Die Diskussion um das künftige Gesamtversorgungsniveau der Altersvorsorge gewinnt angesichts laufender Reformen deutlich an Dynamik. Eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), erstellt im Auftrag des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft, liefert neue empirische Erkenntnisse darüber, welches Versorgungsniveau die Bevölkerung tatsächlich erwartet. Im Zentrum steht die Frage, wie hoch die Einkommensersatzrate im Ruhestand aus Sicht der Beschäftigten sein sollte. Das Ergebnis ist eindeutig: Im Durchschnitt wünschen sich die Befragten ein Versorgungsniveau von rund 78 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens, der Median liegt bei 76 Prozent. Damit liegt die Erwartung deutlich über dem, was das bestehende System derzeit leisten kann.
Die Ergebnisse des Gutachtens unterscheiden sich von üblichen Umfragewerten. Das DIW hat nicht nach gewünschten Prozentsätzen gefragt, sondern Entscheidungssituationen simuliert, in denen die Teilnehmenden zwischen Konsum heute und Einkommen im Alter abwägen mussten. Die Befragten mussten sich also nicht einfach einen Wunschprozentsatz ausdenken, sondern zwischen realistischen Kombinationen aus heutigem Konsum und späterem Alterseinkommen wählen. Peter Haan, einer der Autoren des Gutachtens, erklärt das Prinzip: „Jede Option hatte einen Preis.“ So wurde deutlich, dass die 78 Prozent kein Wunschdenken sind, sondern das Ergebnis einer bewussten Entscheidung.
Betriebsrente als zentrale Säule im Versorgungssystem
Die gesetzliche Rentenversicherung bildet weiterhin das Fundament der Alterssicherung. Mit einem Sicherungsniveau von rund 48 Prozent bleibt sie jedoch klar hinter den Erwartungen der Bevölkerung zurück. Die Studie macht deutlich, dass diese Lücke systematisch durch ergänzende Vorsorge geschlossen werden muss. Hier kommt der betrieblichen Altersversorgung (bAV) eine zentrale Rolle zu. Sie ist die tragende zweite Säule im deutschen System und entscheidend dafür, ob der Lebensstandard im Alter gehalten werden kann. Allerdings zeigt sich in der Praxis ein gemischtes Bild: Zwar verfügen rund 50 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten über eine Anwartschaft auf eine Betriebsrente, doch dieser Anteil ist rückläufig. Gleichzeitig besitzen rund 40 Prozent weder eine betriebliche noch eine geförderte private Altersvorsorge.
Für Unternehmen, insbesondere im Mittelstand, entsteht daraus ein wachsender Handlungsdruck. Anders als Großunternehmen verfügen sie häufig nicht über flächendeckende Versorgungssysteme. Gleichzeitig wird die Betriebsrente zunehmend zu einem strategischen Instrument im Wettbewerb um Fachkräfte.
Versorgungslücke und steigende Erwartungen der Beschäftigten
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die deutliche Diskrepanz zwischen gewünschtem und minimal akzeptiertem Versorgungsniveau. Während die Zielersatzrate im Schnitt bei rund 78 Prozent liegt, sehen die Befragten ein Mindestniveau bereits bei etwa 54 bis 58 Prozent als ausreichend an. Diese Differenz von rund 20 Prozentpunkten beschreibt eine erhebliche Versorgungslücke. Sie zeigt, dass viele Haushalte zwar nicht von Altersarmut bedroht sein müssen, ihren gewohnten Lebensstandard im Alter jedoch nicht halten können.

Hinzu kommt eine ausgeprägte Skepsis hinsichtlich der eigenen Vorsorgesituation. Nur etwa ein Drittel der Personen mit betrieblicher und privater Altersvorsorge hält es für wahrscheinlich, die angestrebte Ersatzrate tatsächlich zu erreichen. Für Unternehmen ist das ein klares Signal, die bAV transparenter, verständlicher und leistungsfähiger zu gestalten. Zudem erhöhen individuelle Risikofaktoren wie erwartete Pflegekosten oder steigende Wohnkosten den Vorsorgebedarf zusätzlich. Diese Aspekte gewinnen auch für die bAV an Bedeutung.
Mittelstand zwischen Verantwortung und Chance
Gerade mittelständische Unternehmen rücken damit stärker in den Fokus der rentenpolitischen Debatte. Sie tragen eine wachsende Verantwortung, ihren Beschäftigten tragfähige Vorsorgelösungen anzubieten, verfügen jedoch häufig über begrenztere Ressourcen als Großunternehmen. Gleichzeitig eröffnet die Situation Chancen. Internationale Beispiele zeigen, dass Systeme mit einer starken und breit verankerten zweiten Säule deutlich höhere Versorgungsniveaus erreichen können. In Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark sind betriebliche Systeme nahezu flächendeckend organisiert und tragen maßgeblich zu Ersatzraten von 70 bis 80 Prozent bei.
Bemerkenswert ist zudem die hohe Bereitschaft der Beschäftigten, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Rund zwei Drittel der Befragten sprechen sich dafür aus. Für Unternehmen bedeutet das, dass flexible, transparente und individuell gestaltbare Modelle auf eine hohe Akzeptanz stoßen können. In der Gesamtbetrachtung wird deutlich: Die bAV entwickelt sich vom Zusatzangebot zum strategischen Erfolgsfaktor. Gerade im Mittelstand entscheidet ihre Ausgestaltung zunehmend darüber, ob Versorgungslücken geschlossen und gleichzeitig Wettbewerbsvorteile im Arbeitsmarkt gesichert werden können.
Goran Culjak ist Redakteur bei dpn – Deutsche Pensions- & Investmentnachrichten. Davor arbeitete er bei PLATOW als Fachredakteur für Versicherung und Altersvorsorge und etablierte die Risikomanagementkonferenz. Der Diplom-Betriebswirt (FH) startete 2004 als Pressereferent bei Union Investment seine berufliche Laufbahn.

