„Soft Landing zeichnet sich ab“

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Kein Thema beschäftigt die Kapitalmärkte derzeit so stark wie die Entwicklung der Inflation und die Reaktion der Zentralbanken darauf. Besonders die Anleihemärkte schauen ganz genau darauf, bestätigt Wolfgang Bauer, Fondsmanager bei M&G Investment, in einem Webcast. Es sei enttäuschend, dass die Inflation deutlich langsamer als erhofft sinke. Die sieben Zinssenkungen der US-Notenbank Fed, die der Markt für 2024 eingepreist hatte, wären dem Anleiheexperten wohl ebenfalls lieber gewesen als das bisherige Stillhalten und die Aussicht auf immerhin noch ein bis zwei Schritte in diesem Jahr. Immerhin habe die EZB eine erste Zinssenkung vollzogen. Ihr weiteres Vorgehen hänge jedoch stark von der Entwicklung der Inflation ab. „Die Unsicherheit in Bezug auf die Inflation ist hoch“, gibt er die Marktstimmung wieder.

Rezessionsgefahr sinkt

Zuversicht gibt ihm immerhin die Entwicklung der Einkaufmanagerindizes. Sie lägen zwar noch unterhalb der wichtigen Marke von 50 Punkten, seien also noch „bearish“, aber sie legten zu. „Der Trend stimmt“, bestätigt auch Ivan Domjanic, Kapitalmarktstratege bei M&G. Das verarbeitende Gewerbe habe 2023 besonders in Europa Probleme gehabt. Aber jetzt gehe es aufwärts. Ein durchweg positives Bild bescheinigt er indes dem Dienstleistungssektor. Er habe sich auch 2023 deutlich robuster als die Industrie gezeigt. „Die in der Coronapandemie angehäuften Ersparnisse kommen den Dienstleistern eher zugute“, schlussfolgert er und sagt mit dem Blick nach vorn: „Ein Soft-Landing-Szenario zeichnet sich ab.“ Und Bauer fügt hinzu: „Das Rezessionsrisiko ist gesunken.“

Wolfgang Bauer. Foto: M&G

Entsprechend zuversichtlich zeigen sich die M&G-Experten auch für die Kapitalanlage in liquide Assets, auch wenn das Umfeld nach wie vor schwierig sei. Angesichts weiterhin enger Credit Spreads rät Bauer am Rentenmarkt zu defensiven Investments und hat selbst ein hohes Exposure in Investment-Grade-Anleihen. Zinsrisiken geht er mit seinem Total-Return-Fonds nicht ein, die werden abgesichert. „Für die Absicherung des Zinsrisikos werden wir derzeit sogar bezahlt“, erzählt er. „Das ist ungewöhnlich, normalerweise müssen wir dafür bezahlen.“ Im High-Yield-Bereich sei das Ausfallrisiko hingegen gestiegen. Hier sollten Investoren selektiver vorgehen und genau schauen, welche Unternehmen gut aufgestellt sind und welche nicht.

Europäische Bankanleihen spannend

„Für uns ist der Bankensektor interessant“, gibt Bauer detaillierte Einblicke in die Titelauswahl. „Europäische Banken haben sich aus fundamentaler Sicht zum Besseren verändert, ihre faulen Kredite in den Bilanzen stark abgebaut und die Profitabilität deutlich erhöht.“ Zudem sei das Bewertungspotenzial bei den Geldhäusern besser als zum Beispiel bei Industrieanleihen. Bei Immobilien ist Bauer aufgrund deren Zinssensitivität sehr vorsichtig. Die Branche gerate bei steigenden Zinsen oder steigenden Zinserwartungen unter Druck, weshalb ein sehr selektives Vorgehen über eine Kreditfundamentalanalyse geboten sei. „Wir sind sehr sensibel, was Bewertungen angeht und müssen sehr vorsichtig sein.“

Ivan Domjanic. Foto: M&G

Bewertungen sind aber nicht nur bei Anleihen, sondern auch bei Aktien ein Thema. Denn das Soft-Landing-Szenario scheint der Aktienmarkt in den vergangenen Wochen mit Kurssteigerungen bereits vorweggenommen zu haben, vermutet Domjanic. Die Bewertungen des globalen Aktienindex MSCI ACWI seien am oberen Ende angekommen, das KGV liege bei etwa 17. „Der Markt war in den letzten zehn Jahren selten so teuer wie jetzt“, so der Kapitalmarktstratege. „Und er ist jetzt auch höher bewertet als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre.“

„Cashflow-Maschinen“ sind ihren Preis wert

Natürlich sind es die US-Megacaps, die Tech-Riesen, die diese Bewertung antreiben. Wie stark deren Einfluss ist, zeigt ein Blick auf den gleich gewichteten MSCI ACWI, der mit einem KGV von 14 sogar leicht unterhalb seines Medians bewertet ist. „Es gibt also weiterhin Schnäppchen“, freut sich Domjanic. Zudem seien die teuren Tech-Titel ihren Preis wert, wie er veranschaulicht: Zwar handelten die Top-10-Megacaps mit einem KGV von 31 fast doppelt so hoch wie der gesamte Index. Doch die Kapitalmarktrenditen (ROIC) fielen dreimal so hoch aus. „Die Unternehmen haben also Qualität, es sind Cashflow-Maschinen. Der Bewertungsaufschlag ist gerechtfertigt.“

Aber auch außerhalb der USA sieht der Aktienexperte Chancen in Regionen, die zuletzt etwas vernachlässigt wurden: „Europa ist sehr günstig bewertet“, sagt er und hat dabei besonders das Value-Segment im Blick. „Europäische Value-Titel werden unterhalb ihrer 20-jährigen Bewertung gehandelt, das ist ein sehr interessanter Markt.“ Growth-Aktien indes seien deutlich teurer als im Schnitt der vergangenen 20 Jahre. Auch vom japanischen Markt zeigt sich Domjanic trotz höherer Bewertungen angetan: „Der japanische Markt ist aus Stockpicker-Sicht sehr interessant.“

Patrick Daum ist Chef vom Dienst bei dpn-online. Er berichtet über alle Themen rund um das institutionelle Asset Management.

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