Als US-Streitkräfte am frühen Samstagmorgen den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro festnehmen und in die USA verbringen, erwarten viele Marktteilnehmer heftige Ausschläge an den Rohstoffmärkten. Schließlich verfügt Venezuela über die weltweit größten bekannten Ölreserven. Doch die Märkte reagieren gespalten: Brent-Öl notiert am Montag mit 60,45 US-Dollar sogar leicht niedriger als vor dem Wochenende. Gold hingegen steigt um 2,4 Prozent auf über 4.435 Dollar je Feinunze, Silber legt fast 5 Prozent zu.
Warum Öl nicht reagiert
Die Zurückhaltung der Ölmärkte hat einen simplen Grund: Venezuela ist trotz seiner gewaltigen Reserven zum Zwerg geschrumpft. Das Land sitzt zwar auf über 300 Milliarden Barrel im Orinoco-Gürtel – den weltweit größten bekannten Ölvorkommen. Doch produzieren kann es davon kaum noch etwas. Aktuell fördert Venezuela nur etwa 0,9 Millionen Barrel pro Tag, wie Berenberg berichtet. Das ist weniger als ein Drittel der einstigen 3 Millionen Barrel und macht gerade einmal 1 Prozent der weltweiten Förderung aus. Unter dem Missmanagement der sozialistischen Regimes von Hugo Chávez und Nicolás Maduro kollabierte die Infrastruktur über Jahre hinweg.
Angesichts der wechselvollen Geschichte der USA in Bezug auf Regimewechsel in Ölförderländern wie Irak oder Libyen sei es unwahrscheinlich, dass die Ölmärkte mit einem raschen Anstieg des Rohölangebots rechneten, erklärt etwa das Franklin Templeton Institute. Die veraltete Infrastruktur und die geringe Qualität des schweren Rohöls sprächen gegen schnelle Produktionssteigerungen.
Langfristig könnte sich das Bild jedoch ändern. Sollte Venezuela stabilisiert werden und parallel ein Friedensabkommen in der Ukraine gelingen, rechnet das Franklin Templeton Institute damit, dass bis Ende des Jahrzehnts mehr als 5 Millionen Barrel zusätzlich auf die Märkte kommen könnten – genug, um die Ölpreise dauerhaft zu drücken.
Gold profitiert von Unsicherheit
Während Öl also in der Warteschleife verharrt, erleben Edelmetalle einen neuen Höhenflug. Allerdings baut dieser auf einem bereits bemerkenswerten Fundament auf: Gold hatte 2025 mit einem Plus von 64 Prozent die beste Jahresperformance seit 1979 hingelegt, heißt es in Medienberichten. Getrieben wurde diese Rally durch massive Käufe von Zentralbanken, die ihre Reserven diversifizieren wollten, sowie durch kräftige Zuflüsse in goldgedeckte ETFs.
Der US-Angriff auf Venezuela stärke die Argumente für Gold als sicheren Hafen, betont J.P. Morgan. Die Investmentbank verweist dabei auf die wachsende geopolitische Unsicherheit in Lateinamerika, die den positiven Ausblick für das Edelmetall weiter stütze. Goldman Sachs geht davon aus, dass Gold bis Dezember 2026 auf 4.900 Dollar steigen könnte.
Die eigentliche Frage hinter der Intervention
Aktuell ist Venezuela wirtschaftlich noch zu unbedeutend, um die globalen Märkte nachhaltig zu erschüttern. Die Anleger konzentrieren sich daher kurz- und mittelfristig auf die wirklich wichtigen Treiber, wie beispielsweise US-Wirtschaftsdaten, die Zinspolitik der Federal Reserve, oder das Wachstum in China.
Doch langfristig stellt sich eine andere Frage: Bleibt die Militäroperation in Venezuela ein Einzelfall oder ist sie der Beginn einer grundsätzlich aggressiveren US-Außenpolitik? US-Präsident Donald Trump lässt am Samstagabend in Mar-a-Lago schließlich wenig Zweifel daran, worum es ihm tatsächlich geht. Konkret kündigt er an, Venezuela zu „verwalten“ und fordert „uneingeschränkten Zugang“ zu dessen Ölreserven. Auch wenn Nicolás Maduro also nun in New York wegen seiner möglichen Beteiligung an Drogenkriminalität der Prozess gemacht wird, dürften die wahren Motive für die Militäroperation woanders liegen.
