dpn: Sie leiten die globalen Investment-Aktivitäten in Energieinfrastruktur bei Actis. Das klingt danach, als ob Sie ziemlich viel unterwegs wären.
Lucy Heintz: Das bin ich auch, reisen ist wichtig. Zwar fließen zwei Drittel des von Anlegern für Investitionen zur Verfügung gestellten Kapitals in die USA oder nach Westeuropa. Unser Hauptfokus liegt auf dem restlichen Drittel – Zentral- und Südamerika, dem Mittleren Osten sowie Afrika, Zentralosteuropa und Asien inklusive Japan. In diesen Regionen leben immerhin 85 Prozent der Weltbevölkerung, und wir erwarten, dass von dort in Zukunft ein Großteil des weltweiten Wirtschaftswachstums sowie die größte Nachfrage nach Infrastruktur, insbesondere im Energiebereich, herkommen werden. Wir investieren schon seit 20 Jahren in nachhaltige Infrastruktur in diesen Regionen und können einen entsprechend starken Track Record aufweisen. In dieser Zeit haben wir 25 Energieerzeugungsunternehmen aufgebaut und sind zu einem vertrauenswürdigen Partner in den jeweiligen Märkten geworden. Wachstumsmärkte haben in der Regel einen schlechten Zugang zu und gleichzeitig eine hohe Nachfrage nach Elektrizität. Der Bedarf an Investments in die Energieinfrastruktur insbesondere im Bereich erneuerbare Energie ist in diesen Regionen gigantisch.
Was muss ein Infrastrukturobjekt mitbringen, um in Ihr Portfolio zu gelangen?
Ein Beispiel aus Indien: Die Regierung will die Leistung erneuerbarer Energie bis 2030 von aktuell 420 auf 500 Gigawatt ausbauen. Diese riesigen Ambitionen sind in einen verlässlichen regulatorischen Rahmen eingebettet, welcher die Basis für Investments in dieser Region ist. Dadurch sind sie transparenter und für uns und unsere Investoren viel besser planbar. In diesem Umfeld errichten wir derzeit eine Plattform für erneuerbare Energien, welche wir skalieren und – sobald die Anlagen in Betrieb sind – verkaufen. Dazu erwerben wir Einzelprojekte und Projektportfolios, die sich entweder im Bau befinden oder bereits die notwendigen Baulizenzen erhalten haben. Im Anschluss suchen wir nach geeigneten Standorten und schließen langfristige Abnahmeverträge für die erzeugte Energie ab. Wir planen, in den nächsten Jahren etwa 1 Milliarde Dollar in erneuerbare Energie in Indien zu investieren. Ein exzellentes lokales Management-Team, kombiniert mit einem starken Fokus auf Nachhaltigkeit, insbesondere um die Akzeptanz der einheimischen Bevölkerung zu erhalten, kombiniert mit unserem „Build and Operator“-Ansatz, bildet die Basis unserer Investments. So schaffen wir Mehrwert für die Investoren.
Wer sind Ihre Investoren und warum entscheiden sie sich für Actis?
Unsere globale Investorenbasis besteht insbesondere aus Pensionsfonds, Staatsfonds und Versicherern, aber auch aus Family Offices sowie Stiftungen. Viele dieser Investoren haben das Ziel, ihre bisher auf Europa und Nordamerika fokussierte Infrastrukturallokation zu diversifizieren. Gleichzeitig steht für die meisten auch der Impact-Gedanke im Vordergrund, den wir angesichts unseres Fokus auf die Energiewende ebenfalls mitbringen.
Info
Lucy Heintz leitet die globalen Investment-Aktivitäten in Energieinfrastruktur und ist Fund Head der Actis Energy Funds. Sie ist Mitglied des Actis Investment Committee und Vorsitzende des Actis Inclusion and Diversity Committee. Bevor sie 2001 zu Actis kam, arbeitete Lucy bei UBS Warburg als Direktorin in der Abteilung für Lokalwährungsanleihen aus Schwellenländern. Lucy hat einen M. A. in Politik, Philosophie und Wirtschaft vom Trinity College in Oxford und einen MBA-Abschluss von INSEAD.
Welche Risiken gibt es?
Mehr als die Hälfte der Energieinfrastrukturprojekte in unseren Märkten lauten in Hartwährungen wie Dollar, Euro oder Yen oder sind eng daran gekoppelt. Für Projekte in größeren Märkten wie Brasilien oder Indien greifen wir typischerweise auf lokale Fremdfinanzierungspartner und deren Möglichkeiten zum Funding in lokalen Währungen und regionaler Expertise zurück. Das und unter anderem eine Inflationsindexierung in den Abnahmeverträgen sind wichtige Bausteine für eine deutliche Reduzierung des Inflationsrisikos. Darüber hinaus streben wir den Aufbau eines geographisch diversifizierten Portfolios an. All dies erfolgt im Rahmen einer systematischen makroökonomischen Analyse. Wenn man diese Elemente zusammenfasst, erhält man das Akronym HILDAH – Hartwährung, Inflationsschutz, Locale Debt, Diversifikation, ein systematischer analytischer Makro-Ansatz und Hedging. Hinzu kommt, dass durch die Beimischung von Investments in Growth Markets die sonst typische Fokussierung auf Industrieländer verringert und eine globalere Diversifikation erreicht werden kann.
Wie schaffen Sie es, dabei einen einheitlichen Standard sicherzustellen?
In diesem Geschäft ist es natürlich wichtig, feste Standards zu haben. Diese liegen unseren Investments schon immer zugrunde. Deshalb haben wir auch eine sehr gute Reputation bei Investoren und Marktteilnehmern in den für uns relevanten Märkten. Zudem haben wir inzwischen einen Track Record, der Investoren aufzeigt, dass wir diese Standards – einen starken Fokus auf Governance, strenge Richtlinien und Prozesse sowie Nachhaltigkeit – schon immer gelebt haben und auch in der Praxis anwenden. Das ist ein zentraler Teil unserer Wertschöpfungsstrategie. Darüber hinaus ist es aus unserer Sicht sehr wichtig, gute Beziehungen zur einheimischen Bevölkerung sowie vertrauensvolle Partnerschaften mit den lokalen Stakeholdern aufzubauen und als guter Arbeitgeber aufzutreten. All diese genannten Elemente erhöhen das potentielle Käuferuniversum und damit auch den erzielbaren Verkaufspreis für unsere Investments am Ende der Halteperiode.
Wie wird sich der Bereich Infrastruktur in den kommenden zehn bis 20 Jahren entwickeln?
Das Potential ist enorm, denn wir müssen die Infrastruktur unseres Planeten stetig erneuern und gleichzeitig die Energiewende sowie die digitale Transformation vorantreiben. Die dabei benötigten Investitionen in Infrastruktur, insbesondere für die Energiewende, belaufen sich Analysen zufolge bis 2050 auf etwa 275 Billionen Dollar oder durchschnittlich 9,2 Billionen Dollar pro Jahr, was einem jährlichen Anstieg von bis zu 3,5 Billionen Dollar im Vergleich zum heutigen Niveau entspricht.
Patrick Daum ist Chef vom Dienst bei dpn-online. Er berichtet über alle Themen rund um das institutionelle Asset Management.

