Pensionskassen müssen ihre Anlagestrategie trotz Turbulenzen langfristig ausrichten

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Der deutliche und stetige Anstieg der Diskontierungssätze glich die rückläufigen Planvermögen in der ersten Jahreshälfte 2022 aus, so dass sich die Pensionsverpflichtungen in den Unternehmensbilanzen netto weiter verbesserten. Im dritten Quartal waren die Anleiherenditen, welche dem Diskontierungssatz zugrunde liegen, sehr volatil, schlossen aber nur knapp höher als im vorhergehenden Quartal. Im Vergleich zum zweiten Quartalsende blieben die Pensionsverpflichtungen insgesamt relativ stabil.

Die Pensionsverpflichtungen für Unternehmen nach internationalen Rechnungslegungsstandards verharren noch immer rund 20 Prozent niedriger als zu Jahresbeginn und bewegen sich damit beinahe am tiefsten Stand seit neun Jahren. Die Planvermögen gingen im dritten Quartal um weitere 3,3 Prozent zurück, sodass der WTW Pension Index um 4,4 Prozent einbrach. Wie aus dem WTW Pension Index hervorgeht, fiel der illustrative Deckungsgrad (das heisst das Verhältnis von Planvermögen zu Pensionsverpflichtungen) von 129,7 Prozent per 30. Juni 2022 auf 125,3 Prozent per 30. September 2022.

Die inverse Renditekurve von Anleihen und was sie bedeutet

Erstmals seit über zehn Jahren weisen die Anleiherenditen, welche dem Diskontierungssatz zugrunde liegen, bei den für Pensionskassen wichtigen Laufzeiten eine inverse Zinsstruktur auf. Für Vorsorgepläne mit einer Laufzeit von mehr als zehn Jahren bedeutet dies unter den aktuellen Bedingungen, dass der Diskontierungssatz mit zunehmender Laufzeit des Plans sinkt (womöglich sogar um 5 bis 10 Basispunkte). Unter «normalen» Umständen ist das Gegenteil der Fall: Dann verlangt ein Schuldtitelinhaber als Entschädigung für die Zinsänderungs- und Ausfallrisiken eine höhere Rendite, je länger die Laufzeit einer Anleihe ist. Wie Adam Casey, Head of Corporate Retirement Consulting bei WTW in Zürich erklärt, können Unternehmen gegenüber dem Jahresbeginn trotz der volatilen Marktbedingungen, der sehr schlechten Anlagerenditen im bisherigen Jahresverlauf und der ungewöhnlichen Inversion der Renditekurve für Unternehmensanleihen noch immer mit einer Verbesserung der Netto-Pensionsverpflichtungen in der Bilanz rechnen. Die Ausfinanzierungsgrade der lokalen Vorsorgepläne hingegen dürften sich deutlich verschlechtert haben, da der technische Zinssatz, welcher den lokalen Verpflichtungen zugrunde liegt, weitaus stabiler geblieben ist. «Für Pläne mit einer Duration von bis zu 16 Jahren verbesserte sich der Diskontierungssatz im dritten Quartal, während der Diskontierungssatz für Pläne mit einer längeren Duration im Laufe des Quartals zurückging», so Casey.

Der Verlauf der Renditekurve erschwert Unternehmen, welche ihre Pensionsverpflichtungen vierteljährlich ausweisen, die grobe Einschätzung, ob ihre Verpflichtungen während des Quartals zu- oder abgenommen haben, da dies von der Duration des Pensionsplans abhängt. «Bei einer Inversion der Renditekurve sind Investoren, welche Anleihen mit längerer Laufzeit kaufen, bereit, eine geringere Entschädigung für ihre Risikoexposition zu akzeptieren als sie für ein Engagement mit einer kürzeren Laufzeit erhalten würden. In der Regel wird die Inversion der Renditekurve daher als Anzeichen gesehen, dass der Markt den wirtschaftlichen Aussichten der nahen Zukunft eher pessimistisch gegenübersteht», führt Casey weiter aus.

Höchststand der Inflation ist bald oder bereits erreicht

Für die Pensionskassen war das dritte Quartal wieder ein negatives, wenngleich die kurze Verschnaufpause im Juli den besonders schlechten September etwas ausgleichen konnte. Die Vermögenswerte einer typischen Schweizer Pensionskasse brachen in diesem Quartal gemäss WTW um rund 3 Prozent ein. Die Jahresrendite liegt derzeit bei rund -13 Prozent.

Da die Inflation weiterhin anstieg, mussten die Zentralbanken mit kräftigen Zinserhöhungen reagieren. WTW geht davon aus, dass die Inflation in den USA ihren Höhepunkt bereits erreicht hat und sich nun langsam abflachen wird. In Europa wird der Höhepunkt für das vierte Quartal oder spätestens für das erste Quartal 2023 erwartet. In der Schweiz lag die Inflationsrate mit 3,5 Prozent im August immer noch niedriger als in ihren Nachbarländern. «Die Erwartung, dass die Zinsen kurz- bis mittelfristig ihren Höhepunkt erreichen werden, macht ein Investment in Anleihen gegenüber Aktien wieder attraktiv», äussert sich Alexandra Tischendorf, Head of Investment bei WTW. Die Realzinsen würden einen Anstieg verzeichnen, wenngleich noch im negativen Bereich. Innerhalb des Anleihesegments schienen sich Chancen im Bereich der Investment-Grade Unternehmensanleihen aufzutun, da die Kreditbewertungen von ihren Höchstständen zurückgingen, und die Ausfallraten bei Hochzinsanleihen stiegen, ergänzt sie.

Fokus liegt auf einem langfristigen Anlagehorizont

Laut Tischendorf ist es wichtig, dass die Stiftungsräte der Pensionskassen trotz der Herausforderungen, die das aktuelle Umfeld bereithält, ihren langfristigen Anlagehorizont und ihre Ziele nicht aus den Augen verlieren. «Die Stiftungsräte der Pensionskassen müssen sich weiterhin auf die langfristige, nachhaltige Ausrichtung der Anlagestrategie konzentrieren. Dazu gehören Aspekte wie die Diversifizierung von Risikoprämien, die Berücksichtigung nachhaltiger Anlageprinzipien sowie eine Verbesserung des Risikomanagements und der Governance», rät Alexandra Tischendorf.

Über die Studie

Der Pensionskassenindex wird vierteljährlich von WTW im Swiss Pension Finance Watch veröffentlicht und basiert auf dem International Accounting Standard 19 (IAS 19) und US GAAP FASB ASC 715. Der Index stellt die quartalsweise Entwicklung des Ausfinanzierungsgrads unter diesen Rechnungslegungsstandards dar, statt den sonst typischen Deckungsgrad der schweizerischen Vorsorgepläne anzugeben.

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