Regine Wiedmann, Head of Distribution Germany & Austria bei Edmond de Rothschild Asset Management, Marie Keil-Mouy, Head of Institutional Sales Germany bei Franklin Templeton, Jon Cheigh, CIO und Head of Global Real Estate bei Cohen & Steers und Fidy Ramamonjisoa, Head of International Business Development bei Sycomore, stellen sich den Fragen des dpn-Teams.
Auch in diesem Jahr wird für die Kapitalmärkte, speziell für Aktien, wieder eine hohe Volatilität erwartet. Was bedeutet das für die Asset Allocation institutioneller Investoren?
Regine Wiedmann: Wichtig ist, Flexibilität in der Kapitalanlage zu gewährleisten, um auf unerwartete Entwicklungen reagieren zu können. Da die verschiedenen Asset-Klassen teilweise sehr unterschiedlich auf Marktverwerfungen reagiert haben, ist es notwendig, die geforderte langfristige Perspektive mit der kurz- bis mittelfristigen Einhaltung von Investment-Quoten oder Eigenkapitalanforderungen in Einklang zu bringen.
Marie Keil-Mouy: Der Blick auf die Notenbanken und die Energiepreise als Inflationsfaktor bleibt spannend. Im Allokationskontext stellt sich die Frage, für welche Asset-Klassen das für Aktien sowie das für illiquide Anlagen notwendige Risikokapital eingesetzt wird. Wir sehen, dass Anleger nach dem Re-Opening in China und einem potentiellen Ende der Dollar-Aufwertung wieder positiver auf die Schwellenländer schauen.
Jon Cheigh: 2022 gab es bedeutende Verschiebungen in der relativen Bewertung von Schulden-, Eigenkapital- und Immobilienmärkten sowie von öffentlichen und privaten Märkten. Wir erwarten, dass sich die Allokationen in drei Bereiche verlagern: zu mehr Anleihen, Real Assets und anderen Inflationsdiversifikatoren sowie weg von teureren privaten hin zu öffentlichen Märkten, die sich schneller neu bewertet haben.
Fidy Ramamonjisoa: Die Anleihemärkte können hohe Renditen bieten, aber Aktien werden weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Da sich die Anleger im Jahr 2022 von risikoreichen Anlagen getrennt haben und sich die wirtschaftlichen Bedingungen verbessern, halten wir Wachstums- und Qualitätsaktien aus der Bewertungsperspektive am Markt für attraktiver, insbesondere im Vergleich zu ihrem Niveau vor zwei Jahren.
Passive Strategien haben am Aktienmarkt 2022 starke Verluste eingefahren. Ist der ETF-Trend der vergangenen Jahre am Ende? Sollten Investoren wieder auf aktive Stock Picker setzen?
Regine Wiedmann: Aktive Manager sind aktuell klar im Vorteil, da sie schnell und einzeltitelspezifisch reagieren können, besonders wenn sie im High-Conviction-Ansatz hohe Freiheitsgrade bei der Titelauswahl haben. Passive Produkte können im ruhigen, von Planungssicherheit geprägten Umfeld ihre Stärken ausspielen, aktive Ansätze sind in dynamischen, unsicheren Phasen, die zukünftig zu erwarten sind, überlegen.
Marie Keil-Mouy: Die hohen ETF-Zuflüsse sagen uns, dass der Trend ungebrochen ist. Anleger wissen in der Praxis genau, welchen Markt sie passiv und welchen sie aktiv abbilden. Je ineffizienter ein Markt und je höher der Spezialisierungsbedarf, desto besser die Chancen für den aktiven Stock Picker. Aber auch bei ETFs sehen wir spannende Entwicklungen zum Beispiel für kosteneffiziente Nachhaltigkeitsinvestments.
Jon Cheigh: Aktives Management und Spezialisten haben aufgrund jüngster Marktbedingungen an Bedeutung gewonnen, obwohl passive Strategien immer noch eine Rolle spielen. Wir halten aktiv verwaltete Real Assets mit Liquidität, um uns für nachhaltige Alpha-Positionierungen neu auszurichten, angesichts der steigenden Inflation und einer zunehmend divergierenden globalen Anlagekulisse für unverzichtbar.
Fidy Ramamonjisoa: Erhöhte Volatilität führt zu einem höheren idiosynkratischen Risiko und einer größeren Preisstreuung bei Aktien. Dies könnte eine Gelegenheit für aktive Stock Picker sein, mit einem fundamentalen Bottom-up-Ansatz Alpha zu generieren. Die Weltwirtschaft dürfte sich zwar besser entwickeln als im letzten Jahr, aber Anleger werden wegen der hohen Volatilität aktive Investitionen bevorzugen.
Welchen Einfluss haben ESG- oder Impact-Investments auf die Portfoliovolatilität?
Regine Wiedmann: Nachhaltige Investments sind unempfindlicher gegenüber Verwerfungen auf den Kapitalmärkten wie auch gegenüber externen Schocks als Unternehmen und Projekte, die aufgrund ihres Geschäftsmodells auf kurzfristige, weil nicht nachhaltige Gewinnmaximierung angewiesen sind. Es ist daher zu erwarten, dass die Portfoliovolatilität durch ESG- oder Impact-Investments strukturell gesenkt werden kann.
Marie Keil-Mouy: Die Datenlage zeigt, dass ESG-Risiken erheblich sein können und deren Berücksichtigung die Volatilität reduzieren kann. Die Bedeutung von ESG-Risiken im Bewertungskontext steigt weiter. Die großen Anleger warten hier nicht auf den Regulator. Denn der wird als weiterer Akteur die Kapitalströme (um-)lenken, ähnlich den Notenbanken, die heute schon die großen Wellen der Kapitalflüsse (mit-)bestimmen.
Jon Cheigh: Das Investoreninteresse an ESG- und Impact-Investments mag schwanken, besonders nach Ende des Niedrigzinsumfelds, aber Nachhaltigkeit ist eine langfristige Anlagestrategie, die widerstandsfähig gegen Volatilität ist. Real Assets stehen an vorderster Front der Energiewende und wir glauben, dass unser umsichtiger Ansatz bei der Bewertung von ESG-Chancen und -Risiken von entscheidender Bedeutung ist.
Fidy Ramamonjisoa: Die Integration fundamentaler ESG-Kriterien in den Research- und Anlageprozess trägt dazu bei, operative Risiken in Unternehmen zu identifizieren, die vom Markt oft nicht berücksichtigt werden. ESG-Investitionen haben eine progressive Auswirkung auf die langfristige Reduzierung der Portfoliovolatilität. Daher können ESG-Kriterien zu einer besseren risikobereinigten Rendite führen.
Patrick Daum ist Chef vom Dienst bei dpn-online. Er berichtet über alle Themen rund um das institutionelle Asset Management.

