Unternehmensführung in Deutschland wird schlechter

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Wenn es um nachhaltige Investments geht, dominiert in der Regel das Thema Ökologie. Angesichts des Klimawandels als einer der drängendsten Herausforderungen dieser Zeit verwundert das nicht. Zudem können Investments auch sehr gut danach beurteilt werden, ob sei einen positiven Beitrag zum Klimaschutz leisten oder nicht.

Aber in „ESG“ stecken auch die Faktoren Social und Governance. Mit der Sozialtaxonomie hat sich zuletzt die Europäische Union schwergetan. Der Bereich Corporate Governance spielt zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung noch eine untergeordnete Rolle. Institutionelle Investoren beziehen den Aspekt der guten Unternehmensführung aber besonders im Fixed-Income-Bereich schon längst mit ein. Die größten börsennotierten deutschen Unternehmen hat Union Investment gemeinsam mit dem Stimmrechtsberater IVOX Glass Lewis einem Corporate Governance Ranking unterzogen. Für den DAX wurde es nun bereits zum fünften Mal veröffentlicht, für den MDAX zum dritten Mal.

Investoren mit einem nachhaltigen Anlageansatz kann dieses Ranking bei der Auswahl ihrer Aktien oder Anleihen helfen. Es basiert auf einer breiten Datengrundlage und umfasst 124 Kriterien zu den Themenfeldern Aufsichtsrat, Vorstand, Transparenz, Aufsichtsratsvergütung, Vorstandsvergütung, Abschlussprüfung und Kapital. Jedes Unternehmen kann maximal 150 Punkte erreichen. Für Frank Engels, CIO von Union Investment, ist es wichtig, das Thema Corporate Governance nicht isoliert, sondern in einem breiteren ESG-Kontext zu sehen.

Unternehmensführung leidet in der Pandemie

Unterm Strich zeigt sich, dass sich die Unternehmensführung bei Deutschlands größten börsennotierten Unternehmen 2022 verschlechtert hat. Der DAX kommt auf einen Notenschnitt von 2,2. Im Jahr davor lag er noch bei 2,1, 2020 bei 2,0. Beim MDAX ist der Abwärtstrend stärker: Wurde er 2020 noch mit 2,8 benotet, kam er 2021 auf 3,0 und jetzt nur noch auf 3,2. „Mit den wachsenden Corporate-Governance-Anforderungen der Investoren konnten die Unternehmen in den Pandemiejahren nicht Schritt halten“, begründet Engels die Verschlechterung und betont zugleich, dass die Unternehmen das Ranking nicht als Kritik, sondern als Ansporn verstehen sollten. „Die niedrig hängenden Früchte sind geerntet“, so der Vorstand. „Jetzt muss es weitergehen und die Unternehmen müssen eine Schippe drauflegen.“

Die Kriterien für das Ranking seien spezifiziert worden und es werde genauer hingeschaut, so Vanda Rothacker, Senior ESG-Analystin mit Schwerpunkt Corporate Governance bei Union Investment. „Dabei finden wir natürlich auch mehr Schwachstellen.“ Diese tun sich im DAX besonders bei Fresenius Medical Care (seit März nicht mehr im deutschen Leitindex enthalten) und bei Bayer auf, die gegenüber dem Vorjahr um sieben beziehungsweise fünf Plätze abrutschten. Am Ende des Rankings finden sich Porsche Automobil Holding und Porsche AG.

Am besten bewertet wurden die Deutsche Börse und RWE. Der Energieriese konnte genau wie die Deutsche Telekom acht Plätze gutmachen. Allianz, E.ON, Infineon, Münchener Rück und Siemens Energy liegen gleichauf nur knapp hinter den ersten beiden. Interessant: Während sich Fresenius Medical Care stark verschlechterte, legte die Mutter-Holding Fresenius sieben Plätze zu.

Corporate Governance Ranking DAX

Quelle: Union Investment

Im MDAX stehen ProSiebenSat.1 Media und Thyssenkrupp an der Spitze. Die stärksten Verbesserungen gelangen Hellofresh mit 14 sowie Software AG und Encavis mit jeweils 13 Plätzen. Schlusslichter sind CTS Eventim und RTL. Mit neun Plätzen ging es für Fraport am stärksten nach unten.

Corporate Governance Ranking MDAX

Quelle: Union Investment

„Wenn man im Ranking weiter nach unten schaut, wird es düster“, so Rothacker. „Hier haben die Unternehmen noch sehr viele Hausaufgaben zu machen.“ Verbesserungsbedarf sieht sie besonders bei den Themen Ämterhäufung und Unabhängigkeit im Aufsichtsrat, vor allem beim Vorsitz des Prüfungsausschusses. „Diese stufen wir bei zehn DAX-Unternehmen als nicht unabhängig ein.“

Patrick Daum ist Chef vom Dienst bei dpn-online. Er berichtet über alle Themen rund um das institutionelle Asset Management.

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