Herr Nuseibeh, wie kam es zu der Entscheidung der Aquila Group, ein Büro im Nahen Osten zu eröffnen?
Der Nahe Osten ist eine Region, in der viel passiert und in der sich viele attraktive Investmentopportunitäten bieten. Das hat sich vor allem in der Zeit nach der Corona-Pandemie gezeigt, als die Inflation und der Ukraine-Krieg den Investment-Appetit in anderen Teilen der Welt deutlich beeinträchtigt haben. Damals war der Nahe Osten eine der wenigen Regionen, die Stabilität ausstrahlten und sich trotz des widrigen Marktumfelds weiterhin dynamisch entwickelten. Als Aquila Group waren wir entschlossen, dies zu nutzen.
Wie fiel die Wahl auf Abu Dhabi als Standort in der Region?
Wir haben viel Zeit in die Analyse gesteckt, um für unser Büro im Nahen Osten den bestmöglichen Standort zu finden. Die offensichtlichsten Alternativen in der Region sind Dubai und Saudi-Arabien. Abu Dhabi ist es der Ort mit der höchsten Konzentration an Staatsfonds. Zweitens verfügt es über ein gut etabliertes, kooperatives Investment-Ökosystem, das öffentlich-private Partnerschaften gedeihen lässt. Natürlich teilt es auch eine Reihe von Vorteilen mit den anderen Standorten und dient als perfektes Bindeglied zwischen Europa und Asien. Wir sind in beiden Regionen in erheblichem Umfang tätig, was dem Standort geografisch und mit Blick auf die Zeitzonen eine Schlüsselrolle zuweist. Abu Dhabi schlägt für uns die Brücke zwischen Europa und Asien.
Können Sie das weiter ausführen?
Die Vereinigten Arabischen Emirate sind trotz der regionalen Herausforderungen und Konflikte äußerst anpassungsfähig und versuchen, ihre Politik in den wirklich entscheidenden Bereichen pragmatisch umzusetzen. Die Golfstaaten sind wichtige Ölproduzenten, aber sie wissen, dass die Welt in 30 Jahren erheblich anders aussehen wird als heute. Die Staatsfonds investieren deshalb viel Kapital, um an der wirtschaftlichen Transformation zu partizipieren – nicht nur in der Region, sondern weltweit. Sie sorgen für verlässliche Rahmenbedingungen und tragen so dazu bei, dass Unternehmen ihr Know-how bestmöglich einbringen können.
Eine Herausforderung ist immer wieder die Regulatorik. Wie sieht es vor Ort damit aus?
In den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es zwei Finanzzentren: das Dubai International Financial Centre (DIFC) und den Abu Dhabi Global Market (ADGM). Beide basieren auf dem englischen Common Law, welches sich am britischen Rechtssystem und den dort gängigen regulatorischen Standards orientiert. Dies erleichtert internationalen Unternehmen den Zugang. Über die Regulatorik hinaus gibt es auch spezialisierte staatliche Stellen, die neue Unternehmen unterstützen. Sie stellen z. B. einen Relationship Manager zur Verfügung, der beim Onboarding-Prozess hilft, Kontakte herstellt oder sogar bei der Wohnungssuche unterstützt. Dieses förderliche Ökosystem geht weit über vorteilhafte regulatorische Rahmenbedingungen hinaus.
Lassen Sie uns zu Ihrer Strategie kommen. Wie sieht Ihr Geschäftsmodell in der Region aus?
Wir wollen Teil der Megatrends sein, welche die Welt jetzt und auf absehbare Zeit prägen – vor allem Dekarbonisierung, Digitalisierung und Elektrifizierung der Wirtschaft vor Ort. Deswegen konzentrieren wir uns auf die Bereiche erneuerbare Energien und digitale nachhaltige Infrastruktur. Dies umfasst Investments in Solarenergie, Batteriespeicher – aber auch in Rechenzentren, die hier in der Region aufgrund der KI-Welle massiv an Bedeutung gewinnen. Für Rechenzentren gibt es in Abu Dhabi mit Khazna beispielsweise eine eigene Entwicklungsplattform.
Konkurrieren Sie damit nicht automatisch mit den großen Staatsfonds?
Realistisch betrachtet werden die Großprojekte ohnehin bevorzugt an staatliche Akteure vergeben. Gleichzeitig gibt es aber Partnerschaften zwischen privaten und staatlichen Akteuren. Wir sehen unsere Chancen vor allem bei Nischenthemen. Viele Entwickler kommen traditionell aus der Immobilienbranche – wir hingegen verstehen dieses Thema aus der Perspektive der Energieinfrastruktur. Das sehen wir als unser Alleinstellungsmerkmal. Darüber hinaus sehen wir seit der Corona-Pandemie eine Verschiebung der Handelsrouten, in der die Vereinigten Arabischen Emirate zunehmend eine zentrale Rolle spielen. Deswegen ist auch die Asset-Klasse Infrastruktur in der Region interessant für uns.
Welche Investorengruppen wollen Sie ansprechen?
Was unsere möglichen Geschäftspartner vor Ort anbelangt, so dreht sich für uns nicht alles um Staatsfonds. Zunehmend strömen auch andere institutionelle Investoren, Family Offices und private Kapitalgeber in die Region. Vor allem Family Offices aus Asien suchen vermehrt alternative Standorte. Gleichzeitig wollen zunehmend auch europäische Investoren an der Transformation der Region partizipieren. Sowohl hinsichtlich der Asset-Klassen als auch der Investorentypen ist der Nahe Osten eine hochinteressante Region für uns.
Welche Ansprüche haben die Investoren hier vor Ort an ihre Kapitalanlage?
Wenn wir auf die großen Familienkonglomerate in der Region blicken, dann sind diese sehr stark auf das eigene operative Geschäft konzentriert. Viele dieser Investoren besitzen historisch bedingt umfangreiche Immobilienportfolios. Wir beobachten dabei ein wachsendes Interesse, diese Portfolios zu diversifizieren und in neue Sektoren vorzustoßen. Hierbei kommt uns zugute, dass vieles, was wir im Bereich nachhaltiger Infrastruktur tun, dem entspricht, was diese Investoren bereits kennen. Hinzu kommt, dass es in der Region einen starken Konsens darüber gibt, dass die Welt vor tiefgreifenden Veränderungen steht. Wir alle müssen in diese neue Welt investieren – eine Welt, die einen anderen Energiemix und eine sich verändernde Infrastrukturlandschaft erfordert. Diese kohärente, zukunftsweisende Vision ist die große Chance für die Region.
Wie sehen nun Ihre mittelfristigen Pläne aus?
Für uns ergeben sich drei zentrale Aufgabenstellungen: Zunächst unterstützen wir das Fundraising für Aquila Capital, dem Asset Manager der Aquila Group, im Rahmen unserer bestehenden europäischen Strategien. Im Mittelpunkt unserer zweiten Säule steht die Suche nach Investitionsmöglichkeiten, für die wir unser Know-how in der Region einbringen. Drittens fokussieren wir uns auf die Schnittstelle zwischen Westen und Osten, wofür wir unseren Kunden hier vor Ort Zugang zu unserer Projekt-Pipeline in Europa und Asien verschaffen.
Arrian Correns ist seit 2024 Redakteur bei dpn – Deutsche Pensions- und Investmentnachrichten. Seine ersten Schritte im Journalismus machte der studierte Staatswissenschaftler im Lokaljournalismus. 2023 wechselte er mit dem Volontariat im Fachverlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den Finanzjournalismus. In dieser Zeit schrieb Arrian Correns auch für die dpn-Schwesterpublikationen „FINANCE Magazin“ und „Die Stiftung“. Arrian Correns befasst sich heute vor allem mit Themen der institutionellen Kapitalanlage und der Digitalisierung der Investmentbranche.

