Herr Guse, vor welchen Herausforderungen steht Liebherr im Datenmanagement für die Kapitalanlage?
Timo Guse: Daten stellen für uns gerade im Asset Management einen Schlüsselwirtschaftsfaktor dar. Erfolgsentscheidend sind die Quantität und die Qualität der Daten, aber auch flexibles Reaktionsvermögen und der Schutz vor Cyberangriffen und Desinformation. Und natürlich wollen wir Daten frühzeitig erfassen und effizient nutzbar machen. Unsere Firmengruppe erhebt den Anspruch an das Asset Management und das übergeordnete Group Treasury, dass wir jederzeit in der Lage sind, den Finanzstatus auf Knopfdruck zu generieren und die wichtigsten Liquiditätskennzahlen automatisiert zu überwachen.
Dabei geht es nicht nur um die tägliche Bewertung der Wertpapiere, sondern auch um das Monitoring der Portfoliorisiken und der Performance-Entwicklung auf aggregierter Ebene. Für uns bedeutet das, alle 14 Spezialfonds jederzeit gesamthaft betrachten zu können. Durch die detaillierte Analyse jeder Transaktion und die Aufschlüsselung in verschiedene Transaktionsbestandteile können wir KPIs für jedes Mandat einheitlich berechnen und zu 100 Prozent vergleichbar machen. Erhalten wir von unseren Banken die KPIs nach verschiedenen Berechnungsgrundlagen, ist ein vollumfänglicher fairer Vergleich der Mandate untereinander nicht gegeben.
Wie hilft Ihnen das Monitoring bei der Bewertung von Risiken in Portfolios?
Timo Guse: Betrachten wir Börsenindizes wie den S&P 500. Es sind immer weniger Unternehmen für einen Großteil der Marktkapitalisierung verantwortlich. Immer weniger Titel entscheiden über die Performance des Index. Deshalb wird das Monitoring von Konzentrationsrisiken in Portfolios immer wichtiger. Das umfasst nicht nur die einzelnen Titel, sondern auch die Gesamtallokation. Nur so können wir eine umfassende Kontrolle der Gesamtrisiken und Performance-Beiträge sicherstellen.
Ein weiterer Zweck des Monitorings liegt darin, die Einhaltung der Anlagerestriktionen zu überwachen. Vor der Implementierung unseres Reportings haben wir bei Liebherr lediglich darauf vertraut, dass sich unsere beauftragten Asset Manager bei einem Verstoß der Anlagerichtlinien aktiv melden. Nun haben wir mit der neuen Software die Möglichkeit, Anlagerestriktionen in regelmäßigen Abständen sowohl auf veränderte makroökonomische als auch anlagespezifische Änderungen hin zu überprüfen, zum Beispiel mittels Szenario- und Sensitivitätsanalysen.
Mit welcher Zielvorgabe sind Sie in die Lösungsfindung gestartet?
Timo Guse: Wir wollten zunächst die Umsetzungsvariante des Reportings auswählen. Dafür haben wir auf konsolidierter Ebene und auf Fonds- und Einzeltitelebene definiert, welche Stammdaten und KPIs für eine adäquate Beurteilung des Status quo in der Vermögensaufstellung als Teil des Liquiditätsstatus unerlässlich sind. Das Resultat waren 44 KPIs und Stammdaten in den Kategorien „Basisinformationen“, „Performance“ und „Risiko“. Für zeitliche Vergleiche ist neben der Gegenwart auch die historische Einordnung des Ist-Zustands wichtig. Deshalb musste Liebherr eine Datenhistorie von 30 Jahren in das zukünftige System integrieren.
Ein weiteres Ziel betraf die Struktur des Asset Managements. Es soll so strukturiert sein, dass herausfordernde Kapitalmarktjahre keine Ernüchterung in der Bilanz darstellen und sich in guten Jahren die Früchte ernten lassen. Diesen Herausforderungen werden Szenario- und Sensitivitätsanalysen auf der Basis des realen Echtzeitportfolios am ehesten gerecht. Ebenso das Studium mittelfristiger Megatrends wie das des Klimawandels oder der globalen Migrationsströme oder auch die Untersuchung kurz- bis mittelfristiger Einflussfaktoren auf die Kapitalmärkte. Dafür benötigen wir den Zugang zu Marktdaten und entsprechenden Analyse-Tools.
Wie haben Sie diese Ziele in Anforderungen an das Asset Management und einen künftigen Software-Provider übersetzt?
Timo Guse: Wir haben uns zunächst klargemacht, welche Anforderungen die Zieldestination erfüllen muss, und ein Request for Proposal, ein RFP, erstellt. Nach der Formulierung des RFP und der wesentlichen Fragen begannen wir, den Markt der Softwareanbieter zu analysieren. Dabei wurde uns klar, dass es keine einfache Aufgabe sein wird, eine Lösung zu finden, die unseren Anforderungen und der komplexen Mandatsstruktur von 14 Spezialfonds in fünf Ländern gerecht wird. Eine weitere Anforderung bezog sich auf das Reporting. Es soll multimedial, ortsunabhängig leicht zugänglich und in mehreren Sprachen im Corporate Design verfügbar sein. Zudem sollen sich die Daten durch visuelle Darstellungen leicht verständlich aufbereiten lassen. Zu beachten sind auch die Aspekte Cybersecurity und geopolitische Instabilität. Die Sicherheit und der Standort des Servers sowie die Authentifizierung sind zentrale Kriterien.
Wie sind Sie bei der Suche nach Reporting-Spezialisten vorgegangen?
Timo Guse: Zunächst muss ich sagen, dass Liebherr mit einer Global-Custodian-Lösung nicht zufrieden gewesen wäre. Denn damit hätten wir unsere Unabhängigkeit ein Stück weit aufgegeben. Gäbe es nur noch eine Verwahrstelle, zu der alle Transaktionsdaten von unseren 14 Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVG) fließen, hätte diese den Gesamteinblick in unsere strategische Liquidität bekommen. Für ein global tätiges Unternehmen wie Liebherr mit zahlreichen Bankpartnern wäre eine solche Lösung − trotz Chinese Walls − heikel. Wir müssten damit rechnen, dass Informationen über die Volumina unserer Mandate und über deren Strukturierung ihren Weg nach außen fänden.
Daher hat Liebherr den Markt tiefer analysiert, um europäische Anbieter von Softwarelösungen zu identifizieren, die sich auf das Reporting im Wealth Management spezialisiert haben. Dann kamen noch weitere Anforderungen hinzu: Die wichtigsten Auswahlkriterien von Liebherr für Anbieter von Reporting-Software waren natürlich die Funktionalitäten des Systems. Aber auch die Fragen, ob sich alle geforderten KPIs berechnen lassen, wie lange es das Softwareunternehmen bereits gibt und wie viele Mitarbeitende angestellt sind. Auch waren für Liebherr die Anzahl bestehender Kunden, die Vermögen und die Anzahl bestehender Schnittstellenverbindungen zu seinen Banken entscheidend. Zudem haben wir den Kontakt zu globalen Branchenführern für Marktdaten zwecks Zukunftsprognosen gesucht.
Wie fiel Ihre Entscheidung am Ende aus?
Timo Guse: Um die Zieldestination zu erreichen, haben wir vier Möglichkeiten ermittelt: einen Global Custodian, eine Wealth-Management-Software, einen Marktdaten-Provider mit Reporting-Funktion oder eine Kombination dieser drei Optionen. Der beste Weg für Liebherr war eine Kombination von Wealth-Management-Software und Marktdaten-Provider. Für das Aggregieren der Daten und Erstellen von Analyseberichten haben wir uns schließlich für das deutsche Softwareunternehmen QPLIX entschieden. Zudem haben wir den Marktdatenanbieter Bloomberg für die Durchführung von Ex-ante-Analysen ausgewählt. Die Entscheidung, ob die Schnittstelle zur Verwahrstelle oder KVG gebaut wurde, machten wir davon abhängig, wer von beiden die bessere Datenqualität und -strukturierung bereitstellen konnte.
Was waren für Liebherr die größten Herausforderungen bei der Entscheidungsfindung?
Timo Guse: Um ein Ziel zu erreichen, gibt es unabhängig von der gewählten Route Herausforderungen, die vor einer Entscheidung eines bestimmten Weges anzugehen sind. Das beginnt mit der Frage nach den benötigten historischen Daten und deren Beschaffung. Zudem können Anpassungen von Berechnungsmethoden oder interne Systemwechsel das Gewährleisten von zuverlässigen Daten erschweren. Auch stellt sich die Frage, ob nur Basisdaten oder auch bestimmte KPIs historisch eingepflegt werden sollen. Bei Letzterem muss sichergestellt sein, dass die identischen Berechnungsmethoden und gleichen Zeitperioden angewendet werden.
Unschärfen können zum Beispiel bei der Berechnung von Volatilitäten auftreten, wenn verschiedene Zeiträume betrachtet werden oder wenn bei der Berechnung des Value at Risk von unterschiedlichen Konfidenzniveaus ausgegangen wird. Auch ein Mix aus Netto- und Brutto-Performance-Berechnungen ist häufig zu beobachten. Nur mit Daten auf granularster Transaktionsebene lassen sich Segmentierungen nach Ländern oder Branchen genau darstellen. Ein weiterer, wichtiger Faktor betrifft das Datenformat und den Übertragungsweg ins System, in dem die Daten zu aggregieren und aufzubereiten sind.
Dies trifft insbesondere bei Vermögensverwaltungsmandaten aus mehreren Ländern zu, da beispielsweise Softwareanbieter bereits Schnittstellen zu den lokalen, jedoch weniger zu den ausländischen Banken aufgebaut haben. Der Markt für Software-Reporting-Lösungen befindet sich in einem dynamischen Umfeld, in dem Fintechs mit innovativen Darstellungsmöglichkeiten den Markt beleben.
Das klingt nach vielschichtigen Herausforderungen.
Timo Guse: Absolut! Die Herausforderungen können wir in vier Kategorien zusammenfassen. Zuerst ist da die Rückverfolgung der Mandate bis ins Jahr 1994. Das erforderte eine aufwendige Datenaufbereitung aufgrund von Bankmigrationen, Systemwechseln und dem Wandel der Datenbedeutung im Laufe der Zeit. Dies resultierte in einer Datenaufbereitung, die sowohl zu mehreren Runden bei den Bankpartnern führte als auch Detektivarbeit im physischen Archiv bedurfte. Die zweite Kategorisierung sind die Eigenheiten der jeweiligen Schnittstelle. Jede Schnittstelle zum QPLIX-System hat ihren eigenen Charakter, es gibt nicht die eine Standardschnittstelle. Das liegt daran, dass die Banken uneinheitliche Kernbank- und Reporting-Systeme nutzen und Daten in unterschiedlichen Formaten auf verschiedenen Wegen bereitstellen können.

Der Übertragungsweg im Fall von Liebherr basiert in der Mehrheit auf einer sogenannten SFTP-Schnittstelle, einige wenige Schnittstellen sind auch über SWIFT angebunden. Da es in Zukunft neue Transaktionsarten und Weiterentwicklungen in der Datenverarbeitung und der IT geben wird, ist eine Schnittstelle niemals komplett statisch und wird wiederholt modifiziert. Die dritte Kategorie lautet „heterogene Interessen“. Für den Fortschritt eines solchen Projekts hilft es, sich immer wieder bewusst zu machen, welche Interessen und Prioritäten die Stakeholder des Projektes haben. Auf oberster Ebene haben zunächst das Unternehmen, das das Reporting nutzt, und der Software-Provider Interesse an einer zügigen Projektrealisierung.
Für die Banken bedeutet es erst einmal Arbeitsaufwand ohne unmittelbaren Nutzen. Eine Ebene tiefer kehrt sich das Blatt ein Stück weit um. Wenn eine Bank eine ausgezeichnete Datenlieferung gewährleisten kann und sich engagiert in der Implementierung zeigt, stärkt dies die Gesamtbeziehung zur Bank. Auch spricht sich herum, dass die Bank eine gute Adresse als Verwahrstelle oder KVG ist. Liebherr durfte erfahren, wie engagiert der Großteil seiner Bankpartner hinter dem Projekt stand. Im Laufe des Projekts gab es Fragen, die bankseitig Personen aus den Bereichen IT, Reporting sowie Fonds- und Relationship-Management beantworten mussten. Für die Personen aus den jeweiligen Bereichen, die den Gesamtkontext größtenteils nicht kannten und mit anderen Themen bereits sehr beschäftigt waren, hatte ein Projekt wie jenes von Liebherr nicht immer oberste Priorität. Hinzu kam die Herausforderung, ein gemeinsames Verständnis für ein Problem zu entwickeln.
Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt?
Timo Guse: Der Weg, den die Firmengruppe Liebherr einschlug, war gekennzeichnet durch eine gewisse Länge und einige herausfordernde Passagen. Doch – rückwirkend betrachtet – wurden die Anstrengungen mit einem Zielort belohnt, der noch schöner ist, als wir ihn uns zu Beginn vorgestellt haben. Etwa, wie die täglichen Datenströme ausschauen und wie sie zusammenfließen: Von der KVG oder Verwahrstelle werden die Daten am frühen Morgen über die Schnittstelle zu QPLIX direkt transferiert und dort automatisch verarbeitet.
Eine tägliche manuelle Kontrolle des Datenimports ist unerlässlich, um Importfehler zu identifizieren. Grundsätzlich könnte diese Aufgabe auch QPLIX übernehmen. Aufgrund der gewünschten Unabhängigkeit und einer besseren Sensibilisierung für die Schnittstellen hat sich Liebherr aber dazu entschieden, diesen täglichen Kontroll- und Korrekturprozess selbst durchzuführen. Die 14 Spezialfonds werden in individualisierten PDF-Reports und über ein digitales Dashboard einheitlich aggregiert dargestellt und bieten den unterschiedlichen Adressaten die jeweils relevanten Daten in einem übersichtlichen Format. Zudem hat die Firmengruppe Warnsignale eingerichtet, um das Portfolio zu kontrollieren, um Verletzungen der Anlagerichtlinien oder außergewöhnliche Kursschwankungen zu identifizieren.
Anschließend werden die Bestandsdaten per Schnittstelle an Bloomberg gesandt, um zukunftsgerichtete Szenarioanalysen zu berechnen. Ein Launchpad, das auf aggregierter Ebene erstellt wurde, bietet einen übersichtlichen Blick auf sämtliche relevanten Daten. Starke Kursschwankungen einzelner Wertpapiere werden in Echtzeit signalisiert und mit den entsprechenden Unternehmensnachrichten direkt verknüpft. Automatisiert aus QPLIX heraus, werden die Volumina der jeweiligen Spezialfonds an das Treasury-Management-System übermittelt, so dass ein aktueller Abruf des Finanzstatus auch die aktuellen Werte der strategischen Liquidität beinhaltet.
Welche Erfahrungen nehmen Sie aus dem Projekt mit?
Timo Guse: Das sind ein einige. Interessant war zu erkennen, dass der eingeschlagene Weg der richtige für die Firmengruppe Liebherr war. Alle individuellen Anforderungen ließen sich erfolgreich umsetzen. QPLIX zeigte sich im Aufbau neuer Schnittstellen äußerst dynamisch. Basierend auf den Wünschen der Kunden, wurde das System kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert. Zudem haben die Bankpartner von Liebherr ein hohes Engagement gezeigt. Dies unterstreicht die hohe Bedeutung von langfristigen, partnerschaftlichen Geschäftsbeziehungen. Auch wird ein solches Projekt begünstigt, wenn die Verwahrstelle, die KVG und das Fondsmanagement innerhalb einer Unternehmensgruppe angesiedelt und nicht auf verschiedene Bankhäuser aufgeteilt sind.
KEY FACTS
Was waren die elementarsten Anforderungen von Liebherr an das Reporting-Tool?
- Analysemöglichkeiten:
- Szenario- und Sensitivitätsanalysen
- Berechnung aller geforderten KPIs
- Technische Implementierung:
- webbasierte Softwarelösung
- multimediale Nutzung
- Design:
- graphische Darstellungen nach Währungen, Sektoren, Regionen usw.
- Reports im Corporate Design
- Zusätzliche Entscheidungskriterien:
- Größe und Unabhängigkeit des Softwareproviders
- Reporting in verschiedenen Sprachen
Dr. Guido Birkner ist Chefredakteur von dpn – Deutsche Pensions- und Investmentnachrichten. Seit dem Jahr 2000 ist er für die F.A.Z.-Gruppe tätig. Zunächst schrieb er für das Magazin „FINANCE“, wechselte dann als Studienautor 2002 innerhalb des F.A.Z.-Instituts zu den Branchen- und Managementdiensten, später zu Studien und Marktforschung. Von 2014 bis 2020 verantwortete er redaktionell den Bereich Human Resources in der F.A.Z. BUSINESS MEDIA GmbH. Seit Juli 2019 gehört er der dpn-Redaktion an.

