Peter Hartmann, Hauptgeschäftsführer, und Dr. Ulrich Krüger, Geschäftsführer mit der Zuständigkeit für Fragen der Kapitalanlage, steuern die Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen e. V. (ABV) durch unruhige Zeiten.

Was macht die Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen?

Peter Hartmann: Wir als ABV übernehmen zuerst die klassischen Aufgaben eines Verbandes und fungieren als politische Interessenvertretung unserer Mitglieder in Berlin und in Brüssel. Anteilig deutlich größer ist unsere verbandsinterne Arbeit. Zudem übernehmen wir spezielle Verwaltungsaufgaben, die sich aufgrund der vergleichsweise geringen Fallzahl für die einzelnen Versorgungswerke selbst nicht lohnen. Solche Tätigkeiten führen wir zentral durch. Unsere verbandsinternen Aufgaben sind in der Satzung der ABV genannt. Innerhalb des Verbandes befassen sich Ausschüsse und Arbeitskreise mit bestimmten Themen, sie fassen Beschlüsse, geben Ratschläge an die Geschäftsführung und den Vorstand, der die Grundlinien vorgibt.

Ulrich Krüger: Als Verband geben wir unseren Mitgliedern keine Anlageempfehlungen. Neben der Unterstützung in aufsichtsrechtlichen, steuerrechtlichen und bilanziellen Fragestellungen bieten wir aber Plattformen für den Austausch über Themen, auch Kapitalanlagethemen, vor allem unsere Veranstaltungen. Dort informieren wir in Vorträgen natürlich auch über aktuelle Themen der Kapitalanlage, beispielsweise über ESG-Kriterien oder Fremdwährungsrisiken. In der Vergangenheit haben manche unserer Mitglieder diese Risiken nur vereinzelt abgesichert, doch inzwischen beschäftigen sich immer mehr Werke damit. Wir sensibilisieren die Mitglieder für Risiken und zeigen Lösungen auf, ohne Produktwerbung zu betreiben.

Vertritt die ABV heute alle berufsständischen Versorgungswerke in Deutschland? Oder kann sie noch wachsen?

Peter Hartmann: Wir haben die 90 berufsständischen Versorgungswerke für die elf verkammerten freien Berufe als Mitglieder. Damit sind alle klassischen Werke bei uns. Eine Ausnahme sind die Steuerberater in Berlin. Diese dürfen bislang kein eigenes Versorgungswerk gründen, das Vorhaben scheitert immer noch am politischen Widerstand der Mehrheit im Berliner Senat. Selbst ein fertig ausgearbeiteter Gesetzentwurf stieß vor einigen Jahren im Senat auf Ablehnung. Ähnlich und doch etwas anders liegt der Fall der Psychologischen Psychotherapeuten in Berlin. Hier hat der Senat leider die Gründung eines Versorgungswerks ausdrücklich untersagt.

Wie entwickeln sich die Mitgliederzahlen der berufsständischen Versorgungseinrichtungen?

Peter Hartmann: Die Werke wachsen, wenn auch heute langsamer als in der Vergangenheit. 2019 verzeichneten die Einrichtungen insgesamt einen Mitgliederzuwachs von knapp 2 Prozent. Der erklärt sich wohl vor allem mit der Zunahme der Teilzeitbeschäftigung. Das sehen wir beispielsweise bei der Arbeit in Apotheken. Ein anderer Aspekt in der Mitgliederzahl ist das unterschiedliche Entwicklungstempo in West- und Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung und der Neugründung der Versorgungswerke im Osten.

Während wir in den westlichen Bundesländern seit 1990 relativ wenig Bewegung in den Mitgliederzahlen sehen, ist das statistische Wachstum in Ostdeutschland in den zurückliegenden 30 Jahren höher gewesen. Das geht vor allem auf den Einmaleffekt zurück, dass ältere Mitglieder in den freien Berufen bei der Neugründung vieler Versorgungswerke aufgrund bereits bestehender eigener Versorgungen nicht den neuen Werken beitraten und die Mitgliederstatistiken mit einem niedrigeren Ausgangswert starteten. Hier ist innerhalb der zurückliegenden drei Jahrzehnte eine neue Population nachgewachsen.

Wie sieht es mit der Finanzierung der Versorgungswerke aus?

Peter Hartmann: Zwei Finanzierungsverfahren sind am Markt, das offene Deckungsplanverfahren und das modifizierte Anwartschaftsverfahren. Wir beobachten, dass einzelne Werke vom modifizierten Anwartschaftsverfahren in das offene Deckungsplanverfahren wechseln. Letzteres bietet ein breiteres Instrumentarium, das die Werke gern in der Hinterhand haben, vielfach ohne es tatsächlich anzuwenden. Das offene Deckungsplanverfahren bietet größere Gestaltungsmöglichkeiten bei der Umlage, vor allem in der Feinkalibrierung des Deckungsgrades.

Wie sind denn die Portfolios der Versorgungswerke generell strukturiert?

Ulrich Krüger: Das Gesamtvolumen des Versorgungsvermögens aller unserer Versorgungswerke betrug Ende 2019 in der Summe knapp 240 Milliarden Euro. Innerhalb der Werke haben wir eine große Spreizung beim Vermögen, weil es große und kleine Werke gibt. Als Trend beobachten wir seit längerem, dass der Fixed-Income-Anteil in den Portfolios rückläufig und im Schnitt auf unter 50 Prozent abgesunken ist. Damit unterscheiden sich die Versorgungswerke deutlich von der Asset Allocation bei versicherungsförmigen Durchführungswegen der bAV wie Pensionskassen, die in der Regel deutlich höhere Bestände an Fixed Income halten. Noch vor 20 Jahren betrug der Fixed-Income-Anteil der Werke ­durchschnittlich 76 Prozent. Von diesem Niveau sind wir deutlich weggekommen. Ich sehe für die Zukunft auf absehbare Zeit nicht, dass Fixed-Income-Anlagen als Anlage wieder attraktiver wird. Anders sieht es bei Themen wie Private Debt und High Yield aus.

Wie stehen die Versorgungswerke zu Immobilien und Aktien?

Ulrich Krüger: Der Immobilienanteil beläuft sich bei den Werken auf rund 19 Prozent. Aktien und Beteiligungen wie Private Equity oder Infrastruktur machen in der Summe rund 29 Prozent aus. In Beteiligungen können aber viele Asset-Klassen stecken, auch Immobilien- oder Private-Debt-Fonds. Die Versorgungswerke waren gut beraten, schon vor Jahren verstärkt in Immobilien zu investieren, denn heute sind Immobilien-Investments vielerorts deutlich teurer geworden. Da ist es gut, solche Investments schon vor Jahren getätigt zu haben.

Die Finanzmärkte waren infolge der Pandemie zunächst sehr unruhig, inzwischen erholen sie sich wieder ein Stück weit. Welche Themen beschäftigen die Versorgungswerke derzeit besonders?

Peter Hartmann: Die aktuelle Entwicklung an den Finanzmärkten tangiert natürlich auch die Versorgungswerke. Den Werken kommt aber zunächst zugute, dass sie ein sehr erfolgreiches Jahr 2019 hinter sich haben und weitere Reserven aufbauen konnten. Zudem spielen seit längerem Overlays eine größere Rolle, durch die Risiken aus der Kapitalanlage herausgenommen werden können. Gerade im Hinblick auf die Turbulenzen am Aktienmarkt haben sich Overlays bewährt. In den unruhigen Zeiten bewährt sich zudem auch die breite Diversifizierung der Portfolios.

Ist eine hohe Diversifizierung des Anlageportfolios auch das beste Instrument für eine höhere Rendite im Niedrigzinsumfeld?

Ulrich Krüger: Natürlich kann sich kein Versorgungswerk dem Niedrigzins und seinen Auswirkungen entziehen. Um gleichwohl attraktive Renditen bei einem vertretbaren Risiko zu erzielen, ist eine breite Portfoliodiversifizierung unverzichtbar. In diesem Zusammenhang haben auch alternative Investments spürbar an Bedeutung gewonnen. So sind manche Werke schon frühzeitig in Private Equity gegangen, andere sind erst in den vergangenen Jahren eingestiegen. Ich sehe überall ähnliche Reflexe als Reaktion auf den Niedrigzins.

Wie weit lässt sich der Anteil risikobehafteter Anlagen im Portfolio ausbauen?

Ulrich Krüger: Die Anlageverordnung, die in den meisten Bundesländern die Anlagetätigkeit der Versorgungswerke regelt, sieht eine Obergrenze von 35 Prozent für stärker risikobehaftete Anlageklassen vor. Die Immobilienquote liegt bei 25 Prozent. Mit Hilfe der Öffnungsklausel lassen sich die Quoten insgesamt maximal um 10 Prozent heraufsetzen. Also kann ein Versorgungswerk in der Spitze 70 Prozent seines Portfolios stärker risikobehaftet gestalten, während sich der Fixed-Income-Anteil auf 30 Prozent senken lässt. Das ist ein theoretisches Modell, denn in der Praxis liegen die Anteile beider Seiten in den Portfolios heute noch gleichauf. Allerdings stoßen Versorgungswerke mit ihren Risikoanlagen in einzelnen Asset-Klassen immer wieder an Quotengrenzen. Deshalb haben sich inzwischen manche Werke auch die zweite 5-Prozent-Öffnungsklausel genehmigen lassen, um den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern.

Versorgungswerke sind dank ihres langfristigen Planungshorizonts in einer komfortableren Lage als etwa Pensionskassen.

Ulrich Krüger: Die Asset Allocation von Versorgungswerken ist vollkommen anders als die von Pensionskassen oder von Lebensversicherern. Dies ist maßgeblich durch die Passivseite bedingt. Es bestehen zum Beispiel keine Stornorisiken aufgrund der Pflichtmitgliedschaften in den Werken, es gibt einen Rechnungszins, aber keinen Garantiezins, und es gibt je nach Finanzierungsmodell zusätzliche Ergebnisquellen. Aus solchen Unterschieden auf der Passivseite ergeben sich grundlegend andere Prioritäten für die Kapitalanlage.

Peter Hartmann: Auch die Demographie ist ein wesentlicher Unterschied der Werke im Vergleich zu Pensionskassen und Versicherungen. So können die Werke die Ablaufleistungen sehr gut vorausberechnen. Sie haben frühzeitig die Lebensläufe ihrer Mitglieder und daraus abgeleitete Ansprüche untersucht. In den Jahren 2005 und 2006 sind wir dann in ein System gewechselt, das künftige Entwicklungen in der Demographie antizipiert. Seitdem erweisen sich unsere damaligen Annahmen als präzise, so dass wir die steigende statistische Langlebigkeit gut vorweggenommen haben und sich keine Versorgungslücken in allen unseren Werken auftun. Das ist ein Vorteil unserer Finanzierungsmodelle gegenüber einem reinen Umlagesystem wie dem der gesetzlichen Rentenversicherung, das eine steigende Langlebigkeit nicht abbilden kann.

Wie reagieren Versorgungswerke auf die stärkere Diversifizierung im Portfoliomanagement und den Professionalisierungsdruck im Asset Management?

Ulrich Krüger: Versorgungswerke müssen sich immer wieder professionell mit den neuen Asset-Klassen auseinandersetzen. Manche Werke bauen verstärkt internes Know-how auf, vor allem die größeren. Die kleineren Werke ziehen häufig mehr externes Know-how von Investment Consultants hinzu. Doch beide Gruppen gehen das Thema sehr professionell an.

Lesen Sie das gesamte Interview in der aktuellen Ausgabe der dpn.

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