Der dpn-Roundtable „ESG und das Portfolio der Zukunft“

Darüber, wie sich Nachhaltigkeitsstrategien entwickeln und in die Kapitalanlage von Versicherungen und Pensionseinrichtungen implementieren lassen, diskutierten Saida Eggerstedt, Head of Sustainable Credit bei Schroder Investment Management, Stefan Hüttermann, Executive Director bei MSCI Inc., Thomas Kieselstein, Senior Partner bei Quoniam Asset Management GmbH, Kilian Niemarkt, Client Portfolio Manager bei RBC BlueBay Asset Management, Steffen Sihler, Geschäftsführer der W&W Asset Management GmbH, Heinz-Thomas Striegler, Verwaltungschef der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, und David Wenicker, Head of iShares & Wealth for Germany bei BlackRock. Die Diskussion moderierte Dr. Guido Birkner.

 

Meine Dame, meine Herren, welchen Nachhaltigkeitsansatz verfolgt Ihr Unternehmen in der Kapitalanlage?

Steffen Sihler: Wir als Asset Manager gestalten die Kapitalanlage insbesondere für die Württembergische Lebensversicherung im W&W-Konzern. Zum Jahresende 2021 hatten wir 43,5 Milliarden Euro Assets under Management. Beim Thema ESG und Nachhaltigkeit sind wir eher ein Nachzügler und haben uns vor etwa sechs Jahren intensiver damit beschäftigt. Zunächst haben wir vor allem mit Ausschlüssen und dem Ausbau von erneuerbaren Energien gearbeitet, inzwischen sind wir aber so weit, dass wir auch das Kriterium des CO2-Fußabdrucks mit konkreten Zielen unterlegen.

David Wenicker: BlackRock ist ein globaler Asset Manager, der globale Portfolios für unsere Kunden verwaltet. Ich selbst verantworte das Wealth- und ETF-Geschäft von BlackRock in Deutschland. Wir sind davon überzeugt, dass nachhaltige Portfolios langfristig eine bessere risiko-adjustierte Performance bieten können. ESG ist heute unser Investment-Standard. Wir haben ein breites ESG- konformes Angebot in unserer Fonds- und ETF-Palette etabliert.

Stefan Hüttermann: Wir als MSCI sind ein Indexanbieter, darüber hinaus bieten wir auch ESG- und Nachhaltigkeitsdaten an. Damit können Unternehmen eigene Analysen fahren. ESG steht auf der Index- und der Datenseite im Zentrum dessen, was MSCI macht. MSCI-ESG-Research und Daten stellt MSCI ESG Research LLC bereit.

Heinz-Thomas Striegler: Ich bin vor 21 Jahren als Leiter der Finanzabteilung zur Evangelischen Kirche Hessen-Nassau gekommen. Ich bin sehr dankbar, dass ich bei diesem Arbeitgeber mein Hobby, nämlich ethisch-nachhaltige Geldanlage, zu einem beruflichen Baustein machen durfte. Vor zwei Jahrzehnten gab es in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau bereits eine Synodalentscheidung zu Ausschlüssen, etwa von Rüstung, Kinderarbeit und so weiter. Ich habe das in meiner Tätigkeit verfeinert und am Markt platziert, was noch vor 15 Jahren nicht einfach war. Wir investieren heute auf der Basis des „Leitfadens für ethisch-nachhaltige Geldanlage in der evangelischen Kirche“. Vor 13 Jahren haben wir den Arbeitskreis der Kirchlichen Investoren, kurz AKI, gegründet. Dem Arbeitskreis gehören alle evangelischen Banken, Zusatzversorgungskassen, Versorgungskassen und andere Institutionen wie die Diakonie an. Die Ausarbeitung unseres Investitionsleitfadens war anfangs schwierig, inzwischen sind die Abstimmungsrunden zur Aktualisierung deutlich einfacher geworden. Heute sieht der Leitfaden neben Ausschlüssen und Positivlisten vor allem Engagement vor, und Engagement gewinnt aktuell weiter an Gewicht.

Kilian Niemarkt: Ich bin Client Manager im Global Equity Team von RBC BlueBay. Wir managen in unserem Global Equity Team 32 Milliarden Euro und haben ein konzentriertes Portfolio mit rund 35 Unternehmen. Somit sind wir signifikanter Anteilseigner, was uns einen Zugang zum Senior Management Team und zu CEOs ermöglicht, um unsere Engagement-Aktivitäten auf C-Suite-Ebene voranzutreiben. Insgesamt verfolgen wir das Ziel, einen positiven Beitrag zu leisten: für unsere Anleger und die Investment-Rendite, die wir ihnen anbieten, für die Unternehmen, in die wir investieren, und die Gesellschaft, durch verantwortungsbewusste, nachhaltige Geldanlage.

Thomas Kieselstein: Quoniam hat sich auf einen quantitativen Investment-Prozess fokussiert. Auch für uns ist die Integration von Nachhaltigkeitskriterien seit etwa einem Jahrzehnt immer wichtiger geworden. Am Anfang haben wir die eindeutig negativen Kontroversen ausgeschlossen. Über die Jahre hat sich der Nachhaltigkeitsprozess weiterentwickelt hin zur objektiven Analyse aktueller und zukünftiger Nachhaltigkeitscharakteristika. Wir prüfen, wie das Portfolio als Ganzes aktuell positioniert und ob es in Bezug auf die Herausforderungen der Zukunft gerüstet ist. Im Gegensatz zu einem fundamentalen Ansatz, der stark auf einzelne Unternehmen schaut, bilden wir unseren Ansatz in der Breite über viele Unternehmen ab. Dafür braucht es eine Vielzahl transparenter und messbarer Datenpunkte und weniger die individuelle Einschätzung einzelner Analysten. Hinzu kommt, dass Nachhaltigkeit in Deutschland und international sehr vielfältig interpretiert wird und die Bedürfnisse unserer Kunden sich daher stark unterscheiden.

Saida Eggerstedt: Ich bin im Bereich Sustainable Credit tätig. Wir bei Schroders betreiben ein aktives Engagement. Sowohl Analysten als auch Portfoliomanager bei Schroders sollen mindestens drei aktive Dialoge mit Unternehmen pro Jahr erfolgreich durchgeführt haben. Unsere Fonds sind entweder nach SFDR Artikel 8 oder 9 kategorisiert. Ich verantworte den SISF Carbon Neutral Credit sowie den SISF Social Impact Credit, bei beiden handelt es sich um Artikel-9-Fonds. Wir schauen nicht nur, was in Bezug auf Nachhaltigkeit bereits passiert ist, sondern richten auch den Blick nach vorn: Was wird bis 2030 und 2040 erreicht? Die Absicht der Unternehmen, möglichst messbare Ziele zu setzen, ist wichtig im Impact Investing, vor allem im Social Impact Investing. Wir verfolgen einen kontinuierlichen Engagement-Ansatz und entwickeln das zu einem übergreifenden Stewardship-Konzept weiter. Für uns sind viele Finance-Themen voller Nachhaltigkeitsaspekte, die nicht sofort jeder Marktteilnehmer als solche erkennt. Als global aufgestellter Asset Manager sind die regional unterschiedlichen regulatorischen Aspekte in der ESG-Landschaft für uns im Fokus. Nichtsdestotrotz verfolgen wir das Ziel, einen transparenten Wandel zu Nachhaltigkeit gesamtheitlich zu unterstützen.

 

Für Finanzdienstleister bringt die neue Regulatorik zur Nachhaltigkeit Dynamik ins Portfolio.

 

Welche Rolle spielen die ESG-Kriterien konkret in Ihrem Portfoliomanagement?

David Wenicker: Aus unserer Sicht sind Nachhaltigkeits- und vor allem Klimarisiken auch Investitionsrisiken. Viele haben erkannt, dass ESG-Faktoren einen relevanten Einfluss auf die Wertentwicklung von Unternehmen haben. Diese Überzeugung hat sich in den vergangenen Jahren am Markt durchgesetzt, daher ist Nachhaltigkeit für viele institutionelle Investoren ein Standard geworden. Zugleich haben die Finanzmärkte gerade erst begonnen, die ESG-Präferenzen und -Implikationen zunehmend in den Preisen für Risiko-Assets einzupreisen. Wir erwarten, dass diese veränderten Präferenzen auf lange Sicht einen stärkeren Einfluss auf die Fundamentaldaten von Aktien haben werden und dass sie eine signifikante Reallokation von Kapital rund um den Globus freisetzen werden. Das Kapital verschiebt sich zugunsten nachhaltiger Unternehmen weg von Unternehmen mit schwachen ESG-Charakteristika. Der Übergang zu einer Low Carbon Economy bringt große Veränderungen, aber auch gigantische Investment-Opportunitäten mit sich. Institutionelle Investoren können diesen Übergang nicht ignorieren. 2020 haben wir eine weltweite Umfrage unter 425 institutionellen Investoren durchgeführt. Die Befragten wollen ihren Anteil der ESG-konformen Assets in den kommenden Jahren im Schnitt von 18 auf 37 Prozent verdoppeln. In Europa wird sich dieser Anteil von 21 auf 47 Prozent mehr als verdoppeln. Zudem sehen wir hierzulande keine Mandatsausschreibung mehr ohne die Einbeziehung von Nachhaltigkeitsüberlegungen. Der Weg hin zu einem ESG-konformen Portfolio kann aber individuell sehr verschieden sein, je nach Präferenzen und Zielen. Daher sind wir bestrebt, ein breites Angebot an Investment-Lösungen zu bieten, aus denen unsere Kunden die für sie passenden auswählen können.

Kilian Niemarkt: Nachhaltigkeit ist die Alpha-Quelle für uns als Asset Manager. Wir sind davon überzeugt, dass all diese Nachhaltigkeitsfaktoren sehr schlecht in der traditionellen Rechnungslegung abgebildet sind. Nehmen Sie den Aspekt Human Capital – dazu findet sich nichts in der Bilanz oder in der GuV der Unternehmen. Je nachdem, wie ich mein Unternehmen manage, kreiert das entweder nicht bilanzierte Contingent Assets oder Contingent Liabilities. Der US-amerikanische Automobileinzelhändler AutoZone hat während des Corona-Lockdowns seine Mitarbeiter trotz signifikanter Umsatzeinbußen behalten, auch wenn die Quartalszahlen in dieser Zeit im Vergleich zu den Wettbewerbern deutlich zurückgingen. Damit hat das Unternehmen jedoch ein Contingent Asset aufgebaut, denn AutoZone hat in der aktuellen Situation keinen Mangel an Beschäftigten – im Gegensatz zu vielen Wettbewerbern oder anderen Konsumgüterunternehmen in den USA. Der Mehrwert dieses Contingent Assets spiegelt sich jetzt tatsächlich in der Rechnungslegung wider, und die jüngsten Quartalsergebnisse von AutoZone überragen. Wir wollen, dass die CEOs wie Eigentümer des Unternehmens denken und handeln, um den langfristigen Erfolg des Unternehmens zu gewährleisten, nicht kurzfristig von einem Quartalsergebnis zum nächsten. Die Vergütungspolitik der Unternehmensführung ist daher ein zentraler Aspekt unserer Engagement-Aktivitäten.

Steffen Sihler: Für uns als Finanzdienstleistungskonzern war Nachhaltigkeit anfangs ein gesellschaftliches, weniger ein regulatorisches Thema. Wir wollten unseren Kunden frühzeitig ein Signal geben, dass wir uns dort ebenfalls engagieren, und haben zuerst eindeutige Ausschlüsse festgelegt, etwa Streubomben. Jetzt bringt die neue Regulatorik im Hinblick auf Nachhaltigkeit eine ganz neue Dynamik in unser Portfolio hinein. Wir müssen die zum 2. August dieses Jahres geänderten Informationspflichten und Wohlverhaltensregeln umsetzen, also die EU-Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD und die europäische Finanzmarktrichtlinie MiFID II. Auch fragen Kunden in den zurückliegenden zwei, drei Jahren Nachhaltigkeit nach. Das ist ein Treiber, der das ESG-Thema für uns noch einmal forciert hat. Wir als Asset Manager von Versicherungsunternehmen müssen dafür über das gesamte Portfolio und in alle Asset-Klassen hineingehen. Wir müssen uns weniger Aktien anschauen, sondern überlegen, wie wir mit Staats- und Unternehmensanleihen, Immobilien und alternativen Investments umgehen. Bei Aktien ist die Transparenz dank des großen Datenangebots am höchsten, aber wenn ich zum Beispiel auf den Staat Frankreich schaue, dann stellt sich uns die Frage, woher wir ESG-bezogene Daten dazu bekommen.

Heinz-Thomas Striegler: Wir als evangelische Kirche haben seit vielen Jahren einen anderen Zugang zur Nachhaltigkeit. Es ging und geht für uns zunächst immer um Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Für uns war schon ab 2002 klar, dass wir unsere Kapitalanlage an der Wirkungsweise dieses Dreiklangs ausrichten müssen. Damals haben wir mit Ausschlusslisten für Unternehmen und Staaten begonnen. Es ging um den Ausschluss von Rüstung, Kinderarbeit, Pornographie, Glücksspiel und so weiter auf Unternehmensebene und auf Staatenebene, um den Ausschluss der Staatsanleihen von Staaten, die kriegstreibend wirken, die die Todesstrafe praktizieren, die als nicht frei klassifiziert werden, die als besonders korrupt eingestuft werden, und Staaten, deren Klimaschutzleistungen als sehr schlecht bewertet werden. Generell hatten wir Rüstung zum Zweck der Selbstverteidigung mit einer Umsatzobergrenze von 10 Prozent im Portfolio versehen, allerdings bei einem vollständigen Ausschluss von Unternehmen, die an der Produktion geächteter Waffen beteiligt sind. Erst jüngst haben wir nach ausführlicher Diskussion zusätzlich die Unternehmen ausgeschlossen, die an der Produktion von autonomen Waffensystemen beteiligt sind. Inzwischen arbeiten wir auch mit Positivlisten, Impact Investing und Engagement. Als Investor haben wir aber zuerst die Aufgabe, Chancen und Risiken zu identifizieren. Je mehr Informationen über Investment-Ziele und damit auch über Nachhaltigkeitsziele mir vorliegen, desto besser kann ich Risiken vermeiden. Unsere Transparenzerfordernisse haben uns in der globalen Finanzkrise 2008/2009 vor großem Schaden bewahrt. Uns waren zuvor immer wieder verbriefte Kreditprodukte angeboten worden, doch die Anbieter konnten uns die gewünschte Transparenz nicht bieten, und wir haben die Finger davon gelassen.

 

Wie aufwendig ist es für eine Kirche, die gewünschte Transparenz hinsichtlich ESG-Konformität in Anlagen zu prüfen?

Heinz-Thomas Striegler: Wir sind fast ausschließlich in Spezialfonds allokiert und arbeiten mit der Struktur einer Master-KVG. Dort legen wir unsere Ausschlussliste vor, und die Dienstleister kümmern sich um die Einhaltung dieser Vorgaben, ohne dass wir täglich darauf schauen müssen. Es kommt sehr selten vor, dass uns dann ein Unternehmen über einen Fonds ins Portfolio rutscht, das wir ausschließen müssen. Andere Prozesse sind für uns aufwendiger. Deshalb haben wir vor 15 Jahren einen Provider für den weltweiten Engagement-Prozess eingesetzt. Mit Unternehmen in Deutschland, in die wir investiert sind, treten wir selbst in den Austausch. Inzwischen ist das über den Arbeitskreis Kirchlicher Investoren der evangelischen Kirche erweitert worden, dort beschäftigen sich verschiedene Fachgruppen mit Engagement.
Thomas Kieselstein: Ausschlusslisten sind bei institutionellen Investoren gerade in einer Master-KVG-Konstellation ein beliebtes ESG-Instrument. Problematisch sehe ich allerdings die teils weitgehenden und je nach Investorenpräferenz auch thematisch unterschiedlichen Ausschlüsse. Durch den binären Charakter ergibt sich oft ein Backward Looking Bias, ein Unternehmen wird auch dann ausgeschlossen, wenn es sich eigentlich schon in einem Transformationsprozess befindet. Das Problem liegt also in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft, und gerade weil viele Investoren das Investment meiden, kann es passieren, dass man sich selbst große Chancen verwehrt. Wir als Asset Manager arbeiten mit rund 60 verschiedenen Ausschlusslisten unserer Kunden. Wir sind daher auch im intensiven Austausch, ob dieser Weg immer zielgerichtet ist. Ähnlich kritisch sehe ich einige Aspekte der Regulierung. Regulierung reagiert fast immer auf Krisen und Probleme, deren Ursprung in der Vergangenheit liegt.
Kilian Niemarkt: Der Punkt ist sehr wichtig, denn kein Unternehmen ist perfekt. Allerdings ist uns wichtig, dass im Management ein permanentes Bewusstsein für Risiken und Missstände besteht und dass die Verantwortlichen uns einen klaren Plan vorlegen, wie sie Contingent Liabilities adressieren wollen. Wir haben dann die Aufgabe, die Glaubwürdigkeit dieses Plans zu überprüfen.

Wie unterschiedlich ist der Blick auf Nachhaltigkeit in den USA und in Deutschland?

Kilian Niemarkt: Ein gutes Beispiel sind die Gewerkschaften. Bei Amazon stimmen die Lagerarbeiter in den USA regelmäßig gegen die Gründung einer Gewerkschaft. Der Grund für die hohe Loyalität der amerikanischen Arbeiter gegenüber ihrem Arbeitgeber sind die guten Arbeitsbedingungen und die überdurchschnittlichen Löhne, die der Konzern in den USA zahlt. Dies führt zu einer deutlich höheren Zufriedenheit der Mitarbeiter mit 4,2 von 5 im Vergleich zu einem Durchschnittswert von lediglich 3,2 für S&P-500-Unternehmen. Weitere Beispiele für unterschiedliche Einschätzungen zu Nachhaltigkeit sind die Themen Gesundheitsversorgung, wozu es in den USA kein universelles Recht gibt, oder die Nutzung von Atomenergie. Letztere wird in manchen EU-Staaten als nachhaltig eingestuft, in Deutschland mehrheitlich nicht. Für Nachhaltigkeit existiert keine internationale Norm, die Ansätze sind je nach Region und Branche unterschiedlich.
Stefan Hüttermann: Zentraler Gedanke bei der Behandlung des Themas ESG ist bei MSCI die finanzielle Materialität. MSCI untersucht Unternehmen darauf, welchen ESG-Risiken diese besonders ausgesetzt sind und wie die Unternehmensführung mit diesen Risiken umgeht. Von insgesamt 35 Risikofaktoren in den Bereichen E, S und G bestimmen die MSCI-ESG-Analysten diejenigen, die für ein Unternehmen oder eine Branche besonders bedeutend sind. Ich nenne zwei Beispiele: Ein Minenbetreiber hat aufgrund seines hohen Wasserverbrauchs hier ein größeres Risiko, einen Water Stress, im Vergleich zu einem Unternehmen aus der Gastronomie, das sich stärker um Personalthemen kümmern muss. Ein IT-Unternehmen hat im Bereich Privacy & Data Security ein höheres Risiko als ein Unternehmen aus der Energiebranche, das stärker im Bereich Health & Safety exponiert ist. Vereinfacht ausgedrückt: Je größer das von uns eingeschätzte ESG-Risiko eines Unternehmens ist, desto höher sind die Anforderungen an das Management, diese zu kontrollieren. MSCI ist ein Pionier in der ESG-Indexentwicklung und hat Investoren mit dem KLD 400 Social Index bereits 1990 einen Nachhaltigkeitsindex angeboten. Die bekannten ESG-Leaders-and-SRI-Varianten folgten 2007 und 2011. Seitdem hat sich das Bewusstsein vieler Marktteilnehmer für Nachhaltigkeit gewaltig weiterentwickelt.

Nachhaltige, langfristig verfolgte Grundsätze für die Kapitalanlage wirken wie ein Risikomanagement-Tool.

 

Wie transparent sind die Daten zu Nachhaltigkeitskriterien in Indices?

Stefan Hüttermann: Einfach ausgedrückt, finden transparente und gut durchdachte Indexkonstruktionen die größte Akzeptanz bei Anlegern. Schon lange existieren transparente, marktkapitalisierungsgewichtete Indizes wie der MSCI World und der MSCI Emerging Markets. Auch im ESG-Bereich verfolgen wir nachvollziehbare Konzepte, zum Beispiel beim MSCI ESG Leaders, einem Best-in-Class Index. Dieser wählt die 50 Prozent besten Unternehmen, gemessen an ihrem ESG-Profil – bei gleichzeitiger Regionen- und Sektorneutralität –, aus. Der MSCI SRI Index nimmt nur die 25 Prozent besten nach ESG bewerteten Unternehmen in die Titelselektion auf. Wenn Themen wie Klimawandel, Erderwärmung und CO2-Reduktion adressiert werden sollen, steigen die Anforderungen an die Indexkonstruktion an. Ein Grund sind die komplexen regulatorischen Vorschriften.

Thomas Kieselstein: Wir arbeiten mit Nachhaltigkeitsdaten unterschiedlicher Provider, und die Transparenz ist für uns sehr wichtig. Bei Daten-Inputs wie zum Beispiel Ratings oder Scoring-Modellen kann man nicht immer exakt nachverfolgen, warum das eine Unternehmen nachhaltig sein soll und das andere nicht. Natürlich hätten wir am liebsten für jedes Unternehmen eine universelle Nachhaltigkeitszahl. Doch das Thema ist bei weitem zu vielschichtig, um dies zu erreichen. Das ergibt sich schon daraus, dass Anlagestrategien unterschiedliche Schwerpunkte setzen, beispielsweise einen Fokus auf Klimawandel oder eher eine breitere Ausrichtung auf Sustainable Development. Dieser Vielfalt wird ein Gesamt-ESG-Rating nicht wirklich gerecht, und es besteht die Gefahr, dass das resultierende Portfolio wenig zielgerichtet aufgestellt ist. Hinzu kommt, dass sich aufgrund der Komplexität der Modelle hinter einem ESG-Score die Ergebnisse von Provider zu Provider mehr unterscheiden als bei standardisierten Größen wie etwa Treibhausgasemissionen.

Saida Eggerstedt: Wir verwenden für unsere nachhaltigen Fonds immer mehr als eine Datenquelle, aber eine individuell angepasste Anzahl an KPIs. Es ist oft herausfordernd, die passenden KPIs zu finden – je nachdem, welches Nachhaltigkeitsziel ein Unternehmen verfolgt, so dass man auch längerfristig auf solche KPIs ausgerichtet analysieren und investieren kann. Zudem beinhaltet Klima nicht nur Dekarbonisierung, sondern auch Biodiversität und Ressourceneffizienz. Anders ist es, wenn ein Unternehmen einen Green Bond begibt: Die Absicht der Allokation soll hier genau sein. Dann sind die zum Nachweis der Nachhaltigkeit benötigten KPIs regulatorisch vorgegeben. Wenn wir jetzt einen Nachhaltigkeitsfonds entwickeln, müssen wir dem Regulator nachweisen, dass das, was wir im Fonds halten, nicht klimaschädlich ist. So lässt sich vermeiden, dass Aktivitäten eines Bereichs einen anderen schädigen – nach dem Prinzip „Do no significant harm“. Doch an den öffentlichen Märkten mangelt es an Möglichkeiten, die Ertragsrisiken der Unternehmen, die in Zukunft aus dem Klimawandel entstehen, zu untersuchen und zu messen.

Steffen Sihler: Wir haben vor kurzem einen Aktienfonds für unser Lebensversicherungsgeschäft aufgelegt. Dafür haben wir den MSCI ESG Leaders Index verwendet, weil wir einen bekannten Index von einer bekannten Marke nutzen wollten. Gleichzeitig kooperieren wir mit einem anderen Anbieter von ESG-Daten. Hier haben wir festgestellt, dass die ESG-Ratings auseinanderlaufen, wenn wir die Daten verschiedener Anbieter nutzen. Über den einen Datenanbieter sind manche Investments nicht mehr möglich, die über den anderen Provider möglich wären. Das löst intern Diskussionen mit unseren Portfoliomanagern aus, weil die sich durch die Ratings und Scores des ESG-Datenanbieter in ihrem Handeln stark eingeschränkt sehen, besonders dann, wenn Unternehmen mit großen Indexgewichten betroffen sind. Wir Investoren stehen dann vor der Frage, wie wir die unterschiedlichen Daten der verschiedenen Anbieter in unserem Investment zusammenbringen können.

Kilian Niemarkt: Genau dieses Disagreement begrüßen wir. Wir erinnern uns an das Jahr 2007, als alle Ratingagenturen eine einheitliche Meinung vertreten haben, was in einem Desaster endete. Wir nutzen die Daten und Ratings von MSCI, Sustainalytics und anderen Anbietern als einen von vielen Input-Faktoren, verlassen uns aber aufgrund der Inkonsistenz nicht auf diese für unsere Bewertungsentscheidung. Allerdings unterstützen uns die vielfältigen Datenquellen bei unseren Engagements, um nicht traditionelle Risiken und Opportunitäten zu identifizieren, die in unsere Bewertung miteinfließen. Natürlich verstehen wir, dass sich Asset Owners eine Übereinstimmung der verschiedenen Agenturen wünschen. Aber ist eine allgemeine Übereinstimmung der Ratings wirklich besser?

Thomas Kieselstein: Die Schlussfolgerung daraus wäre, dass wir bei der Und-Verknüpfung der Datenfilter aufpassen. Wenn ich unterschiedliche Kriterien zweier oder mehrerer Provider nutze und sie über einen Und-Filter miteinander verbinde, dann wird die Schnittmenge immer kleiner. Diesen Fehler sollten wir als Asset Manager nicht machen.

Kilian Niemarkt: Ein Beispiel aus unserem Portfolio ist der dänische Offshore-Windparkbetreiber Ørsted. Dieses Unternehmen wird aus manchen ESG-Indizes ausgeschlossen, da 4 Prozent des Umsatzes von fossilen Energien generiert werden. Der Vorteil aus dem 96-prozentigen Anteil aus erneuerbarer Energie überwiegt aber deutlich, und Ørsted leistet einen positiven Nettonutzen für die Gesellschaft und eine emissionsfreie Wirtschaft. Daher ist das Investment unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten vorhanden.
Stefan Hüttermann: Die Wahrnehmung von ESG als relevante Risikogröße, die stark verbesserte Datenverfügbarkeit sowie höhere Regulierungsanforderungen führen nach unserer Einschätzung zu der zu beobachtenden steigenden Beachtung von Nachhaltigkeit im Portfoliomanagement. Dank der detaillierteren und zahlreicheren Daten von Unternehmen, Medien, NGOs und anderen öffentlichen Quellen können unsere Analysten heute eine fundiertere Einschätzung zur ESG-Qualität von Unternehmen abgeben, als dies noch vor wenigen Jahren möglich war.

Saida Eggerstedt: Der Unterschied liegt oft in der Methodik. Sustainalytics von Morningstar schaut vor allem auf die Risiken und unterscheidet sich darin etwa von MSCI, wo ESG übergreifender betrachtet wird. Volkswagen etwa stellt sich nach der Kritik der vergangenen Jahre heute bei vielen ESG-Kriterien besser auf, hat aber Schwierigkeiten, damit beim Rating von MSCI perspektivisch durchzudringen. Andererseits, wie das am Beispiel des Medizintechnikherstellers Medtronic deutlich wird, ist MSCI dynamischer. Das Unternehmen sah sich mit Kundenbeschwerden konfrontiert, konnte aber sein ESG-Rating bei MSCI schrittweise verbessern und so einen besseren Rating-Score erzielen, während es bei Sustainalytics weiter auf der Global Compact Watchlist ist. Außerdem befürchte ich, dass es bei Datenanbietern einen regionalen Bias gibt. Die Methodik vieler Ratingagenturen ist in puncto Nachhaltigkeit und ESG nicht transparent genug. Für Investoren ist es aber wichtig, entsprechend dem selbst definierten Impact zu investieren. Hier sollten sie sich genau überlegen, welche Wirkung sie im Hinblick auf ESG erzielen wollen.

Stefan Hüttermann: Mehr als 300 MSCI-ESG-Analysten erstellen inzwischen Nachhaltigkeitsprofile und Ratings von weltweit über 8.000 Unternehmen. Dazu erstellen wir detaillierte jährliche Reports und gehen auf jeweils mehr als 100 Seiten ausführlich auf die einzelnen Bereiche E, S und G ein. Unser Issuer Communications Team steht in regelmäßigem Austausch mit diesen Unternehmen, erläutert die Vorgehensweise des Ratingprozesses und gibt Hinweise auf mögliche Schwachstellen und daraus resultierendes Verbesserungspotenzial. Dadurch werden Unternehmen Wege aufgezeichnet, ihre ESG-Ratings künftig zu verbessern.

Saida Eggerstedt: Ich hielte es für richtig, wenn die Ratingagenturen auch uns und den Investoren diese Informationen gäben, denn wir haben den direkten Kontakt zum CEO, zum Beispiel von Volkswagen, und wir geben den Unternehmen das Kapital.

Kilian Niemarkt: Wenn ein Unternehmen in meinem Portfolio schlecht geratet ist, dann leuchtet dies bei meinen Investoren direkt rot auf. Aber ESG-Ratings sind nicht zwingend äquivalent mit der ESG-Wahrheit, und durch unsere Due Diligence kann ich gegenüber den Investoren auch das schlechtere Rating verteidigen.

Saida Eggerstedt: Frankreich fordert für einen nachhaltigen Fonds unter Socially Responsible Investment (SRI) deutliche Ausschlüsse und lässt hierfür nur 80 Prozent oder weniger des Anlageuniversums zur Auswahl zu. Ich möchte noch einmal auf Volkswagen zurückkommen. Der Konzern hat sich in den vergangenen Jahren in einigen E- und S-Bereichen verbessert, gerade auch in Bezug auf HR-Aspekte. Damit verbessert sich inzwischen nicht nur die Margin, sondern auch die damit verbundenen Green Credentials. Ich halte es für wichtig, dass die ESG-Ratingagenturen beim Blick auf solche Unternehmen stärker eine Forward-Perspektive einnehmen: Ausgaben für Green Technology, EVs und nachhaltige Batterien, Training der Belegschaft, ESG- verbundene Remuneration und so weiter.Thomas Kieselstein: Ich kann den Punkt von Frau Eggerstedt nachvollziehen, dass es sinnvoll ist, wenn Asset Manager und Daten-Provider gemeinsam auf ein Unternehmen schauen und die Key Issues identifizieren. Bei großen Anlageuniversen und der Vielzahl der Datenquellen stellt dies natürlich eine Herausforderung dar, daher müssen Asset Manager, die ein Portfolio auf Basis dieser Daten zusammenstellen, die Datenqualität immer im Auge behalten.

David Wenicker: Nachhaltige Indizes haben dazu beigetragen, die verschiedenen Facetten des nachhaltigen Investierens strukturiert zu erfassen und damit vergleichbar zu machen. Anleger können heute auf eine Vielzahl verschiedener Nachhaltigkeitsstrategien im Aktien- und Anleihebereich zugreifen und ihre Präferenzen dadurch zum Ausdruck bringen. Die kontinuierliche Zunahme von ESG-Daten versetzt Indexanbieter in die Lage, immer granularer vorzugehen und vielfältigere Nachhaltigkeitsstrategien zu entwickeln, zu denen ETFs einen liquiden, transparenten und effizienten Zugang geben können. Sie haben dazu beigetragen, mehr Transparenz im Markt zu schaffen, nicht nur bei nachhaltigen ETFs, sondern auch in der Breite der Investments.

 

Nicht ESG-Ratings, sondern langfristige Transformationsstrategien sind entscheidend.

 

Herr Striegler, an welchen Stellen ist Ihr Bedarf an ESG-Daten noch nicht gedeckt?

Heinz-Thomas Striegler: In entwickelten Märkten sind wir mit Unternehmensdaten gut ausgestattet. Schwieriger sieht die Datenlage bei Emerging Markets aus, doch das hängt auch mit unseren Anforderungsprofilen zusammen. Wir haben zwar unser Gerüst mit Ausschlüssen und Engagement, müssen aber immer im Einzelfall überlegen, was das richtigere Verfahren ist. Beispiele sind der Korruptionsindex für Staatsanleihen oder andere Indizes, die sich auf Menschenrechtsthemen beziehen. Dabei nutzen wir die Erfahrungen aus Beiräten besonders nachhaltiger Publikumsfonds und damit die Daten anderer Provider. Auch wenn Länder noch nicht vollständig unseren Standards entsprechen, sich aber in diesen Kriterien über mehrere Jahre kontinuierlich verbessern, setzen wir deren Staatsanleihen auf die Liste der erwerbbaren Bonds. Zudem versuchen wir als Kirche, über Engagement-Ansätze unsere Datensituation zu erweitern. Vielleicht können wir künftig eine gemeinsame kirchliche Plattform für Daten zu sozialen und Menschenrechtsthemen aufbauen.

Steffen Sihler: Wir müssen unsere Prozesse mit Bezug zu Nachhaltigkeitsdaten standardisieren und uns fokussieren. Uns geht es in der Steuerung der Kapitalanlagen vor allem um zwei quantitativ abgeleitete Nachhaltigkeitskriterien. Das Wesentliche ist der CO2-Fußabdruck. Dazu bekomme ich für Aktien und Unternehmensanleihen die benötigten Informationen. Aber schon bei Staatsanleihen stehen wir datenseitig blank da. Intern wollen wir auch die illiquiden Asset-Klassen beim Thema CO2-Emissionen treiben, doch dafür müssen wir erst einen Ansatz entwickeln, was viel Zeit kostet und Kapazitäten bindet. Das zweite aktiv gesteuerte Nachhaltigkeitskriterium ist Governance. Auch hier fragen wir uns, wie wir bei Immobilien und Alternative-Investments herangehen wollen, um ein internes Governance-Rating zu entwickeln. Eine Herausforderung ist, alle Aspekte und Kriterien so zu standardisieren, dass die Lösung für das gesamte Portfolio und alle Gesellschaften passt.

Heinz-Thomas Striegler: In der aktuellen Krise war es für alle evangelischen Investoren im AKI hilfreich, zu sehen, dass russische Staatsanleihen ohnehin ausgeschlossen waren. Anders sah das bei russischen Unternehmen aus, doch deren Anteil in unseren Portfolios war verschwindend gering. Ich mache mir aber schon Gedanken, was passiert, wenn sich der China-Taiwan-Konflikt verschärfen sollte und wir der Sanktionsmechanismuslogik folgen müssten. Ich gebe meinen Fondsmanagern jetzt schon die Denkaufgabe mit, zu überlegen, wie wir im Portfolio darauf reagieren.

Thomas Kieselstein: Das ist aber die Quadratur des Kreises. Es war sehr konsequent, Russland aus dem Portfolio auszuschließen. Mit ähnlichen Kriterien müsste man aus heutiger Sicht auch Länder wie China angesichts der Menschenrechtssituation ausschließen.

Heinz-Thomas Striegler: Chinesische Staatsanleihen waren für uns schon immer ausgeschlossen.

Thomas Kieselstein: Aber auch die großen chinesischen Konzerne sind oft zum überwiegenden Teil in staatlichem Besitz oder werden sehr stark durch staatliche Direktiven gelenkt, gerade bei Menschenrechtsthemen wie zum Beispiel Zensur in Social Media. Besonders konsequent wäre es daher, auch chinesische Aktien auszuschließen. Im Gegensatz zum Rentenmarkt spielt China bei Aktienindizes jedoch eine so große Rolle, dass die meisten Investoren vor einem Ausschluss zurückschrecken. Aber wenn sich die Situation in China noch weiter verschlimmert, dann müsste man solche Titel aus einem aktiven nachhaltigen Portfolio herausnehmen. Feste Ausschlüsse oder Gremienarbeit sind hier je nach Situation nicht die richtigen Instrumente, denn eine Krise, wie der Krieg Russlands gegen die Ukraine, kann sich innerhalb von Tagen zuspitzen. Hier müssen wir schauen, wer in einer solchen Situation für die Governance zuständig ist. Ist es der Mandatsgeber, der Fondsmanager, der Index-Provider?

Stefan Hüttermann: Einige unserer Kunden haben bereits 2014 nach der Annexion der Krim ihr Russland-Engagement stark reduziert. Aus heutiger Sicht war das natürlich sehr vorausschauend. Heute überlegen Anleger, welche geopolitischen Folgen der Russland-Ukraine-Konflikt für andere Regionen der Welt haben könnte und wie ihre Anlagen dadurch betroffen sein könnten. Uns erreichen Anfragen nach Simulationen und Performance-Backtests unserer Standardindizes bei gleichzeitigem Ausschluss einer einzelnen Region. Wichtig bleibt festzuhalten, dass der Anstoß zu solchen Überlegungen immer von der Investorenseite kommt und nicht von MSCI.

Heinz-Thomas Striegler: Wir haben erst vor kurzem auf der AKI-Jahreskonferenz darüber diskutiert, wie wir mit Unternehmen in totalitären Regimen in Zukunft umgehen wollen. Tatsächlich lebt heute über die Hälfte der Weltbevölkerung in solchen Regimen. Ein mir gut bekannter Nachhaltigkeitsfonds arbeitet hier tatsächlich konsequent mit Ausschlüssen. Doch für uns als Investor stellt sich aus ökonomischen und ethischen Kriterien die Frage, ob wir die Mehrheit der Weltbevölkerung einfach aus unserem Portfolio ausschließen wollen. Ich meine nein. Damit begäben wir uns auf den schwierigen Weg, zu schauen, wie wir differenzieren wollen. Für mich gehören Unternehmen, die für schwere Menschenrechtsverletzungen bekannt sind, auf die Ausschlussliste. Doch auch Unternehmen, die generell akzeptabel sind, verarbeiten Teilprodukte von Unternehmen, die wir ausschließen. Hier ist die Datenlage sehr schwierig und intransparent. Ein zweiter Punkt ist die Urteilsbildung. Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß, sondern besteht auch aus vielen Graubereichen. Dort müssen wir Transparenz hineinbringen und einen gangbaren Weg finden.

Thomas Kieselstein: Transparenz ist und bleibt ein entscheidender Faktor, auch in der Regulierung wie etwa der Diskussion über die EU-Zulassung von Gas als nachhaltiger Energiequelle. Wir müssen in den kommenden 20, 30 Jahren die CO2-Emissionen drastisch und dauerhaft reduzieren.

Kilian Niemarkt: Wir kritisieren an der EU-Taxonomie, dass sie eine rückwärtsgewandte Perspektive verfolgt und sich auf Klimaaspekte beschränkt, ohne dass Human Capital oder Innovation berücksichtigt ist. Wir als Investoren und Asset Manager sollten zukunftsorientiert agieren.

Saida Eggerstedt: China spielt eine wichtige Rolle, denn das Land versorgt die gesamte Welt. Wir sprechen oft mit internationalen Unternehmen, die in China selbst produzieren, sowie mit deren Zulieferern und den Kunden der Firmen in China und dem asiatischen Raum, um die Situation längerfristig nachhaltig zu verbessern. Viele westliche Unternehmen fordern diese Veränderungen vor Ort und proaktiv innerhalb ihrer Lieferketten. Chinesische Unternehmen wie Tencent und Lenovo versuchen wir zu motivieren, in China vermehrt erneuerbare Energien zu nutzen. Mit diesen Schritten und auch durch Investitionen in neue Green Bonds versuchen wir, die Entwicklung in China konstruktiv zu unterstützen.

 

Wie weit gehen Sie beim Thema Engagement?

Heinz-Thomas Striegler: Wir im AKI der evangelischen Kirche machen Engagement auf mehreren Ebenen, einmal insgesamt, dann auch in mehreren Fachgruppen, etwa zu Klima- oder Lieferketten. Wir konnten schon in den ersten Gesprächen mit deutschen Konzernen durch unsere Fragen Transparenz herstellen, etwa zur Kautschukproduktion oder der Lithiumförderung. Die Unternehmen haben ihrerseits gelernt, dass sie selbst auch Einfluss auf die Zulieferer im Hinblick auf ESG-Kriterien ausüben können. Für den Austausch mit internationalen Unternehmen arbeiten wir mit Providern zusammen. Anfangs haben sie in ihren Berichten vor allem auf Governance abgezielt, aber uns interessierten auch soziale und Umweltthemen, und hier haben unsere Provider bei Umfang und Qualität des Reportings deutlich nachgelegt.

Kilian Niemarkt: Das Beispiel zeigt, welchen Einfluss Asset Owner auf die Unternehmen haben. Vor allem in den letzten drei, vier Jahren haben sie ihre ESG-Ziele deutlich besser gegenüber den Unternehmen durchsetzen können. Engagement bringt uns auf verschiedenen Ebenen weiter. Wir als Asset Manager begrüßen engagierte Asset Owner, damit wir Engagement gegenüber den Unternehmen vorantreiben können.

David Wenicker: Besser ist es nach unserem Verständnis, in einen konstruktiven Dialog mit den Unternehmen zu treten. Wir sprechen Unternehmen direkt auf die Schlüsselaspekte verantwortungsbewusster Governance-Praktiken an, auch auf das Management umwelt- und sozialrelevanter Faktoren, die wirtschaftliche, betriebliche oder reputationsbezogene Auswirkungen auf das Unternehmen haben könnten. Durch den ständigen Dialog können wir als langfristiger Anleger den Unternehmensansatz besser verstehen und Feedback geben. Wir üben unser Stimmrecht aus, um Aufsichtsgremien für ihr Handeln oder Nichthandeln in wesentlichen Governance-Angelegenheiten zur Rechenschaft zu ziehen.

Heinz-Thomas Striegler: Ein anderes Beispiel für unser Engagement ist ein deutscher Autobatteriehersteller. Das junge Unternehmen produziert nicht nur Batterien, sondern arbeitet auch an einem Recyclingsystem. Hier engagieren wir uns, weil wir die Idee des Batterierecyclings sehr begrüßen. Wir haben noch nicht alle unsere Ziele durchgesetzt, die wir auch für dieses Unternehmen haben, zum Beispiel Nachhaltigkeitsfaktoren in der Managementvergütung. Bei anderen Unternehmen wie deutschen Banken sind wir da schon weiter.

Kilian Niemarkt: Die Managementvergütung ist ein wichtiger Ansatz, um Nachhaltigkeitsziele in einem Unternehmen durchzusetzen.

Steffen Sihler: Hier sind wir noch sehr zurückhaltend. Zwar machen wir uns auch Gedanken darüber, was wir machen können, aber wir sind in der Situation, dass wir uns nicht so einfach mit Wettbewerbern zusammenschließen können. Wir müssen uns also entscheiden, ob wir Engagement selbst betreiben oder gar nicht. Zudem müssten wir Engagement immer wieder nachhalten und Ziele für uns definieren. Da sind wir im Augenblick an dem Punkt, dass unser Anteil am Gesamtportfolio, den ich engagen kann, noch relativ klein ist. Hier muss ich den Manpower-Aufwand abwägen, den ich einsetze. Zugleich haben wir aktuell einen hohen Aufwand in der Regulatorik, weil wir extrem viele Kennzahlen rechnen und nachhalten müssen, vor allem für die EU-Taxonomie-Offenlegungsverordnung. Weiter haben wir UN PRI unterschrieben, dort geht es um ein Entwicklungsreporting. Wir haben also ganz viele Baustellen im Bereich der Nachhaltigkeit, die wir vorantreiben müssen. Wir müssen deshalb unsere personellen Kapazitäten gut abwägen und manche regulatorischen Themen priorisieren, dagegen Engagement noch zurückstellen. Und zu all dem kommen immer auch die Abstimmungsrunden innerhalb unseres W&W-Konzerns. Hier stoßen wir immer wieder auf unterschiedliche Interessen und Ziele. Ein Beispiel ist unsere Krankenversicherung, die teilweise andere Ideen hat, wie wir an das Thema ESG herangehen sollten. Die sagt uns beispielsweise, wir sollten mehr in Medizintechnik investieren, doch wir als Asset Manager müssen das mit den Präferenzen der anderen Gesellschaften in unserem Konzern in Einklang bringen.

 

Wie bewerten Sie die Regulatorik zu ESG und Nachhaltigkeit in Deutschland und der EU?

Steffen Sihler: Egal was ich von der Regulatorik im Einzelnen halte: Ich muss sie umsetzen und habe gar nicht die Möglichkeit, abzuwägen, an welcher Stelle sie sinnvoll ist und wo nicht.
Thomas Kieselstein: Das ist sicher richtig, aber Investoren haben natürlich die Wahl, ihre eigenen Schwerpunkte zu setzen. Neben der regulatorischen Pflichterfüllung ist es wichtig, die selbst gesetzten Nachhaltigkeitsziele nicht aus den Augen zu verlieren.

Heinz-Thomas Striegler: Als kirchlicher Investor begrüße ich grundsätzlich die Regulatorik. Ich stelle fest, dass die Investment-Häuser, mit denen wir zusammenarbeiten, die Teams für Nachhaltigkeit immer mehr aufgestockt haben. Ich bin froh, wenn die Investment-Provider mir für Themen im Graubereich unterschiedliche Lösungsansätze vorschlagen. Wir sehen über unseren evangelischen AKI, wie kontrovers die Diskussion über die zu präferierenden Nachhaltigkeitsaspekte schon auf EU-Ebene verläuft. Natürlich sind Umweltschutz und Klima sehr wichtig, aber soziale Aspekte dürfen wir dabei nicht vergessen, denn für die Transformation von Unternehmen brauchen wir sie. Die Menschen müssen wir auf diesem Weg mitnehmen.

 

Diverse ESG-Ratings und -Daten fördern die objektive Bewertung von Unternehmen.

 

Herr Hüttermann, wie bewertet MSCI Unternehmen mit einem schlechten CO2-Fußabdruck, aber einer guten Transformationsstrategie?

Stefan Hüttermann: Einen einfachen Weg für Investoren, ihren CO2-Fußabdruck kurzfristig zu verbessern, stellt der Ausschluss der zum Beispiel zehn Unternehmen mit dem größten CO2-Ausstoß in ihrem Portfolio dar. Ein solches Vorgehen unterstützt jedoch nur bedingt das Erreichen eines Klimaziels von 1,5°C Erderwärmung. Hintergrund ist, dass in einigen Fällen nicht börsengelistete Firmen diese Abspaltungen erwerben und weiter betreiben und nutzen. So lassen sich zu Lasten der Gesellschaft überdurchschnittliche Renditen erzielen, ohne sich gegenüber externen Stakeholdern rechtfertigen zu müssen. Daher ist für viele Kunden Engagement, also der aktive und zielgerichtete Dialog mit ihren Portfoliounternehmen, ein wichtiges Thema, und sie möchten die Unternehmen auf ihrem Dekarbonisierungspfad begleiten und unterstützen. Investoren erkennen zunehmend, dass Desinvestment und Ausschlüsse nicht ausreichen auf dem Weg zu einer Net-Zero-Gesellschaft.

Thomas Kieselstein: Ich beobachte, dass manche Indexanbieter in den vergangenen Jahren aktive Investment-Entscheidungen in ihren Indizes – und damit die Benchmark für Investoren – bereits vorgeben. Einige Anbieter sprechen darüber hinaus in Brüssel mit den EU-Behörden, wenn es um das Definieren von Klima-Benchmarks geht.

Stefan Hüttermann: Es ist richtig, dass auch MSCI-Vertreter an den Technical Expert Groups TEG der EU-Kommission in Brüssel teilgenommen und ihr Fachwissen in die Diskussionen um zukünftige Regulierung eingebracht haben. Es ist in diesem Zusammenhang wichtig festzuhalten, dass MSCI den Investoren nicht bestimmte Indizes vorschreibt oder empfiehlt. Vielmehr entscheiden sich Anleger nach Beratung und Due Diligence etwa für den MSCI Climate Paris Aligned Index, wenn sie ihr Portfolio nach den Vorgaben des Pariser Klimaabkommens von 2015, die Erderwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, ausrichten möchten.

Heinz-Thomas Striegler: Wir erhalten inzwischen viele Berichte darüber, wie der CO2-Fußabdruck unserer Portfolios aussieht. Dort bekommen wir zum Beispiel als Ergebnis genannt, dass der CO2-Ausstoß unseres Portfolios nur etwa 60 Prozent der Benchmark betrage. Mir schwebt vor, in Zukunft ein Portfolio zu managen, das komplett Paris-aligned ist. Das ist natürlich ein Weg. An dessen Ziel gelangen wir nicht, wenn wir immer nur pauschal die zehn schlechtesten Werte ausschließen, denn dann müssten wir die Zementhersteller und die Energieversorger immer direkt ausschließen. Tatsächlich lassen sich bei diesen Unternehmen möglicherweise die größten Fortschritte im Hinblick auf einen verringerten CO2-Ausstoß erreichen. Und ich kann bewirken, dass positive Nachhaltigkeitsbewegung in mein Portfolio kommt.

Saida Eggerstedt: Wir achten sehr darauf, wie klimaschonend Unternehmen handeln. Hier wenden wir Ansätze wie den CO2-Fußabdruck und den Grad der Dekarbonisierung an. Ein Trend ist derzeit grüner Wasserstoff als Energiealternative, vor allem für den Schwerlasttransport. Und natürlich legen wir großen Wert auf Energieeffizienz und einen geringen Wasserverbrauch. Wir bewerten es positiv, wenn ein Unternehmen heute im Hinblick auf Klimaschutz und Energieverbrauch hohe Investitionen tätigt und davon vielleicht erst übermorgen profitiert. Umgekehrt befürworte ich Ausschlüsse von Unternehmen, die sich seit Jahren der Berücksichtigung von ESG-Kriterien verweigern. Die „MSCI Implied Temperature Rise“-Methodologie vermittelt einen Überblick, wie das Dekarbonisierungsbestreben eines Unternehmens auf die Erderwärmung wirkt und ob ein Portfolio in Einklang mit den Pariser Klimazielen investiert.

Kilian Niemarkt: Nehmen Sie als Beispiel ein Unternehmen, das eine Kupfermine betreibt! Auf der einen Seite weist es eine schwierige ESG- und Energiebilanz auf. Auf der anderen Seite kann die Welt ihre Net-Zero-Ziele bis 2050 ohne Kupfer nicht erreichen. Das Metall ist von zentraler Bedeutung für die Produktion von batteriebetriebenen Elektroautos sowie Offshore-Windparks.

Thomas Kieselstein: Aus meiner Sicht eignet sich für die Bewertung solcher Unternehmen der Scope-3-Ansatz aufgrund der viel zu ungenauen Datenlage kaum, und auch die verschiedenen Datenmodelle sind sehr kompliziert. Bei Scope 3 geht es neben direkten Treibhausgasemissionen aus eigenen oder kontrollierten Quellen sowie neben indirekten Emissionen aus der Erzeugung von gekauftem Strom, Dampf, Wärme und Kühlung um alle anderen indirekten Emissionen, die in der Wertschöpfungskette eines Unternehmens entstehen. Deshalb schauen wir für die Zukunftsperspektive lieber auf Innovationen wie neue Patente.

 

Versicherungsgesellschaften und Vorsorgeeinrichtungen haben auch Verpflichtungen zu erfüllen. Bringt eine ESG-Strategie Rendite?

Heinz-Thomas Striegler: Über einen längeren Betrachtungszeitraum kostet ESG keine Rendite. Kurzfristig mag das anders laufen wie in diesem Jahr. Langfristig konnten und können wir Risiken dank unserer hohen Transparenz im Portfolio vermeiden. Das Achten auf ethisch-nachhaltige Werte im Investment fördert die Transparenz, und die schützt uns vor Risiken.Stefan Hüttermann: Herr Striegler, Sie haben gerade mit Langfristigkeit und Risiko zwei entscheidende Punkte genannt. Wir bei MSCI haben immer die Position vertreten, dass Investoren das Thema ESG in einem breiteren Kontext und nicht als reine Quelle für Alpha betrachten sollten.Thomas Kieselstein: Hier sollten wir uns die Frage nach der Henne und dem Ei stellen. Nachhaltige Unternehmen besitzen eine höhere Stabilität und bergen weniger Risiken in sich und sind am Kapitalmarkt etwas teurer bewertet. Umgekehrt sind weniger nachhaltige Unternehmen mit mehr Risiken etwas billiger bewertet. Viele Untersuchungen zeigen, dass klassische Risikofaktoren wie Value, Size und Quality stärker auf die Bewertung am Kapitalmarkt wirken, während der messbare Nettoeffekt von ESG auf diese Bewertung relativ gering ist. Trotzdem haben Sie natürlich recht, dass sich über zukunftsgerichtete Faktoren, die am Markt noch nicht bepreist sind, eine Zusatzrendite erwirtschaften lässt. Hier kommt es auf die zugrunde liegenden Modelle oder die Kompetenz des Analysten oder Fondsmanagers an, etwas zu erkennen, was der Markt noch nicht erkannt hat.
Wir sollten uns aber von dem Gedanken verabschieden, dass sich eine Mehrrendite erzielen lässt, indem man einfach weithin bekannte ESG-Werte kauft. Zudem könnte die neue Regulatorik die positive Wirkung von ESG künftig verwässern.

Steffen Sihler: Der Versicherungsverband GDV hat im März letzten Jahres eine Analyse zu ESG-Investments vorgestellt. Das Gesamtergebnis war, dass ESG-Investments grundsätzlich keinen Nachteil bringen. Das ist für mich im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Mehrwert ein positiver Aspekt. Ich brauche bei Nachhaltigkeit keine zusätzliche Performance, mir genügt es, wenn mir daraus keine Nachteile erwachsen. Für uns bringt es einen Vorteil, das Portfolio in Richtung ESG zu treiben.

David Wenicker: Neben den langfristig positiven Auswirkungen, die die Berücksichtigung von Klimarisiken für Portfolios haben könnte, haben wir auch gesehen, dass sich nachhaltige Anlageprodukte in turbulenten Marktphasen vergleichsweise resilient verhalten. Das Fondsanalysehaus Morningstar hat mit einer Studie belegt, dass im ersten Quartal 2020, als der Corona-Schock die Märkte traf, 90 Prozent der nachhaltigen ETFs eine höhere Rendite erzielen konnten als vergleichbare traditionelle ETFs. Das mag eine punktuelle Beobachtung sein. Dennoch zeigen die Ergebnisse, dass die Integration von Nachhaltigkeitsfaktoren zu höherer Widerstandsfähigkeit des Portfolios beitragen kann.

Aktuelle Beiträge

dpn Newsletter – Kompetent & unabhängig – Jede Woche neu
Jetzt anmelden »
dpn Newsletter
Jetzt anmelden »
Kompetent – unabhängig – jede Woche neu