein Teil der Industrie, aber klar getrennt von Nachhaltigkeit. Wir sehen Chancen, dass die deutsche Industrie über staatliche Programme gestärkt wird. Dies wird innovative Ingenieurslösungen erfordern, die auch den Klimaschutz berücksichtigen. Nachhaltigkeit heißt für uns mehr als Klima- bzw. Umweltschutz. Als Unternehmen mit Sitz in Frankfurt ist es uns wichtig, regional Verantwortung zu übernehmen, etwa durch Kultur- und Bildungsförderungen. Wenig sinnvoll waren die detaillierten ESG-Regeln, die einen geringen Mehrwert brachten und gerade überdacht werden. Nachhaltigkeit muss realistisch betrachtet und Transformation global gestaltet werden.
Jens Güldner: Ich stimme der Trennung von Nachhaltigkeit und Rüstung zu. Nachhaltigkeit braucht weniger Wunschdenken, mehr wirtschaftliche Bodenhaftung, transparente, nachvollziehbare Messbarkeit, um langfristig erfolgreich zu sein. Klasse statt Masse in der Regulierung und Ressourceneffizienz im Denken und Handeln bringen das Thema voran. Damit steigen die Akzeptanz und Anerkennung entsprechender Entwicklungen und Maßnahmen. Wir als Johannesstift Diakonie haben eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie auf Unternehmensebene entwickelt, abgeleitet davon auch für unsere Kapitalanlage. Direkt in Rüstungsunternehmen investieren wir nicht, obwohl wir die Notwendigkeit einer wehrhaften Demokratie anerkennen und unterstützen. Über Investments in Staatsanleihen, zum Beispiel deutsche Staatsanleihen oder anderer europäischer Länder, beteiligen wir uns an der Finanzierung der Staatshaushalte und damit auch an Rüstungsausgaben zur Stärkung der Wehrhaftigkeit unserer Demokratien. Wir setzen verstärkt auf Zukunftstechnologien. Ausschlusskriterien sehen wir nicht als unseren Schwerpunkt, um unsere Anlagephilosophie erfolgreich umzusetzen. Wichtiger ist für uns, unter steter Einbeziehung von Engagement-Aktivitäten, die Umsetzung der Best-in-Class-Strategie, das heißt, gezielt in Branchen, Unternehmen und Staaten mit sichtbarem Zukunftspotential zu investieren. Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage darf nicht verschwinden, muss aber realistischer werden.
Nutzen Sie in Ihren Systemen schon klare KPIs für Nachhaltigkeit?
Jens Gottsmann: Wir haben mit Siris ein eigenes System aufgebaut, das ESG-Daten zusammenführt und messbar macht als Voraussetzung für die ESG-Integration in den Investmentprozess. Viele Investoren haben sich Regeln mit SDG-Quoten, CO₂-Footprint oder ESG-Scores gegeben, oft ohne feste Restriktionen, aber mit Monitoring. Kunden definieren ihre Werte, wir unterstützen mit ESG-Ansätzen.
René Wrenger: Kennzahlen sind nur sinnvoll, wenn sie auch einen Steuerungsimpuls auslösen. Reines Reporting ohne Konsequenz bringt nichts. Besser ist es, sich auf wenige aussagekräftige KPIs zu beschränken, anstatt Dutzende Seiten auszuwerten.
Jens Gottsmann: Genau, viele Kunden fordern anfangs viele Kennzahlen, reduzieren dann aber auf ein kleineres, praxisnahes Set. Strikte Limits sind selten.
Thomas Bäuml: Jeder Investor bringt eigene Werte mit, deshalb muss er auch selbst entscheiden, welche KPIs wichtig sind. Einheitliche Regulierungen, die allen übergestülpt werden, schaffen nur Bürokratie und fördern nicht die Nachhaltigkeit im Kern. Ich begrüße sehr, dass die EU-Kommission diese Ansätze zurücknehmen wird.
Verbessert sich die Datenbasis für Nachhaltigkeitsreportings qualitativ?
Thomas Bäuml: Ja, das ist eindeutig. In liquiden Anlageklassen ist es einfacher, sehr gute Daten zur Nachhaltigkeit zu erhalten, aber auch in den Asset-Klassen Immobilien und Infrastruktur entstehen qualitativ bessere Standards. Dadurch werden Kennzahlen vergleichbarer und aussagekräftiger. Solange aber die Standardisierung fehlt, sollte man vermeiden, viel Geld für wenig nützliche Reports auszugeben.
Loki Zanini: Ich gehe davon aus, dass uns die Regulatorik in ihrer Komplexität mindestens erhalten bleiben wird. Die BaFin forderte im Rundschreiben 05/25 dazu auf, Nachhaltigkeitskriterien bei Investitionsentscheidungen zu dokumentieren. Es gibt in dem Bereich viele Daten und Datenanbieter. Zentral ist jedoch, für das Unternehmen weiter verwertbare Daten zu sammeln, die dem Unternehmenszweck und -ziel dienen, und auskömmliche Renditen für Stake- und Shareholder zu erzielen.
In den USA sind systemrelevante Unternehmen verpflichtet, sich gegen Angriffe durch Quantencomputer aufzustellen. Haben wir hier in Europa eine Lücke?
Jens Gottsmann: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Sicherheit ist unerlässlich, aber zu starke Regulierung bremst den Einsatz neuer Technologien. Während sich Sprachmodelle ständig weiterentwickeln, dauern Akkreditierungsprozesse oft viele Monate oder gar länger als ein Jahr. Wir müssen das Sicherheits- und Chancenmanagement in Balance halten, sonst verlieren wir den Anschluss.
Thomas Bäuml: Digitalen Risiken begegnen wir mit einem starken Fokus auf operationelle Resilienz und konsequenten Datenschutz. Wir profitieren von der robusten Infrastruktur unserer Trägerunternehmen, die wir um die speziellen Anforderungen für Pensionskassen ergänzen. Wichtig ist aber vor allem der Mensch: Mitarbeiter müssen sensibilisiert werden, damit sie kein Einfallstor für Angriffe bieten. KI sehen wir als Chance zur Effizienzsteigerung, solange der Datenschutz gewahrt bleibt.
Mit Blick auf die künstliche Intelligenz: Wird es in fünf Jahren noch ein Asset Management geben?
Loki Zanini: Ja, es wird auch im Jahr 2030 noch ein Asset Management geben. KI kann Szenarien und Asset Allocation simulieren, quasi als zweite Meinung. Aber Ergebnisse hängen stark von der Frage ab, Stichwort zielorientiertes Prompting. Systeme liefern oft nur 60 bis 80 Prozent gute Antworten und können momentan Quellenqualität nicht zuverlässig unterscheiden. Deshalb muss der Mensch steuern.
Jens Gottsmann: KI wird Analyseprozesse und Bilanzauswertungen deutlich beschleunigen. Hier besteht mit der Weiterentwicklung der Technologie noch viel Potential. KI kann aber menschliches Handeln nicht völlig ersetzen und etwa den persönlichen Eindruck aus Gesprächen mit Vorständen erfassen. Das bleibt ein entscheidender Vorteil des aktiven Managers.
René Wrenger: Digitalisierung betrifft auch das Risikomanagement: Neben Investment Due Diligence wird Operational Risk Assessment wichtiger. Anleger wollen verstehen, wie Systeme funktionieren, wer Zugang hat, wie Prozesse abgesichert sind.
Jens Gottsmann: Das hat stark zugenommen. In Onsite Reviews institutioneller Investoren wird heute jede IT-Struktur und jedes Detail genau geprüft. Der Aufwand ist hoch, aber sinnvoll.
Kann KI menschliche Fehler im Asset Management ganz ausschalten?
René Wrenger: Komplett ausschließen lässt sich das nie. Digitalisierung kann durch automatisierte Datenvalidierung, Workflow-Automatisierung und Standardprozesse Fehler reduzieren. Trotzdem bleiben Fehler möglich, etwa bei fehlerhaften Eingangsdaten oder Systemausfällen.
Loki Zanini: KI verändert die Risikolandschaft, lässt zusätzliche komplexe Szenarioanalysen zu, erweitert aber auch die Angriffsflächen. Fehler passieren nicht nur technisch, sondern auch unsachgemäße Bedienung oder Nachlässigkeit können zu Daten-Leaks führen. Deshalb sind Schulungen und Awareness-Maßnahmen für Mitarbeiter notwendig.
Thomas Bäuml: KI-Modelle funktionieren oft als Black Boxes, bei denen das Innenleben schwer nachvollziehbar ist. Für sensible Anwendungen fehlt die Sicherheit, sich zu 100 Prozent auf die Antworten verlassen zu können. Zusätzlich können – wie zuletzt bei Grok oder ChatGPT – veränderte Modellparameter, Policies oder Versionswechsel durch die Betreiber KI-Antworten verschieben. Die richtige Kombination von Mensch und KI erhöht die Effizienz und Qualität.
Kommen wir auf die SAA zu sprechen. Wo sehen Sie da noch Verbesserungsbedarf im Risikomanagement?
Jens Gottsmann: Alternatives und illiquide Anlagen erhielten durch die Niedrigzins-phase einen starken Schub. Lange waren sie großen Investoren vorbehalten. Unsere Aufgabe ist, auch kleineren Investoren mit kleineren Beträgen den Zugang zu ermöglichen und Losgrößentransformationen umzusetzen. Im November veröffentlichen wir dazu ein Whitepaper zur Beimischung von Alternatives in ein liquides Multi-Asset-Portfolio. Themen sind „Wie kommt man zu angemessenem Private-Equity- oder Infrastruktur-Exposure?“ oder „Wie steigert das die Diversifikation und macht Portfolios robuster?“.
Loki Zanini: Die Diversifikationswirkung hat sich verändert. Wir prüfen unsere Portfolios regelmäßig mit mehrschichtigen Stress- und Schockszenarien. Liquidität ist zentral. Nur so können wir in Krisen in der Form reagieren, wie wir es für nötig halten. Tail-Risiken haben zugenommen. Daher können wir im Overlay Management Optionsstrategien einsetzen, um Risiken abzufedern und flexibel zu bleiben.
Jens Güldner: Strategisch hat sich in den letzten Jahren bei uns in der SAA wenig verändert. Wir haben von einer festen SAA auf eine dynamische SAA umgestellt, um im Rahmen unserer Risikoparameter unser Vermögen in der Kapitalanlage noch erfolgreicher und zielgenauer managen zu können. Wir überprüfen unsere Kapitalanlage jährlich im Portfolio Health Check. Für uns sind liquide Anlagen entscheidend, weil wir unter anderem flexibel auf politische Veränderungen, Investitionsprogramme und Marktveränderungen reagieren möchten. In der Coronazeit hat das Liquiditätskonzept geholfen, unserem Unternehmen mit aktuell über 11.400 Mitarbeitern aus Sicht des Liquiditätsmanagements die notwendige Sicherheit zu geben. Illiquide Assets können für gemeinnützige Stiftungen in ihrer Kapitalanlage mit einem sehr langfristigen – sozusagen ewigen – Anlagehorizont sinnvoll sein, aber sie passen nicht in unsere bewusst gewählte Anlagestrategie. Wir investieren in den kommenden Jahren stark in unser Unternehmen zur Sicherung der Leistungs- und Zukunftsfähigkeit. Deshalb investiert unsere Kapitalanlage ausschließlich in liquide Asset-Klassen. Das implementierte Risikomanagement ordnet sich in unsere Gesamtstrategie ein.

René Wrenger: Liquidität in Kombination mit Alternatives ist ein zentrales Thema. Commitments können auch in ungünstigen Zeiten abgerufen werden. Deshalb sollte man überkommittieren, um das Ziel-Exposure zu erreichen, und gleichzeitig sicherstellen, dass die Liquidität im Stressfall nicht wegbricht. Das ist essentiell im Allokations- und Risikomanagementprozess. Auch sollten sich Anleger bereits vor einer Investition mit dem Nennereffekt beschäftigen.
Thomas Bäuml: Als Pensionskasse sind wir ein sehr langfristiger Anleger und Liquiditätsaspekte spielen für uns nur eine untergeordnete Rolle. Wir nutzen alternative Anlagen, insbesondere Infrastruktur, da diese stabile Cashflows und Inflationsschutz bieten. Mit einer 10-prozentigen Infrastrukturquote haben wir unser Portfolio dadurch mit zusätzlichen Renditequellen gestärkt. Allerdings: Bei alternativen Anlagen ist man langfristig gebunden, Rebalancing ist dann schwierig. Private Equity funktioniert nur mit Durchhaltevermögen, aktuell stocken die Exits, Rückflüsse bleiben aus. Das muss man einkalkulieren. Deshalb bleibt unsere Private-Equity-Allokation klein. Infrastruktur sehen wir dank regelmäßiger Erträge und besserer Planbarkeit als attraktiver an. Bei Private Equity steigt das Risiko, wenn sich Exits verzögern und Secondary Investments verstärkt aus Continuation Funds bestehen.
Herr Gottsmann, Sie sind auch für Spezialfonds zuständig. Welche Nachfragetrends sehen Sie in der Hinsicht bei Ihren institutionellen Kunden?
Jens Gottsmann: Institutionelle Investoren bewegen sich unterschiedlich schnell in Richtung Alternatives. Manche setzen einzelne Quoten opportunistisch um. Unser Ziel ist, von Anfang an breit diversifizierte Alternatives-Portfolios zu entwickeln, anstatt sie über Jahre Stück für Stück aufzubauen. Das ist vor allem für kleinere und mittlere Investoren eine große Hilfe.
Wie sehen die nächsten Entwicklungen im Risikomanagement aus? Worauf würden Sie in Zukunft für Ihre Organisation den Fokus stärker legen wollen?
Loki Zanini: KI kann bestehende Risikomodelle challengen, indem sie neue, ungewöhnliche Szenarien erzeugt, die menschliche Modellierer oft übersehen. Beispielsweise kann KI mit generativen Modellen neue Krisenverläufe simulieren oder unerkannte Korrelationen identifizieren und helfen, Portfolios robuster zu machen.
René Wrenger: Der Weg geht weg von starren Markowitz-Punktprognosen hin zu dynamischem Szenariodenken. Dabei werden einerseits Szenarien deterministisch simuliert, zum Beispiel die Wiederholung einer Finanzkrise. Andererseits werden sie stochastisch simuliert, indem Input-Parameter wie Ertrag, Volatilitäten und Korrelationen im Zeitverlauf variieren. Solche Modelle ermöglichen eine realistischere Risikoabschätzung in der Form, wie Portfolios auf Kombinationen extremer Ereignisse reagieren.
Thomas Bäuml: Szenarioanalysen werden zentral für Entscheidungsprozesse. KI kann neue plausible Szenarien generieren. Das sind dann nicht nur Extremereignisse, sondern auch alltägliche Marktveränderungen. Entscheider können dadurch auch prüfen, ob das Portfolio in veränderten Marktstrukturen weiterhin seine Ziele erreicht oder ob Anpassungen nötig sind.
Jens Gottsmann: Wir haben ein bereichsübergreifendes Team etabliert, das vielfältige Kapitalmarktszenarien entwirft, und deren Auswirkungen auf Assets und Risiken simuliert. In der Portfoliooptimierung greifen die klassischen Optimierungsansätze aus der liquiden Welt – zum Beispiel Markowitz – zu kurz und müssen entsprechend weiterentwickelt werden. Das werden wir in unserem Whitepaper aufzeigen.
Jens Güldner: KI gewinnt im Asset Management zunehmend an Bedeutung, da sie komplexe Datenanalysen und Prognosen ermöglicht. Durch den Einsatz von KI können Risiken frühzeitig erkannt, ineffiziente Prozesse automatisiert und Anlageentscheidungen optimiert werden. Insbesondere bei der Identifikation und Bewertung von Markt-, Kredit- und Liquiditätsrisiken leistet KI wertvolle Unterstützung. Die Technologien helfen, Muster in großen Datenmengen zu entdecken und so potentiellen Krisen schneller vorzubeugen. Dennoch bleibt für uns eine kritische Überwachung der Algorithmen und der Datenqualität unerlässlich, um Fehlentscheidungen zu vermeiden. Insgesamt unterstützt für uns KI das Risikomanagement, indem sie Transparenz schafft und die Reaktionsfähigkeit verbessert, vor allem in Krisenzeiten. KI kann die kreative Urteilskraft und die Einschätzung von Kapitalanlagenmanagern aus heutiger Sicht nicht ersetzen.
