Wie steht Fixed Income als Asset-Klasse aktuell da?
Frank Diesterhöft: Fixed Income ist und bleibt für institutionelle Investoren eine hochrelevante Asset-Klasse. Sie liefert stabile und planbare Erträge, die es Anlegern ermöglichen, ihre Liquiditätserfordernisse und Leistungsversprechen zu erfüllen. Gleichzeitig zeichnet sich Fixed Income im Vergleich zu vielen anderen Asset-Klassen durch eine geringere Volatilität und eine hohe Liquidität aus. Der IG-Bereich bietet zudem ein hohes Maß an Sicherheit. Die Allokation bei institutionellen Investoren in Deutschland variiert erheblich und reicht von etwa 30 Prozent bis über 80 Prozent. In den vergangenen zweieinhalb Jahren haben wir bei Insight eine deutlich gestiegene Nachfrage nach liquiden Fixed-Income-Investitionen verzeichnet.
Paul Jung: Nach einer regelrechten Dekade im Tal der Tränen sehen wir wieder eine deutlich höhere Nachfrage nach Fixed Income. Das liegt vor allem daran, dass die Renditeniveaus wieder attraktiv sind. Es rentieren über 80 Prozent des globalen Anleihenmarktes oberhalb von 4 Prozent, das haben wir zuletzt im Jahr 2007 gesehen. Auf der anderen Seite sind für Euro-Anleger die Zinsen am kurzen Ende zuletzt wieder deutlich gesunken und auch der Kreditrisikoaufschlag bei Unternehmensanleihen bewegt sich unterhalb des langjährigen Durchschnitts. Dennoch können auskömmliche Erträge in dieser Marktumgebung erwirtschaftet werden und unser Motto lautet daher für dieses Jahr „Fokus auf Income“ – also verstärkt auf die Erträge wie Kupons zu achten, mit überschaubarer Laufzeit, und weniger auf Kursbewegungen bzw. Duration zu setzen. Die Umsetzung solcher Strategien kann sowohl durch aktives wie indexnahes Management erfolgen.
Andreas Dimopoulos: Es gibt endlich wieder Income, das heißt, die Rückkehr attraktiver laufender Erträge schafft neue Spielräume und erleichtert das Erfüllen strategischer Quoten – insbesondere für Investoren mit regelmäßigen Verpflichtungen. Das ist für mein Team, dass Spread-orientiert arbeitet, nicht immer ideal, da höherwertige Ratings ins Zentrum der Wertschöpfungsstrategie rücken. Parallel dazu eröffnet die jetzige steile Zinsstrukturkurve neue Chancen. Dass 30-jährige Bundesanleihen mit 3,25 Prozent Rendite am aktuellen Rand offeriert werden, galt lange als undenkbar.
Marc Haede: MSCI ist vor allem für das Aktienindexgeschäft bekannt. Doch bereits vor sechs Jahren forderten Asset Owner verstärkt Fixed-Income-Produkte von uns. Daher haben wir das Geschäft, wieder aufgebaut. Der ETF-Markt für Anleihen ist gerade einmal ein Viertel von dem für Aktien, obwohl die Asset-Klasse größer ist als die Aktienmärkte. Für uns ergibt sich daraus erhebliches Potential, insbesondere in Europa.

Jens Güldner: Für uns ist Fixed Income mit einem Anteil an der dynamischen SAA von 60 bis 65 Prozent die zentrale Asset-Klasse im Portfolio. Wir als gemeinnütziges Gesundheits- und Sozialunternehmen managen 60 Einrichtungen und neun Schulen mit rund 11.400 Mitarbeitern. Die SAA ist darauf ausgelegt, sowohl planbare Erträge zu erwirtschaften, um diese zeitnah verwenden zu können, als auch den realen Kapitalerhalt zu gewährleisten.
Die Niedrigzinsphase ist für uns zum Glück Geschichte. Als die Zinsen zurückkehrten, haben wir den Anleiheanteil im Portfolio zunächst auf 65 Prozent erhöht. Inzwischen sind wir von diesem Wert etwas abgerückt, weil wir für die reale Substanzerhaltung eine gewisse, stetige Performance in der Asset-Klasse Aktien benötigen. Unser Schwerpunkt liegt auf aktiv gemanagten Einzeltiteln. Ergänzt werden diese durch aktiv gemanagte Themen-Ziel-Fonds und ETFs im Rahmen der taktischen Steuerung.
Veronika Herzberger: Herr Dimopoulos, Ihre Kollegen können beruhigt sein: In den kommenden Jahren wird es genügend Möglichkeiten geben, die Quoten weiter aufzustocken, da aufgrund der steigenden Staatsverschuldung auf beiden Seiten des Atlantiks mit hohem Neuemissionsvolumen zu rechnen ist. Dieses Jahr war bisher stark von Credit geprägt. Sowohl im High-Yield- als auch im Investment-Grade-Bereich erleben wir ein klassisches Buy-the-Dip-Jahr. Einen großen Crash erwarte ich jedoch nicht. Trumps Zollfantasien haben den Markt zwar zunächst verunsichert, doch die Märkte warten mittlerweile erstmal ab. Das sieht man auch daran, dass die Credit Spreads nicht mehr im Gleichschritt mit dem Global Trade Uncertainty Index laufen. Ich gehe davon aus, dass sich dieses Bild in den nächsten ein bis drei Jahren fortsetzt.
Teilen Sie die makroökonomische Bewertung von Frau Herzberger?
Roman Gaiser: Nicht jeder Satz Donald Trumps wird heute noch auf die Goldwaage gelegt. Ein Punkt, auf den sich die Märkte stärker konzentrieren, ist die Unabhängigkeit der Fed. Hier könnte es strukturelle Verschiebungen geben. Besonders in den USA zeigt sich in der Versteilung der Zinskurve die Nervosität am langen Ende. Die Frage steht im Raum, ob sich Zins- und Geldpolitik nachhaltig verändern.
Frank Diesterhöft: Wie Frau Herzberger bereits sagte, gab es im April einen klassischen Buy-the-Dip-Moment. Die Credit Spreads sind rausgelaufen und Investoren nutzten die attraktiven Einstiegsniveaus. Die Fundamentaldaten der Unternehmen sind weiterhin stark. Sorgen bereiten eher die Bilanzen der Staaten.

Die Konsolidierung der Staatshaushalte genießt nirgends Priorität, der Trend bei den Staatsschulden zeigt nach oben. Es bleibt spannend, welchen Einfluss das auf das lange Ende der Zinsstrukturkurve haben wird. Es scheint, dass das Vertrauen in den US-Markt bereits leicht erodiert. Wir sehen, dass es eine Art De-Dollarisierung gibt, bei der Investoren auch im Fixed-Income-Bereich vermehrt in Europa investieren.
Bleiben die USA der stabile Anker für institutionelle Investoren?
Roman Gaiser: Das ist die entscheidende Frage. Die letzten zwei Jahrzehnte waren von amerikanischem Erfolg geprägt – sowohl wirtschaftlich und technologisch als auch politisch. Nun sehen wir mit „America first“ eine Abgrenzung. Die langfristigen Renditen sind spannend: Zehnjährige US-Staatsanleihen bei rund 4,3 Prozent liegen ziemlich nahe am historischen Mittel der letzten 100 Jahre. Das ist im Vergleich zu den letzten zehn Jahren oder zur Finanzkrise attraktiv. Für Investoren stellt sich die Frage: Soll man diese Chance nutzen oder nicht?
Marc Haede: Frau Herzberger trifft mit ihrer Aussage zur Glaubwürdigkeit von politischen Aussagen einen wichtigen Punkt. „The proof of the pudding is in the eating“, wie die Engländer sagen. Früher reagierten die Märkte stark auf Ankündigungen, weil man davon ausging, dass diese auch umgesetzt werden. Heute fehlt diese Glaubwürdigkeit. Am sogenannten „Liberation Day“ reagierten die Märkte noch massiv, inzwischen antworten sie auf Aussagen der US-Administration deutlich gelassener. Erst wenn klar ist, wie hoch Zölle tatsächlich ausfallen, wird der Markt eine klare Richtung finden.
Paul Jung: Wichtig ist die Frage nach den Staatsschulden im Zuge der „One Big Beautiful Bill“. Ich hoffe nicht, dass Triple B das künftige Rating der USA sein wird. Die USA könnten in den nächsten fünf Jahren ihre Staatsverschuldung um weitere 10 Prozent erhöhen. Sie nähert sich dann etwa 140 Prozent des BIP. Das ist hoch, vergleichbar zum Niveau von Italien oder Griechenland, aber noch weit entfernt von Japan. Entscheidend ist vielmehr die Frage, wer die Schulden finanziert. Der Anteil ausländischer Investoren an US-Staatsanleihen ist im vergangenen Jahr 20 Prozent zurückgegangen. Wenn externe Investoren weiter abspringen, könnte das problematisch werden.
Andreas Dimopoulos: Eine prognostizierte signifikante Kapitalabwanderung aus China hat sich bislang nicht materialisiert. Obgleich China seit geraumer Zeit umfangreiche Veräußerungen vornimmt, zeigen sich die globalen Märkte in der Lage, diese Volumen zu absorbieren. Die Kernproblematik liegt in der begrenzten Markttiefe. Es stellt sich die Frage, welche alternativen Anlageziele für derart umfangreiche Kapitalströme zur Verfügung stünden, sollten Investoren eine Diversifikation abseits der USA anstreben. In diesem Kontext ergäbe sich für Europa die strategische Möglichkeit, seine Position als relevante Alternative zu den Vereinigten Staaten zu stärken, sofern eine Harmonisierung von Standards realisiert werden könnte. Damit wären wir direkt bei der Diskussion über die Einführung von Euro-Bonds.

Veronika Herzberger: Genau diese Unsicherheiten sind die Grundlage dafür, dass Fixed Income nach wie vor so gefragt ist. Investoren wie Versicherer haben enorme Mittel, die angelegt werden müssen. Die USA bleiben ein Anker, aber seine Kette wird deutlich länger werden. Um im Sprachbild zu bleiben: Die Schiffe, die sich an diesem Anker festhalten, müssen aufgrund der Staatsverschuldung einen deutlich stärkeren Wellengang aushalten.
Außerdem sind die Capital Flows weiterhin stärker, als man denkt. Trotz der Abschwächung, die wir im Dollar in den letzten Monaten gesehen haben, bleibt der US-Dollar gemessen in Kaufkraftparitäten nach wie vor sehr hoch bewertet.
Herr Güldner, welche Rolle spielen US-Staatsanleihen in Ihrem Portfolio?
Jens Güldner: Es ist mehr passiert, als wir erwartet hatten, wenngleich wir keine US-Staatsanleihen im Portfolio haben, was historisch gewachsen ist, da unser Investmentschwerpunkt Fixed Income in Europa liegt. Mit den Entwicklungen in den USA müssen wir uns trotzdem intensiv beschäftigen. Bei Aktien spielt das Land für uns eine wichtige Rolle, weil wir hier in unserer dynamischen SAA mit 40 bis 35 Prozent allokiert sind. Unsere größte Herausforderung aktuell sind die politischen Unsicherheiten und die sich dynamisch ändernde Schuldentragfähigkeit einzelner Länder. Auch Deutschland hat ja bekanntlich neue Schuldenprogramme beschlossen. Das gilt es kritisch zu beobachten und zu analysieren. Für uns sind aktives Portfoliomanagement und Risikosteuerung und ihre Vernetzung von zentraler Bedeutung. Wir haben klare Ausschüttungsziele, verwalten zudem Gelder von über 20 weiteren gemeinnützigen Organisationen. Das erfordert ein hohes Maß an Vertrauen und Professionalität.
Lohnt sich aktives Management im Fixed-Income-Bereich?
Andreas Dimopoulos: Ganz klar ja.
Roman Gaiser: Im Staatsanleihenbereich, aber auch darüber hinaus lohnt sich aktives Management besonders. Direktionale Wetten, ob die 30-jährigen US-Treasuries ins Rote oder Schwarze drehen, halten wir für riskant. Stattdessen sind wir im Bereich der Staatsanleihen – und auch dem Global Aggregate Bond Index – sehr aktiv. Wir nutzen Derivate, spielen Cross-Market-Strategien und Kurvenbewegungen. 2023 bewegten sich die zehnjährigen US-Treasuries per Saldo nur um einen Basispunkt, aber zwischendurch gab es enorme Schwankungen. Wer da passiv blieb, hat Chancen liegen lassen. Auch im Credit-Segment zahlt sich Aktivität aus.
Andreas Dimopoulos: Ein aktiverAnsatz ermöglicht eine präzise Steuerung der Portfoliogewichtungen. Dies beinhaltet die strategische Reduzierung von Engagements in Ländern wie Italien und Frankreich zugunsten von Märkten wie Slowenien und den Niederlanden. Im Hochzinsanleihensegment streben wir eine Diversifizierung über die größten Emittenten mit der höchsten Verschuldung hinaus an. Dank der aktiven Selektion können wir einen signifikanten Mehrwert generieren.

Paul Jung: Ich stimme zu: 2023 war ein Jahr für aktives Management. Aber das widerspricht nicht ETFs oder indexnahen Bausteinen. Man kann mit passiven Instrumenten sehr wohl aktiv managen, indem man gezielt Bausteine kombiniert – also von einer reinen Marktkapitalisierungsgewichtung im Portfolio abweicht und eine individuelle Allokation umsetzt.
ETFs sind dafür ein effizientes Instrument, und wir sind der Anbieter für diese einzelnen Asset-Allocation-Bausteine. Der Markt entwickelt sich zudem hin zu einer immer granulareren Ausgestaltung: ETFs umfassen weniger Titel und erlauben präzisere Allokationen. Zuweilen finden indexnahe ETFs sogar Einsatz in aktiven Fonds. Aktive Manager, zum Beispiel im High-Yield-Bereich, nutzen die einfache Handelbarkeit von ETFs in ihren Portfolios, um Risiken kosteneffizienter zu steuern.
Marc Haede: Wichtig ist, auf welcher Ebene man über aktiv oder passiv entscheidet. Wenn sich ein institutioneller Investor für eine komplexe Benchmark entscheidet, beispielsweise durch die Integration eines Nachhaltigkeits-Overlays oder eines Dekarbonisierungspfades, wird es schwieriger, aktives Management sinnvoll zu integrieren. Manche Kunden wollen dennoch beides: ein komplexes ESG-Overlay und zusätzlich aktives Management. Das ist möglich, aber sehr anspruchsvoll.
Fragen Kunden aktiv oder passiv nach?
Paul Jung: Seit dem ersten Fixed-Income-ETF im Jahr 2002 ist der Markt stark gewachsen. Heute liegen global 3 Billionen US-Dollar in Fixed-Income-ETFs, wobei das nur circa 2 Prozent des gesamten Anleihenmarktes sind. Zum Vergleich: Aktien-ETFs machen bereits 8 bis 12 Prozent aus. Wir erwarten, dass Fixed-Income-ETFs bis 2030 auf 6 Billionen US-Dollar wachsen. Diese Annahme leitet sich aus einer stetig breiteren Kundenbasis und von einem immer größeren Produktangebot ab. Neben den bisherigen Nutzern von Anleihen-ETFs wie Vermögensverwaltern, Vermögensberatern, Family Offices und Privatanlegern beobachten wir seit einigen Jahren ein verstärktes Interesse von institutionellen Investoren wie Unternehmen, Pensionskassen oder Treasury Managern. Neben der Kundenbasis ermöglicht eine immer größere Vielfalt an aktiven wie passiven ETFs ihren zunehmenden Einsatz. Bisher sehen wir, dass Gelder weiterhin mehrheitlich in indexnahe ETFs fließen, aber aktive ETFs das steilere Wachstum vorweisen. Dabei klassifizieren wir aktive ETFs nach den drei Gruppen „Alpha-anstrebende“, „Outcome-orientierte“ und „marktzugangsschaffende“ ETFs. Dazu zählen Geldmarktanlagen oder CLOs – in die man nun mittels eines aktiven ETF einfach investieren kann.
Frank Diesterhöft: Passive Strategien gelten als kosteneffizient und erfreuen sich großer Beliebtheit, auch weil aktive Ansätze in der Vergangenheit nicht immer die Erwartungen der Investoren erfüllt haben. Um einen liquiden Aktienindex im eigenen Portfolio abzubilden, können ETFs besonders geeignet sein. Im Fixed-Income-Bereich ist es schwieriger, Markt-Beta abzubilden. Mit zunehmenden Bid-Ask-Spreads steigt die Herausforderung, Benchmark-Performance zu erreichen oder Outperformance zu erzielen. Bei High-Yield-Investitionen finden sich viele ETFs in den hinteren Perzentilen. Hier erzielen aktive Ansätze teils deutlich bessere Ergebnisse. Zudem gewichten Credit-Indizes die Emittenten mit den meisten Schulden am höchsten. Passiv bedeutet also auch, die größten Schuldner zu finanzieren.
Andreas Dimopoulos: Die aktuelle Marktentwicklung zeigt eine bemerkenswerte Konvergenz der Risikoaufschläge innerhalb des Euro-Raums. Griechenland handelt inzwischen mit einem engeren Spread als Frankreich, und Italien weist kaum noch eine signifikante Ausweitung im Vergleich auf. Dies illustriert eindrücklich die umfassende Einengung der Spreads im gesamten Euro-Raum.

Trotz dieser engen Spreads bleibt der Carry-Effekt für Investoren ein relevantes Argument. Darüber hinaus beobachten wir eine wirtschaftliche Bodenbildung in Europa, welche die Kreditmärkte zusätzlich stützt.
Frank Diesterhöft: Wir sehen aktuell ein deutlich gestiegenes Interesse an Absolute-Return-Strategien. Diese sind in Deutschland lange Zeit vernachlässigt worden. Dabei funktionieren sie besonders gut in Phasen mit hohen Cash Rates, hoher Volatilität und engen Spreads. Genau dieses Umfeld haben wir heute. Absolute Return ist ein klassisches Beispiel für aktives Fixed-Income-Management und zeigt den Mehrwert, den es Investoren in unsicheren Zeiten bieten kann.
Profitieren Emerging Markets von den Staatsschulden in Europa und den USA?
Roman Gaiser: Die Emerging Markets sind sehr heterogen. Korea, China, Polen, afrikanische Staaten – sie alle bilden eine riesige Bandbreite ab. Grundsätzlich gilt: Eine straffere Geldpolitik belastet diese Länder. Hinzu kommen schwankende Rohstoffpreise und geopolitische Krisen. Dennoch sehen wir wieder stärkeres Interesse, weil es nach wie vor attraktive Spreads gibt. Viele EM-Länder stehen bei der Verschuldung besser da als die entwickelten Märkte. Viele afrikanische Länder liegen bei 40 bis 50 Prozent Staatsverschuldung, Ähnliches gilt auch für Staaten im Nahen Osten. Wer nachhaltige Fiskalpolitik betreibt, steht besser da. Auch Demografie spielt eine Rolle: Einige Länder haben ein deutlich günstigeres Profil als entwickelte Märkte.
Frank Diesterhöft: Emerging Markets machen circa 60 Prozent der globalen kaufkraftbereinigten Wirtschaftsleistung aus und sie wachsen deutlich stärker als die Developed Markets. Dass sie zuletzt weniger im Fokus institutioneller Investoren standen, war primär auf die Stärke des US-Dollars zurückzuführen. Jetzt ist der Dollar seit Jahresanfang deutlich schwächer geworden, was positiv für Emerging Markets ist. Da viele Schwellenländer in US-Dollar verschuldet sind, erleichtert eine stärkere lokale Währung die Schuldentilgung und verbessert die fiskalische Stabilität. Fallen absehbar die US-Zinsen, könnte das einen zusätzlichen Impuls geben. Auch steigende Rohstoffpreise gäben Emerging Markets Rückenwind.
Jens Güldner: Bei der Analyse der Emerging Markets schlagen in mir zwei Herzen. Volkswirtschaftlich betrachtet, sind sie hochattraktiv mit ihrer demografischen Entwicklung und Bevölkerungspyramide, im Wirtschaftswachstum und in der künftigen internationalen Bedeutung. Für mein Haus spielen Risikobudgets eine zentrale Rolle im Management der anvertrauten gemeinnützigen Gelder. Mit 10 Prozent Primär-Risikobudget und zusätzlich 5 Prozent Minimum-(Varianz-)Risikobudget investieren wir aktuell im Bereich Fixed Income in Europa, wo wir derzeit noch mit weniger Risiko vergleichbare oder bessere Erträge erzielen können. Ein zentrales Thema ist zudem die Nachhaltigkeit. Hier hat sich in den Emerging Markets zuletzt viel getan auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit und des Ratings. Wir betrachten das mit Wohlwollen, sind derzeit aber noch nicht wieder dort im Bereich von Fixed Income investiert, was aber, langfristig betrachtet, in unserer Asset-Struktur so nicht fixiert sein muss.
Marc Haede: Wir sind bei MSCI in diesem Segment bereits breit aufgestellt und sehen sowohl in Hard Currency als auch Local Currency wachsendes Interesse an Emerging-Markets-Exposures. Vor allem im Bereich ESG-Research gab es Fortschritte: Heute decken wir 190 Länder mit Ratings und Emissionsdaten ab. Nachhaltigkeit fließt damit verstärkt auch in Emerging-Markets-Benchmarks ein.
Veronika Herzberger: Der Grund für die gute Performance von Emerging Markets in diesem Jahr ist vor allem die Dollar-Schwäche. Doch wie geht es weiter? Die Spreads in den Emerging Markets sind mittlerweile relativ niedrig, was auch für Versicherer eine Herausforderung darstellen könnte. Die Frage könnte also lauten: Sollten wir uns mehr auf die Währung konzentrieren und das Thema Nachhaltigkeit in diesen Kontext einfließen lassen? Ich spreche hier nicht davon, das Thema Nachhaltigkeit zu umgehen, sondern beispielsweise durch die Investition in nachhaltig orientierte Produkte anzuwenden. Dies könnte eine sinnvolle Option für Investoren sein.
Andreas Dimopoulos: Bei Signal Iduna haben wir eine internationale Strategie implementiert, die diese Aspekte konsequent in unseren Mandaten berücksichtigt. Es handelt sich hierbei nicht um eine klassische Emerging-Markets-Strategie im herkömmlichen Sinne. Vielmehr nutzen wir gezielt die Währungen der Schwellenländer, wobei die Steuerung dieser Positionen dem Fondsmanager obliegt. Die Einbindung der Expertise des Fondsmanagers ist entscheidend, um eine präzise und effektive Positionierung zu gewährleisten. Wir agieren primär über Währungen, oft unter Nutzung supranationaler Emittenten wie zum Beispiel der KfW oder EIB, während die finale Währungspositionierung in der Verantwortung des Managers liegt.
Hat sich Ihr Risikomanagement in den letzten zwei Jahren verändert?
Andreas Dimopoulos: Das Jahr 2022 stellte eine signifikante Herausforderung dar. Selbst im Segment der AAA-Anleihen waren zweistellige Verluste zu verzeichnen, was viele Marktteilnehmer überraschte. Als Reaktion darauf haben wir unsere übergeordnete Anlagestrategie proaktiv angepasst. Seit Mitte 2022 fokussieren wir uns verstärkt auf Staatsanleihen, Covered Bonds und top geratete Finanzwerte. Für ein Versicherungsunternehmen haben Rating und Solvenz höchste Priorität. Im Vergleich zur Niedrigzinsphase verfolgen wir heute einen etwas konservativeren Investmentansatz. Auch wenn dies weniger dynamisch erscheinen mag, ermöglicht uns diese Strategie, unsere Quoten zuverlässig zu erfüllen und die Solvenz des Unternehmens nachhaltig zu gewährleisten.
Frank Diesterhöft: Für langfristig orientierte Investoren, wie etwa Pensionsanleger, sollte die Volatilität von Assets nicht als das eigentliche Risiko betrachtet werden. Das eigentliche Risiko besteht vielmehr darin, Zahlungsverpflichtungen gegenüber Pensionären nicht zuverlässig bedienen zu können. Natürlich muss man sich leisten können, Volatilität auszuhalten, auch im Hinblick auf regulatorische Vorgaben. Ein effektives Risikomanagement für Fixed-Income-Investoren sollte vor allem darauf ausgerichtet sein, Emittentenausfälle zu vermeiden, also das Ausfallrisiko gezielt und proaktiv zu steuern. Dabei ist die Fähigkeit, die finanzielle Stabilität und Bonität der Emittenten präzise einschätzen zu können, von zentraler Bedeutung.

Roman Gaiser: Private Credit ist aufgrund seiner Chancen stark gewachsen, birgt aber auch Risiken. Das trifft vor allem auf schwache, hochverschuldete Unternehmen zu, die unter steigenden Finanzierungskosten leiden. Außerdem bedeuten höhere Renditen niedrigere Breakevens. Weil sich Inflation und Zinsniveaus verschoben haben, verändert sich also auch die Risikobetrachtung.
Die Zinsverschiebungen und die damit verbundene Veränderung in der Solvenz und der Finanzierung haben die Märkte erheblich beeinflusst. Deswegen nutzen viele Pensionskassen heute LDI-Strategien, um Zins- und Solvenzrisiken besser zu steuern. Wir bieten als Haus auch LDI-Strategien an, die durchaus für kleinere Pensionskassen umsetzbar sind.
Andreas Dimopoulos: Die regulatorischen Rahmenbedingungen spielen in der Tat eine entscheidende Rolle. Während eine Stiftung oder ein Family Office potentiell über größere Investitionsfreiheiten verfügen mag, sind wir als Versicherungsunternehmen primär an die Solvenzquote als maßgeblichen Faktor gebunden. Dies impliziert, dass wir bei unseren Anlageentscheidungen nicht nur Kreditrisiken und Marktchancen evaluieren, sondern stets auch die Stabilität unserer Gesamtsolvenz berücksichtigen müssen. Eine erhöhte Aktienquote könnte für uns als Versicherer problematisch sein, da wir die Verpflichtung haben, die Deckung der Rückstellungen jederzeit zu gewährleisten. Diese Aspekte erfordern eine sorgfältige Abwägung und Balance. Es besteht somit ein signifikanter Unterschied in der Resilienz, die in verschiedenen Marktphasen erzielt werden kann.
Jens Güldner: Risikomanagement ist nicht nur eine Vermeidungsstrategie, sondern auch eine Chancenstrategie für uns. Es geht darum, sich sehr systematisch Chancen zu erarbeiten und die sich bietenden Opportunitäten zu nutzen. Dem Risikomanagement auf Organisationsebene kommt die Aufgabe zu, die Gefahr der Nichterreichung der gesetzten Ziele zu minimieren. Verpasste Chancen werden in diesem Rahmen zu den Risiken gezählt. Ein professionelles Risikomanagement ist für uns heutzutage unerlässlich. Wir wollen allen voran die reale Kapitalerhaltung nach Inflation aus mittlerer bis langfristiger Sicht erzielen. Hierfür haben wir ein bewährtes, auf dem Value-at-Risk-Ansatz basierendes Risikomanagementsystem implementiert, das ein Minimum-Varianz-Risikobudget berücksichtigt. Wir bilanzieren zu Marktpreisen und müssen im Management entsprechend agieren. Insbesondere bei den Staatsanleihen haben wir einige Anpassungen vorgenommen, um sicherzustellen, dass wir auf dem Zielpfad bleiben. Einige Länder haben wir in der taktischen Asset Allocation reduziert, Corporate Bonds haben wir höher gewichtet.
Veronika Herzberger: Dann dürften die Berichte in diesem Jahr deutlich positiver ausfallen als noch vor einiger Zeit.
Jens Güldner: Ein wenig schon. Wir brechen unsere Ziele nicht auf jede Asset-Klasse herunter. Wichtig ist, dass unsere geplanten Ausschüttungen aus unserem Spezialfonds mit hoher Wahrscheinlichkeit gewährleistet werden. Unser zentrales Ziel ist es, wie bereits gesagt, die reale Substanzerhaltung aus mittel- bis langfristiger Sicht. Das gilt auch mit Blick auf die gepoolten Gelder der vielen weiteren gemeinnützigen Organisationen in unserem Spezialfondsmandat. Per ultimo August haben wir im konsolidierten JSD-Portfolio eine Netto-Fixed-Income-Performance von 2,28 Prozent erzielt.
Welche Rolle spielt ESG heute bei Fixed Income?
Marc Haede: Das oft kolportierte nachlassende Momentum von ESG und Nachhaltigkeit betrifft eher den Retail- und Wealth-Bereich, nicht die institutionellen Investoren. Bei Letzteren sehen wir in Europa fortgesetztes Interesse an der Umsetzung von ESG-Kriterien im Investment. Zudem hat sich Nachhaltigkeit weiterentwickelt. Standen vor Jahren noch Ausschlüsse im Vordergrund, fanden später vermehrt ESG-Ratings Verwendung, um Risiken sichtbar zu machen.

Heute dominieren Klimarisiken. Investoren fragen nach den konkreten Auswirkungen des Klimawandels auf die Assets, in die sie investiert sind. Dabei geht der Blick nach vorn: Welche Emissionsreduktionsziele verfolgen Unternehmen, welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus? Für Bondholder ist das entscheidend, denn ein Ausfall oder Downgrade kann zu Zwangsverkäufen führen.
Frank Diesterhöft: Es ist essentiell, zwischen ESG als integralem Bestandteil der Kredit- und Risikoanalyse und ESG als Teil des Anlageziels eines Investors zu differenzieren. Während einige Investoren beispielsweise gezielt ein besseres ESG-Rating anstreben, fokussieren sich andere Investoren auf die Reduktion der CO₂-Intensität. Die Zielsetzungen sind vielfältig und individuell geprägt.
Veronika Herzberger: Es gibt meiner Ansicht nach drei institutionelle Investorengruppen. Jene, denen ESG egal ist. Diese Gruppe wird meiner Wahrnehmung nach tendenziell größer. Andere sehen ESG als eine Art Hygienefaktor: Für sie ist die Hauptsache, einen ESG-Stempel zu haben. Ob das nun ein Artikel-8-Fonds ist oder ein ESG-Rating ist, ist ihnen egal. Die dritte Gruppe investiert in ESG aus Überzeugung, weil sie ihre eigenen Werte im Portfolio abbilden will.
Andreas Dimopoulos: Wir positionieren uns klar in der dritten Gruppe. Während unsere ESG-Ansätze vor einem Jahrzehnt noch rudimentäre Ausschlüsse umfassten, verfügen wir heute über eine dedizierte ESG-Abteilung, einen etablierten ESG-Beirat und präzise Vorgaben für unser Portfoliomanagement.
Was macht Fixed Income für Investoren mittelfristig interessant?
Roman Gaiser: High Yield ist etwas volatiler, hat aber auch 2022 gut performt. Wir haben in diesem Bereich grundsätzlich eine positive Entwicklung gesehen, da das Einkommen wieder zurückgekehrt ist. Wenn wir über Fixed Income sprechen, gilt das für alle Bereiche. Anleger können sich heute entscheiden, welche Risiken sie eingehen möchten oder können. Zudem wollen viele Anleger nicht ausgebremst werden, was verständlich ist, da die Volatilität bei kürzeren Durationen mathematisch geringer wird. Wir beobachten eine steigende Nachnachfrage nach aktiven Strategien, die mehr Flexibilität bieten. Hier gibt es die Möglichkeit, zusätzliches Alpha zu erzielen. Insgesamt sind in der Fixed-Income-Welt die realen Renditen zurück.
Paul Jung: Drei Trends möchte ich hervorheben. Zum einen entdecken auch Investoren außerhalb des institutionellen Bereiches Geldmarktanlagen als eigenständige Asset-Klassen. Der zweite Trend sind Laufzeiten-ETFs, wie zum Beispiel unsere iBonds-ETFs, die Diversifikation und Handelbarkeit des ETFs mit einer festen Fälligkeit verbinden. Der dritte Trend ist der Fokus auf Income. Mittels aktiver ETFs könnten sich 150 Basispunkte über Euro-Credit erzielen lassen durch eine erprobte Sektorallokation, und das bei einem durchschnittlichen Investment-Grade-Rating.
Frank Diesterhöft: Der High-Yield-Markt hat sich strukturell positiv verändert. Das Universum BB-gerateter Emittenten ist deutlich gewachsen und macht heute circa 70 Prozent geläufiger Indizes aus. Damit ist das Risiko gegenüber früheren Marktphasen spürbar gesunken, bei weiterhin aktienähnlichen Renditepotentialen. Auch im Investment-Grade-Bereich sind bis zu 4 Prozent bei längeren Durationen darstellbar. Institutionelle Anleger können sich stabile und nachhaltige Income-Ströme zu sichern.
Veronika Herzberger: Ich bin ein Bond-Fan – egal ob High Yield, Nachranganleihen, Investment Grade oder Staatsanleihen. In vielen Bereichen gibt es derzeit attraktives Potential. Selbst europäische Staatsanleihen bieten heute Renditen über Inflation, über Miet- oder Dividendenrenditen. Ein Umfeld, das wir seit Jahren nicht mehr hatten.
Arrian Correns ist seit 2024 Redakteur bei dpn – Deutsche Pensions- und Investmentnachrichten. Seine ersten Schritte im Journalismus machte der studierte Staatswissenschaftler im Lokaljournalismus. 2023 wechselte er mit dem Volontariat im Fachverlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den Finanzjournalismus. In dieser Zeit schrieb Arrian Correns auch für die dpn-Schwesterpublikationen „FINANCE Magazin“ und „Die Stiftung“. Arrian Correns befasst sich heute vor allem mit Themen der institutionellen Kapitalanlage und der Digitalisierung der Investmentbranche.

