Risiken gehören zum ungemütlichen Business eines jeden Wirtschaftszweiges. Sie genauer unter die Lupe zu nehmen ist übergeordnete Aufgabe nationaler und internationaler Aufsichtsbehörden. Ein bewährtes Mittel sind Stresstests. So werden von Jahr zu Jahr in den meist stichprobenartigen Erhebungen auch neue Risiken analysiert, die die jeweilige Branche in einem möglichen Worst-Case-Szenario erheblich belasten und einzelne Unternehmen aus der Bahn werfen könnten.
Freilich spielt die Finanzindustrie bei Stresstests eine zentrale Rolle. So hat die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersvorsorge (EIOPA) Mitte Dezember die Ergebnisse ihres ersten Klimastresstests 2022 für EbAV veröffentlicht. Untersucht wurde die Resilienz dieser Einrichtungen gegen Risiken im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Am Stresstest nahmen rund 190 Pensionseinrichtungen aus Europa teil, darunter 21 aus Deutschland. Somit wurde die von EIOPA angestrebte Marktabdeckung von 60 Prozent der nationalen EbAV-Sektoren in Deutschland erreicht. Gestresst wurden Szenarien, die einen plötzlichen, ungeordneten Übergang zu einer grünen Wirtschaft als Folge der verzögerten Umsetzung politischer Maßnahmen simulierten. Die von der EIOPA veröffentlichten Zahlen kommen zu dem Ergebnis, dass sich durch den Klimawandel wesentliche Risiken für die EbAV ergeben können. Deshalb müssen sich die Vorsorgeeinrichtungen „künftig noch mehr mit den Risiken auseinandersetzen“, kommentiert Frank Grund, Exekutivdirektor Versicherungs- und Pensionsaufsicht der BaFin, die Ergebnisse.
Neu sind Klimastresstests für einige EbAV jedoch nicht. Das Branchenversorgungswerk der Banken und Finanzdienstleistungsinstitute BVV hat bereits in den vergangenen Jahren erste Klimaszenarioanalysen mit verschiedenen Modellen durchgeführt. „Diese prototypischen Untersuchungen bilden die Grundlage einer ersten Risikoerfassung für die Kapitalanlagen des BVV“, berichtet Christian Wolf, Leiter Risikomanagement und Controlling beim BVV, der Altersvorsorgeeinrichtung für die deutsche Finanzwirtschaft. Der Schwerpunkt der vom BVV durchgeführten Szenarioberechnungen liegt derzeit auf der Evaluierung und Etablierung von Instrumenten zur ökonomischen Quantifizierung der Risiken aus dem Klimawandel beziehungsweise den Klimaanpassungen. Für eine ganzheitliche Bewertung aller Kapital – anlagen werden die Modellqualität, Datenbasis und Abdeckung von Anlageklassen kontinuierlich weiterentwickelt und verbes – sert, heißt es. Es würden sogar für einzelne Anlageklassen bereits Ergebnisse aus diesen Klimaszenarioanalysen vorliegen, heißt es aus Berlin. Konkreter wird der BVV nicht.
BaFin hat bereits 2019 reagiert
Grundsätzlich ist Nachhaltigkeit als Bestandteil des Anlage- und Risikomanagements für Wolf ein zentrales Kriterium für verantwortungsbewusste Investoren. Zu erkennen und zu steuern, welche Wirkung man über die reine Risikoperspektive hinaus erzielt, ist der nächste Schritt. Gemessen am verwalteten Vermögen (33 Milliarden Euro per Ende 2022) ist der BVV Versicherungs – verein des Bankgewerbes a. G. Deutschlands größte Pensionskasse. Er nimmt seit 2015 an den EIOPA-Stresstests für EbAV teil. In der Analyse des jüngsten europaweiten EIOPA-Stresstests kommt das Berliner Branchenversorgungswerk zu einem ähnlichen Fazit wie die BaFin.
Der Stresstest habe gezeigt, dass EbAV – wie andere Investoren auch – ESG-Risiken ausgesetzt sind und diese bei ihren Portfoliodispositi – onen entsprechend berücksichtigen sollten. Die BaFin hat diesem Aspekt bereits 2019 durch die Veröffentlichung des Merkblatts zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken Rechnung getragen und forderte zuletzt eine intensivere Auseinandersetzung mit diesen Themen im Risikomanagement von Versicherungsunternehmen und EbAV, ins – besondere durch den Einsatz von Klimaszenariomodellen und Stresstests.
BVV sieht Stresstest als Impuls
Folgt man der vereinfachten Stresstestlogik in der jüngsten EIOPA-Untersuchung, führen Investitionen in kohlenstoffintensiven Bereichen zu entsprechend hohen Verlusten in den Kapitalanlagen. Die EIOPA-Erhebung wurde sowohl auf Grundlage der jeweiligen nationalen Rechnungslegungsstandards als auch auf Basis eines von der EU-Behörde entwickelten einheitlichen europäischen Bewertungsstandards durchgeführt. Nach dem einheitlichen Bewertungsstandard ergab sich ein Rückgang des Marktwerts der Kapitalanlagen der deutschen Teilnehmer von 14 Prozent, unter HGB von lediglich 4 Prozent. „Die EbAV sollten im Rahmen ihres Risikomanagements auch solche Klimawandelszenarien betrachten, die unter HGB zu Abschreibungen bei allen wesentlichen Kapitalanlagearten führen“, so BaFin-Exekutivdirektor Grund. Nur so könne das Ausmaß möglicher Belastungen durch den Klimawandel sinnvoll eingeschätzt werden.
Ein solches Ergebnis, bezogen auf die Kapitalanlagen, sollte daher nach BVV-Meinung „zunächst als Impuls“ dienen, um das Ausmaß möglicher Belastungen durch den Klimawandel im eigenen Anlageportfolio durch weiterführende interne Klimaszenarioanalysen sinnvoll einzuschätzen. „Das ist für uns die eigentlich zentrale Kernbotschaft des Tests“, resümiert Frank Weber in seiner unabhängigen Risikocontrollingfunktion beim BVV und fügt hinzu: „Da es sich bei Klimastresstests um ein vergleichsweise neues und komplexes Instrumentarium handelt, sind die Rahmenparameter und Modellspezifika bei der Interpretation der Ergebnisse immer mit zu berücksichtigen.“
Der von EIOPA gewählte vereinfachte, sektorbasierte Stressansatz diene primär dazu, die Einrichtungen bezüglich der potentiellen Auswirkungen von Klimarisiken in den Anlageportfolios zu sensibilisieren sowie eine erste grobe europaweite Bestandsaufnahme für die bAV in Europa zu erhalten. Vor diesem Hintergrund sollten die Ergebnisse nicht überinterpretiert werden, da die jeweils anlagespezifischen Besonderheiten nicht berücksichtigt wurden. Der Stresstest hat den EbAV-Sektor in Europa insgesamt im Blick und besitzt allein makroökonomische Relevanz. Die jeweiligen nationalen Aufsichtsregime und Ausgestaltungen der bAV führen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen in den einzelnen Ländern.
Alte Leipziger mit zwei Klimaszenarien
Auch Versicherungsgesellschaften befassen sich mit dem Klimawandel und den Wechselwirkungen mit dem eigenen Geschäft. Zwar haben die EbAV der Alte Leipziger-Hallesche (ALH) Gruppe nicht am EIOPA-Klimastresstest 2022 teilgenommen. Allerdings haben die Versicherungsgesellschaften der ALH Gruppe im Rahmen der ORSA-Berichte zwei langfristige Klimawandelszenarien (Zeithorizont bis 2050) berechnen und analysieren lassen, berichtet uns Michael Reinelt, Zentralbereichsleiter bAV bei der Alte Leipziger Lebensversicherung sowie Vorstand der Alte Leipziger Pensionskasse AG und des Alte Leipziger Pensionsfonds AG. Bei dem analysierten Transitionsszenario, das vergleichbar mit dem aktuellen EIOPAKlimastresstest ist (abrupter CO2-Anstieg ab 2030), ist zusammenfassend Folgendes festzustellen:
In der Kapitalanlage zeigt sich in dem verwendeten Modell neben einem Rückgang der Aktienkurse auch ein Anstieg des Zinsniveaus. Dieser sorgt bei dem für die Versicherungsbranche typischerweise hohen Bestand verzinslicher Anlagen für eine höhere Neuanlagerendite, so dass die steigende Gesamtverzinsung mittel- bis langfristig die Verluste bei Aktien überkompensiert. Für EbAV mit vergleichbarer Kapitalanlagestruktur dürfte dies ebenfalls gelten. Bei der Analyse der Versicherungstechnik, zum Beispiel Auswirkungen auf die Sterblichkeit, ist die Datenlage laut Vorstand Reinelt aktuell ausbaufähig und lässt daher nur eingeschränkt Aussagen zu den Auswirkungen des Klimawandels zu. Außerdem könnte die Aussagekraft der Analysen durch Einbeziehung weiterer Parameter, wie zum Beispiel des Verhaltens von Versicherten, erhöht werden.
Die beiden EbAV Alte Leipziger Pensionskasse AG und Alte Leipziger Pensionsfonds sind als Tochterunternehmen der Alte Leipziger Lebensversicherung in das zentrale Risikomanagement der ALH Gruppe eingebunden. Das Risikomanagement deckt neben weiteren Risiken auch die Nachhaltigkeitsrisiken ab, wobei „die Risiken des Klimawandels besondere Aufmerksamkeit erfahren“, betont Reinelt. Während das Mutterunternehmen und die ALH Gruppe gemäß Solvency II reguliert sind, wenden die Pensionskasse sowie Pensionsfonds die aufsichtsrechtlichen Vorgaben nach EbAV II an und verfügen über ein Risikomanagement, das sich an diesen Anforderungen orientiert.
Verschwiegener zeigt sich unterdessen die genossenschaftliche R+V Gruppe. Die Versicherungstochter der DZ Bank war mit der R+V Pensionsversicherung a. G. beim EIOPA-Klimastresstest vertreten. Per Ende 2021 verwaltete die R+V ein Pensionsvermögen bei den Kapitalanlagen von 3,3 Milliarden Euro. „Der Stresstest war für unsere Gesellschaft keine besondere Herausforderung“, erklärt uns ein R+VSprecher kurz und knapp und verweist auf die Bilanz-Pressekonferenz Ende April.
WTW analysiert DAX-40-Pensionswerke
Einen Überblick über die Versorgungsvehikel der DAX-40-Unternehmen liefert Tim Voetmann vom Beratungshaus WTW. Er ist Aktuar und in der Funktion auch Aktuar für verschiedene EbAV, von denen manche am Stresstest teilgenommen haben. Somit kennt er die Detailergebnisse einzelner Gesellschaften. Mit einer tiefergehenden Analyse hat er sich jedoch nicht beschäftigen müssen, da „wir die Ergebnisse eher unspektakulär fanden“, so Voetmann. Zur Einordnung: Im Vergleich zum vorangegangenen EIOPA-Stresstest Februar | März 2023 75 vor drei Jahren waren die Wertverluste deutlich höher. Und auch der von der BaFin durchgeführte Stresstest 2021 war nach Voetmanns Meinung im Ergebnis für die Einrichtungen eine „deutlich andere Belastung“. Die Branche müsse mit Stress aus jeder Richtung klarkommen. Das gilt freilich auch für die Pensionseinrichtungen der DAX-40-Unternehmen. Hier hat WTW als Beratungsunternehmen einen besonderen Fokus und analysiert unter anderem regelmäßig das Pensionsvermögen sowie den Ausfinanzierungsgrad der Pensionsverpflichtungen der deutschen Blue Chips.
Im Hinblick auf die Ergebnisse des Klimastresstests fällt Voetmanns Bewertung zweigeteilt aus. Als Mathematiker kann er keine direkte Übertragung auf die DAXUnternehmen herstellen. Der von der europäischen Aufsichtsbehörde berechnete Wertrückgang bei der Kapitalanlage deutscher EbAV infolge des Klimastresstests könne nicht einfach auf die DAX40-Unternehmen übertragen werden. Die Untersuchung der EIOPA bezog sich ausdrücklich auf regulierte Einrichtungen. Viele DAX-Pensionswerke unterliegen nicht der Versicherungsaufsicht.
Klimaszenario längst überholt
Aus dem Blickwinkel eines Beraters wäre Voetmann indes „sehr überrascht“, wenn sich in den DAX-Pensionsvermögen „fundamental andere Ergebnisse und Expositionen gegenüber dem Klimarisiko“ zeigen würden. Einige Konzerne innerhalb und außerhalb des DAX machen keinen Unterschied zwischen der Anlage des von EbAV gehaltenen Vermögens und den Anlagen für die über Direktzusage durchgeführten Anwartschaften. Diese Ergebnisse würden sich somit sehr gut übertragen lassen, nur gilt dies nicht für alle im DAX gelisteten Unternehmen. „Von anderen großen DAX-Unternehmen weiß man, dass sie vom Stresstest nicht tangiert waren, weil sie keinerlei Berührung zu beaufsichtigten Einrichtungen haben“, so Voetmann. Streng genommen war das von der EIOPA untersuchte Klimaszenario mit Ausbruch des Ukrainekrieges am 24. Februar 2022 schon längst überholt.
Durch den Konflikt mit Russland haben sich die Energiepreise so stark verteuert, dass sich das unterstellte Szenario mit dem rapide steigenden CO2-Preis quasi realisiert hat. Dabei hat sich zwar nicht der CO2-Preis erhöht, aber die Energiepreise insgesamt sind in die Höhe geschossen, wobei alle Kapitalanlagen in energieintensiven Branchen denselben Auswirkungen ausgesetzt waren. Das zeigt, dass sich sämtliche EbAV und auch DAX-Pensionswerke mit allen möglichen Risiken und deren Auslösern permanent auseinandersetzen müssen. „Mit dem Eintritt eines Stressszenarios muss ich als institutioneller Kapitalanleger mit langfristigem Horizont immer rechnen“, sagt Voetmann. Die Vorsorgeeinrichtungen müssen sich mit allen ESG-Risiken auseinandersetzen, nicht nur mit dem Klimaaspekt.
Strategie der Regulatorik anpassen
Zu den Herausforderungen gehören vor allem auch die regulatorischen Anforderungen. Hier gibt es seitens der Aufsichtsbehörden und der Politik Bestrebungen, ESG-Kriterien stärker in den Vordergrund zu rücken. Der regulatorische Rahmen ist erst im August mit der Veröffentlichung der technischen Regulierungsstandards (RTS) zur EU-Offenlegungsverordnung endgültig fertig geworden. Unternehmen mit ihren Vorsorgevehikeln stehen oft noch am Anfang und müssen ihre Nachhaltigkeitsstrategie formulieren. „Wollen sie nachteilige Auswirkungen von Investitionsentscheidungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren überhaupt berücksichtigen oder nicht?“, stellt sich Voetmann die Frage. Und wenn sie sie berücksichtigen, machen sie dies, um damit zu werben? Oder weil sie der Überzeugung sind, damit bessere Ergebnisse zu erzielen? Am grundsätzlichen Willen fehle es jedenfalls nicht. Um aber alle regulatorischen Vorgaben umzusetzen, müssen die Gesellschaften ein entsprechendes Reporting sowie GovernanceStrukturen aufbauen. Die dazu benötigten Daten müssen von den Dienstleistern zur Verfügung gestellt werden (können). Das alles gibt es jetzt noch nicht und muss 2023 erst noch umgesetzt werden.
Goran Culjak ist Redakteur bei dpn – Deutsche Pensions- & Investmentnachrichten. Davor arbeitete er bei PLATOW als Fachredakteur für Versicherung und Altersvorsorge und etablierte die Risikomanagementkonferenz. Der Diplom-Betriebswirt (FH) startete 2004 als Pressereferent bei Union Investment seine berufliche Laufbahn.

