Zwischen KI-Hype und Lieferketten Aus: Private Equity im Tech-Sektor

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Private Equity hat bis heute mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Laut PwC Deutschland sank das Deal-Volumen in Europa 2023 um 32 Prozent auf etwa 260 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr. Dennoch bleibt der Tech-Sektor in dieser schwierigen Gesamtmarktsituation führend. Transaktionen im Bereich Technologie, Medien und Telekommunikation (TMT) stellten das wichtigste Tätigkeitsfeld dar. Insgesamt wurden hier 2.221 Deals mit einem Gesamtvolumen von 86,7 Milliarden Euro verzeichnet, was mehr als einem Drittel aller Transaktionen und 32 Prozent des Gesamtwerts entspricht.

Der Tech-Sektor war somit für vier der zehn größten Private-Equity Deals des vergangenen Jahres verantwortlich, darunter drei Softwareunternehmen. Steve Roberts, Leiter Private Equity für Deutschland und Europa bei PwC Deutschland, betont: „Für Jahrzehnte war der Gesundheitssektor die Nummer eins für Käufe durch Private Equity; seit der Pandemie ist es Software.“ Dies sei vor allem auf die anhaltenden Wachstumschancen in diesem Sektor zurückzuführen, die durch die Digitalisierung und Transformation ganzer Industrien vorangetrieben werden.

Wachstum und Synergien dank künstlicher Intelligenz

 Richard Clarke-Jervoise, Managing Director für Private Equity beim Investment-Haus ODDO BHF AM, sieht Synergien über mehrere Branchen hinweg entstehen: „Insbesondere Fintech entwickelt sich derzeit äußerst positiv, wie die geplanten Börsengänge von Klarna und Revolut zeigen.“ Ähnliches gilt auch für Robotik und Medizintechnik, wobei der rasante Fortschritt in der künstlichen Intelligenz als klarer Treiber für beide Bereiche fungiert. Je nach Sektor investiert ODDO in spezifische KI Lösungen, sogenannte vertikale KI. „Vertikale KIs sind auf einen bestimmten Bereich oder Sektor fokussiert. Im Pharmabereich unterstützen sie beispielsweise die Entwicklung neuer Moleküle durch die Analyse großer Datenmengen. Ähnliche spezifische Anwendungsfälle finden sich auch in der Rechtsbranche und der Softwareentwicklung.“ Die Verbreitung vertikaler KI-Lösungen setzt den eingeschlagenen Weg klassischer Softwarelösungen der letzten 20 Jahre fort. „Die Einführung von KI erfolgt jedoch deutlich schneller als die von klassischer Software in früheren Zyklen“, merkt Clarke-Jervoise an. Laut einer aktuellen ifo-Studie im Auftrag der IHK München und Oberbayern nutzen bereits 12 Prozent der deutschen Unternehmen künstliche Intelligenz in ihren Prozessen. Die Technologie wird vor allem in der IT-Branche sowie im Informations- und Kommunikationssektor eingesetzt. Kleinere Unternehmen sehen oft noch keinen Nutzen in der Technologie, meist aufgrund fehlender Kompetenzen.

Hohe Multiples mindern die Rendite

 In allgemeinere Large-Language-Modellen (LLM) – wie etwa ChatGPT – investiert ODDO BHF vergleichsweise wenig. „Hier sind die Bewertungen einfach zu hoch, was sich negativ auf eine potentielle Rendite auswirkt“, erklärt Clarke-Jervoise. Ähnliche Bedenken äußert auch Roberts: „Gerade im Softwarebereich benötigt man viel Mut und Expertise, um die hohen Bewertungen eines Investments zu verstehen.“ Bei Softwareunternehmen sind schwarze Zahlen oft noch Zukunftsmusik, trotz guter Bewertungen. „Wer es jedoch schafft, die Prozesse im Unternehmen zu optimieren und im Markt zu expandieren, kann eine erfolgreiche Exit-Geschichte erzählen“, so Roberts. Der Technologiesektor bietet insbesondere für Buy-Build-Plattformen große Chancen. Der Markt ist nach wie vor stark fragmentiert, was Private Equity die Möglichkeit gibt, Expertise und Kapital einzubringen, um den Markt zu konsolidieren. Roberts sagt: „Wenn Private Equity das nicht schafft, wer dann? Die Branche verfügt über das notwendige Kapital und die Expertise und versteht die erforderlichen Anreizstrukturen.“

Das schwächste Glied ist die Lieferkette

Trotz des strukturellen Gegenwinds, den die Tech-Branche spürt, rückt mit der Wieder wahl Donald Trumps ein Risikofaktor in den Vordergrund: die Sicherheit der Lieferketten, insbesondere in Fernost. Clarke-Jervoise stellt klar: „Viele ausländische Investoren haben sich komplett aus China zurückgezogen, weil sie es für kategorisch uninvestierbar halten – wir teilen diese Meinung nicht.“ Zwar sind bestimmte Branchen wie die Entwicklung von LLM oder Computerchips für ausländische Investoren tabu, aber das Land sollte im Tech-Bereich nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. „Dennoch haben wir insbesondere im Hardwarebereich gesehen, wie Lieferketten unter Druck geraten. Daher sind wir vorsichtig, welche Sektoren ins Visier der Regulierungsbehörden geraten könnten.“ Roberts beobachtet die geopolitischen Entwicklungen ebenfalls mit Besorgnis: „Ich glaube, seit der ersten Wahl Trumps und der Covid-Pandemie regionalisiert sich die Welt zunehmend.“ Dieser Prozess geschieht zwar nicht über Nacht, aber er erwartet in Zukunft weniger Offshoring von Unternehmensprozessen: „Europa, aber auch die USA unter Trump werden sich stärker auf sich selbst konzentrieren.“

Liquiditätsmangel treibt den Zweitmarkt

 Blickt man in die Zukunft und auf die allgemeine Marktlage von Private Equity, sieht Clarke Jervoise Licht am Ende des Tunnels. Aus Sicht des Asset Managements sei das Umfeld hin sichtlich der vier Schlüsselindikatoren – Mittelbeschaffung, Bewertungen, Fundamentaldaten der Unternehmen und Liquidität – überwiegend positiv. „Seit dem zweiten Halbjahr 2022 sehen wir, dass sich die Kapitalflüsse und Bewertungen stabilisieren.“ Viele Tech-Unternehmen zeichnen sich derzeit durch starke Umsatz gewinne von 60 bis 100 Prozent aus. „Es ist ein guter Einstiegspunkt für jeden, der in der Früh- und Wachstumsphase in den Tech-Markt investieren möchte“, meint Clarke-Jervoise. Lediglich die Liquidität bleibt aufgrund ausbleibender Börsengänge und eines umkämpften M&A-Marktes Mangelware. Wegen dieser fehlenden Liquidität würden Continuation-Fonds und der wachsende Secondary-Markt sowohl bei LP- als auch bei GP-led-Deals zur „einmaligen Gelegenheit“ für Tech-Investoren, so Clarke-Jervoise. „Denn in vielen Fällen findet lediglich ein Teilverkauf statt, da der Fondsmanager weiterhin einen Teil des zukünftigen Gewinnpotentials für seine Anleger einbehalten möchte.“

Arrian Correns ist seit 2024 Redakteur bei dpn – Deutsche Pensions- und Investmentnachrichten. Seine ersten Schritte im Journalismus machte der studierte Staatswissenschaftler im Lokaljournalismus. 2023 wechselte er mit dem Volontariat im Fachverlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den Finanzjournalismus. In dieser Zeit schrieb Arrian Correns auch für die dpn-Schwesterpublikationen „FINANCE Magazin“ und „Die Stiftung“. Arrian Correns befasst sich heute vor allem mit Themen der institutionellen Kapitalanlage und der Digitalisierung der Investmentbranche.

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