2,8 Prozent – so hoch schätzt J.P. Morgan die globale Inflationsrate für das laufende Jahr. Doch anstelle einer Stabilisierung auf hohem Niveau sieht die US-Großbank eine zunehmende regionale Divergenz in der Inflationsdynamik. Trieben ab 2022 Energiepreisschocks und Lieferkettendisruptionen die Preise weltweit hoch, treten an ihre Stelle zunehmend regionale „Gegenströmungen“, fasst Bruce Kasman, Chefvolkswirt bei J.P. Morgan, die Lage zusammen: „Eine Phase hartnäckiger Inflation, die gemeinsamen globalen Dynamiken geschuldet war, geht zu Ende.“
Eurozone auf Inflationskurs
So rechnet die Großbank für die USA mit einer deutlich steigenden Kerninflation von 3,2 Prozent, nach einer CPI-Inflation von 2,7 Prozent im Vorjahr. Ursächlich dürften vor allem die zunehmend spürbaren Zölle sein sowie ein frühjahresbedingtes Rebound-Muster bei den Konsumentenpreisen – gemeint ist der saisonal bedingte Preisanstieg zu Jahresbeginn. Auch der zwar inzwischen moderate, aber dennoch anhaltende Lohndruck in den USA wirkt inflationär.
Die Eurozone hingegen könnte laut J.P. Morgan ihre Inflationsrate bis zur Jahresmitte an die 2-Prozent-Marke drücken. Rückenwind geben sinkende Importgüterpreise infolge der Euro-Aufwertung, mit Abschlag gehandelte chinesische Exportgüter, die zunehmend in europäische Märkte umgeleitet werden, sowie der nachlassende Lohndruck im westeuropäischen Dienstleistungssektor. „Wenn dies zutrifft, dürfte der prognostizierte Inflationsanstieg in den USA bei gleichzeitig moderatem Wachstum in Europa in der ersten Hälfte des Jahres 2026 zu einer großen Inflationslücke zwischen den beiden Regionen führen.“
Zukunft der Fed-Politik bleibt offen
Spannend bleibt die Frage nach den Implikationen für die Zentralbanken. Die EZB dürfte ihren Einlagesatz auf dem aktuellen Niveau von 2,0 Prozent stabil halten – eine Einschätzung, die die Bundesbank, J.P. Morgan und auch die LBBW gleichermaßen teilen. Die EZB befinde sich in einer „verlängerten Pause“, so Kasmann. Die Fed hingegen sei angesichts der hartnäckigen Inflation zu einem unveränderten Kurs angehalten.
Ob die US-Notenbank dem politischen Druck aus dem Weißen Haus dabei dauerhaft standhalten kann, bleibt abzuwarten. Der von Trump nominierte Powell-Nachfolger Kevin Warsh galt in seiner Zeit als Berater der Bush-Regierung Mitte der Nullerjahre als „Falke“ und Befürworter einer restriktiveren Geldpolitik. Zuletzt hat er sich mit zinssenkungsfreundlicheren Signalen hervorgetan. Das kompliziert die wachsende Entkoppelung der transatlantischen Geldpolitik weiter.
Arrian Correns ist seit 2024 Redakteur bei dpn – Deutsche Pensions- und Investmentnachrichten. Seine ersten Schritte im Journalismus machte der studierte Staatswissenschaftler im Lokaljournalismus. 2023 wechselte er mit dem Volontariat im Fachverlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den Finanzjournalismus. In dieser Zeit schrieb Arrian Correns auch für die dpn-Schwesterpublikationen „FINANCE Magazin“ und „Die Stiftung“. Arrian Correns befasst sich heute vor allem mit Themen der institutionellen Kapitalanlage und der Digitalisierung der Investmentbranche.

