Das von Bundesfinanzminister Christian Lindner erdachte „Generationenkapital“ – auch bekannt als Aktienrente – hat sicherlich seine Schwächen. Eine ist, dass in der Ansparphase 15 Jahre lang nur zehn Milliarden Euro pro Jahr in einen Fonds fließen sollen. Einen durchschnittlichen jährlichen Zinssatz von 5 Prozent vorausgesetzt, würde sich der Kapitalstock, der ab 2037 ins Rentensystem fließen soll, dann gerade einmal auf etwas mehr als 226 Milliarden Euro summieren. Dennoch ist eine kapitalmarktgestützte Rentensäule als Ergänzung zum umlagefinanzierten gesetzlichen Rentensystem eine sinnvolle Ergänzung.
Der Sozialverband VdK Deutschland ist da jedoch anderer Meinung, wie er Anfang August auf seiner Website kundtat. Die Kritik bezieht sich nicht nur auf die „bescheidenden“ Renditeaussichten des angedachten Kapitalstocks. Sie geht weit darüber hinaus: Von einer „Wette auf die Zukunft“ spricht VdK-Präsidentin Verena Bentele, die „richtig schiefgehen“ könne, wenn in „fragwürdige Aktien“ investiert werde. Stattdessen fordert sie eine Erhöhung des Mindestlohns auf 14 Euro, „damit alle im Alter von ihrer Rente leben können.“ Überrascht von dieser grundsätzlich ablehnenden Haltung gegenüber Aktien hat sich dpn beim Verband nach den Gründen erkundigt.
Grundsätzliche Ablehnung der Aktie
Die etwa zweiseitige Stellungnahme zeigt eine tiefe Ablehnung gegenüber der Aktie. Angefangen bei den Risiken: Demnach fielen die Prognosen zur Entwicklung der Börsenkurse in den nächsten Jahren „eher ungünstig aus“. So erwarte „der Chef des norwegischen Pensionsfonds“ im kommenden Jahrzehnt „rückläufige Renditen an den Finanzmärkten.“ Zudem ist Bentele die „Steuerflucht“ ein Dorn im Auge, denn über den Aktienkauf wanderten Steuergelder in Unternehmen, die wiederum kaum Steuern in Deutschland entrichten. Auch Nachhaltigkeit ist ein Thema. Dass die Anlagen des ersten deutschen Staatsfonds, dem Kenfo, der den Kapitalstock verwalten soll, bis 2050 klimaneutral sein sollen, ist der VdK-Präsidentin zu spät und zu ungewiss. Auch dass Nachhaltigkeitskriterien nur eine Rolle spielten, wenn die „Renditepotenziale bei der Anlage erhalten bleiben“, stößt auf Kritik: „Am Ende zählt also die Rendite und nicht die Rücksicht auf Umwelt, Klima und Soziales?“
Natürlich lässt sich über die erwartete Rendite des Aktienmarktes trefflich streiten. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass er in den kommenden 15 Jahren Gewinne erwirtschaftet, ist keinesfalls gering. Steuerflucht ist ebenfalls ein Thema, auch wenn das in diesem Zusammenhang ein großes Wort ist. Doch um vernünftige Renditen zu erzielen, die dann das Rentensystem stützen, muss das Kapital global investiert werden und fließt natürlich auch in wachstumsstarke Unternehmen, die mitunter weniger Steuern in Deutschland bezahlen. Hier stellt sich die Frage, welches Ziel schwerer wiegt. Gleiches gilt für die nachhaltige Kapitalanlage. Man möge sich nur einmal vorstellen, der Kenfo würde den Kapitalstock ausschließlich nach Nachhaltigkeits- und nicht nach Renditegesichtspunkten investieren und damit am Ende ein dickes Minus erwirtschaften. Verbände wie der VdK wären sicherlich die ersten, die – völlig zu Recht – auf die Barrikaden gehen würden.
Stößt das Rentensystem an Grenzen oder nicht?
Aber es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb der VdK die Aktienrente ablehnt: Er hält sie nicht für nötig. „Die Behauptung, dass die Rente demografisch und finanziell an ihre Grenzen stößt, ist aus unserer Sicht nicht belegt“, heißt es in der Stellungnahme. Im Juni seien 45,7 Millionen Menschen erwerbstätig gewesen – ein Rekordwert. Ende 2022 seien 34,7 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen und hätten in die Rentenkasse eingezahlt. Doch diesen durchaus erfreulichen Status quo als Beleg für ein funktionierendes Rentensystem anzubringen, schlägt fehl. Und nur wenig später widerspricht sich der Verband in seiner Argumentation. Auf die dpn-Frage, ob der Kapitalmarkt nicht eine zusätzliche Säule in der Finanzierung bilden könne, heißt es: „Eine Geldanlage in Aktien rentiert sich, wenn überhaupt, erst nach etwa 30 Jahren. […] Der Engpass entsteht jetzt, in den nächsten Jahren, wenn die Babyboomer-Generation aus dem Erwerbsleben ausscheidet.“ Stößt das Rentensystem mit dem Ausscheiden der Babyboomer demografisch und finanzielle dann also doch an seine Grenzen?
Höhere Löhne als Lösung
Der VdK fordert höhere Löhne. Denn dann werde auch das Rentenniveau an das neue Lohnniveau angepasst und jeder Arbeitnehmer zahle zudem mehr Geld in die Rentenkasse ein. Dieses System werde dem Verband zufolge durch die Aktienrente konterkariert, denn weniger Beschäftigte und eine geringere Bezahlung erhöhten die Gewinne eines Unternehmens und damit die Aktienrendite. „In der umlagefinanzierten Rentenversicherung bedeutet mehr Lohn auch mehr Rente. Bei der Aktienrente wirken sich Lohnsteigerungen negativ auf die Rendite und damit am Ende auch ungünstig auf die Rente aus“, so die These der VdK-Präsidentin. Doch die Unterstellung, börsennotierte Unternehmen würden zur Kostensenkung Mitarbeiter entlassen bzw. Löhne nicht erhöhen ist in der Breite unangemessen und auch nicht nachweisbar. Das Gegenteil ist doch der Fall, Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften. Sie sind es, die die Gewinne der Unternehmen erwirtschaften. Und die vergangenen Tarifverhandlungen haben zu spürbaren Lohnsteigerungen geführt – auch bei börsennotierten Unternehmen.
Statt der Aktienrente schlägt Bentele also vor, den Mindestlohn zu erhöhen: „Wer 45 Jahre zu einem Stundenlohn von 14 Euro gearbeitet hat, erwirtschaftet eine Rente oberhalb des Existenzminimums.“ Dazu sei es allerdings nötig, dass jeder Beschäftigte in das Rentensystem einzahle – auch Beamte und Selbständige. Immerhin: Die SPD will im kommenden Jahr eine Erhöhung des Mindestlohns auf 14 Euro durchsetzen. Und aus Sicht des VdK ist eine Rente oberhalb des Existenzminimums auch absolut erstrebenswert. Aber wer mehr verdient als den Mindestlohn, möchte eine Rente, die mit dem Existenzminimum erst gar nichts zu tun hat. Auch dies sollte finanzierbar sein. Ein Rentensystem für alle Erwerbstätigen ist daher sicherlich keine schlechte Idee. Es bleibt die Frage, warum eine Aktienrente das gesamte Rentensystem nicht zusätzlich unterstützen kann. Darauf konnte der VdK leider keine ausreichende Antwort liefern.
Patrick Daum ist Chef vom Dienst bei dpn-online. Er berichtet über alle Themen rund um das institutionelle Asset Management.

