Deutschland befindet sich an einem wirtschaftspolitischen Scheideweg. Nach Jahren mit Null- oder minimalem Wachstum prognostiziert Wirtschaftsministerin Katharina Reiche nun auch für das laufende Jahr nur ein Wachstum von einem halben Prozent. Prognosen waren zuvor noch von rund einem Prozent ausgegangen. Die anhaltende Konjunkturflaute schlägt sich zunehmend auf das internationale Investitionssentiment durch. Wie KPMG auf Basis einer Befragung unter 400 Finanzentscheidern aus deutschen Töchtern internationaler Konzerne ermittelt hat, wird Deutschland als Standort stetig unbeliebter.
Deutschlands Migrationsbedarf
Der daraus berechnete KPMG-Standort-Index – eine gewichtete Zusammenfassung von 24 Standortfaktoren – fiel auf den niedrigsten Wert seit Beginn der Studienreihe 2018. Besonders negativ bewerten die Finanzentscheider den Bürokratieaufwand, den Zustand der physischen Infrastruktur sowie die zunehmend restriktiv wahrgenommene Migrationspolitik. Laut der Agentur für Arbeit benötigt Deutschland bis 2040 eine jährliche Nettozuwanderung von bis zu 400.000 Arbeitskräften, um dem wachsenden Fachkräftemangel und der Demographie entgegenzuwirken. Diese kumulierten strukturellen Probleme dämpfen die Investitionsbereitschaft. Lediglich 31 Prozent der befragten Unternehmen planen, ihre Investitionen im kommenden Jahr zu steigern, 23 Prozent wollen sie verringern – 2023 waren es erst 11 Prozent.
Reformbedarf dringend nötig
Wer mittelfristig Chancen für Deutschland sieht, schöpft seinen Optimismus aus dem proklamierten Reformkurs der Bundesregierung, den Transformationschancen der Wirtschaft sowie den milliardenschweren Investitionspaketen für Infrastruktur und Verteidigung. Ob die Offensive von insgesamt mehr als einer Billion Euro tatsächlich eine Trendwende einleitet, bleibt abzuwarten. Nur, so richtig daran glaubt kaum jemand. Gerade einmal jeder fünfte Befragte hält zentrale Reformvorhaben wie Bürokratieabbau oder Verwaltungsdigitalisierung für realistisch umsetzbar.
Innovationskraft unter Druck
Dennoch ist der Standort bei ausländischen Investoren nicht abgeschrieben. Zwei Drittel der Befragten zählen Deutschland bei der öffentlichen Sicherheit zu den Top-5-Ländern der EU, 65 Prozent bei der politischen Stabilität. Auch als Innovationsstandort behauptet sich Deutschland: 52 Prozent bewerten die Forschungslandschaft als führend, 26 Prozent sogar als EU-Spitzenreiter. Im Global Innovation Index 2025 rangiert das Land auf Platz 11 von 139 Volkswirtschaften, mit rund 133.000 Patentanmeldungen im Jahr 2024 weltweit auf Rang fünf. Doch der Trend zeigt nach unten. Über Jahre gehörte Deutschland zu den Top Ten der globalen Innovatoren. Hinzu kommt der geographische Vorteil: Für 60 Prozent der befragten Konzerne bleibt Deutschland die Europazentrale für Aktivitäten auf dem Kontinent.
Arrian Correns ist seit 2024 Redakteur bei dpn – Deutsche Pensions- und Investmentnachrichten. Seine ersten Schritte im Journalismus machte der studierte Staatswissenschaftler im Lokaljournalismus. 2023 wechselte er mit dem Volontariat im Fachverlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den Finanzjournalismus. In dieser Zeit schrieb Arrian Correns auch für die dpn-Schwesterpublikationen „FINANCE Magazin“ und „Die Stiftung“. Arrian Correns befasst sich heute vor allem mit Themen der institutionellen Kapitalanlage und der Digitalisierung der Investmentbranche.

