dpn: Dass die Bundesregierung eine deutschlandweite Infrastrukturquote einführen will, dürfte Sie freuen. Immerhin haben Sie in Nordrhein-Westfalen bereits seit einigen Jahren eine.
Dr. Ulf Steenken: Ja, den Vorstoß begrüße ich natürlich. In Nordrhein-Westfalen haben wir 2021 die Infrastrukturquote eingeführt und bisher durchweg positive Erfahrungen gemacht. Wir haben uns als Aufsichtsbehörde schon länger gewünscht, dass die Anlageverordnung angepackt wird. Es ist ein riesiger Vorteil, dass eine Infrastrukturquote bundesweit eingeführt werden könnte und wir künftig ähnliche Zustände in allen Ländern haben. Ich freue mich darüber, wenn es Anpassungen gibt, die wir für sinnvoll halten und wo wir bereits gute Erfahrungen gemacht haben. Unsere Versorgungswerke können ihre Infrastruktur-Investments aber auch anderen Quoten zuordnen. Wir wollten Flexibilität schaffen, weil wir die Vorteile dieser Anlageklasse wie zum Beispiel die Diversifikation gesehen haben. Es hat sich gelohnt, dass wir den Versorgungswerken Handlungsspielräume gelassen und ihnen so Vertrauen entgegengebracht haben, die Quote eigenverantwortlich zu nutzen. Bei aller Eigenverantwortung: Die Versorgungswerke zählen zu der ersten Säule der Altersversorgung. Entsprechend sicher sollte die Kapitalanlage sein. Deswegen haben wir höhere Anforderungen an das Risikomanagement der Werke. Und wir haben die Quote mit einer Nachhaltigkeitsstrategie verbunden, für die wir Vorgaben gemacht haben.
Wie war die Nachfrage nach der Quote in NRW?
Wir waren sehr überrascht, wie schnell die ersten Anträge gestellt wurden. Wir haben den Erlass im März 2021 rausgegeben und bekamen im selben Monat die ersten zwei Anträge auf Genehmigung. Das wurden dann relativ schnell immer mehr. Wir haben insgesamt 15 Versorgungswerke in NRW und alle haben die Quote beantragt. Zum 30. Juni dieses Jahres war die Quote zu durchschnittlich 3,11 Prozent befüllt, mit steigender Tendenz.
Möglich sind aber 5 Prozent und auch die bundesweite Quote wird 5 Prozent groß sein. Reicht das aus?
Absolut. In die Infrastrukturquote können nun weitere 5 Prozent des Anlagebestands gepackt werden. Teilweise haben Versorgungswerke bereits deutlich höhere Infrastruktur-Investments von manchmal sogar über 10 Prozent, die sie auf andere Quoten verteilen. Ob die in der Risikokapitalquote, in der Immobilienquote, in der Infrastrukturquote oder auch in der Öffnungsklausel oder der Erweiterung der Öffnungsklausel sind: Alles ist mit der Anlageverordnung vereinbar. Hinzu kommt noch die Erhöhung der Risikokapitalquote auf 40 Prozent. Mit den beiden Öffnungsklauselerweiterungen sind es 50 Prozent. Dann kommt noch die Infrastrukturquote mit 5 Prozent hinzu. Das macht 55 Prozent. Mit 25 Prozent Immobilienquote sind es 80 Prozent. Das muss alles auch irgendwo passen. Denn neben illiquiden langfristigen und riskanteren Investments sollte es auch noch ein paar liquide und risikoärmere Investments geben. Wir haben gemeinsam mit den Versorgungswerken einen Stresstest entwickelt, mit dem wir uns die einzelnen Investments genau anschauen und sehen, was an Infrastruktur oder anderen Assets enthalten ist.

Info
Dr. Ulf Steenken ist Ministerialrat und Referatsleiter Versicherungsaufsicht des Landes Nordrhein-Westfalen beim Ministerium der Finanzen des Landes Nordrhein-Westfalen. Dort ist er seit fast 20 Jahren beschäftigt. Seit November 2021 sitzt er zudem im Anlageausschuss des Pensionsfonds des Landes Nordrhein-Westfalen. Vor seinem Jurastudium an der Universität Passau, das er mit der Promotion abschloss, absolvierte Steenken eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank.
Wie sieht der Stresstest aus?
Es gibt den BaFin-Stresstest, der für Versicherungsunternehmen, Pensions- oder Sterbekassen entwickelt wurde. Der passte für unsere Versorgungswerke aber nie so genau. Deshalb haben wir gemeinsam mit den Versorgungswerken einen Stresstest 2.0 eingeführt, bei dem das tatsächliche Investment im Vordergrund steht. Denn da Versorgungswerke immer mehr in anderen Anlageklassen investieren, kam die Frage auf, wie Private Equity, Private Debt oder auch Infrastruktur-Investments zu stressen sind. Unser Test baut auf dem Maximum-Drawdown-Ansatz auf. Wir haben nach Indizes gesucht, die uns verlässliche tagesbezogene Daten für die relevanten Anlageklassen liefern. Mit ihnen rechnen wir das Ist-Portfolio fiktiv bis bestenfalls 2001, mindestens jedoch bis 2006 zurück, ermitteln den maximalen Rückschlag sowie das All Time High und vergleichen beides mit dem aktuellen Kurs. Wenn wir einen Maximum Drawdown von 15 Prozent haben, der Kurs aber schon 3 bis 4 Prozent vom All Time High gefallen ist, ziehen wir diesen Rückgang ab, und es verblieben 11 Prozent, mit denen wir stressen würden. Wir haben allerdings auch gesehen, dass es regelmäßig nach einem absoluten Tiefpunkt relativ schnell innerhalb von einem Quartal zur Erholung kam. Diesen Recovery-Faktor haben wir auch noch abgezogen. Im Ergebnis sind die Eigenmittelanforderungen trotzdem deutlich höher, als wir es bisher vorgeschrieben und als Versorgungswerke vielleicht berücksichtigt haben. In bestimmten Anlageklassen sind einfach mehr Eigenmittel nötig.
Der Begriff Infrastruktur wird nicht wirklich definiert. Woher weiß ein Versorgungswerk denn, was hineindarf?
Die Frage haben wir uns auch gestellt. In Nordrhein-Westfalen orientieren wir uns als Untergrenze an unserer Nachhaltigkeitsstrategie und haben mit den Versorgungswerken eine Antragslösung konstruiert: Wenn sie die Quote nutzen wollen, dann sollen sie uns sagen, was sie unter Infrastruktur und was sie unter Nachhaltigkeit verstehen. Sie sollen uns eine Nachhaltigkeitsstrategie vorlegen und einmal jährlich berichten, wie die Infrastruktur-Investments da hineinpassen. Das ist eine offene Lösung, bei der wir wenig vorgegeben haben. Da es nicht nur in Deutschland, sondern europaweit viele Diskussionen gibt und sich Standards immer weiterentwickeln, ist es sinnvoll, das den Versorgungswerken zu überlassen. Solche Spielräume bieten zudem die Möglichkeit, viel ambitionierter vorzugehen, als nur den Mindeststandard einzuhalten. Zudem könnten wir nachsteuern, auch wenn das bisher nicht notwendig war.
Patrick Daum ist Chef vom Dienst bei dpn-online. Er berichtet über alle Themen rund um das institutionelle Asset Management.

