Kurzfristige Kredite für Hedgefonds gefährden EU-Banken 

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Die Europäische Zentralbank (EZB) und der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) sehen in den Verbindungen zwischen Banken in der EU und Einrichtungen der nichtbanklichen Finanzintermediation (NBFI) ein Risiko für die Finanzstabilität in der EU und insbesondere im Euroraum. In einem gemeinsamen Bericht legen die EU-Behörden dar, wie sich Interaktionen zwischen EU-Banken und NBFI-Einrichtungen global vollziehen. Viele der Verflechtungen zwischen europäischen Banken und NBFI-Einrichtungen bestehen mit Einheiten, die außerhalb der EU ansässig sind. Damit verbundene Transaktionen in Nicht-EU-Währungen können EU-Banken Spillover-Effekten aus den globalen Märkten aussetzen, insbesondere aus den USA. Dort vermittelt eine kleine Gruppe von EU-Banken zwischen NBFI-Einrichtungen mit Sitz in den USA und Hedgefonds.  

NBFI finanzieren 15 Prozent der Bankbilanzen

Laut dem Bericht von EZB und ESRB sind Euro-Banken in der Gesamtschau Netto-Schuldner gegenüber dem NBFI-Sektor. Daraus schlussfolgern die Autoren des Berichts, dass die Verflechtungen Finanzierungs- und Liquiditätsverwundbarkeiten in Europa nach sich ziehen können. In Zahlen: NBFI-Einrichtungen finanzieren rund 15 Prozent der Bankbilanzen im Euroraum. Davon macht kurzfristige Finanzierung einen großen Teil aus. Umgekehrt betragen die gesamten Aktivseite-Verbindungen zu NBFI-Einrichtungen rund 10 Prozent der gesamten Bankaktiva im Euro-Raum.  

Wenn Finanzierungen durch NBFI-Einrichtungen ausfallen sollten, könnte das Banken in Phasen angespannter Märkte in Schwierigkeiten bringen, wie der Bericht ausführt – „aufgrund des kurzfristigen Charakters dieser Finanzierungen, der Homogenität der NBFI-Finanzierungsgeber und der begrenzten Substituierbarkeit“. Offenbar hat ein erheblicher Anteil der NBFI-Finanzierungen für Banken nur sehr kurze vertragliche Laufzeiten. Er setzt sich zusammen aus Einlagen, unbesicherte und besicherte kurzfristige Schuldverschreibungen sowie Wertpapierfinanzierungsgeschäften, wobei die Stabilität der Finanzierung jeweils unterschiedlich ist. 

EZB nennt Reverse-Repo-Kredite Schwachstelle

Während Versicherungsgesellschaften und Pensionskassen überwiegend langfristige Schuldverschreibungen mit langfristigem Anlageauftrag und stabilen langfristigen Verbindlichkeiten aufnehmen, sind EU-Banken über die Kreditvergabe an NBFI-Einrichtungen, die Hebel einsetzen, indirekt den Ergebnissen von deren Handelsstrategien ausgesetzt. Als größte Quelle der Verwundbarkeit bezeichnet der EZB-Bericht Reverse-Repo-Kredite an Hedgefonds. Rund ein Viertel der gesamten Kreditexponierung der EU-Banken entfällt auf potenziell gehebelte NBFI-Einrichtungen.  

Aus diesen Exposures resultiert nach Ansicht von EZB und ESRB eine Verwundbarkeit der Banken. So können schwere Vermögenspreisschocks die Kapital- und Margin-Anforderungen für Exposures gegenüber Hedgefonds und Wertpapierfirmen erheblich steigen lassen. Käme es zu abrupte Abwicklungen, müssten Banken möglicherweise Notverkäufe von Vermögenswerten und Kreditausfälle verkraften. Die meisten der potenziell gehebelten NBFI-Einrichtungen nutzen Leverage für kurzfristigen Handel und leihen sich über Repo-Geschäfte bei Banken, oft in US-Dollar denominiert. Laut dem Bericht hat sich das Volumen der Reverse-Repo-Kreditvergabe an NBFI-Einrichtungen in den vergangenen vier Jahren mehr als verdoppelt. In Nordamerika ansässige Hedgefonds mit Sitz auf den Cayman-Inseln sowie Broker-Dealer sind die wichtigsten Gegenparteigruppen. Die Reverse-Repo-Kreditvergabe an Hedgefonds dürfte – so schätzen die Autoren – Handelsstrategien unterlegen, die darauf aufbauen, wie zum Beispiel Relative-Value-Arbitrage. 

Dr. Guido Birkner ist Chefredakteur von dpn – Deutsche Pensions- und Investmentnachrichten. Seit dem Jahr 2000 ist er für die F.A.Z.-Gruppe tätig. Zunächst schrieb er für das Magazin „FINANCE“, wechselte dann als Studienautor 2002 innerhalb des F.A.Z.-Instituts zu den Branchen- und Managementdiensten, später zu Studien und Marktforschung. Von 2014 bis 2020 verantwortete er redaktionell den Bereich Human Resources in der F.A.Z. BUSINESS MEDIA GmbH. Seit Juli 2019 gehört er der dpn-Redaktion an.

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