Wenn sich die physische und die digitale Welt vereinen …

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Autorin: Kirsty Gibson, Investmentmanagerin bei Baillie Gifford

Ihr Kapital oder das Ihrer Kunden könnte in Gefahr sein

Wenn Sie bei Amazon auf „Jetzt kaufen“ klicken, dauert es in der Regel gerade mal einen Tag, bis die Ware bei Ihnen zu Hause ankommt. Hinter dieser enormen logistischen Leistung stecken eine Unmenge von Daten in riesigen Rechenzentren, kilometerlange automatisierte Fließbänder in den Lagern und eine Armada von Lieferwagen und Fahrern.

Wenn Amazon als digitaler Disruptor bekannt ist, ist das also nur die halbe Wahrheit. Während die Kunden hauptsächlich online mit dem Unternehmen interagieren, beruht ein Großteil des Wettbewerbsvorteils nämlich auf seinen „physischen“ Aktivitäten.

Und auch in dieser Hinsicht steht Amazon für eine neue Welle der Disruption. Im 20. Jahrhundert waren die führenden Unternehmen fast ausschließlich in der physischen Welt tätig, und ihre Wettbewerbsvorteile beruhten auf ihren physischen Vermögenswerten und dem Zugang zu Kapital, um diese zu finanzieren. Beispiele hierfür sind Luftfahrt, Energie und Printmedien.

Mit der Verbreitung des Internets entstanden dann Unternehmen mit rein digitalen Geschäftsmodellen. Sie benötigten wenig Kapital und waren zwar sehr agil, aber mit ihren rein digitalen Diensten doch nur in der Lage, einige wenige Sektoren zu „disruptieren“ – namentlich Werbung, Medien und Datenanalytik.

Amazon war jedoch schon immer anders. Als Online-Buchhändler musste das Unternehmen erst einmal eine physische Infrastruktur aufbauen, um Bücher überhaupt liefern zu können. Ähnlich verhielt es sich beim Einstieg in das Cloud Computing. Auch Amazon Web Services wird als digitaler Dienst wahrgenommen, aber seine Stärke hängt von den enormen Investitionen des Unternehmens in die Hardware der Rechenzentren ab.

Amazons Strategie, sein digitales Angebot mit Investitionen in den physischen Betrieb zu unterfüttern, setzt sich bis heute fort – vom Betrieb einer eigenen Frachtfluggesellschaft bis hin zu Plänen, Tausende von Satelliten in der erdnahen Umlaufbahn zu stationieren, um in entlegenen Gebieten Breitbandverbindungen anzubieten.
Weitere Beispiele für Unternehmen, die dem Beispiel von Amazon folgen und IT mit physischen Prozessen verknüpfen, sind Solugen und Rivian Automotive.

Solugen versucht, die Chemieindustrie zu verändern, indem es Software mit künstlicher Intelligenz einsetzt, um Enzyme zu entwickeln, die es dann zur Umwandlung von Zucker in wertvollere Moleküle verwendet. Der Vorteil von Solugen gegenüber herkömmlichen Chemieunternehmen besteht darin, dass es keine fossilen Brennstoffe verwendet und keine CO2-Emissionen oder Abfälle produziert.

Das Bioforge-Reaktorsystem von Solugen ist nur einen Bruchteil so groß wie die immensen Produktionsanlagen, die normalerweise für die Herstellung von Chemikalien benötigt werden. Das senkt die Kosten; und weil die Reaktoren modular aufgebaut sind, können sie an vielen weiteren Standorten eingesetzt werden.

Rivian hingegen versucht, mit elektrisch betriebenen Pick-up-Trucks und SUVs den Markt aufzumischen. Was man zuerst sieht, sind die Produktionsanlagen, aber genauso wichtig ist die Software. So hat das Unternehmen seinen Kunden beispielsweise Over-the-Air-Updates zur Verfügung gestellt, um das Ziehen von Anhängern zu erleichtern. Auch für eine bessere Federung reichte ein Software-Update. Und selbstredend investiert Rivian in Technologien für das autonome Fahren.

Erweitern, nicht verdrängen

Eine etwas andere Art von Unternehmen, die die physische und die digitale Welt miteinander verschmelzen, sind diejenigen, die auf der bestehenden physischen Infrastruktur aufbauen wollen, anstatt sie zu ersetzen. Sie haben den Vorteil, weniger Kapital zu benötigen, stehen aber vor der Herausforderung, die bestehenden Unternehmen davon zu überzeugen, dass ihre digitale Ergänzung Mehrwert schafft.

Ein gutes Beispiel dafür ist DoorDash. Sein digitales Angebot basiert auf dem Verständnis für die physischen Geschäfte, mit denen es zusammenarbeitet, da es gleichzeitig einen Service für drei verschiedene Kundengruppen anbietet und sie miteinander verbindet:

  • Verbraucher, die sich Essen und Waren nach Hause liefern lassen wollen
  • Selbständige Fahrer, denen gesagt werden muss, wo sie die Bestellungen abholen und abliefern sollen
  • Restaurants und Geschäfte, die die Lebensmittel und andere Produkte liefern

Das Unternehmen investiert auch in die physische Infrastruktur. In den DashMart-Lagern werden Mitarbeiter beschäftigt, die die Artikel lagern und an die Fahrer übergeben. So kann DoorDash die Kunden auch dann bedienen, wenn andere Einzelhändler geschlossen sind. Dies kommt auch den selbständigen Fahrern zugute, die die Lieferungen oft im Nebenjob ausführen.

Aurora Innovation fällt ebenfalls in den zweiten Bereich der physisch-digitalen Unternehmen. Der Pionier für fahrerlose Lastwagen hat sich dafür entschieden, keine eigenen Fahrzeuge herzustellen. Stattdessen hat es sich mit dem Automobilzulieferer Continental zusammengetan und liefert seine Hard- und Software für das autonome Fahren zur Nachrüstung von Lastwagen. Aurora erhält von Lkw-Herstellern Fees im Rahmen von „Driver as a Service“-Arrangements, wovon ein Teil wiederum an Conti geht. So hat Aurora kaum Upfront-Kosten für den Bau der Lastwagen, sondern verteilt sie auf deren Laufzeit.

Der Bedarf an dieser Technologie liegt angesichts des Fachkräftemangels auch bei Lkw-Fahrern auf der Hand. Mit Volvo Trucks und FedEx, die zu den Unternehmen gehören, die bereits Interesse gezeigt haben, trifft Aurora offensichtlich den Nerv der Branchengrößen.

Nicht jedes Unternehmen muss „Bits und Atome“ verschmelzen, um erfolgreich zu sein. Unsere Investment-Strategie basiert nicht immer und nicht notwendigerweise auf dieser Logik. Die Frage, wie Unternehmen die beiden Welten miteinander verbinden, kann jedoch hilfreich sein, wenn man ihre langfristigen Aussichten betrachtet. Wenn sie selbst weitsichtig genug sind, Kapital und Ressourcen für eine Kombination aus physischer und digitaler Innovation bereitzustellen, haben sie die Chance, Transformation und Disruption zu schaffen.

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Info

Dieser Artikel stammt von unserem Partner Baillie Gifford. Er ist Teil des Business Perspectives Projektes.  

Patrick Daum ist Chef vom Dienst bei dpn-online. Er berichtet über alle Themen rund um das institutionelle Asset Management.