Ein für Kapitalanleger herausforderndes Jahr 2022 ist zu Ende gegangen. Worauf wird es 2023 ankommen? Wie sollten sich institutionelle Investoren positionieren? dpn hat nachgehakt.

Anke Sax, CTO/COO der KGAL GmbH & Co. KG, Matthias Reicherter, CIO von Golding Capital, Martina Schliemann, Principal bei Harbourvest Partners und Markus Zuber, Chief Sales Officer bei Lupus Alpha, blicken für die Fragen des dpn-Teams in ihre Kristallkugeln.

 

2023 steht vor der Tür: Was werden die drei wichtigsten Einflussfaktoren für institutionelle Kapitalanleger sein?

Anke Sax: Ganz klar die Zinsen, aber auch ESG und die digitale Transformation: An den Kapitalmärkten hängt viel davon ab, wann und wie schnell die Inflation sinken wird – und wie Notenbanken reagieren. In Sachen ESG wird 2023 das genaue Reporting in den Blickpunkt rücken. Bei der digitalen Transformation geht es um Daten als Basis für Data Analytics sowie Prozesse, die die Chancen von Technologie nutzen.

Matthias Reicherter: Alles beginnt und endet aktuell bei der Inflation. Denn sie beeinflusst natürlich die weitere Geldpolitik und gemeinsam mit ihr die Volatilität, vor allem an den liquiden Märkten. Die Unsicherheit über alle drei Teile dieser Kette ist derzeit nach wie vor hoch. Je nach Politik der Zentralbanken ergeben sich für 2023 hoffentlich positive Impulse für die makroökonomische Entwicklung.

Martina Schliemann: Geopolitische Unsicherheit, Inflation und steigende Zinsen sowie die Energiewende sind aus heutiger Sicht die drei bestimmenden Themenkomplexe. In diesem Kontext werden eine nachhaltige Liquiditätssteuerung und die Auswahl von Managern mit starker operativer Expertise umso wichtiger. ESG als weiteres entscheidendes Investment-Kriterium hat sich zudem neben Risiko und Rendite fest etabliert.

Markus Zuber: Rezession, Inflation und Zinserhöhungen. Während die ersten beiden ausschließlich Belastungsfaktoren darstellen, bei denen sich vor allem die Frage stellt, wann der Tiefpunkt beziehungsweise der Höhepunkt erreicht ist, verursachen Zinserhöhungen zwar erst einmal Schmerzen, dafür bieten die höheren Zinsen in Zukunft auch wieder Erträge, die in der Vergangenheit nicht vorhanden waren.

Wie sollten sich institutionelle Investoren angesichts dieser Trends positionieren?

Anke Sax: 2022 war ein teurer Weckruf für alle, die ihr Portfolio auf Aktien und Anleihen beschränken. Auch 2023 fährt besser, wer Diversifikation weiterdenkt, etwa mit Real Assets. So bieten Immobilien Inflationsschutz, grüne Energien einzigartiges Wachstum und Aviation antizyklische Chancen. Wichtig ist Tempo bei der digitalen Transformation, zum Beispiel starten wir 2023 ein neues Portal für Investoren.

Matthias Reicherter: Ein fortgesetzter Ausbau der Alternatives-Portfolios mit Private Equity, Private Credit und Infrastruktur ist – wo regulatorisch gangbar – ratsam. Dafür spricht neben geringerer Volatilität auch die Absicherung gegen potenzielle weitere Makroschocks. Bei (Senior) Private Credit etwa ist die Downside Protection quasi eingebaut. Hinzu kommen Gelegenheiten für Infrastruktur im Zuge der Energiewende.

Martina Schliemann: Die eigene Portfolioallokation sollte weiterhin sowohl auf breiter Diversifizierung als auch der Zusammenarbeit mit Top-Management-Partnern fußen. Regulatorik im Bereich ESG und Klimaschutz wird neue Opportunitäten rund um die Energiewende nach sich ziehen. Auch Technologie und Digitalisierung bieten auf Seiten der Private Markets Investment-Potenziale, die Anleger genau verfolgen sollten.

Markus Zuber: Sie sollten auf ihre strategische Asset Allocation vertrauen, die sie im Normalfall mit Blick auf ihre jeweiligen Risikobudgets und Verbindlichkeiten sowie für unterschiedlichste Marktbedingungen aufgesetzt haben. Allenfalls sollte mit einem Rebalancing und der einen oder anderen taktischen Maßnahme auf die aktuelle Situation und die sich daraus ergebenden Trends reagiert werden.

Welche Asset-Klasse wird uns 2023 überraschen?

Anke Sax: Grüner Wasserstoff dürfte mit seiner Dynamik positiv überraschen – vor allem, wenn die Politik sich so sehr wie angekündigt für die Energiewende stark macht. Aber die schönste Überraschung wäre ein schnelles Kriegsende, damit die Menschen in der Ukraine endlich wieder in Frieden und Freiheit leben können. Das wäre darüber hinaus für Wirtschaft und Wohlstand in ganz Europa ein Segen.

Matthias Reicherter: Der Asset-Klasse Infrastruktur steht eine Bewährungsprobe bevor – oder umgekehrt betrachtet: Es bietet sich eine enorme Gelegenheit. Es gilt, das oft bemühte Inflationsschutzversprechen unter Beweis zu stellen. Die dafür notwendigen Mechanismen sind meist in den Investments und Portfolios selbst begründet, daher blicke ich zuversichtlich auf Infrastrukturstrategien und Alternatives generell.

Martina Schliemann: Zinswende und Inflation haben die Rendite vieler Asset-Klassen beeinflusst, doch Core-Infrastruktur hat sich klar bewährt. Das Segment bietet durch regulierte oder langfristig fixierte Einkommensquellen weiter stabile und inflations-indexierte Performance. Auch Secondaries beweisen ihren strategischen Wert als Steuerungstool für Liquidität und Portfolioallokation gerade in unsicheren Zeiten.

Markus Zuber: Bei Aktien gab es angesichts der erfolgten Abschläge und der aktuellen Bewertungen sicherlich nur wenige günstigere Einstiegsmöglichkeiten in den vergangenen zehn Jahren als aktuell. Langfristige, mutige Investoren, die zwischenzeitliche Verluste aushalten können, sollten sich jetzt schon für die Zeit nach der Krise positionieren. Für sie könnten Aktien 2023 positiv überraschen.

 

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